Die Darstellung des Ersten Weltkriegs im Museum

Eine Untersuchung der Ausstellungen „14 – Menschen – Krieg“ im Militärhistorischen Museum Dresden und „Der gefühlte Krieg. Emotionen im Ersten Weltkrieg“ im Museum Europäischer Kulturen


Seminararbeit, 2015
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Untersuchung der Ausstellungen
2.1. „14 – Menschen – Krieg“
2.1.1. Das Militärhistorische Museum Dresden
2.1.2. Aufbau
2.1.3. Konzept
2.1.4. Objekte
2.2. „Der gefühlte Krieg. Emotionen im Ersten Weltkrieg“
2.2.1. Das Museum Europäischer Kulturen
2.2.2. Aufbau
2.2.3. Konzept
2.2.4. Objekte

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

2014 jährte sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum einhundertsten Mal. Die Medien haben diesem Thema viel Aufmerksamkeit geschenkt: Zahlreiche Sachbücher zum Ersten Weltkrieg erschienen[1], im Fernsehen liefen – teilweise enorm aufwendige – Dokumentationen[2], sogar Popbands setzten sich auf ihren Alben mit dem Thema auseinander.[3]

Das Centenary nahmen ebenfalls zahlreiche Museen zum Anlass, um mit Sonderausstellungen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu repräsentieren. Neben einigen Kunstmuseen[4] zeigten vor allem kulturhistorische Museen Sonderschauen anlässlich des Centenary. Zwei dieser Sonderausstellungen möchte ich in der vorliegenden Seminararbeit untersuchen, nämlich „ 14 – Menschen – Krieg “ im Militärhistorischen Museum in Dresden sowie „ Der gefühlte Krieg. Emotionen im Ersten Weltkrieg “ im Museum Europäischer Kulturen in Berlin.

Ich habe mich bewusst für diese beiden unterschiedlichen Häuser entschieden, da es mich interessiert, wie die Kuratoren der beiden Museen mit dem Thema umgegangen sind. Ferner lohnt es sich, Sonderausstellungen im Gegensatz zu Dauerausstellungen zu untersuchen, da diese oft kühner sind. Als „Museen auf Zeit“ weisen sie häufig einen größeren Mut zur These auf, um ihren Botschaften in öffentlichen Debatten Stoff und Richtung geben zu können. Nicht selten bilden Sonderausstellungen Ausgangspunkte für Trends in der musealen Darstellungsweise.[5]

Das Thema Krieg erfährt in der heutigen Gesellschaft eine hohe Relevanz und entspricht der gewachsenen Bedeutung des Mediums Museum für die Geschichtsvermittlung. Seit Ende der 1970er Jahre spricht man von einem Museumsboom, der sich an hohen Besucherzahlen[6] ebenso ablesen lässt wie an der Zahl von Museumsneugründungen oder dem wachsenden Interesse der Forschung am Thema. Erinnerung ist in unserer Gegenwart zu einer Art Sucht geworden und das Museum bietet den Raum, diese Sucht zu befriedigen; sowohl als Ort der Erinnerung als auch der Kommunikation.[7]

Dabei fällt der musealen Kriegsdarstellung eine besondere Bedeutung zu, ist sie doch ein politisch sensibler Akt, da sie kollektive Selbstbilder gefährden, persönlich Betroffene vor den Kopf stoßen und rechtliche Ansprüche begründen kann. Bei Ausstellungen zum Zweiten Weltkrieg fällt dies deutlicher ins Gewicht als bei Schauen zum Ersten, da dieser weitestgehend historisiert ist.[8] Dies zeigte sich nicht zuletzt bei der Wehrmachtsaustellung.[9]

Den Anfang musealer Kriegsdarstellung bildeten die Arsenale. Sie lieferten den Grundstock für die Sammlungen nationaler Armeemuseen und noch heute residieren einige Museen in den ehemaligen Zeughäusern, etwa das Deutsche Historische Museum in Berlin. Lag der Ausstellungsschwerpunkt zunächst auf Kriegsgeräten und eroberten Kriegstrophäen, gab der Erste Weltkrieg den Anstoß für die moderne Kriegsausstellung. Die Museen agierten nun im Dienste einer nationalen Identitätsstiftung, das heißt, sie wollten stärker als zuvor Emotionen wecken, um Geist und Herz der Besucher zu erreichen. Sie versuchten dies zum Beispiel durch Nachbauten von Frontszenerien zu erreichen.[10]

Zur Zeit der Weimarer Republik standen pazifistische Antikriegsausstellungen nationalistischen und kriegstreiberischen Schauen gegenüber. Für die Nationalsozialisten stellten Kriegsausstellungen schließlich ein weiteres Instrument zur Militarisierung des deutschen Volkes dar. Nach 1945 war kriegerische Präsenz im Museum zunächst undenkbar. Erst Ende der 1960er Jahre trat Militärgeschichte wieder in den musealen Blickpunkt der BRD: 1969 übernahm das Verteidigungsministerium das Wehrgeschichtliche Museum Rastatt, um es zum zentralen militärhistorischen Museum der Bundesrepublik aufzubauen. Doch erst Ende der 1990er Jahre erhielten die beiden Weltkriege ihren festen Platz in der deutschen Museumslandschaft und somit im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft.[11]

In den letzten Jahren machte sich der allgemeine Forschungstrend zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte auch in Museen und hier sogar in den Kriegsausstellungen bemerkbar. Die bloße Zurschaustellung von Militaria, die in Deutschland ohnehin nie so viel Raum einnahm wie etwa in britischen Ausstellungen, erweckt bei den Nachkommen der Veteranen und militärgeschichtlichen Laien kaum noch Interesse. Der aktuellen Zielgruppe der Museen fehlen individuelle Kriegserfahrungen beinahe vollständig. Vielmehr kommt es den Kuratoren darauf an, den Krieg als solchen zu vermitteln und den Besucher wenn möglich in der Gegenwart abzuholen. Gleichzeitig änderte sich die Perspektive vom Objekt zum Subjekt. „Nicht die Originalität des Objekts ist entscheidend, sondern seine Fähigkeit, authentische historische Erfahrung hervorzurufen.“[12] Moderne Ausstellungen erzeugen durch Inszenierungen Resonanz, wobei diese nicht als Ausdruck einer belanglosen Eventkultur zu verstehen sind, sondern vielmehr das Bemühen zeigen, historisches Lernen durch Überraschungen und die Reduzierung eines übermäßigen Respekts vor den Objekten zu ermöglichen.[13]

In meiner Arbeit will ich der Frage nachgehen, wie das Militärhistorische Museum und das Museum Europäischer Kulturen den Ersten Weltkrieg darstellen. Hierbei will ich vergleichsgeschichtlich vorgehen: Gibt es Gemeinsamkeiten oder überwiegen die Unterschiede in den Ausstellungen? Welche Schwerpunkte legen die Kuratoren in den Schauen? Welche Deutungen des Geschehens geben sie? Was für Exponate werden gezeigt und wie werden sie präsentiert? Folgen die Kuratoren auch der oben geschilderten Entwicklung oder haben sie neue Trends gesetzt?

Dabei werde ich so vorgehen, dass ich zunächst kurz den Aufbau der jeweiligen Ausstellung schildere, um mich dann ausführlicher dem Konzept und seiner Umsetzung zu widmen. Anschließend gehe ich auf die präsentierten Objekte ein. Hierbei werde ich mich auf einige ausgewählte Exponate beschränken, die eine zentrale Funktion in den Ausstellungen einnehmen. Im Fazit werde ich dann den Vergleich der beiden Schauen vornehmen. Darin gehe ich neben der Bewertung des Konzepts und seiner Umsetzung sowie der Objektauswahl auch auf die Kriterien Multiperspektivität und Partizipation ein, zwei wesentliche Merkmale gelungener Schauen, die auch im Seminar stets hervorgehoben wurden.

Das Centenary 2014 hat einen regelrechten Hype um den Ersten Weltkrieg ausgelöst, der sich auch in der Forschung wiederspiegelt. Einige der 2014 erschienen Publikationen habe ich bereits genannt; von diesen löste insbesondere Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“[14] eine kontrovers geführte Debatte um die Kriegsschuldfrage aus. Ansonsten fiel unter den verschiedenen Publikationen die Betonung der globalen Dimension des Ersten Weltkriegs auf, was sich wiederum einem Trend in der Geschichtswissenschaft anschließt.

Zu den Darstellungen des Krieges in Sonderausstellungen 2014 liegt aufgrund der Aktualität noch keine Literatur vor. Meine Arbeit fußt demnach überwiegend auf den Notizen, die ich mir beim Besuch der Ausstellungen gemacht habe. Ferner habe ich mit Jane Redlin, der Kuratorin der Ausstellung im Museum Europäischer Kulturen persönlich sprechen können; Gorch Pieken, Kurator der Präsentation im Militärhistorischen Museum schickte mir die Ausarbeitungen zum Konzept. Überdies habe ich die beiden Ausstellungskataloge[15] erworben, die mir ebenfalls eine gute Quellenbasis lieferten.

2. Untersuchung der Ausstellungen

2.1. „14 – Menschen – Krieg“

2.1.1. Das Militärhistorische Museum Dresden

Das Militärhistorische Museum (MHM) in Dresden blickt auf eine lange Historie der musealen Kriegsdarstellung zurück. Es ging 1897 aus dem königlich-sächsischen Arsenal hervor, weist damit also Parallelen zu anderen europäischen Kriegsmuseen auf. Von 1938 bis 1945 diente das Gebäude der Wehrmacht als Heeresmuseum, ab 1972 war es das Militärmuseum der DDR und präsentierte deutsche Militärgeschichte nach marxistisch-leninistischer Lesart als große Fortschrittsgeschichte. 1994 löste das MHM das Wehrgeschichtliche Museum in Rastatt als Leitmuseum der Bundeswehr ab.[16]

1998 begann der Prozess einer architektonischen sowie inhaltlich-gestalterischen Neuerung des Museums. Der Architekt Daniel Libeskind zerteilte das historische Gebäude mit einem riesigen Keil, der durch Krieg verursachten Schmerz symbolisieren soll. Dieser keilförmige, asymmetrische Neubau stellt eine bewusste Störung im Gebäude dar und setzt das Leitmotiv des Museums, nämlich die Gewalt, wirkmächtig ins Bild. Gleichzeitig steht der transparente Keil „für die Offenheit der demokratischen Gesellschaft und die veränderte Rolle des Militärs in Deutschland“.[17]

Bei der inhaltlich-gestalterischen Erneuerung der Dauerausstellung ging das MHM einen interessanten Weg: In den Flügeln des Arsenalgebäudes folgt der Besucher einem chronologischen Weg der Kriegsgeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Im Keil zeigt die Schau einen Themenparcours, wo es unter anderem um das Verhältnis von Politik und Gewalt oder auch um Krieg und Medien geht. Immer wieder durchbricht der Neubau dabei den historischen Teil des Hauses und eröffnet dem Besucher auf allen Ebenen überraschende, räumliche Verschränkungen und Ausblicke.[18]

2.1.2. Aufbau

Die Ausstellung „ 14 – Menschen – Krieg “ gliedert sich in drei große Abschnitte. Der erste widmet sich der Vorkriegszeit. Für eine Ausstellung, die den Ersten Weltkrieg zum Sujet hat, nimmt dieser Teil viel Raum ein. Die Kuratoren haben sich bewusst dafür entschieden, da sie dem Publikum zeigen möchten, dass der Erste Weltkrieg nicht unvermittelt ausbrach, sondern auf eine Vielzahl, mitunter weit zurückliegender Ereignisse, zurückzuführen war.[19] Die Überschrift dieses Sektors, „ Unruhiger Friede “, deutet schon darauf hin, dass es in diesem Abschnitt vor allem um die Vorkriegskrisen geht, die dann, etwas zu teleologisch erklärt, zum Kriegsausbruch führten.

Das zweite Drittel, überschrieben mit „ Weltkrieg 1914 “ setzt den Schwerpunkt insbesondere auf den Übergang vom Friedensmodus in den Kriegszustand. Der Abschnitt spannt einen Bogen von den frühen Augusttagen, über die ersten großen Schlachten, hin zu einer gewissen Ernüchterung bis zum Weihnachtsfrieden 1914. Hier findet die globale Dimension des Krieges Beachtung, indem darauf hingewiesen wird, dass schon im ersten Kriegsjahr der Konflikt zum Weltkrieg wurde – und nicht erst 1917 mit dem Eingreifen der USA. Von Anfang an wurde der Krieg in den Kolonien und zur See geführt und mit dem Eintritt des Osmanischen Reiches ins Kriegsgeschehen im Oktober 1914 tat sich eine weitere große Front auf, die die globale Dimension untermauert.

Der letzte Abschnitt der Ausstellung beschäftigt sich mit dem Wesen des Stellungskrieges, der als kennzeichnend für den Ersten Weltkrieg gilt. „Kriegsgebiet Elsass“ lautet die Überschrift dieser Sektion und orientiert sich somit an dem Konzept der Macher, den Schwerpunkt auf das deutsch-französische Kriegsgebiet zu setzen. Dies ist sinnvoll, schließlich war der Stellungskrieg – durchgehend von 1914-1918 und mit besonderer Intensität – ein Phänomen der Westfront. Außerdem haben die Kuratoren mit dem Kriegsgebiet Elsass einen äußerst vielschichtigen Ausschnitt der Westfront gewählt. Das Elsass, 1871 vom Deutschen Reich nach dem gewonnen Krieg gegen Frankreich annektiert, war eines der wenigen „deutschen“ Gebiete, auf denen gekämpft wurde. Zudem ist es mentalitätsgeschichtlich interessant zu untersuchen, wie die Loyalitäten der Zivilbevölkerung verteilt waren und wie die Kombattanten, deutsche wie französische, dies wahrnahmen.

2.1.3. Konzept

Die Ausstellung „ 14 – Menschen – Krieg “ im MHM erfolgte in Kooperation mit dem internationalen Projektteam der dokumentarischen Drama-Serie „ 14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs “, die im April und Mai 2014 auf mehreren europäischen Sendern ausgestrahlt wurde.[20] Für Gorch Pieken, den wissenschaftlichen Direktor des MHM und Kurator der Ausstellung „sind Film und museale Ausstellung analoge Ausdrucksformen, die sich in der Technik, nicht aber in der Sprache grundlegend unterscheiden.“[21] Beide Medien würden sinnliche Erfahrung und nicht nur bloßes Wissen vermitteln. Pieken erkennt in den Objekten der Ausstellung Teile „einer Szenografie begehbarer Bühnenbilder“[22], die andere Exponate und Gestaltungselemente wiederum ergänzen und kommentieren. Durch die Zusammenarbeit mit der Fernsehserie wird nach Piekens Meinung der Ort des Museums erweitert und gleichzeitig die soziale Reichweite vergrößert.[23]

Schon im Titel der Ausstellung wird deutlich, dass die Menschen im Mittelpunkt stehen. Die 14 Charaktere der Serie bilden den Rahmen des Ausstellungsraumes, indem jeweils sieben kurze Biografien der Personen an den äußeren Wänden hängen. Im Verlauf der Ausstellung begegnet der Besucher zum entsprechenden Thema oder Kriegsschauplatz jedem der Charaktere in den Vitrinen mit einer ausführlichen Lebensbeschreibung wieder. Die 14 Personen bilden den roten Faden durch die Präsentation.

Wie in der Serie wird dem Besucher durch die Auswahl der Charaktere überwiegend Alltagsgeschichte vermittelt. Im Vordergrund stehen nicht die politischen Führer oder Militärs, sondern individuelle Biografien aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Ausstellung will vom Alltag der Soldaten und der Zivilisten an der Heimatfront erzählen. Damit wird dem Ausstellungsbesucher die Anteilnahme oder gar Personifikation mit einzelnen Charakteren wesentlich erleichtert.

Es wird weniger der Krieg in seiner gesamten Katastrophe, als vielmehr seine Auswirkungen in zahlreichen menschlichen Einzelschicksalen dargestellt. Die Ausstellung zeigt, wie Individuen durch die Erfahrungen des Krieges verändert wurden. Dieser mentalitätsgeschichtliche Ansatz wird auch durch die interaktive Station „ Fronten und Leiden “ unterstützt. Dort kann sich der Besucher eingescannte Briefe und Postkarten im Zeitrahmen des gesamten Kriegs anschauen. Obwohl digitalisiert, erzeugen die Briefe durch ihre originale Handschrift beim Betrachter ein Gefühl von Authentizität.

Eine Transkription ermöglicht es, die mitunter schwierig zu lesende Handschrift der Briefeschreiber problemlos zu entziffern. In den Briefen werden vor allem Themen wie der Kriegstaumel der Freiwilligen, aber auch die Sehnsucht nach der Heimat oder des Lebens in der Etappe beschrieben.

Es geht den Kuratoren auch darum, bis heute geläufige Klischees kritisch zu hinterfragen und Mythen zu entlarven, etwa den der Kriegsbegeisterung im August 1914. Dabei gehen die Macher der Ausstellung gleich zu Beginn der Schau manipulativ vor: Aus den Lautsprechern ertönt der Refrain des patriotischen Liedes „ Ein Tag der Rosen im August “. Wie eine Filmmusik fängt sie die begeisterte Stimmung einiger Menschen der Mobilmachungstage ein und versetzt den Besucher bei gedämpftem Licht und im Angesicht einer streng und entschlossen blickenden „ Germania auf dem Meere “ (Ölgemälde) in jene Gefühlswelt des „Augusterlebnisses“. Dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung nicht gerade euphorisch auf den Kriegsausbruch reagierte und noch Ende Juli große Friedensdemonstrationen in Berlin stattfanden, wird erst im weiteren Verlauf der Ausstellung thematisiert.

Während in der TV-Serie die Erzählperspektive selten verlassen wird, um einen Überblick über das globale Kriegsgeschehen zu geben, will die Ausstellung ein umfassendes Bild der politischen und militärischen Ereignisse vermitteln. Daher holt die Schau weit aus und liefert mit Hilfe von zahlreichen Texten und interaktiven Stationen Hintergrunderklärungen zu den historischen Ereignissen. Dabei hatten die Kuratoren der Ausstellung nicht den Anspruch, alle Schauplätze des Ersten Weltkriegs gleichmäßig zu behandeln. Vielmehr wirft die Präsentation Schlaglichter auf die Heimatfront und das Inferno der Materialschlachten im Westen. Es „sollen immer wieder deutsche und französische Wahrnehmungen der Ereignisse zitiert werden“[24], ohne jedoch die anderen Kriegsschauplätze vollkommen auszublenden. An dieser Herangehensweise wird eines der Ziele der Ausstellungsmacher deutlich, nämlich das öffentliche Bewusstsein für die engen Bezüge zu Frankreich zu schärfen. Die Mär der deutsch-französischen Erbfeindschaft hatte das Verhältnis der beiden Staaten seit 1870/71 vergiftet und trug nicht unerheblich zum Ausbruch des Krieges bei. Mittlerweile sind beide Staaten Garanten für ein friedliches und stabiles Europa.[25]

Insgesamt funktioniert der Ansatz, den Krieg hauptsächlich über das bilaterale Verhältnis nachzuzeichnen. Wenngleich dem Besucher vermeintlich gerade die Ereignisse der Westfront bekannt sein dürften, vermag die Ausstellung dank der Schwerpunktsetzung interessante Fakten zu vermitteln. Primär geht es nämlich nicht um die militärischen Operationen in Ostfrankreich, sondern vielmehr darum, Stereotypen zu hinterfragen. Waren sich die Kriegsgegner Deutschland und Frankreich wirklich so fremd und gab es bereits vor Kriegsbeginn die propagandistisch vielbeschworene Rivalität zwischen deutscher „Kultur“ und französischer „civilisation“? Mehr Objekte aus Frankreich in der Ausstellung zu diesem Thema hätten hierauf eindeutigere Antworten gegeben.

Da im Verlauf der Präsentation immer wieder einer der 14 Charaktere aus der TVSerie auftaucht, erhält man auch grundlegende Fakten über das Kriegsgeschehen an anderen Frontabschnitten (Galizien, Alpen). Durch die Auswahl der Personen und interessante Konstellationen (z.B. die Australierin Ethel Cooper, die als „feindliche Ausländerin“ in Leipzig die teilweise katastrophale Ernährungssituation miterlebte und selbst an Hunger und Krankheit litt) wird dem Besucher die globale Dimension des Ersten Weltkriegskriegs immer wieder vor Augen geführt. Insbesondere zum Kriegsgeschehen im Nahen und Mittleren Osten erfährt der Besucher interessante Details, etwa über die vergebliche osmanische Offensive gegen den Suez-Kanal im Sommer 1916, an der auch deutsche Verbände beteiligt waren oder über die ebenfalls erfolglose Niedermayer-Hentig-Expedition, die zum Ziel hatte, Afghanistan auf die Seite der Mittelmächte zu ziehen.

Ein weiteres zentrales Anliegen von „ 14 – Menschen – Krieg “ ist es, die deutsche Erinnerung an den Ersten Weltkrieg wieder zu wecken. Im Gegensatz zu Großbritannien oder Frankreich, wo der Krieg nicht nur in der staatlichen Repräsentation[26] sondern auch in der Populärkultur eine wichtige Rolle im kulturellen Gedächtnis spielt[27], sind die Bezüge zum Krieg in Deutschland geringer. Dies hat seine Ursachen unter anderem darin, dass die Erinnerungskultur in Siegerstaaten grundsätzlich höher ausfällt, zum anderen dass auf bundesdeutschem Boden keine Kampfhandlungen stattfanden. Der Hauptgrund ist aber die Allgegenwärtigkeit des Zweiten Weltkriegs und der in seinem Zusammenhang begangenen Verbrechen im deutschen Geschichtsbewusstsein, der die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg überdeckt.[28]

[...]


[1] Unter anderem: Oliver Janz, 14. Der große Krieg. Frankfurt 2013; Ernst Piper, Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs. Berlin 2013; Herfried Münkler, Der große Krieg. Die Welt 19141918. Berlin 2013.

[2] Zum Beispiel: 14. Tagebücher des Ersten Weltkriegs.

[3] Siehe: Jens Uthoff, Songs über Schlachtfelder. In: taz vom 21. November 2014. S. 15.

[4] Zum Beispiel: http://www.ruhrkunstmuseen.com/ausstellungen/kunst-und-erster-weltkrieg.html (zuletzt aufgerufen: 31.8.15)

[5] Vgl. Gottfried Korff / Martin Roth, Einleitung. In: Dies. (Hrsg.), Das historische Museum. Labor, Schaubühne, Identitätsfabrik. Frankfurt / New York 1990. S. 21f.

[6] Im Jahr 2013: deutschlandweit 20.815.857 Besuche in historischen und archäologischen Museen. In: Statistische Gesamterhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2013. Heft 68. Berlin 2014.

[7] Vgl. Rosmarie Beier-de Haan, Erinnerte Geschichte – Inszenierte Geschichte. Ausstellungen und Museen in der Zweiten Moderne. Frankfurt 2005. S. 56 sowie S. 115.

[8] Vgl. Thomas Thiemeyer, Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die beiden Weltkriege im Museum. Paderborn 2010. S. 19-21.

[9] Wanderausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung; gezeigt von 1995-1999 sowie von 2001-2004.

[10] Vgl. Thiemeyer, Fortsetzung des Kriegs. S. 95.

[11] Vgl. Thiemeyer, Fortsetzung des Kriegs. S. 97-100.

[12] Zit. ebd. S. 119.

[13] Vgl. Beier-de Haan, Erinnerte Geschichte. S. 235.

[14] Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München 2013.

[15] Der gefühlte Krieg. Emotionen im Ersten Weltkrieg. Katalog zur Ausstellung. Husum 2014. sowie 14 – Menschen – Krieg. Katalog. Dresden 2014.

[16] Vgl. Thiemeyer, Fortsetzung des Krieges. S. 37-39.

[17] Zit. http://mhm-dresden.de/architektur (zuletzt aufgerufen 31.8.15)

[18] Vgl. Thiemeyer, Fortsetzung des Krieges. S. 39.

[19] Vgl. Konzept der Ausstellung im MHM.

[20] Erstausstrahlung im deutschen Fernsehen am 29. April 2014 auf arte.

[21] Zit. Gorch Pieken, Vorwort Katalog MHM, Essayband. S. 13.

[22] Zit. ebd.

[23] Vgl. ebd.

[24] Zit. Konzept MHM.

[25] Vgl. ebd.

[26] In beiden Ländern ist der 11. November, der Tag des Waffenstillstands, staatlicher Gedenktag.

[27] Zum Beispiel im Comic. Siehe: http://www.unimuenchen.de/aktuelles/news/2014/comic_ersterweltkrieg.html (zuletzt aufgerufen: 31.8.15)

[28] Vgl. Martin Bayer, Der Erste Weltkrieg in der internationalen Erinnerung. In: APuZ, 64. Jg., 16-17/2014. Bonn 2014. S. 47-49.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Ersten Weltkriegs im Museum
Untertitel
Eine Untersuchung der Ausstellungen „14 – Menschen – Krieg“ im Militärhistorischen Museum Dresden und „Der gefühlte Krieg. Emotionen im Ersten Weltkrieg“ im Museum Europäischer Kulturen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
29
Katalognummer
V321696
ISBN (eBook)
9783668210950
ISBN (Buch)
9783668210967
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, ersten, weltkriegs, museum, eine, untersuchung, ausstellungen, menschen, krieg, militärhistorischen, dresden, emotionen, weltkrieg, europäischer, kulturen
Arbeit zitieren
Christian Stielow (Autor), 2015, Die Darstellung des Ersten Weltkriegs im Museum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321696

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