Valenz im Deutschen. Die Unterscheidung von Aktanten und Angaben


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

21 Seiten, Note: 2,0

Jannik R. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Valenz

3. Aktanten und Angaben

4. Ansätze zur Unterscheidung von Aktanten und Angaben

5. Testverfahren zur Unterscheidung von Aktanten und Angaben

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen meines Lehramtsstudiums für die Grundschule habe ich im Wintersemester 2014/1015 das Seminar "Syntax: Analyse und Erwerb" besucht. Hier wurden verschiedenste Themen, die die Syntax der deutschen Sprache betreffen, behandelt. Hauptthema einer Sitzung und der dazugehörigen Hausaufgabe war die Valenz. Diese Sitzung verfolgte ich gespannt und erledigte sehr interessiert die Hausaufgabe. Während der Themensuche für diese Hausarbeit erinnerte ich mich daran und versuchte ein Thema innerhalb dieses Bereiches herauszustellen. Schnell hatte ich die Idee mich mit der Unterscheidung von Aktanten und Angaben zu befassen. Dieses war auch ein Inhalt der Seminarsitzung und der Hausaufgaben, so dass ich schon vor meiner Hausarbeit kurz mit der Thematik in Kontakt stand. In dieser Hausarbeit wird nun folgender konkreter Fragestellung nachgegangen: Inwiefern lassen sich Aktanten und Angaben voneinander unterscheiden? Da diese beiden Begriffe im Rahmen der Valenztheorie auftauchen, folgt auf die Einleitung erst mal ein allgemeines Kapitel zur Valenz. Hier findet eine Beschreibung und Definition statt, die sich hauptsächlich nach Lucien Tesniére richtet. Ebenfalls werden die verschiedenen Wertigkeiten deutscher Verben und die verschiedenen Ebenen der Valenz angesprochen. Im weiteren Verlauf werden dann Aktanten und Angaben definiert, Beispiele genannt und schon teilweise Unterscheidungen zwischen ihnen angesprochen. Daraufhin werden zwei verschiedene Ansätze zur Unterscheidung von Aktanten und Angaben angeführt. Gegen Ende der Arbeit sind verschiedene Testverfahren aus der Fachliteratur gesammelt, die das Unterscheiden zwischen Aktanten untereinander und auch zwischen Aktanten und Angaben in verschiedenem Maße und auf verschiedene Arten ermöglichen. Abschließend folgt ein zusammenfassendes Fazit, welches die Frage nach der Unterscheidung ebenfalls aufgreift und beantwortet. Ein Literaturverzeichnis ist der Arbeit ebenfalls beigefügt.

2. Valenz

Der Begriff der Valenz ist in dieser Arbeit von zentraler und grundlegender Bedeutung und wird in diesem Kapitel im Zusammenhang mit wichtigen dazugehörigen Inhalten (Wertigkeit von Verben und Ebenen der Valenz) beschrieben und definiert. Die Valenztheorie ist grundsätzlich aus der Abhängigkeitsgrammatik entstanden, sie greift eine bestimmte Abhängigkeitsbeziehung auf und zwar in der traditionellen Valenztheorie die Abhängigkeit vom Verb.[1] Auf dieser Abhängigkeitsbeziehung liegt auch der Fokus dieser Arbeit. Die Valenztheorie ist in verschiedene Modell integrierbar und zählt zu den bekanntesten Forschungsansätzen des 20. Jahrhunderts innerhalb der Sprachwissenschaft. Sie beschreibt eine grundlegende Eigenschaft des Sprachsystems. Jedes Grammatikmodell, das die interne Struktur von Sätzen beschreibt, bezieht sich auf die Valenztheorie.[2] Um den Valenzbegriff zu definieren gibt es verschiedene Ansätze. Hier soll zuerst der klassische Valenzbegriff nach dem französischen Sprachwissenschaftler Lucien Tesnière definiert werden. Im Jahr 1959 wurde postum seine Arbeit zur strukturellen Syntax "Grundzüge der strukturalen Syntax" (Eléments de syntaxe structurale) veröffentlicht. Es ist Tesnière, der hier erstmals den Begriff der Valenz aus der Chemie in die Sprachwissenschaft überträgt. Dazu formuliert er: "Man kann so das Verb mit einem Atom vergleichen, an dem Häkchen angebracht sind, so daß es - je nach der Anzahl der Häkchen - eine wechselnde Zahl von Aktanten an sich ziehen und in Abhängigkeit halten kann. Die Anzahl der Häkchen, die ein Verb aufweist, und dementsprechend die Anzahl der Aktanten, die es regieren kann, ergibt das, was man die Valenz des Verbs nennt."[3] Während ein Atom also andere chemische Elemente an sich bindet, bindet ein Verb eine bestimmte Anzahl von Aktanten an sich. Diese Aktanten sind als vom Verb abhängige Satzglieder zu verstehen.[4] Kurz sei gesagt, dass im Rahmen dieser Arbeit der Begriff der Aktanten synonym zum Begriff "Ergänzungen" genutzt wird. Ist also die Rede von obligatorischen und fakultativen Aktanten, dann meint dieses eben auch genau obligatorische und fakultative Ergänzungen. Verschiedene Sprachwissenschaftler nutzen in dieser Hinsicht verschiedene Begrifflichkeiten. Wie auch das chemische Element, das Atom, hat auch das Verb eine bestimmte Wertigkeit, die man als Valenz bezeichnet. Diese Wertigkeit zeigt an, wie viele Satzglieder das Verb binden kann. Das Verb bindet Satzglieder und stellt gleichzeitig für diese bestimmten und geforderten Satzglieder innerhalb des Satzes Leerstellen bereit. Diese müssen von bestimmten Satzglieder ausgefüllt werden. Weiterhin nutzt Tesnière eine Metapher, um die Valenztheorie zu verdeutlichen. So vergleicht er den Sachverhalt in einem Satz mit einer Szene eines Dramas auf einer Bühne. Bestimmte Schauspieler nehmen auf der Bühne während des Geschehens eine bestimmte Rolle ein und sind so am Geschehen beteiligt und für das Geschehen notwendig ("actants"). Dieses ist nach Tesnière auch in die Sprachwissenschaft auf die Aktanten zu übertragen. Sie sind ebenfalls direkte Mitspieler und am Geschehen mitbeteiligt. Die "circonstants" bilden auf der Bühne die Kulissen und Umstände, die die Szene zeitlich oder räumlich näher bestimmen. Übertragen auf den Satz spricht Tesnière dann von Angaben. Genau wie die "circonstants" sind die Angaben im Satz nicht zwingend nötig.[5] Auf die Begriffe Aktanten und Angaben wird, wie bereits dargestellt, im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer eingegangen. Zusammenfassend lässt sich also dazu sagen, dass die Valenz des Verbs meint, dass ein bestimmtes Verb bestimmte Satzglieder fordert, an sich bindet und regieren kann. Das Verb ist quasi Valenzträger. Notwendige Satzglieder, die direkte Mitspieler sind und direkt am Geschehen teilhaben, werden Aktanten genannt. Angaben dagegen bezeichnen laut Tesnière nähere Umstände und sind nicht zwingend notwendig, damit ein Satz als richtig und vollständig angesehen werden kann.

Für ein besseres Verständnis soll der Valenzbegriff an dieser Stelle ebenfalls noch kurz von anderen syntagmatischen Beziehungen abgegrenzt werden. Bei der Valenztheorie geht es allgemein um eine tiefere Ebene als beispielsweise bei der Rektion oder Kongruenz. Während die Rektion sich mit dem Festlegen der Form einer Konstituente durch eine andere beschäftigt und die Kongruenz sich mit dem Übereinstimmen von Satzelementen hinsichtlich grammatischer Strukturen beschäftigt, geht es bei der Valenz zu erst um die allgemeine Verbindungsfähigkeit eines Wortes, hier um die des Verbs. So steht diese und das damit verbundene Bauprinzip eines Satzes im Vordergrund und die konkrete Realisation im Hintergrund.[6] Valenz, die Fähigkeit andere Satzglieder zu fordern und zu binden, ist auch bei anderen Wortarten zu erkennen. Diese Arbeit befasst sich allerdings nur mit der Valenz des Verbs und orientiert sich damit an den Inhalten des Seminars.

Bei den verschiedenen Wertigkeiten von Verben gibt es ebenfalls verschiedenen Ansätze. Dieses hängt auch damit zusammen, dass Verben in unterschiedlichen Sprachen unterschiedliche Wertigkeiten besitzen und mit der Strenge der Grenzsetzung zwischen Aktanten und Angaben. Ich orientiere mich hier vornehmlich an den Ausführungen von Pittner und Bergmann, die verschiedenwertige Verben im Bezug auf die Valenz aufgeführt haben. Verschiedene Verben fordern eine unterschiedliche Anzahl von Aktanten.

Es folgen Beispiele zu den einzelnen Wertigkeiten:

1-wertige Verben: schlafen, laufen, husten

Klaus schläft.

Tara läuft.

Der Hund hustet.

Der eine geforderte Aktant steht hier im Nominativ und stellt das Subjekt in diesem Satz dar. Um die Beispiele hier auf die Metapher des Theaters zurückzuführen kann man sagen, dass die Verben hier nur einen Mitspieler brauchen, der direkt am Geschehen beteiligt ist. Durch Angaben könnte der Satz weiter verlängert werden (die Szene auf der Bühne erweitert), diese sind aber nicht notwendig und werden nicht vom Verb gefordert.

2-wertige Verben: lesen, wohnen, trinken

Die Frau liest die Zeitung.

Ich wohne im Haus.

Lutz trinkt ein Glas Bier.

Der zweite geforderte Aktant steht hier im Akkusativ und stellt ein Akkusativobjekt dar. Es bedarf zwei Aktanten, damit der Satz vollständig und zu verstehen ist.

3-wertige Verben: geben, sagen, legen

Er gibt ihm das Buch.

Marco sagt mir die Wahrheit.

Fritz legt den Käse in den Kühlschrank.

Hier regiert das Verb als Valenzträger das Subjekt und zwei Objekte.

4-wertige Verben: liefern, bringen

Die Post liefert der Familie das Paket ins Haus.

Die Oma bringt dem faulen Opa das Mittagessen vor den Fernseher.[7]

Wie beschrieben ist die Anzahl der verschiedenen Wertigkeiten von Verben umstritten. So ließen sich diese vier Verbkategorien theoretisch noch ergänzen. Tesnière spricht auch von Verben ohne Aktanten, den nullstelligen Verben. Typisch dafür sind Verben wie schneien oder auch regnen, also Verben die einen Niederschlagsvorgang beschreiben. Das benötigte Subjekt "es" versteht Tesnière nicht als Aktanten, da es semantisch keinen Wert hat. Ebenfalls werden von anderen Sprachwissenschaftlern auch teilweise fünfwertige Verben genannt. Die Ausführungen von Pittner und Bergmann sollen hier jedoch weiterhin gelten.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Valenz sind die verschiedenen Ebenen der Valenz. So hat die Valenz Einfluss auf verschiedene Ebenen des Sprachsystems. Gerhard Helbig nennt hier die "logische, semantische und syntaktische Valenz".[8] Auch hier gibt es wieder verschiedene Definitionen von verschiedenen Sprachwissenschaftler, was insgesamt zeigt, dass es bezüglich der Valenz und ihren Eigenschaften sehr viele unterschiedliche Ansätze und Meinungen gibt. Bei der logischen Valenzebene geht Helbig davon aus, dass das Prädikat die Anzahl der Argumente vorgibt. Ein Argument ist dabei ein Element, das die Leerstellen des Prädikats füllt.[9] Das als Beispiel hier bereits genannte Verb "trinken" fordert aufgrund seiner logischen Struktur zwei Argumente. In diesem Fall ist das eine trinkende Person und eine Flüssigkeit, die getrunken wird. Das Verb "trinken" bedarf für Helbig also logischerweise zwei Aktanten, den jemand muss etwas trinken.

Lutz trinkt ein Glas Bier.

Das Prädikat "trinkt" bezeichnet aufgrund seiner logischen Struktur eine zweistellige Relation, zwei Argumente werden gefordert.

Das Prädikat fordert also eine bestimmte logische Anzahl von Argumenten, das Verb also eine bestimmte Anzahl von Aktanten.[10] Helbig spricht von logischer Valenz, "da es sich um gedankliche Beziehungen zwischen logischen Prädikaten (Funktoren) und Argumenten (Leerstellen) in Aussagestrukturen handelt."[11] Unter semantischer Valenz versteht Helbig, "daß Wörter (als Valenzträger) bestimmte Kontextpartner mit bestimmten Bedeutungsmerkmalen fordern, andere Kontextpartner mit anderen Bedeutungsmerkmalen aber ausschließen".[12] Die vom Verb bereitgestellten Leerstellen werden beim Betrachten dieser Ebene also von Satzelementen besetzt, die sich durch bestimmte und passende semantische Merkmale auszeichnen und bestimmte semantische Rollen übernehmen. Diese semantischen Rollen können beispielsweise der Handelnde (Agens) oder das Objekt der Handlung (Patiens) sein.[13] Auch hier kann das schon genutzte Beispiel mit dem Verb "trinken" herangezogen werden.

Lutz trinkt ein Glas Bier.

Hier ist "Lutz" der Handelnde und "ein Glas Bier" ist das Objekt der Handlung. Die benötigten und zugewiesenen semantischen Rollen sind also hier Agens und Patiens.

Als dritte Ebene der Valenz nennt Helbig die syntaktische Ebene. Diese bezieht sich auf die notwendige oder nicht notwendige Besetzung von Leerstellen, die der Valenzträger eröffnet und in besonderer Zahl und Art erfordert, damit ein Satz syntaktisch richtig ist. Dazu formuliert Helbig: "Sie regelt somit die Besetzung der logisch-semantischen Leerstellen in einer bestimmten, vom Valenzträger her geforderten Zahl und Art, differenziert nach den Einzelsprachen."[14] Außerdem bezieht sich die syntaktische Ebene der Valenz noch auf den Kasus der Leerstellenbesetzer und die syntaktischen Funktionen dieser.[15]

3. Aktanten und Angaben

Wie bereits beschrieben, müssen oder können Verben durch Aktanten oder Angaben ergänzt werden. In diesem Kapitel sollen diese Begriffe genauer definiert werden. So kann dann im weiteren Verlauf der Arbeit der konkreten Frage nach der Unterscheidung von Aktanten und Angaben nachgegangen werden. Auch hier kann nochmals auf die Metapher des Theaters oder Dramas von Tesnière eingegangen werden. Im vorangegangenen Kapitel wurde das Verb als Valenzträger ja bereits mit einem Theaterstück verglichen. Dieses erleichtert die Klärung von den Begriffen Aktanten und Angaben, wenn man Tesnière beachtet. Ein Theater umfasst ein notwendiges Geschehen und meistens auch noch Akteure und Umstände. Zur Übertragung auf die Sprachwissenschaft sagt Tesnière: "Wechselt man aus der Wirklichkeit des Dramas auf die Ebene der strukturalen Syntax über, so entspricht dem Geschehen das Verb, den Akteuren die Aktanten und den Umständen die Angaben."[16] Die Aktanten werden also benötigt um eine Handlung oder ein Geschehen überhaupt darstellen zu können. Die Angaben dagegen beschreiben lediglich die weiteren Umstände der Handlung, folgt man Tesnière. Diese strikten Zuweisungen sind jedoch nicht immer richtig, wie die Arbeit im folgenden Kapital aufzeigt. Diese Beschreibung Tesnières bezieht sich eher auf die semantische Valenzebene. Während Tesnière zunächst alle Aktanten als obligatorisch beschreibt, zeigt Helbig auf, dass eben doch Aktanten auch weglassbar sein können. So können in bestimmten Kontexten oft Verbkomplemente weggelassen werden, obwohl sie zunächst als vom Verb gefordert erscheinen. Der Ansatz von Tesnière kann also zur Verdeutlichung herangezogen werden, ganz vollständig und umfassend ist er jedoch nicht. Bezogen auf das schon oft genutzte Beispiel ergibt sich Folgendes:

Lutz trinkt ein Glas Bier.

Lutz trinkt.

[...]


[1] vgl. Welke 2011: 1

[2] vgl. Dürscheid: 106

[3] Engel 1980: 191

[4] vgl. Duden 2015: http://www.duden.de/rechtschreibung/Aktant

[5] vgl. Pittner/ Berman 2008: 43

[6] Dürscheid 2010: 107

[7] vgl. Pittner/ Berman 2008: 43, 44

[8] Helbig 1982: 11

[9] vgl. Pittner/ Berman 2008: 181

[10] vgl. Pittner/ Berman 2008: 49

[11] Helbig 1982: 11

[12] Helbig 1982: 12

[13] vgl. Pittner/ Berman 2008: 50

[14] Helbig 1982: 12

[15] vgl. Helbig 1982: 12

[16] Engel 1980: 93

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Valenz im Deutschen. Die Unterscheidung von Aktanten und Angaben
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Syntax: Analyse und Erwerb
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V321754
ISBN (eBook)
9783668211186
ISBN (Buch)
9783668211193
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
valenz, deutschen, unterscheidung, aktanten, angaben
Arbeit zitieren
Jannik R. (Autor), 2015, Valenz im Deutschen. Die Unterscheidung von Aktanten und Angaben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321754

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