Frieden durch Friedensjournalismus? Alternativen zum Kriegsjournalismus und ihre Chancen

Untersuchung der "tagesschau"-Berichterstattung zum Golfkrieg 2003


Magisterarbeit, 2004
159 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG
1.1 Vorbemerkungen zur Fragestellung
1.2 Fragestellung
1.3 Vorgehensweise

2. KRIEGSJOURNALISMUS
2.1 Vorbemerkungen
2.1.1 Betrachteter Zeitraum
2.1.2 Art der Betrachtung
2.1.3 Anmerkungen zu den verwendeten Begriffen
2.1.4 Gliederungskonzept
2.2 Der Kriegsjournalismus von 1854 bis
2.2.1 Der Krimkrieg: Beginn des Kriegsjournalismus
2.2.2 Der Amerikanische Sezessionskrieg und die Boulevardpresse
2.2.3 Der Spanisch-Amerikanische Krieg und die Macht der Presse
2.3 Der Kriegsjournalismus von 1914 bis
2.3.1 Der Erste Weltkrieg und die Medienlenkung
2.3.2 Der Spanische Bürgerkrieg: Journalisten als „Überzeugungstäter“
2.3.3 Der Zweite Weltkrieg und die „Verstaatlichung“ der Medien
2.4 Der Kriegsjournalismus von 1945 bis
2.4.1 Der Vietnamkrieg und das Fernsehen
2.4.2 Der Falklandkrieg Das Musterbeispiel zur Abschirmung der Presse
2.4.3 Die Grenada-Intervention und die „Lehren aus Vietnam“
2.4.4 Die Panama-Intervention: Der Prüfstein der neuen Pressepolitik
2.5 Der Kriegsjournalismus von 1990 bis heute
2.5.1 Der Golfkrieg 1990/91 und das Poolsystem
2.5.2 Die Somalia- Intervention: Das große Geschäft
2.5.3 Der Krieg in Kroatien: Die Stunde der großen PR-Agenturen
2.5.4 Der Krieg in Bosnien-Herzegowina: Parteinahme für die Opfer
2.5.5 Der Krieg im Kosovo: Journalisten als „Soldaten“ der NATO
2.5.6 Der Golfkrieg 2003 und die „Einbettung“ der Medien
2.6 Schlussbetrachtungen
2.6.1 Negative Charakteristika des Kriegsjournalismus
2.6.2 12 Punkte des negativen Kriegsjournalismus

3. FRIEDENSJOURNALISMUS
3.1 Vorbemerkungen
3.1.1 Anmerkungen zum Friedensbegriff
3.1.2 Gliederungskonzept
3.2 Johan Galtung
3.2.1 Konflikttheorie
3.2.2 „High road” und „low road” der Berichterstattung
3.2.3 Wichtige friedensjournalistische Fragen zu einem Konflikt
3.2.4 Abgrenzung des Friedensjournalismus vom Kriegsjournalismus
3.2.5 Zehn Vorschläge für die Kriegberichterstattung
3.2.6 Berechtigung für einen Friedensjournalismus
3.2.7 Fester Rahmen durch Nachrichtenselektion
3.2.8 Ausbruch aus der Nachrichtenselektion
3.2.9 Schlussbemerkung
3.3 Walter Philips Davison
3.3.1 Stabile Situation durch Kommunikation
3.3.2 Das Potential der Kommunikation
3.3.3 Sechs Aufgaben für die Massenmedien
3.3.4 Struktur immanente Beschränkungen der Medien
3.3.5 Lösungsvorschläge gegen strukturelle Beschränkungen
3.3.6 Verbesserung der Infrastruktur der Medien
3.3.7 Schlussbemerkung
3.4 Wilhelm Kempf
3.4.1 Friedensjournalismus versus Verbundenheitsjournalismus
3.4.2 Betrachtungen zum Konfliktverlauf
3.4.3 Richtlinien für einen präventiven Friedensjournalismus
3.4.4 Kritischer Friedensjournalismus
3.4.5 Schlussbemerkung
3.5 Schlussbetrachtungen
3.5.1 Grundlegende Charakteristika des Friedensjournalismus
3.5.2 12 Punkte des Friedensjournalismus

4. VERGLEICHENDE UND KRITISCHE BETRACHTUNGEN
4.1 Direkter Vergleich zwischen Friedens- und Gewaltjournalismus
4.1.1 12 Punkte des Friedensjournalismus versus 12 Punkte des negativen Kriegsjournalismus
4.1.2 Wirkungsphasen des Friedens- und Gewaltjournalismus im Vergleich
4.2 Vergleichende und kritische Betrachtung der friedensjournalistischen Konzepte von Galtung, Davison und Kempf
4.3 Praktische Anwendungen friedensjournalistischer Grundsätze

5. UNTERSUCHUNG ZUR FRAGESTELLUNG
5.1 Vorbemerkungen
5.1.1 Untersuchungsgegenstand
5.1.2 Betrachteter Krieg
5.1.3 Betrachteter Zeitraum
5.1.4 Untersuchungsfokus
5.2 Untersuchung der tagesschau hinsichtlich der Thematisierung aller Opfer
5.2.1 Vorgehensweise
5.2.2 Datenerhebung
5.2.3 Auswertung
5.2.4 Ergebnis
5.3 Untersuchung der tagesschau hinsichtlich des Zu-Wort-Kommens aller Elite- und Nicht-Elite-Personen
5.3.1 Vorgehensweise
5.3.2 Datenerhebung
5.3.3 Auswertung
5.3.4 Ergebnis
5.4 Fazit der Untersuchung

6. AUSBLICK

7. LITERATURVERZEICHNIS

8. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

9. ANHANG

1. EINLEITUNG

Gepanzerte US-Fahrzeuge fahren auf den zentral gelegenen Fedouz-Platz in Bagdad ein. Soldaten sichern alle Zugangsstraßen zum Platz ab. Es ist der 9. April 2003. Diese Szenerie wird vom ZDF -Korrespondenten Ulrich Tilgner und von Journalisten aus aller Welt „live“ verfolgt. Der Platz ist in Sichtweite des Palestine -Hotels, in dem die meisten ausländischen Reporter, die während des Golfkrieges aus der irakischen Hauptstadt berichteten, untergebracht sind. Zumindest Tilgner hatte zuvor einen Tipp bekommen, dass die US-Armee in die Stadtmitte vorrückte, ohne zu wissen, welchen Ursprungs er war (vgl. Tilgner 2003: 124). Mit leichtem Zögern nähern sich ebenfalls Iraker dem Platz. Nachdem die ersten Versuche misslingen, die dortige Saddam-Hussein-Statue vom Sockel zu reißen, rückt ein Panzer näher heran. Erst mit einer Metallkette und Mühen schafft es das Fahrzeug, die Statue endgültig zu stürzen.

Die symbolträchtigen Bilder des Ereignisses werden weltweit berühmt und markieren den Anfang vom Ende des Saddam-Hussein-Regimes. Ein Bild, das die amerikanische Regierung propagandistisch als Zeichen des (unaufhaltsamen) Sieges zu nutzen wusste. Ein Bild, das den Medien vorübergehend Einschaltquoten sicherte. Die Szenen vom 9. April 2003 verdeutlichen das enge Verhältnis zwischen Militär und Medien: Die Medien wussten, dass US-Truppen anrückten, die Militärs wussten, dass die Kameras der Welt aus sie gerichtet sein würden. Hätten die Amerikaner diesen nach allen Seiten offenen Platz besetzt, wenn keine Medien präsent gewesen wären, um diese Szene zu registrieren? Wahrscheinlich nicht. Und anders herum: Wären die Kameras auch ohne die Anwesenheit von US-Soldaten auf den leeren Platz gerichtet worden? Wahrscheinlich nicht. Ob sie es wollen oder nicht, die Medien bzw. die Journalisten spielen durch ihre bloße Präsenz eine aktive Rolle in Kriegen. Durch ihre immanenten Fähigkeiten eines „agenda setters“1, haben sie (vorübergehend) Einfluss auf den Ablauf des Kriegsgeschehens.

Spätestens mit dem Golfkrieg 2003 ist die Debatten hinsichtlich der Rolle bzw. des Einflusses der Medien in Krisenverläufen wieder voll entbrannt. Alte Fragen nach dem adäquaten Verhalten von Journalisten im Krisengebiet bekommen nicht zuletzt auch durch die massive Rekrutierung der so genannten „eingebetteten Journalisten“ in die amerikanischen und britischen Truppen während des Krieges neue Relevanz. Das sich durch das „embedding“2 offenbarende Fehlen der physischen und psychischen Distanz zum Geschehen bildet dabei einen der Kernpunkte in der Fächer übergreifenden Auseinandersetzung mit dem Kriegjournalismus. Die Politologie bewegt sich bei jener Debatte überwiegend im Bereich der Internationalen Beziehungen und konzentriert sich damit auf das Potential vor allem des Fernsehens, außenpolitische Entscheidungsprozesse mitzugestalten. Das Augenmerk der Medienwissenschaften richtet sich mehr auf die Struktur immanenten Besonderheiten der Medien und ihren gesellschaftlichen Einfluss. Beide Disziplinen gehen davon aus, dass das Medienwesen (die Sicht auf) den Konflikt entscheidend (negativ) mitprägen kann. Wie bereits bei Debatten zu anderen Kriegen zuvor, werden auch zum Golfkrieg 2003 wieder Potentiale und Schwächen im negativen Sinn bei den Medien identifiziert. Bezüglich der Frage nach der Korrektur dieser Unzulänglichkeiten, hält besonders eine Perspektive immer stärker Einzug in die Debatte zur Rolle der Medien: Die Perspektive des Friedensjournalismus.

1.1 Vorbemerkungen zur Fragestellung

Dieser Ansatz, der aus der Friedensforschung entspringt und bereits vor über 30 Jahren entwickelt wurde, bemüht sich Möglichkeiten zu suchen und konkrete Vorschläge zu unterbreiten, wie Medien in Konflikten ihr vorhandenes Potential so nutzen könnten, dass sie statt negativ, d.h. verschärfend, schlichtend wirken könnten. Der Friedensjournalismus setzt dabei an der Stelle an, an der der gängige Journalismus in Krisen scheitert. Dem friedensjournalistischen Konzept geht es dabei nicht darum, alte Forderungen nach „mehr Objektivität“ neu zu formulieren. Im Gegenteil, der häufig - vor allem in Bezug auf Kriege - auftauchende Ruf nach journalistischer Objektivität erscheint ihm als Vorraussetzung für eine „friedlichere“ Berichterstattung nicht nur schwierig, sondern stellenweise auch unrealistisch. Ist Objektivität als Arbeits-Credo für alltägliche journalistische Arbeit notwendig und erstrebenswert, so wird sie als Leitfaden für das Arbeiten in Krisensituationen im Auslandseinsatz obsolet. Objektivität im engeren, naiven Sinne führt nämlich zum Übersehen folgender Tatsachen.

Allein die Präsenz des Journalisten in einer Krisenregion, darüber sind sich die meisten einschlägigen Autoren einig, ist als Einflussfaktor zu werten, so wie es die Szenen auf dem Fedouz-Platz vorführen (vgl. Bilke 2002: 135 und Carruthers 2000: 242 f.). Die rivalisierenden Parteien erkennen den für sie unschätzbaren Wert der Medien. Journalisten werden als Sprachrohr „ihrer Sache“ gesehen und dementsprechend auch genutzt (vgl. Carruthers 2000: 242 f.). Mit anderen Worten besteht die Gefahr, dass die Präsenz ausländischer Korrespondenten (medienwirksame) Inszenierungen oder zumindest eine Verzerrung bei der Wiedergabe tatsächlicher Ereignisse provoziert. Die bloße Objektivität beschränkt den Journalisten auf eine reine Beobachterfunktion, die ihn daran hindert, die Realität hinter der Konstruktion zu ermitteln. Dieses Verhalten kann eskalierend auf Konflikte einwirken, d.h. Friedensverhandlungen erschweren und den Ausbruch von Gewalt beschleunigen.3

Die Überlegungen zeigen, dass die Fehler des gängigen Kriegsjournalismus nicht automatisch vorsätzlich begangen werden. Sie werfen zudem die Frage auf, welche weiteren negativen kriegsjournalistischen Aspekte den Konflikt beeinflussen und inwiefern die Vertreter des Friedensjournalismus denken, mit ihrem Konzept eine theoretische wie praktische Alternative geschaffen zu haben. Neben dem Interesse an dem Spannungsfeld zwischen Kriegs- und Friedensjournalismus, soll speziell die Einordnung der tagesschau -Berichterstattung zum Golfkrieg 2003 in dieses Spannungsfeld einen Schwerpunkt dieser Arbeit ausmachen. Jene Einordnung soll in Bezug auf folgende Fragestellung ergründet werden.

1.2 Fragestellung

Wird die wichtigste deutsche Nachrichtensendung, die tägliche tagesschau der ARD um 20:00 Uhr, den Forderungen des Friedensjournalismus gerecht?

1.3 Vorgehensweise

Zur Beantwortung der oben gestellten Fragen, soll wie folgt vorgegangen werden. Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit werden die negativen Charakteristika des Kriegsjournalismus anhand der nunmehr 150-jährigen Geschichte der modernen Kriegsberichterstattung herausgestellt. Der Rückblick auf ausgewählte Kriege soll zeigen, dass Medien im Allgemeinen und Korrespondenten im Speziellen gerade in Kriegszeiten überwiegend eine negative, oder zumindest ambivalente Rolle spielten. Die oben genannten negativen Aspekte sollen am Ende des zweiten Kapitels zusammengefasst werden und somit die „Angriffsfläche“ für die Konzepte des Friedensjournalismus bieten.

Im nächsten Schritt sollen auf den Schlussbetrachtungen des Kapitels zuvor aufbauend, Konzepte des Friedensjournalismus eingeführt werden, die sich als Antwort auf den Kriegsjournalismus verstehen. Dabei sollen Konzepte dreier einschlägiger Autoren Ideen und Wege zur Frieden fördernden Berichterstattung aufzeigen. Die Kerncharakteristika des Friedensjournalismus sollen abschließend noch einmal zusammengefasst werden.

Das vierte Kapitel stellt mit der prägnanten Gegenüberstellung der Ergebnisse der vorigen beiden Kapitel und der kritischen Auseinandersetzung mit den friedensjournalistischen Konzepten der ausgewählten Autoren sowohl eine Zwischenbilanz, als auch einen Übergang zur eigentlichen Untersuchung dieser Arbeit dar.

Anhand zweier Grundsätze des Friedensjournalismus soll im fünften Kapitel der Arbeit untersucht werden, ob es bereits während des Golfkrieges 2003 zu einer Anwendung jener Grundsätze in „den“ deutschen Fernsehnachrichten gekommen ist. Hierzu sollen die tagesschau -Sendungen innerhalb einer ausgewählten Zeitspanne während des Konfliktes am Golf analysiert werden. Abschließend sollen die Ergebnisse der Untersuchung im Fazit vorgestellt werden.

Die vorliegende Arbeit soll mit einem Ausblick auf die Chancen eines Friedensjournalismus in naher Zukunft abschließen.

2. KRIEGSJOURNALISMUS

Vertreter des Friedensjournalismus, die ihr Konzept als positives Pendant zum Kriegsjournalismus verstehen, gehen in ihren Betrachtungen immer wieder folgender Kernfrage nach: Wie sollen Journalisten und Heimatredaktionen in Kriegszeiten berichten, damit sie statt verschärfend, deeskalierend auf die von ihnen observierten Konflikte einwirken können?

2.1 Vorbemerkungen

Bevor diese Arbeit im nächsten Kapitel drei Friedensforscher und ihre Ansätze zur Beantwortung jener Frage vorstellt, ist es sinnvoll zuvor die Konflikt verstärkenden Aspekte der bisherigen Kriegsberichterstattung anhand ihrer Geschichte herauszuarbeiten und zu beleuchten. Sie sollen zeigen, dass der bisherige Kriegsjournalismus häufig bis überwiegend eine negative Wirkung auf den Konfliktverlauf ausübte.

2.1.1 Betrachteter Zeitraum

Ein Rückblick auf die Geschichte des Kriegsjournalismus vom Krim-Krieg 1854 bis zum Golfkrieg 2003 soll seine Besonderheiten, Zwänge und Fehler und damit gleichzeitig die Ansatzpunkte für die Kritik der Vertreter des Friedensjournalismus aufwerfen. Die Einschränkung auf die Zeitspanne von annähernd 150 Jahre geschieht aus mehreren Gründen. Tatsächlich lässt sich die Geschichte der Kriegsberichterstattung im weitesten Sinne bis in die Antike zurückverfolgen (vgl. Dominikowski 1993: 36). Daraus ergibt sich eine unüberschaubare Zeitspanne, die den Rahmen der vorliegenden Arbeit bei weitem sprengen würde.

Wie noch erläutert wird, lässt sich mit einiger Berechtigung behaupten, dass der erste offiziell entsandte Kriegsreporter seine Arbeit im Krimkrieg aufnahm und dieser Krieg demzufolge als Beginn des Kriegsjournalismus gewertet werden kann.

Darüber hinaus haben gerade dieökonomisch-politisch Prozesse (Kommerzialisierung, Internationalisierung) und nicht zuletzt auch die technologischen „Revolutionen“ (Telegraphie bis Satellitentelephonie) der letzten eineinhalb Jahrhunderte den heutigen Kriegsjournalismus geprägt, wie dieses Kapitel der Arbeit veranschaulichen soll.

Ferner wird nicht auf jeden Krieg seit 1854 eingegangen werden können. Im Vordergrund sollen besonders die kriegerischen Konflikte stehen, in denen die Medien eine besondere Rolle spielten oder deren Verlauf und Ausgang großen Einfluss auf die Ausprägung des Kriegsjournalismus hatten.

2.1.2 Art der Betrachtung

Die oben aufgestellte Frage nach dem Weg einer friedlichen Krisenberichterstattung birgt in sich schon eine wichtige Perspektive auf den folgenden historischen Abriss des Kriegsjournalismus. Sie impliziert nämlich a priori, dass Medien Einfluss auf Konfliktverläufe nehmen. Daher spielt in dieser Arbeit die Diskussion um die Frage nach der Existenz eines seit dem Golfkrieg 1990/91 auch CNN -Effekt4 (s. 2.5.1) genannten Medieneinflusses auf Konflikte keine große Rolle. Obgleich es in der einschlägigen Literatur keinen Konsens über die Quantität und Qualität des Medieneinflusses auf politische Entscheidungsprozesse in Krisensituationen gibt (vgl. Dietz/Menzel 1999: 15 und Dietz 2000: 4), so ist doch ein gewisser, mittelbarer Einfluss seitens der Medien (über dieöffentliche Meinung) auf die Politik unbestritten (vgl. Davison 1974: 6, 19).

Für den hiesigen Rückblick ist also nicht so sehr die Frage ob, sondern vielmehr die Frage auf welche Art und Weise die Medien bzw. der von ihnen betriebene Kriegsjournalismus einen negativen Einfluss auf Krisenverläufe nehmen können, wichtig.

Bevor jedoch beantwortet kann, wie der Kriegsjournalismus negativ, bzw. eskalierend auf Krisen wirkt, ist es notwendig, in einem weiteren Schritt die verschiedenen „Einwirkungen“ zu untersuchen, die ihn präg(t)en. Beham stellt in diesem Zusammenhang drei Säulen fest, auf denen die Kriegsberichterstattung aufgebaut ist: 1. die politisch-militärischen Interessen der Kriegsführung, 2. dieökonomischen Interessen der Medienunternehmen und 3. das Interesse der Rezipienten (vgl. Beham 1996: 74).

Für die vorliegende Arbeit ist es jedoch zweckmäßiger, statt von speziellen Interessen, allgemeiner von Einflüssen zu sprechen. Die wirtschaftlichen Interessen lassen sich demnach alsökonomische Einflüsse und die politisch-militärischen zusammen mit den Rezipienten- Interessen als sozio-politische Einflüsse bezeichnen. Darüber hinaus lässt sich ein weiterer Einfluss auf den Kriegsjournalismus ausmachen. Neue Errungenschaften in der

Kommunikationstechnik im Laufe der Geschichte haben die Arbeit der Berichterstatter entscheidend mitgeprägt, wie noch gezeigt wird. Daraus ergeben sich drei Haupteinflussfaktoren, die sich wie folgt stichwortartig beschreiben lassen: 1. Soziopolitischer Einfluss, 2. technischer Fortschritt und 3.ökonomischer Zwang. Dabei stellt letzterer in den vergangenen 150 Jahren der Kriegsberichterstattung eine Konstante dar. Um Wiederholungen zu vermeiden, soll der Wirtschaftfaktor nur an ausgewählten Kriegen exemplarisch dargestellt werden.

Die relevanten Einflussgrößen, nach denen sich die Herausarbeitung der negativen Aspekte richten soll, können folgendermaßen schematisch dargestellt werden. Abbildung 1 soll darüber hinaus veranschaulichen, dass das ambivalente Verhältnis zwischen dem (durch die Einflüsse geformten) Kriegsjournalismus und dem Konflikt bzw. deren involvierten Parteien für die hiesige Aufarbeitung des Kriegsjournalismus ebenfalls entscheidend ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Diagramm zu den mittelbaren und unmittelbaren Einflüssen auf Konflikte

2.1.3 Anmerkungen zu den verwendeten Begriffen

Der Begriff „Kriegsjournalismus“ soll im weitesten Sinne nicht nur als Bezeichnung für die Arbeit der Journalisten im Kriegsgebiet dienen, sondern auch als übergreifendes Zusammenspiel zwischen Reportern vor Ort, Heimatredaktionen, Presse- und PR-Agenturen verstanden werden.

Ferner bedeutet Kriegsjournalismus nicht a priori „verwerflicher Journalismus“. Stattdessen sollen die einzelnen negativen Seiten des Kriegsjournalismus anhand der ausgewählten Konflikte aufgezeigt und später mit dem Überbegriff „negativer Kriegsjournalismus“ zusammengefasst werden, um Missverständnisse zu vermeiden.

Der im Folgenden verwendete Begriff „Medien“ soll im engeren Sinne als „Nachrichtenmedien“ verstanden werden, analog zu dem in der einschlägigen englischsprachigen Literatur verwendeten Begriff „news media“.

2.1.4 Gliederungskonzept

Die Einteilung der Geschichte des Kriegsjournalismus erfolgt in vier verschiedenen Phasen, deren Ende mit einer weltpolitischen Wende bzw. dem Ende eines Krieges einhergeht. Die Auswirkungen jener Phasen auf die Kriegskorrespondenz sind von unterschiedlicher Natur und können wie folgt skizziert werden:

Die erste Phase beginnt mit dem Krimkrieg und den ersten Kriegsjournalisten (s. oben) und endet mit dem Ausklang des „Goldenen Zeitalters“ der Kriegsberichterstattung (vgl. Knightley 2003: 43 ff.) durch den Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. In dieser Pionierzeit etabliert sich die Kriegskorrespondenz als Beruf. Hier sollen vor allem die Auswirkungen der Kommerzialisierung, der Telegraphie und der Photographie auf den neuen Beruf herausgestellt werden.

Die zweite Phase umfasst die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Jene Zeit ist von dem Streben der Nationalstaaten geprägt, die Presse und die neuen Medien, wie Film und Rundfunk, konsequent propagandistisch auszunutzen. Der Kriegsjournalismus wird zwangsweise Teil der Kriegsbemühungen.

Die Ära des Kalten Krieges gibt den Rahmen für die dritte Phase vor, die mit dem Beginn des Golfkrieges 1990/91 endet. Zweifelsohne sind hier die Rolle der Journalisten im Vietnamkrieg und die Konsequenzen aus dem US-Debakel in Südostasien für die Medien ausschlaggebend.

Die vierte Phase deckt die Kriegsberichterstattung von Anfang der 90er Jahre bis in die Gegenwart ab. In dieser Phase sind speziell die subtileren Versuche der Politik und des Militärs interessant, die (Nachrichten-)Medien für sich zu gewinnen. Im Hinblick auf die Betrachtung der tagesschau -Sendungen zum letzten Golfkrieg im vierten Kapitel der Arbeit, erscheint es sinnvoll gerade jene letzte Phase, in der die elektronischen Medien, darunter besonders das Fernsehen, eine große Rolle gespielt haben, näher zu beleuchten.

Im letzten Teil dieses Kapitels sollen schließlich die negativen Einflüsse der Kriegsberichterstattung auf Konfliktverläufe noch einmal stichpunktartig zusammengefasst werden.

2.2 Der Kriegsjournalismus von 1854 bis 1914

Der Krieg auf der Krim leitet die Pionierzeit des Kriegsjournalismus ein. Bereits in dieser Phase standen die Journalisten vor dem Dilemma, entweder die Restriktionen des Militärs zu akzeptieren und dadurch zumindest an einen Teil der Information zu gelangen, oder sich gänzlich ihrer Professionalität zu verschreiben, keine Beschränkungen zu dulden und dafür das Risiko des Leerausgehens zu tragen. Der wirtschaftliche Reiz und der Druck seitens der Heimatredaktionen sowie der Kriegsführung ließen viele Journalisten erstere Option wählen. Das ambivalente Verhältnis zwischen Militärs und Reportern sollte auch in allen künftigen Kriegen das Bild des Kriegsjournalismus bestimmen.

2.2.1 Der Krimkrieg und Russells Erbe

- Der „ erste “ Kriegsberichterstatter -

Die von den Briten mit Enthusiasmus gefeierte Kriegserklärung gegen Russland 1854 veranlasste die damals auflagenstärkste Zeitung, die Londoner Times, den Journalisten William Howard Russell in den Krimkrieg zu schicken, um dem enormen Informationsbedarf der Bevölkerung gerecht zu werden. Damit war der erste „offizielle“ Kriegsreporter entsandt worden (vgl. Knightley 2003: 2 ff. und Neuman 1995: 34).

Zwar gab es schon vor Russell Reporter, die von Kriegsschauplätzen berichteten, jedoch waren seine Rapports an die Times von einer solchen Tragweite, dass sie die künftige Berichterstattung prägen sollten. Seine Meldungen und deren Einflusskraft in der englischen Bevölkerung zusammen mit der Kriegseuphorie und der immensen Nachfrage nach Frontberichten, lösten einen regelrechten Boom der Kriegskorrespondenz aus.

- Die Massenpresse -

Möglich geworden war dieser Boom vor allem durch die aufkommende Massenpresse, die eine starke und schnelle Verbreitung von Nachrichten aus dem Krieg gewährleistete. Erst sie verlieh der Kriegsberichterstattung ihre Bedeutung (vgl. Kassel 2003: 8). Die massenhafte Verbreitung von negativen Berichten sorgte derweilen bei den Kriegsverantwortlichen verstärkt für Misstrauen gegenüber den Kriegsreportern.

Russell wusste nämlich nichts Rühmliches vom Krieg zu berichten. Im Gegenteil, er beschrieb schonungslos den heruntergekommenen Zustand der englischen Armee (vgl. McLaughlin 2002: 50). Nach anfänglichem Zögern druckte die Times Russells Meldungen, als sie ihren Wert erkannte. Andere Zeitungen waren in der Zwischenzeit mit Berichten eigener Korrespondenten über die schlechte Heeresführung nachgezogen (vgl. Beham 1996: 14).

- Die erste Pressezensur -

Die Berichterstatter wurden sehr bald als Bedrohung angesehen. Die Militärs sahen sich gezwungen „Schutzmaßnahmen“ gegen die für sie unvorteilhaften Meldungen einzurichten. Daraufhin verbot die Militärleitung Russell (und den anderen Journalisten) den Zugang zu jeglichen militärischen Einrichtungen und Operationen. Ab diesem Zeitpunkt bestimmten die Presselenkung und die Nachrichtenkontrolle die Beziehung zwischen Medien und Militär (vgl. Schrader 2002: 46).

Ein neues Problem war entstanden. Russell und seine Kollegen mussten jetzt von Einsätzen wiederkehrende Soldaten befragen, um trotz der Zensur an wichtige Informationen zu gelangen. Sie waren dazu gezwungen über etwas zu berichten, was sie selbst nicht gesehen hatten; ein Schwierigkeit, vor der Kriegsjournalisten häufig bis heute stehen. Mit einer ahnungsvollen Voraussicht nannte sich Russell deshalb vielleicht „unglücklicher Vater einer glücklosen Familie“ (Knightley 2003: 2).

Dessen ungeachtet setzte sich seit Russells Arbeit das Konzept des Journalisten „an der Front“ durch. Es ermöglichte den Zeitungsverlagen schnell und direkt an „berichtenswerte“ Informationen zu kommen. Trotz seiner Objektivität und Kritik, machte der „Vater“ der Kriegsberichterstatter dennoch einen Fehler. Wie viele Reporter nach ihm, betrachtete Russell, selbst ein Freund des Militärischen, sich als einen Teil der Truppe (vgl. Knightley 2003: 16). Der Mangel an Distanz ist von Anfang an die größte Schwäche der Kriegsjournalisten und damit das größte Laster des Kriegsjournalismus.

2.2.2 Der Amerikanische Sezessionskrieg und die Boulevardpresse

- Die „ Beschleunigung “ der Nachricht durch die Telegraphie -

Der dichte Informationsfluss der Massenpresse sollte bald durch eine technische Neuheit, dem Morse Code, beschleunigt werden. Mit der Präsentation seiner ersten Textverschlüsselung 1837 und der ersten praktischen Umsetzung durch die Telegraphenleitung zwischen Washington D.C. und Baltimore sieben Jahre später, löste Morse eine Revolution in der Informationsübertragung aus.

„Bis in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts konnten sich Informationen nur so schnell fortbewegen, wie ein Mensch sie transportieren konnte; genauso genommen: so schnell, wie ein Eisenbahnzug fahren konnte, nämlich, […], etwa 55 Kilometer in der Stunde.“ (Postman 2000: 83)

Während des Krieges der USA gegen Mexiko 1846 war das Telegraphennetz noch nicht so weit in den Süden ausgebaut, als dass es für die Reporter von großem Nutzen gewesen wäre (vgl. Galtung/Vincent 1992: 195). Anders zu Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs 1861: Das Netz reichte schon bis weit in die Südstaaten hinein und wurde von unschätzbaren Wert für die Zeitungen. Die bis dahin unbekannte Übertragungsgeschwindigkeit machte die „Lieferung“ einer Meldung in einem Bruchteil der vormals benötigten Zeit möglich. Zeitungsleser konnten nun zum Teil (Kriegs-)Berichte vom Vortag lesen, statt tagelang auf Neuigkeiten warten zu müssen.

Die Meldungen, die über den Telegraphen verschickt wurden, blieben weitestgehend vordergründig, ohne Kontext. Meldungen blieben insgesamt kurz und knapp in ihrer Ausführung, nicht zuletzt auch deswegen, weil Gebühren auf die Benutzung der Technik erhoben wurden (vgl. ebd.) und die Reporter damit rechnen mussten, dass die Leitung jederzeit gekappt werden konnte (vgl. Raue 1995: 125).

Die Geschwindigkeit der Nachrichtenübertragung schuf Rahmenbedingungen, die sich maßgeblich auf die Struktur und den Inhalt der Nachricht auswirkten. Der Wert der Nachricht wurde statt an ihrem Inhalt an ihrer Exklusivität gemessen.

„Sending a summary of a battle by telegraph meant adopting a new style: crisp, concise, and packed with facts - the beginning of the who-how-where-when-why dictum that remains basically unchanged in popular news reporting today.“ (Knightley 2003: 49)

Das neue Medium hatte einen neuen (Kriegs-)Journalismus geformt. Die verstärkte Ausrichtung auf Sensationen erzeugte wiederum eine neue Leserschaft, deren Verlangen nach mehr „Schlagzeilen“ von den Zeitungen bedient werden musste (vgl. McLaughlin 2002: 28). Das führte soweit, dass in der Zeit, in der es nichts Berichtenswertes vom Krieg gab, dem Druck auf unprofessionelle Weise entsprochen nachgegeben wurde, wie die Aufforderung Wilbur F. Storeys von der Chicago Times an seine Reporter zeigt:

„Telegraph fully all news you can get and when there’s no news send rumours.“ (zit. nach Knightley 2003: 23)

Den ambivalenten Einfluss der Telegraphie auf die Kriegsberichterstattung fasst McLaughlin, wie folgt, treffend zusammen:

„The new technology improved the means of reporting war but not the quality and reliability of the journalism.” (2002: 29)

- Kriegsjournalismus als Geschäft und Propaganda -

Begünstigt durch die Massenpresse und die Telegraphie bildete sich eine reißerischere Art von Berichterstattung heraus. Der Amerikanische Sezessionskrieg markierte den Aufstieg der „tabloid press“, der Boulevardpresse. Die Regeln der populären Presse waren einfach: möglichst schnell eine sensationelle Erstmeldung, einen so genannten „scoop“5, landen. Nicht der Inhalt einer Meldung, sondern ihre Wirkung auf die Leser war entscheidend. So wurde die Grausamkeit und das Leid auf den Schlachtfeldern des Amerikanischen Sezessionskriegs nicht der Aufklärung oder Abschreckung wegen, sondern aus Gründen der Sensation und Auflagesteigerung zum Inhalt einer Meldung (vgl. Beham 1996: 17).

Der Konkurrenzkampf um die besten Kriegsmeldungen löste unter den Blättern selbst einen regelrechten „Pressekrieg“ aus (vgl. Schrader 2002: 46). Der Bedarf an Sensationsmeldungen und der Drang vieler Kriegsjournalisten durch solche berühmt zu werden, führten dazu, dass Berichte erfunden wurden. So existierten Meldungen von Gefechten, die niemals stattgefunden haben und von Städten, die eingenommen wurden, aber in Wirklichkeit nie eine Invasion erfahren haben (vgl. McLaughlin 2002: 52).

Aber auch Meldungen über tatsächliche Ereignisse im Amerikanischen Bürgerkrieg gaben oft nur ein parteiisch verzerrtes Bild des Kriegsalltags wieder. Reporter ließen sich zu Schulden kommen, sich zu sehr in die Sichtweise der jeweiligen Kriegspartei oder der Redaktion einbeziehen zu lassen. Es fehlte weitestgehend die professionelle Distanz zum Kriegsgeschehen und zu den propagandistischen Einflüssen.

Besonders auf Seiten der Konföderierten arbeiteten die Berichterstatter grob unprofessionell. Die Wahrhaftigkeit wurde dem Patriotismus und Treue der „eigenen“ Truppen gegenüber untergeordnet. Um die Moral und den Zusammenhalt zu stärken, wurden Meldungen beschönigt und manipuliert (vgl. Schrader 2002: 46).

Gewissenhafte, sachlich arbeitende Reporter bildeten die Minderheit. Selbst die ausländischen Journalisten aus Europa, die vermeintlich mehr Erfahrung und scheinbar keiner „Seite“ verpflichtet waren, verdrehten die Realität nach den Bedürfnissen ihrer Editoren (vgl. Knightley 2003: 22). Die Berichte der britischen Times, die die Sache der Konföderierten teilte, lösten sogar eine Welle der gegenseitigen Verachtung aus, die sich wie ein Schatten über die Beziehungen zwischen Großbritannien und den USA legte. Laut Knightley benötigte es eine ganze Generation, um das Verhältnis zwischen den beiden Staaten wieder zu normalisieren (vgl. 2003: 36).

Russell, der auch im Sezessionskrieg als Kriegkorrespondent für die britische Times arbeitete, lieferte, als einer der wenigen, kritische Berichte, was ihm Ärger sowohl seitens der beiden Kriegsparteien als auch von Seiten der heimatlichen Redaktion einbrachte. Dem hohen Druck beugte er sich schließlich und entschloss sich, nach England zurückzukehren (vgl. Beham 1996: 21).

Neben dem Drang nach schnellen und sensationellen Meldungen, übte ebenfalls der Drang nach finanziellem Gewinn einen erheblichen Druck auf den Kriegsjournalismus aus. Der Marktdruck war dergestalt, dass die Blätter ihre Auflagen und damit ihren Gewinn fast ausschließlich mit Leser anlockenden „scoops“ und parteiischen Berichten aus dem Kriegsgebiet steigern konnten. Das führte wiederum zum Zwang, den Fluss immer neuer Schlagzeilen nicht abreißen zu lassen, woraus erneut der Zeitdruck entstand, schneller als die Konkurrenz zu sein. Damit war der Teufelskreis perfekt.

Trotz des hohen finanziellen Aufwandes und die Entsendung von ca. 500 Kriegsjournalisten während des Sezessionskrieges, wurden die Zeitungsleser auf beiden Seiten des Atlantik nur selten adäquat über die Ereignisse des Krieges informiert. Die parteiische und wenig wahrheitstreue Berichterstattung war die Folge der Unzulänglichkeit der Reporter vor Ort, als auch des wirtschaftlichen und politischen Opportunismus der Verlage.

- Regulierungsversuche der Militärs -

Während des Amerikanischen Bürgerkrieges etablierte sich die Kriegskorrespondenz als eigenständiger Berufszweig des Journalismus (vgl. Knightley 2003: 41). Der wirtschaftliche Gewinn durch die Berichte „von der Front“ rechtfertigte die kostspielige Unterhaltung von Kriegsreportern. Im Amerikanischen Bürgerkrieg erfuhr der Kriegsjournalismus auf wirtschaftlichem und technischem Gebiet einen enormen Fortschritt, auf dem Gebiet der Moral und der Professionalität nicht.

Der Spielraum dafür war jedoch gegeben. Trotz vereinzelter Bemühungen die Journalisten vom Kampfgeschehen fernzuhalten, waren sie weitestgehend von Repressionen befreit (vgl. Knightley 2003: 27 ff.). Eine zentral geleitete Zensur gab es nicht, da die Kriegsparteien zu jener Zeit nicht in der Lage waren 500 Reporter effektiv zu kontrollieren. Statt durch Kontrolle, versuchten die Kriegsparteien mit Agitationen und Bestechungen, Einfluss auf Journalisten zu nehmen. Dies zeigte sich in den Versuchen sowohl der Nord- als auch der Südstaaten, die englische Presse mit Agitationen und Geldtransfers zur Parteiligkeit zu bewegen (vgl. Knightley 2003: 34 f.).6

Eine andere Methode Reporter auf subtilere Art zu beeinflussen, entwarf Edwin McMasters Stanton, der von Abraham Lincoln ernannte Kriegsminister. Er stellte erste Regeln im Umgang mit den Medien auf. Dazu gehörten Tagesberichte, die im Sinne der Militärs verfasst und an die Presse weitergeleitet wurden (vgl. Schrader 2002: 46): Eine Vorgehensart, die sich in modernen Kriegen in Form von Pressekonferenzen militärischer Sprecher wieder finden sollte.

Aber nicht nur in Amerika hatte man die Wirkungskraft des Journalismus im Allgemeinen und die Kriegsberichterstattung im Besonderen als Meinungsbilder erkannt. Bismarck behielt bei seiner Politik, vor allem im Vorfeld und während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, stets die Presse im Auge. So wurden Nachrichtensperren und Verbote ausgesprochen, um das Berichten über Truppenbewegungen und andere militärische Ereignisse verhindern (vgl. Beham 1996: 23). Im Gegensatz zu Frankreich, das keinem Journalisten den Zugang zu den eigenen Truppen gewährte, erlaubte Bismarck ausländischen Reportern die deutsche Armee zu begleiten, was ihm eine wohlwollende Berichterstattung sowohl in Großbritannien als auch in den USA einbrachte (vgl. Knightley 2003: 49). Er wusste wie hoch der Einfluss der Presse auf dieöffentliche Meinung war und nutzte sie für sich aus.

Während die deutsche Presse die ersten Regulierungsmaßnahmen erfahren musste, war die Macht der amerikanischen Printmedien scheinbar noch ungebrochen. Das Einbinden der Photographie in die Zeitungen trug ihren Teil dazu bei.

2.2.3 Der Spanisch-Amerikanische Krieg und die Macht der Presse

- Die neue „ Authentizität “ durch die Photographie -

Neben dem durch die Telegraphie „beschleunigten“ Zeitungswesen offenbarte nämlich die Photographie wortwörtlich neue Einblicke in das Kriegsgeschehen. Eine Reihe von Erfindungen in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts durch Nicéphore Niepce, Louis Daguerre und William Henry Fox Talbot machten es möglich, Gegenstände und unbewegte Szenen abzulichten. Die Photographie, das „Schreiben mit Licht“ (Postman 2000: 92) wurde erfunden. Bereits während des Krimkrieges Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich Roger Fenton als erster Kriegsphotograph einen Namen. Die (noch) lange Belichtungszeit machte es dem Kriegsphotographen jedoch unmöglich Bewegungen, wie im Schlachtgeschehen, abzulichten. Dass Fenton darüber hinaus bewusst keine Opfer photographierte, vermittelte dem Betrachter ein „sauberes“ Bild des Krieges (vgl. McLaughlin 2002: 28).

Im Amerikanischen Sezessionskrieg machte sich Mathew B. Brady mit der Kriegsphotographie einen Namen. Im Gegensatz zu Fenton finanzierte er seine Arbeit privat, da er keinen offiziellen Auftrat erhalten hatte. Sein Ziel war es mit dem neuen Medium den Krieg zu dokumentieren und der Bevölkerung „realistisch“ näher zu bringen. In Galerien stellte er auch Photographien von toten Soldaten aus, womit er für Aussehen sorgte (vgl. Freund 1979: 118). Während der Schaffenszeit Bradys wurden Lichtbilder für die Illustration von Zeitungsartikeln noch „abgemalt“, da die technischen Voraussetzungen für das Abdrucken von Photographien erst um 1870 geschaffen wurden (vgl. Galtung/Vincent 1992: 195).

Mit jener schließlich stattfindenden „Integration“ der Photographie in das Zeitungswesen war eine enorme Nachfrage nach ihr geschaffen worden. Die Photographie sollte der Berichterstattung eine neue „Authentizität“ verleihen, wie Postman deutlich macht:

„[…] das Photo verschaffte den fremdartigen Orts- und Datumszeilen eine konkrete Realität und verlieh den unbekannten Namen Gesichter. So erzeugte es zumindest die Illusion, dass «die Nachrichten» mit dem eigenen Erfahrungsbereich etwas zu tun hätten.“ (2000: 96)

Durch die scheinbar neue „Erfahrbarkeit“, das zusätzliche „Sehen mit eigenen Augen“ sinkt die reflektierende Distanz zur geschriebenen Nachricht. Die Photographie wird zu einem der „[…] wirksamsten Mittel zur Formung unserer Vorstellungen und zur Beeinflussung unseres Verhaltens […]“ dar (Freund 1979: 6 f.). Tatsächlich markiert die Erfindung der Photographie den Beginn des Wandels von einem auf Text basierenden zu einem auf Bild basierenden Kriegsjournalismus.

- Kriegsjournalismus als politischer Einflussfaktor -

Ende des 19. Jahrhunderts nutzten vor allem die großen amerikanischen Pressehäuser das mächtige Meinungsbildungspotential der nunmehr photographisch illustrierten Zeitungsartikel aus. Der „journalist’s war“, wie der Spanisch-amerikanische Krieg 1898 auch genannt wurde, ist ein Paradebeispiel dafür, wie versucht wurde, mit parteiischer Berichterstattung einseitig Einfluss auföffentlichkeit und Politik zu nehmen.

William Randolph Hearst gab seinem New York Journal den Auftrag, die amerikanischeöffentlichkeit zugunsten einer Unterstützung der Rebellen auf dem spanisch besetzten Kuba zu bewegen. Hearst schickte zwecks photographischer Dokumentation einen Mitarbeiter auf die Insel, der jedoch wegen fehlender „Sensationen“ zurückkehrend wollte. Hearst telegraphierte daraufhin folgende berühmte Worte:

„Please remain. You furnish the pictures and I will furnish the war.“ (zit. nach Lande 1996: 127)

Hearst war klar, dass die Suggestivkraft von Bildern größer war als die des geschriebenen Wortes.

Mit der daraufhin betriebenen Propaganda, die von größtenteils erfundenen Gräueltaten der spanischen Kolonialherrschaft an der kubanischen Bevölkerung berichtete, drängte die Presse, allen voran das New York Journal und die New York World, die Vereinigten Staaten „etwas zu tun“, wohl wissend, dass eine amerikanische Intervention auf Kuba eine enorme Umsatzsteigerung bedeutete. Laut Strobel waren „[t]he mass circulation presses of William Randolph Hearst and Joseph Pulitzer, the telegraph, and the development of a more popular writing style aimed at the masses“ (1997: 22) für den so hohen Druck verantwortlich, der mittels deröffentlichkeit auf die Politik erzeugen wurde. Durch den von den Medien künstlich erzeugten Zeitdruck sah sich die US-Regierung gezwungen Position zu beziehen. In solch einer Situation schrumpfte die Chance für eine friedliche Konfliktlösung, da sie zeitaufwendig war. Obwohl die letztendliche Entscheidung für eine Intervention auf Kuba bei der US-Regierung lag, ist doch ein großer Teil der Verantwortung für die militärische Option bei der Presse zu suchen, die eindeutig Konflikt verschärfend auf die Situation zwischen den USA und Spanien gewirkt hat.

Dieökonomische Hochkonjunktur des Kolonialismus Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte auch weiterhin für genügend Kriege rund um den Globus und damit auch für die kontinuierliche Entsendung von Kriegsreportern. Das nötige heimatliche Interesse an umfangreicher Berichterstattung durch den „mehr populären Schreibstil“ und die beinahe Abwesenheit von Nachrichtenzensur von staatlicher Seite ließen den Kriegsjournalismus aufblühen und sein Einflusspotential bei den Lesern und sein Marktpotential für die Medien steigen. Laut Knightley war es das „Goldene Zeitalter“ des Kriegsjournalismus (vgl. Knightley 2003: 43 ff.).

2.3 Der Kriegsjournalismus von 1914 bis 1945

Der allgegenwärtige Nationalismus am Anfang des 20. Jahrhunderts sollte nicht nur zur ersten großen Materialschlacht der Weltgeschichte, sondern auch zum Ende des „Goldenen Zeitalters“ der Kriegsberichterstattung führen. So wie die Gesellschaft und die Politik dem Nationalismus dienten, so musste sich auch der Journalismus beugen. Der Zweite Weltkrieg führte diese „Tradition“ fort. Eine Welle der Verstaatlichung der Medien setzte ein, die ihre Konformität mit den Zielen der Kriegsparteien garantieren sollte. In nie zuvor gesehenem Maße wurden die Medien für die Ziele der Politik eingespannt und missbraucht.

2.3.1 Der Erste Weltkrieg und die Medienlenkung

- Die Gräuelpropaganda -

Der Erste Weltkrieg markiert den Beginn des systematischen Ausnutzens der Pressewege um vermeintliche Gräueltaten der gegnerischen Kriegspartei zu verbreiten. Die Gräuelpropaganda wurde „erfunden“. Ihr Ziel ist es, den Hass auf den Feind zu schüren. Die Echtheit der Gräuelmeldung wurde so gut wie nie hinterfragt. Die wenigen Anfragen auf Untersuchung wurden als unpatriotisch abgetan. Scheinbar offizielle Quellen wurden nicht angefochten.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in das neutrale Belgien 1914 wurde eine Vielzahl von Berichten über barbarische Verbrechen der deutschen Armee an der Zivilbevölkerung verfasst. Besonders viele Gräuelgeschichten entsprangen der britischen und französischen Presse. Die französischen Zeitungen lancierten so viele solcher Meldungen, dass sie ihnen keine individuellen Überschriften mehr, sondern nur noch den Titel „Les Atrocités Allemandes“7 verliehen (vgl. Knightley 2003: 87). 1915 veröffentlichte eine britische Kommission unter Bryce, einem ehemaligen Botschafter in Washington, den in 30 Sprachen übersetzten Bryce-Report, der von vermeintlichen deutschen Verbrechen vor allem an belgischen Frauen berichtete. Der Bericht erhielt durch die angesehenen Mitglieder der Kommission ein hohes Gewicht und wurde daher nicht kritisiert. Erst nach dem Krieg stellte sich heraus, dass der gesamte Bericht auf Gerüchten basierte (vgl. Knightley 2003: 87 f.). Das Ziel hatte er jedoch erreicht; den Hass auf die Feinde zu schüren.

Mit dem andauernden Krieg verblasste jedoch die Kriegseuphorie. Um die Bevölkerung zum Durchhalten zu bewegen, wurden immer irrwitzigere Gerüchte in der Presse verbreitet. Das wohl hartnäckigste war das 1917 von der Times lancierte Gerücht, die Deutschen würden Glyzerin für ihre Munition aus den Leichen der alliierten Gefallenen destillieren (vgl. Knightley 2003: 111 f.).

Die Offenheit bzw. Kritiklosigkeit der Presse gegenüber solchen Meldungen hatte ihren Ursprung nicht allein im Patriotismus der einzelnen Redaktionen, sondern vielmehr im wirtschaftlichen Kalkül der Herausgeber. Ähnlich wie die Erstmeldungen im Sezessionskrieg, wurden die Gräuelmeldungen im Ersten Weltkrieg für die Presse ein gutes Geschäft. Die gestiegene Nachfrage wurde alsbald auch von den Zeitungen gedeckt.

Der mit der Dauer der Schlachten zunehmenden Kriegsmüdigkeit in Europa begegnete beispielsweise die britische Regierung mit der Entsendung von politischer und gesellschaftlicher Prominenz an die Front. Die medial ausgeschlachteten Truppenbesuche sollten die Moral der Kämpfenden wieder stärken (vgl. Beham 1996: 29); eine weitere Methode der Meinungslenkung, die in modernen Kriegen ihre Fortsetzung finden sollte. Die amerikanische Presse bemühte sich indes ihre Neutralität gegenüber den europäischen Kriegsparteien zu wahren, zumal die USA noch nicht in den Krieg eingetreten war. Wegen ihrer tendenziell unparteiischen Haltung wurden amerikanische Kriegsjournalisten an ihrer Arbeit im englischen Lager behindert. Zudem kamen einige von ihnen zu dem Ergebnis, dass die alliierten Berichte über deutsche Gräueltaten nicht auf nachvollziehbare Tatsachen gegründet waren. Dennoch gelang es den Briten mithilfe einer geschickten Propagandaarbeit und der ausgebauten medialen Infrastruktur, die amerikanische Politik und Gesellschaft mit der englischen Sichtweise zu durchdringen. Der Eintritt der USA in den Krieg wurde so subversiv vorbereitet. In Europa wurde indes die deutsche Kommunikation durch alliierte Blockaden und Unterbrechung der Kabelverbindungen von der Außenwelt (und damit von den USA) abgeschnitten (vgl. Carruthers 2000: 31).

- Institutionalisierte Medienlenkung -

Im Ersten Weltkrieg befasste man sich zum ersten Mal wissenschaftlich mit der Propaganda und damit auch mit dem Kriegsjournalismus. Die Lenkung und Zensur der Medien wurde in Form von verschiedenen Propagandaministerien institutionalisiert.

In Großbritannien entwickelte sich das Parliamentary War Aims Committee zum Informationsministerium. Hier bündelten sich alle britischen Propagandabemühungen. Der Umgang mit Kriegskorrespondenten war in der britischen Armee klar geregelt. Wurden Reporter in Frankreich gefasst, wurden sie verhaftet und ausgewiesen. Der rüde Umgang mit den Journalisten brachte der britischen Regierung bald viel Kritik (auch aus den USA, dessen Kriegsberichterstatter nur auf deutscher Seite arbeiten durften) ein. 1915 einigte sich die britische Kriegsführung mit einigen Zeitungen darauf, sechs ausgesuchte Journalisten in die Armee „aufzunehmen“. Tatsächlich trugen die akkreditierten Reporter Uniformen und hatten den Rang eines Hauptmannes. Ihnen wurden Zensoren zur Seite gestellt, die sie Tag und Nacht begleiteten und berechtigt waren, selbst persönliche Briefe zu untersuchen. Die weiterhin auf eigene Faust im Krieg recherchierenden Journalisten hatten nach wie vor einen schweren Stand. An ihrer Situation änderte sich nichts (vgl. Knightley 2003: 89 ff.).

Als die amerikanische Regierung 1917 in den Krieg eintraten, nahmen sie die Führung deröffentlichen Meinung in die eigenen Hände. Präsident Wilson beauftragte das Committee on Public Information (CPI) mit der Mobilisierung der Pro-Kriegseintritt-Stimmung in deröffentlichkeit. Faktisch handelte es sich beim CPI um das erste amerikanische Propagandaministerium (vgl. Hils 2002: 75). Die vormals neutrale Haltung der amerikanischen Bevölkerung sollte schnell in eine anti-deutsche umschlagen. Aktive Unterstützung bekam das Komitee durch den Eigentümer der Londoner Times und des Daily Mail (vgl. Beham 1996: 33).

Auch im europäischen Kriegsgebiet gab es von Seiten des US-Militärs Zensurvorschriften, die bei den Journalisten nach einer Zeit zu einer Selbstzensur führten, die Strobel folgendermaßen erklärt:

„[…] correspondents were permitted access to the front; in return, they voluntarily submitted to review of their dispatches. Many correspondents simply chose to censor themselves.” (1997, S. 25)

Wie bei der alliierten war auch bei der deutschen Kriegsführung das Aufrechterhalten der Kriegsbegeisterung in der eigenen Bevölkerung das oberste Ziel. Der Weg war jedoch nicht derselbe. Die deutsche Propaganda setzte auf die Vermittlung deutscher Überlegenheit und das Verschweigen jeglicher Schwächen. Im Kaiserreich wurde die Pressefreiheit der Vaterlandsliebe unterworfen. Über den Krieg durften Journalisten nur im Sinne der Militärs schreiben. Das Militär entschied darüber, ob Reporter einen Zugang zu Schauplätzen und Operationen erhielten oder nicht. Die Koordination der Pressezensur war die Aufgabe des Kriegspresseamtes, das unter der Führung der Militärs stand. Von hier aus wurden Broschüren, Communiqués und Bücher produziert und zensiert. Die verbreiteten Meldungen durften weder korrigiert noch ergänzt werden. Das Kriegspresseamt war die einzige Quelle von Kriegsnachrichten für die deutsche Bevölkerung (vgl. Knightley 2003: 90).

- Der Stummfilm als neustes Propagandamedium -

Die Weiterentwicklung der Photographie und eine Reihe europäischer und amerikanischer Erfindungen am Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Filmaufnahmen möglich gemacht (vgl. Monaco 1998: 86 ff.). Schon vor dem Ersten Weltkrieg hielt die Propaganda Einzug in das neue Medium. Auch der Film eignete sich, dem Zuschauer Informationen allgemeinen Interesses in Form von Wochenschau-Beiträgen zu präsentieren. Da sich der Film durch die steigende Zahl der Kinos Anfang des 20. Jahrhunderts sowohl in den USA als auch in Europa eines immer größeren Publikums erfreute und stetig zum Massenmedium aufstieg, rückte auch er in das Interesse der Propagandabemühungen der Kriegführenden (vgl. Hils 2002: 75).

Wohl um die Suggestivkraft der bewegten Bilder wissend regulierte und zensierte das amerikanische Informationsministerium CPI die vom Ersten Weltkrieg aufgenommenen Bilder. Mitarbeiter privater Wochenschau-Produktionen durften nur mit Erlaubnis des Komitees im Krieg arbeiten und der Zugang zum eigentlichen Kriegsschauplatz wurde ihnen von vorn herein verwehrt (vgl. Doherty 1993: 87 ff.).

In Deutschland war das neue Medium ebenfalls fest in der Hand des Militärs. Die Bemühungen des Oberbefehlshabers der deutschen Truppen Ludendorff, die Moral der Frontsoldaten auch mit Filmvorführungen zu stärken, gipfelten in der Gründung der Universum Film AG (UFA) am 18. Dezember 1917 (vgl. Carruthers 2000: 69).

Trotz der Bemühungen der Kriegsteilnehmer, die bewegten Bilder für ihre Zwecke zu nutzen, verhinderten (noch) entscheidende Nachteile des Films gegenüber den üblichen Medien seine Durchsetzung als etabliertes Propagandamittel:

1. Die Technik war noch zu unausgereift und das Trägermaterial war zu fragil und unbeständig.
2. Der Film war noch stumm. Das Fehlen des (kommentierenden) Tons, der die Bilder in den „gewünschten“ Kontext setzte, machte den Propagandaerfolg anzweifelbar (vgl. Carruthers 2000: 69). Das amerikanische Committee on Public Information engagierte zwar die berühmten „Four-Minute-Men“8, die in den USA u.a. die „newsreels“9 im Sinne des Kriegseintritts kommentierten, doch der große Erfolg des Films sollte dem kommenden Tonfilm vorbehalten bleiben, der den journalistischen Einfluss auf den Film und umgekehrt ermöglichte.

- Verlorene Glaubwürdigkeit -

Nach dem Krieg wurde das wahre Ausmaßder vormals verschleierten und glorifizierten Schlacht sichtbar. Die Zeitungen, die als Träger der schweren Propagandalügen identifiziert wurden, büßten unter den Lesern sehr viel ihrer Glaubwürdigkeit ein (vgl. Beham 1996: 37).

In Deutschland waren die Folgen des staatlich gelenken Kriegsjournalismus verheerend. Der Bevölkerung eröffnete sich eine Diskrepanz zwischen der unentwegt proklamierten Stärke der Deutschen und der Kapitulation der kaiserlichen Armee. Die einstige Propagierung der deutschen „Unbesiegbarkeit auf dem Felde“ hatte sich jedoch so stark in das Bewusstsein eingeprägt, dass der Glaube an einen politischen Verrat entstand, statt die Presse der Manipulation zu beschuldigen. Der gelenkte Journalismus wurde somit zum Mitbegründer der Dolchstoßlegende, die statt eines nachhaltigen Friedensprozesses eine neue Welle des Nationalismus erzeugte (vgl. Beham 1996: 39).

Die Alliierten erlebten ein ähnliches Phänomen. Sie sahen sich angesichts des von ihnen konstruierten Bildes des dämonischen Feindes gezwungen besonders zähe Kapitulationsbedingungen zu schaffen. Sie gerieten unter Zugzwang ihrer eigenen Gräuelpropaganda, die unter den Menschen Hass und damit das Verlangen nach einer harten Bestrafung zur Folge hatte. Das in den Köpfen eingebrannte Bild des Deutschen als Kriegsverbrecher machte es für die alliierte Politik unmöglich versöhnlich auf die Verlierer zuzugehen (vgl. Beham 1996: 39 ff.).

Die gelenkten Medien ließen ein Dilemma entstehen, das auf beiden Seiten ein Gefühl der Ungerechtigkeit hinterließund sowohl die Aussöhnung als auch den Frieden an sich stark belastete.

Zusammenfassend lässt sich für den Ersten Weltkrieg festhalten, dass die politische Einflussnahme auf die Medien und das Nutzen bestehender Kommunikationsnetze für Propaganda weiter professionalisiert und von der Masse der Journalisten auch geduldet wurde:

„Reporters came to accept the idea of systemised restrictions on both their reporting and their movement; […].” (McLaughlin 2002: 63)

Ihre Mithilfe bei der Diffusion von Falschmeldungen und diffamierenden Gerüchten trug sehr stark zur Verschärfung des Krieges und zur Etablierung von Hassbildern bei. Das tatsächliche Kriegselend an der Front diente nicht als Anlass für Friedensinitiativen und Beendigung des bewaffneten Kampfes. Stattdessen wurde es sowohl von der Politik, als auch von der Presse als Argument zum weiteren Durchhalten verwendet.

Die Bestrebungen während des Ersten Weltkrieges die Propaganda zu institutionalisieren, wurden am Vorabend des Zweiten Weltkrieges vor allem in Deutschland, mit Nachdruck fortgeführt. Die Bemühungen der späteren Alliierten, die Medien zu lenken, starteten mit einiger Verzögerung und nicht mit der rücksichtslosen Konsequenz der Nationalsozialisten.

2.3.2 Der Spanische Bürgerkrieg: Journalisten als „Überzeugungstäter“

Noch bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach, beherrschte jedoch ein anderer Kampf in Südwesteuropa die Schlagzeilen der Weltpresse: der Spanische Bürgerkrieg. Mitte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts entfachte ein Kampf zwischen den Faschisten Francos und den sozialistischen Gruppen. Die Involvierung vieler namhafter Journalisten und Intellektueller zur Unterstützung der spanischen Linke lenkte das Interesse der Welt auf die Iberische Halbinsel. Intellektuelle ließen sich nicht nur in die Propaganda einbinden, sie nahmen darüber hinaus teilweise aktiv am Kriegsgeschehen teil. Ernest Hemingway beispielsweise war nicht nur amerikanischer Korrespondent, sondern lehrte außerdem Soldaten den Umgang mit der Waffe (vgl. Beham, 1996: 46). Andere berühmte Korrespondenten, wie George Orwell, der für den New York Statesman in Spanien unterwegs war, übernahmen ähnlich aktive Rollen im Krieg.

Obwohl viele Linksintellektuelle Partei für die Kommunisten ergriffen, war auch ihre Berichterstattung an die Heimat von Verschweigen, Verzerrung und Fälschung geprägt. Es galt nicht die Wahrheit wiederzugeben, sondern die Welt aufzurütteln und Werbung für die Anti-Faschisten zu machen. Was die Propaganda der Kommunisten angeht, stand sie den vermittelten Zerrbildern der Faschisten in nichts nach. Selbst die Kenntnis von Kriegsverbrechen der „eigenen“ Seite, veranlasste Hemingway nicht dazu, seine Leser über die wahre Situation aufzuklären (vgl. Beham 1996: 53). Das Bild des „guten“ Kampfes der Anti-Faschisten gegen Franco durfte nicht abgeschwächt werden. Der Kampf gegen Franco scheiterte letztendlich an der deutsch-italienischen Hilfe und an dem uneinheitlichen politischen Konzept der verschiedenen linken Kräfte.

Die sich bekämpfenden Parteien stilisierten, nicht zuletzt auch dank der Hilfe ausländischer Kriegskorrespondenten, den Bürgerkrieg auf der Iberischen Halbinsel zum globalen ideologischen Ausscheidungskampf zwischen dem Faschismus und dem Sozialismus. Anders als beim Ersten oder Zweiten Weltkrieg charakterisierte sich der Kriegsjournalismus im Spanischen Bürgerkrieg nicht durch die Zensur „von oben“, sondern vorwiegend durch Selbstzensur. Statt neutraler Beobachter, waren die meisten Journalisten „Überzeugungstäter“.

2.3.3 Der Zweite Weltkrieg und die „Verstaatlichung“ der Medien

- Staatliche Lenkung der Medien -

Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 nahm Goebbels seine Arbeit als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda auf. Ziel seiner Bestrebungen war es, die Medien und die kulturellen Einrichtungen auf nationalsozialistischen Kurs zu bringen. Das dafür im selben Jahr gegründete Propaganda-Ministerium übernahm die Gleichschaltung der kulturellen und medialen Bereiche. Die Institutionalisierung der Gleichschaltung wurde von der Reichskulturkammer gestützt, unter deren Leitung alle Journalisten und Künstler in sieben kontrollierten Berufskammern (Presse, Schrifttum, Rundfunk, Theater, Musik, Bildende Kunst und Film) eingeteilt wurden (vgl. Thamers).

In der Presse hatte sich, analog zur Stimmung in der Bevölkerung, ein Gefühl der Unsicherheit und der Demütigung durch den vernichtenden Ausgang des Ersten Weltkrieges etabliert. Die unzufriedene Grundstimmung machte es einfacher mit der Inszenierung von selbstbewussten, starken Bildern auf die Gefühle der Menschen einzuwirken und diese zu lenken. Aus der Angst sollte Hass und Kampfbereitschaft entstehen. Mit dem Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland 1936 begann ebenfalls die Selektion und Ausbildung von Kriegsberichterstattern durch die Propaganda-Einsatzstelle. Eigens für die Einteilung der Berichterstatter wurden die so genannten Propagandakompanien (PK) erfunden, die aus drei „Kriegsberichterzügen“ bestanden, die wiederum in einen Wort-, Bild-, Film- und - Rundfunktrupp gegliedert waren (vgl. Beham 1996: 56 f.).

An der Gliederung der Trupps wird deutlich welchen hohen Stellenwert den „neuen“ Medien (Film und Rundfunk) gegenüber den „alten“ Medien (Zeitung und Photographie) beigemessen wurde. Speziell die Produktion von Filmen, denen das höchste Einflusspotenzial zugeschrieben wurde, unterlag besonderen Vorschriften. Damit nichts dem Zufall überlassen wurden, gab es „12 Gebote für Filmberichter“ (Beham 1996: 57). Die Vorschriften zeigen den enormen Aufwand der Medienregulierung der nationalsozialistischen Führung.

Eine weitere Einschränkung bzw. Zensur erfuhren die deutschen Kriegsreporter der PK dadurch, dass sie ab 1940 eine militärische Ausbildung absolvieren mussten, womit sie gänzlich ihre ohnehin nur theoretische Neutralität aufgeben mussten. Die erhöhte Identifizierung mit den eigenen Truppen durch die straffe Eingliederung war ein gewollter psychologischer Effekt: Eine Methode, die in ähnlicher Form schon vom britischen Militär während des Ersten Weltkrieges angewandt wurde (siehe oben) und die im Golfkrieg 2003 unter der Bezeichnung „embedded journalists“, oder „eingebettete Journalisten“ vom Pentagon perfektioniert wurde (s. 2.5.6).

Die große Masse der von den PKs produzierten Nachrichten, die schon mehrere Zensurinstanzen durchlaufen hatten, wurde an die Gesandten der nicht gegnerischen Auslandspresse weitergeleitet, die sie dankend annahmen. Der Drang nach neuen Nachrichten schaffte einen Absatz für die vorzensierten deutschen Beiträge und letztlich im nicht alliierten Ausland eine einseitige, pro-deutsche Sichtweise auf die Überfälle der Wehrmacht auf Polen 1939 und Norwegen 1940 (vgl. Beham 1996: 59). Sehr wohl um die restriktive Pressepolitik der alliierten Seite wissend, bemühte sich die deutsche Führung Korrespondenten aus nicht alliierten Staaten mit der größtmöglichen Offenheit entgegenzutreten, womit sie vorübergehend erfolgreich einen großen Teil der ausländischen Presse für sich gewinnen konnten (vgl. Knightley 2003: 240).

Die Institutionalisierung wurde ebenfalls in den alliierten Staaten vorangetrieben. In Großbritannien wurde ein Informationsministerium ins Leben gerufen, um die Kontrolle und Zensur von Nachrichten zentral zu steuern. Die einheimischen Zeitungen und die amerikanischen Berichterstatter vor Ort protestierten gegen die strenge Nachrichtensperre und die Verbreitung geschönter Berichte über Verluste der britischen Armee. In Frankreich war die Situation für Korrespondenten noch schwieriger. Ähnlich wie im Ersten Weltkrieg mussten alle Berichte mehrere Instanzen der französischen Militärführung passieren, bevor die Nachricht mit Verzögerung in der Heimatredaktion eintraf (vgl. Knightley 2003: 239).

In den USA wurde das Office of War Information zum Zwecke einer zentral geleiteten Pressepolitik gegründet. Mit dem Angriff der japanischen Luftwaffe auf Pearl Harbor begann auch in den USA die strikte Informationszensur durch die amerikanische Propagandainstitution. Die verheerenden Verluste an Mensch und Material auf Hawaii wurden verschwiegen. Mitunter wurden Photographien von dem verheerenden Angriff vernichtet. Andere selektierte (Film-)Aufnahmen wurden erst mit zweimonatiger Verspätung veröffentlicht (vgl. Doherty 1999: 236). Die amerikanischen Journalisten passten sich der Situation an und entwarfen eine Art Selbstzensur, indem sie ihre „patriotische Pflicht“ gegenüber ihrem eigenen Land höher stellten als die wahrheitsgemäße Berichterstattung (vgl. Beham 1996: 63).

Mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 entschieden die kommunistischen Führer ebenfalls die ohnehin spärliche Pressefreiheit gänzlich abzuschaffen, um zu verhindern, dass die ungeheueren Verluste im Krieg bekannt wurden. Eine Propagandamaschinerie ohne gleichen wurde initialisiert, um das Durchhalten der russischen Bevölkerung zu stärken (vgl. Knightley 2003: 267 ff).

Die wenigen Korrespondenten, die den Krieg an der Ostfront von der sowjetischen Seite aus beobachteten, wurden vom Außenministerium streng beaufsichtigt. Ihre Berichte wurden von russischen Zensoren rigoros gekürzt, womit (nicht anders als bei den Zensuren anderer am Krieg teilnehmenden Staaten) keine berichtenswerte Information übrig blieb. Das Wenige an Information mussten die Reporter aus den offiziellen Communiqués oder den zweimal in der Woche stattfindenden Pressekonferenzen entnehmen (vgl. Knightley 2003: 270 f.). Die strikte Zensur änderte sich selbst dann nicht als die Rote Armee wieder auf dem Vormarsch war und vor Berlin stand. Die sowjetischen Führer blieben den Korrespondenten gegenüber argwöhnisch (vgl. Knightley 2003: 290).

Der Kriegsjournalismus stand damit bei allen in den Krieg verwickelten Staaten im Dienste der jeweiligen Regierungen. Die Medien wurden zum Sprachrohr der Kriegsführenden umfunktioniert und einmal mehr ihrer eigentlichen Aufgabe beraubt.

- Film und Rundfunk als Waffe des Krieges -

Die umfassendste Presse- und Propagandapolitik in Europa wurde in Deutschland betrieben. Die Suggestivkraft und die psychologische Wirkung von Filmvorführungen, die schon aus dem Ersten Weltkrieg bekannt waren, weckte verstärktes Interesse der Nazis an den bewegten Bildern. Das Potenzial zur Massenlenkung sollte nun jedoch konsequenter ausgenutzt werden.

Bereits in der ersten vom Propagandaministerium gelenkten Produktion der Wochenschau10 am 21. März 1933 behalf man sich massenwirksamer Mittel, wie Aufmärsche, Uniformen und hitzigen Reden (vgl. Beham 1996: 56). Vor allem Leni Riefenstahl erregte Mitte der 30er Jahre mit der Produktion von monumental anmutenden Propagandafilmen, wie „Triumph des Willens“ und „Olympia“ weltweit Aufsehen (vgl. Doherty 1999: 16 ff.). Der Film verdankt seinen Erfolg auf deutscher Seite einerseits den staatlich subventionierten UFA -Film- Produktionen. Sie brachten dem deutschen Film weltweit einen hohen Bekanntheitsgrad und eine zeitweise konkurrenzlose Stellung - was die Mittel und Inszenierung angeht - ein (vgl. Doherty 1999: 26).

Andererseits entrückte die Vertonung den Film weiter vom Theater. Im Stummfilm musste die Abwesenheit des Tons durch theatralische Mimiken und Gestiken der Schauspieler oder durch den Handlungsstrang unterbrechende Texteinblendungen kompensiert werden. Der Tonfilm kam der audiovisuellen Sinneswahrnehmung des Menschen viel näher, was seine Wirkung potenzierte. Mit der kommentierenden bzw. berichtenden Stimme des Sprechers hielt auch der Journalismus (in Form der Wochenschau) stärker Einzug in den Film; eine Vorstufe des heutigen Fernsehjournalismus. Mit dem realitätsnahen und „Realität schaffenden“ Film stand den Kriegserfassenden nunmehr ein mächtiges Werkzeug zur Verfügung, mit dem es möglich geworden war, direkter auf die Rezipienten einzuwirken.

Das, was der Film durch seine Suggestivkraft schaffte, erreichte der Rundfunk durch seine Omnipräsenz. Während der Rundfunk im Ersten Weltkrieg für denöffentlichen Gebrauch noch nicht ausgereift war (vgl. Carruthers 2000: 30), avancierte er im Zweiten Weltkrieg zum Massen- und Propagandamedium. Angetrieben wurde diese Entwicklung durch die bereits 1933 in die Wege geleitete Massenproduktion von Volksempfängern und die bewusst niedrig gehaltenen Preise.11 Während der Film viele Kinosäle für seine Vorführung benötigte, reichten für die Versendung des Rundfunks wenige Sendestationen. Der Rundfunk zeichnete sich durch die Einfachheit seiner Verbreitung aus, die zu einer schnellen Bekanntmachung des nationalsozialistischen Gedankenguts beitrugen (vgl. Schorr). An den Grenzen und in besetzten Gebieten wurden Sender zur Propagandavermittlung „nach außen“ installiert. Ziel war es, mit den Sendern der feindlichen Stimmungen gegen die deutschen Besetzer unterhaltend entgegenzuwirken. Darüber hinaus zeichnete sich der Rundfunk durch seine Unmittelbarkeit aus. Zeitungen konnten nur täglich berichten und die Wochenschau war durch den technischen Aufwand noch langsamer. Das Radio verbreitete Mitteilungen neuster Ereignisse viel schneller und stieg daher schnell zum aktuellsten Nachrichtenmedium empor. Laut Beham wurde beim Radio außerdem eine neue Präsentationsform geboren: die Live- Übertragung. Während eines deutsch-britischen Luftkampfes wurde Charles Gardner der British Broadcasting Company (BBC) zum ersten Live-Reporter. Vom südenglischen Kent aus berichtete er direkt von dem Geschehen, von dem er Zeuge wurde (vgl. Beham 1996: 72). Die Unmittelbarkeit des Rundfunks rückte den Reporter stärker in den Vordergrund. Im Gegensatz zur Zeitung war die Zensur beim Radio weniger deutlich zu „spüren“. Die Reporterstimme (vor Ort) suggerierte die Authentizität eines Augenzeuges; Eine Entwicklung, die mit der Live-Berichterstattung von Cable News Networks (CNN) aus Bagdad durch Peter Arnett während des Golfkrieges 1990/91 ihren ersten Höhepunkt erreichen sollte.

Die restriktive Einbindung der Medien und des Journalismus dienten nur einem Zweck: der systematischen Mobilisierung und Manipulation der Bevölkerung. Für die Phase der zwei Weltkriege lässt sich festhalten, dass Journalisten den staatlichen Eingriffen kaum widerstanden, in der Hoffnung, dass sich die Situation ändern würde. Die Kritik sparten sich viele Journalisten für ihre Memoiren auf; zu spät um eine Wirkung zu erzielen (vgl. McLaughlin 2002: 68). Charles Lynch, ein kanadischer Reporter für die britische Nachrichtenagentur Reuters im Zweiten Weltkrieg fasst die Rolle der Kriegsjournalismus in der Phase bis 1945 folgendermaßen treffend zusammen:

„We were a propaganda arm of our governments. At the start the censors enforced that, but by the end we were our own censors. We were cheerleaders. […] It wasn’t good journalism. It wasn’t journalism at all.“ (zit. nach Knightley 2000: 364)

2.4 Der Kriegsjournalismus von 1945 bis 1991

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die über 40 Jahre lang währende Phase des Kalten Krieges. Die Vereinigten Staaten, die als großer Sieger aus dem Weltkrieg hervorgingen, beanspruchten die Führung der freien Welt und versuchten den expansiven Kommunismus sowjetischer Provenienz einzudämmen. Einen ähnlichen Führungsanspruch über kommunistische Staaten machte auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs die UdSSR geltend. Fast ein halbes Jahrhundert sollten die verhärteten Fronten im Ost-West- Konflikt, nicht zuletzt auch durch den McCarthyismus12 in den USA, die Kriegsberichterstattung entscheidend prägen. Hier ist vor allem die bipolare, „Gut-Böse“- Sichtweise der (Stellvertreter-)Kriege zu nennen.

2.4.1 Der Vietnamkrieg und das Fernsehen

- Der Krieg in Südostasien -

Nach dem Scheitern der französischen Kolonialarmee gegen die kommunistischen Vietminh13 1954 und ihrem Rückzug aus Indochina, traten die Amerikaner auf den Plan, um eine Expansion des kommunistischen Regimes Nordvietnams über das ganze Land zu verhindern. Im Rahmen ihrer Eindämmungspolitik unterstützten die USA die Regierung des Südvietnams und stockten ihre militärische Präsenz bis Mitte der 60er Jahre immer weiter auf. Der heimatlichenöffentlichkeit wurden die amerikanischen Absichten in Vietnam bewusst verschwiegen. Offiziell unterstützte die amerikanische Regierung Südvietnam lediglich mit so genannten militärischen Beratern (vgl. McLaughlin 2002: 73). In Washington ließman allenfalls dürftige Botschaften über den niemals erklärten Krieg gegen den Norden Vietnams verlauten, so dass die Korrespondenten in Vietnam die einzige stetige Nachrichtenquelle waren (vgl. Knightley 2003: 409 ff.).

Mit der Dauer des Konfliktes, sah sich die amerikanische Regierung immer stärker Fragen nach dem Sinn des Engagements in Vietnam ausgesetzt. Für die schlechte Stimmung im Land und die abnehmende Moral der Truppen machte die politische und militärische Führung die vermeintlich „überkritische“ und „unpatriotische“ Kriegsberichterstattung in Vietnam verantwortlich. Doch genauer betrachtet, war die amerikanische Berichterstattung vom Krieg gegen die Vietminh nicht so kritisch wie die Militärs behaupteten. Nicht der Krieg an sich wurde von den Journalisten kritisiert, sondern dass er nicht schnell genug vorankam (vgl. Knightley 2003: 417). Es wurde demnach vielmehr über die „richtige Taktik“ statt grundsätzlich über den Sinn der amerikanischen Intervention diskutiert. Tatsächlich verantwortlich für die steigende Kritik am amerikanischen Engagement in Vietnam waren vor allem zwei Ereignisse:

Am 31. Januar 1968 begann die Armee Nordvietnams die Tet-Offensive (benannt nach dem Monat „Tet“ des vietnamesischen Kalenders), bei der vorübergehend große Gebiete auf südvietnamesischen Boden erobert wurden. Die amerikanische Regierung, die bis dato behauptete, dass der Krieg bald beendet sei, wurde bloßgestellt. Wenige Monate später, im März desselben Jahres, ereignete sich das nach dem vietnamesischen Dorf My Lai benannte Massaker, wobei ca. 100 Zivilisten von US-Soldaten zusammengetrieben und exekutiert wurden. Erst ein Jahr später schaffte es Seymour Hersh, ein freier Journalist, die Ereignisse, die das rassistische und menschenverachtende Vorgehen der US-Soldaten in Vietnam offenbarte, Publik zu machen (vgl. Knightley 2003: 424 ff.). Die Veröffentlichung von Hershs Bericht kam zu einer Zeit, zu der die US-Öffentlichkeit bereits das Vertrauen in die Regierung verloren hatte. Erst jetzt wurden weitere zuvor von Korrespondenten verschwiegene Berichte von amerikanischen Gräueltaten bekannt (vgl. Knightley 2003: 431). Der Kampf gegen den Kommunismus büßte erheblich an seiner propagierten Glorifizierung ein und war nicht mehr zu rechtfertigen.

- Der „ Fernsehkrieg “ -

Der Krieg in Vietnam wurde als sowohl als „Wohnzimmerkrieg“ als auch als „Fernsehkrieg“ bezeichnet. Beide Beschreibungen gründen auf der Behauptung, dass das televisuelle Massenmedium und die durch es in die Wohnzimmer ausgestrahlten Grauen des Krieges die Schuld am Scheitern des US-Engagements in Vietnam tragen. Mehrere Aspekte sprechen jedoch gegen die These, dass die Fernsehkriegsberichterstattung für die amerikanische Niederlage in Südostasien verantwortlich war. Mit der geringer werdenden Aussicht auf einen Sieg in Vietnam (nach dem Rückschlag durch die Tet-Offensive, siehe oben), nahm gleichzeitig das Interesse der Medien am Krieg ab. Nach 1968, dem Zeitpunkt der mit 637 ausländischen Reportern höchsten Mediendichte in Vietnam, ebbte die Zahl der Berichterstatter schrittweise ab. 1974 verfolgten nur noch 35 von ihnen den Krieg vor Ort mit (vgl. Beham 1996: 85). Zudem zeigten verschiedene Untersuchungen, dass nur ein geringer Prozentsatz der Berichte aus dem Krieg schwere Gefechte oder gar tote US-Soldaten zeigten (vgl. McLaughlin 2002: 38 f.).

Die Tatsachen, dass die Anzahl an Journalisten in Vietnam abnahm und nur wenige Filmaufnahmen vom Krieg Gefechte zeigten, macht die These eines andauernden, „positiven und aufklärenden CNN -Effektes“ (Dietz/Menzel 1999: 16) der 1960er und 70er Jahre unhaltbar. Es bleibt zwar unbestritten, dass wenige grausige Bilder des Krieges von „aufrüttelndem“ Charakter waren, doch kamen sie nicht in der Masse vor, dass sie eine gesellschaftlichen Ausbruch auslösen konnten. Tatsächlich wurden die Medien dann erst kritischer, als die Stimmen gegen den Krieg von der US-Regierung nicht beherzigt wurden. Carruthers erklärt den plötzlichen kritischen Ton in den Medien folgendermaßen:

„Only when […] an administration loses the will or ability to manage a story after its own fashion - as during Tet - do the mainstream media become discordant.” (2000: 150) Mit anderen Worten: Die Medien füllten lediglich das „Vakuum“, das die US-Regierung durch ihre undurchsichtige, verschwiegene Politik hinterließ. Das Fernsehen war damit nur ein Verstärker, jedoch mitnichten der Auslöser für die amerikanische Niederlage in Vietnam. Strobel kommt daher zu der Schlussfolgerung, dass „[…] television alone did not cause the U.S. withdrawal from Vietnam“ (1997: 30).

Die Anti-Kriegs-Stimmung in den USA war keine plötzlich hervorgerufene Reaktion, sondern ein Prozess, in dem nicht die Bilder des grausamen Krieges, sondern hauptsächlich der Verlust des Vertrauens zu den Politikern und die Frage nach dem Interesse der Amerikaner in Asien zum Meinungswandel führten.

- Der „ unzensierte “ Krieg -

Der Vietnamkrieg ging als „unzensierter“ Krieg in die Geschichte ein. Faktisch hatten die Berichterstatter so gut wie keine Beschränkung ihrer Arbeit zu befürchten. Die USA hatten Nordvietnam offiziell nie den Krieg erklärt und stattdessen die Intervention stets als Hilfe für Südvietnam bezeichnet. Aus diesem Grund wurde auch keine durchorganisierte Militärzensur vor Ort eingeführt, so wie es beispielsweise im Zweiten Weltkrieg der Fall war. In dieser Hinsicht kann man tatsächlich von einem unzensierten Krieg sprechen.

Eine Zensur fand dennoch statt. Nicht die Reporter im Krieg, sondern die Redaktionen in der Heimat wurden von offizieller Seite her unter Druck gesetzt, bestimmte Vorfälle nicht zu melden (vgl. Beham 1996: 81). Darüber hinaus existierte, analog zum Zweiten Weltkrieg, eine vorherrschende Denkweise unter den Redaktionen, nach der es als „unpatriotisch“ galt, negative Meldungen die eigenen Truppen betreffend zu verbreiten. Demnach gab es klare Weisungen von den Redaktionen an ihre Korrespondenten, wie sich Arnett erinnert:

[...]


1 englisch: wörtlich: Auf-den-Tagesplan-Setzer, jemand oder etwas, der/das die Fähigkeit besitzt, zu bestimmen, was auf den Tagesplan kommt, also bestimmt was wichtig ist und was nicht

2 englisch: Einbetten, gängige Bezeichnung für das Einspannen der Journalisten in die Militärtruppen 6

3 wie es ausführlich im nächsten Kapitel beschrieben werden soll 8

4 Benannt nach dem amerikanischen Nachrichtensender Cable News Network (CNN) beschreibt der Effekt im weitesten Sinne das große Einflusspotenzial (televisueller) Medien auf dieöffentliche Meinung und politische Entscheidungsprozesse in Krisenverläufen. Dazu mehr in: Strobel 1997, Dietz/Menzel 1999, Dietz 2000.

5 gängiger englischer Ausdruck für eine sensationelle Erstmeldung

6 Während die Nordstaaten eine britische Intervention fürchteten, hofften die Südstaaten darauf, dass England den für ihn wirtschaftlich wichtigen Baumwoll-Export militärisch sichern würde.

7 französisch: „Die deutschen Gräueltaten“

8 englisch: „Vier-Minuten-Männer“: Landesweit waren es 75000 freiwillige Sprecher, die im Auftrag des Committee on Public Information die Bevölkerung auf den Krieg einzustimmen (vgl. Doherty 1993: 89-90)

9 englisch: Wochenschauen

10 Die vormals vier deutschen Wochenschau-Unternehmen wurden zu einer einzigen staatlichen Gesellschaft, Deutsche Wochenschauen, zusammengefasst (vgl. Carruthers 2000: 79).

11 Mit dem Ausbruch des Krieges waren 70 % der deutschen Haushalte mit Volksempfängern ausgestattet (vgl. Carruthers 2000: 78).

12 staatliche Verdächtigung, Bespitzelung und Verfolgung der Vertreter liberaler und fortschrittlicher politischer Ansichten unter dem Vorwand der Bekämpfung des Kommunismus, zuerst in den USA der 50er Jahre durch Senator McCarthy betrieben

13 Liga für die Unabhängigkeit Vietnams

Ende der Leseprobe aus 159 Seiten

Details

Titel
Frieden durch Friedensjournalismus? Alternativen zum Kriegsjournalismus und ihre Chancen
Untertitel
Untersuchung der "tagesschau"-Berichterstattung zum Golfkrieg 2003
Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig  (Institut für Sozialwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
159
Katalognummer
V32193
ISBN (eBook)
9783638329729
Dateigröße
1806 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Frieden, Friedensjournalismus, Alternativen, Kriegsjournalismus, Chancen, Untersuchung, Golfkrieg, Grundsätze
Arbeit zitieren
Roderik Gross (Autor), 2004, Frieden durch Friedensjournalismus? Alternativen zum Kriegsjournalismus und ihre Chancen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32193

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