Am 8. Mai 1945 erfolgte die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Dieses Datum leitete die sogenannte „Vorstaatliche Phase“ ein, die bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland, durch das Inkrafttreten des Grundgesetzes am 24. Mai 1949 anhielt. In dieser Zeitspanne gab es im von den Siegermächten besetzten Deutschland keine eigene Regierung. Der Kontrollrat der Besatzungsmächte, der aus amerikanischen, russischen, britischen und später auch französischen Oberbefehlshabern bestand, hatte die Führung über das deutsche Gebiet übernommen.
Auf der Potsdamer Konferenz am 23. Juli 1945 einigten sich die Sieger u.a. über die Reparationszahlungen und über die politische Neuorientierung der Deutschen. Die vier Schlagwörter Denazifizierung, Demilitarisierung, Dezentralisierung und Demokratisierung fassen die politischen Grundsätze der Besatzungsmächte zusammen; die vier „d“s, wie sich auch genannt wurden. Doch bald kristallisierten sich verschiedene Vorstellungen heraus, die die gemeinsame Deutschlandpolitik betrafen. Es gab nicht nur Unstimmigkeit über die Art und Höhe der aus der deutschen Industrie(produktion) zu entnehmenden Reparationen, sondern auch grundlegend divergierende Auffassungen über die politische Neuordnung. Ein Grund dafür lag in den unpräzisen Formulierungen des Potsdamer Abkommens, in dem Begriffe wie „friedlich“, „gerecht“ und „demokratisch“ verwendet wurden, die von der Sowjetunion, aus ihrer ideologischen Sicht anders interpretiert wurden1. So zeichnete sich schon früh eine sowohl wirtschaftliche als auch politische Trennung zwischen der Bizone, der Amerikaner und Briten (später Trizone, mit den Franzosen zusammen) und der Sowjetischen Besatzungszone ab. Während die Westzone nach kapitalistischen Grundsätzen und mit demokratischer Zusammenarbeit aufgebaut wurde, konzentrierten sich die Sowjets in ihrer Zone darauf möglichst viele industrielle Anlagen zu demontieren und (politisch) wichtige Stellen mit abhängigen, kommunistischen Genossen zu besetzen. Das jeweilige Einflußgebiet wurde also durch die politisch-ökonomischen Konzepte des Besatzers verwaltet und umgeformt.
Zu dieser Zeit gab es aber nicht nur äußere Einflüsse, sondern auch innere. Auch deutsche Politiker diskutierten die Zukunft Deutschlands. Ähnlich wie die Besatzer stritten die Besetzten über die richtige und angemessene Form des Wiederaufbaus. Allgemeiner Konsens bestand über die künftige Regierungsform.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung des Ordoliberalismus
2.1 Klassischer Liberalismus
2.2 Ordoliberalismus
2.3 Soziale Marktwirtschaft
3. Entwicklung des demokratischen Sozialismus
3.1 Klassischer Sozialismus
3.2 Spaltung der sozialistischen Bewegung
3.3 Demokratischer Sozialismus
4. Entwicklung der Nachkriegsdiskussion
4.1 Teilung Deutschlands
4.2 Ordoliberalismus versus demokratischer Sozialismus
5. Ergebnis der Nachkriegsdiskussion
6. Fazit
7. Literaturangabe
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die konkurrierenden wirtschafts- und ordnungspolitischen Konzepte des Ordoliberalismus (bzw. der Sozialen Marktwirtschaft) und des demokratischen Sozialismus in der deutschen Nachkriegszeit. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, warum sich die Soziale Marktwirtschaft als dominierendes Modell in den westlichen Besatzungszonen durchsetzen konnte und welche Rolle dabei politische sowie gesellschaftliche Rahmenbedingungen spielten.
- Historische Herleitung des Liberalismus und Sozialismus
- Gegenüberstellung von Ordoliberalismus und demokratischem Sozialismus
- Einfluss der Besatzungsmächte auf die wirtschaftliche Neuordnung
- Analyse der politischen Akzeptanz verschiedener Wirtschaftsmodelle
- Diskussion über die Relevanz von Akzeptanz und Durchführbarkeit bei Wirtschaftsmodellen
Auszug aus dem Buch
2.2 Ordoliberalismus
Obwohl der klassische Liberalismus in seiner reinen Form nie Anwendung fand, wurden die weitreichenden Folgen der Weltwirtschaftskrise 1929 (Arbeitslosigkeit, Armut) als Fehler der liberalistischen Ideen und die damit verbundene „Laissez-faire“-Politik angesehen. Der klassische Wirtschaftsliberalismus rückte daher in den Hintergrund.
Mit dem Ordoliberalismus, der sich in den 30er und 40er Jahren entwickelte, wurde versucht Smith‘ Liberalismus so umzuformen, daß der Staat in der Marktwirtschaft ein sinnvoll regulierendes Gewicht bekommt. Die aus dem Latein stammende Vorsilbe „Ordo“ bedeutet übersetzt „Ordnung“.
Die Vertreter des Ordoliberalismus erkannten, daß die liberale Marktwirtschaft ein künstlich geschaffenes Gebilde sei, das – wenn es nicht reguliert würde – dazu tendiere, sich selbst aufzulösen. Diese Erkenntnis erklärt sich aus den Folgen der vollen Konkurrenz. Diese führt zu Monopolbildungen in der Wirtschaft und zum Verdrängen kleinerer und mittlerer nicht mehr konkurrenzfähiger Akteure. Im Extremfall würde dies bedeuten das am Ende wenige Großunternehmen den gesamten Markt kontrollieren, ohne selbst kontrolliert zu werden: Die Marktwirtschaft und ihre Basis; der freie Wettbewerb hätten sich somit aufgehoben. Eine weitere Folge des unkontrollierten Marktes ist die Gefahr, daß nichtstaatliche Akteure aus der Wirtschaft (z.B. Unternehmen) Einfluß auf politische Entscheidungen gewinnen.
Im Gegensatz zum klassischen Liberalismus läßt der Ordoliberalismus daher klar definierte Eingriffe des Staates in die Wirtschaft zu, zum Erhalt der als empfindlich erkannte Marktwirtschaft. Dieser Eingriff besteht in der Bildung von Rahmenbedingungen, die ausschließlich die Einführung von Wettbewerbsordnungen und Kartellgesetze vorsieht. Dem Markt wird jedoch ein größtmöglicher Spielraum eingeräumt, um ihn nicht, wie etwa in der Planwirtschaft stark zu bürokratisieren und zu bremsen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die Ausgangslage im besetzten Deutschland nach 1945 und die Notwendigkeit der Diskussion über ein neues wirtschaftspolitisches System.
2. Entwicklung des Ordoliberalismus: Analysiert den Weg vom klassischen Liberalismus über den Ordoliberalismus bis hin zur Entstehung der Sozialen Marktwirtschaft.
3. Entwicklung des demokratischen Sozialismus: Erläutert die historischen Ursprünge des Sozialismus, dessen Spaltung und die Ausprägung des demokratischen Sozialismus als Alternative zum Kommunismus.
4. Entwicklung der Nachkriegsdiskussion: Untersucht die konträren Positionen zur wirtschaftlichen Zukunft Deutschlands im Kontext der deutschen Teilung und der gegensätzlichen Ansätze von SPD und CDU.
5. Ergebnis der Nachkriegsdiskussion: Reflektiert die Gründe für das Scheitern des demokratischen Sozialismus und den Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft in der Nachkriegszeit.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass die Durchsetzung eines Wirtschaftsmodells primär von praktischer Akzeptanz und gesellschaftlicher Durchführbarkeit abhängt.
7. Literaturangabe: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Ordoliberalismus, Soziale Marktwirtschaft, Demokratischer Sozialismus, Nachkriegsdiskussion, Wirtschaftswachstum, Laissez-faire, Planwirtschaft, Subsidiaritätsprinzip, Solidaritätsprinzip, Besatzungsmächte, Ludwig Erhard, Kurt Schuhmacher, Kapitalismus, Wettbewerbsordnung, Sozialisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Debatte um die wirtschaftspolitische Neuordnung in den deutschen Westzonen nach 1945 und den Wettstreit zwischen den Modellen der Sozialen Marktwirtschaft und des demokratischen Sozialismus.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die historische Entwicklung liberaler und sozialistischer Ideen, die staatliche Rolle in der Wirtschaft, die Auswirkungen des Besatzungsregimes sowie die Bedeutung gesellschaftlicher Akzeptanz für politische Konzepte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es zu verstehen, warum sich die Soziale Marktwirtschaft gegenüber dem demokratischen Sozialismus durchsetzen konnte, wobei der Fokus insbesondere auf nicht-theoretischen Einflussfaktoren liegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Verfasser nutzt eine historische und politikwissenschaftliche Analyse, basierend auf Literaturstudien zur Wirtschaftsgeschichte und politischen Theorie der Nachkriegszeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung beider Modelle, eine detaillierte Gegenüberstellung ihrer Grundprinzipien sowie eine Untersuchung der konkreten Nachkriegsdiskussion unter Berücksichtigung der politischen Akteure und Rahmenbedingungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Ordoliberalismus, Soziale Marktwirtschaft, demokratischer Sozialismus, Wettbewerbsordnung und historische Kontingenz.
Welche Rolle spielte der Einfluss der USA bei der Entscheidung für die Soziale Marktwirtschaft?
Der Einfluss der USA war entscheidend, da das amerikanische Wirtschaftsverständnis und die geopolitischen Interessen im beginnenden Kalten Krieg die Implementierung einer marktliberalen Ordnung begünstigten und sozialistische Ansätze der SPD erschwerten.
Warum konnte sich der demokratische Sozialismus in der Praxis nicht durchsetzen?
Neben dem Imageproblem der SPD als "marxistische Klassenpartei" und mangelnden konkreten Umsetzungsplänen war die Bevölkerung durch die Alltagsnöte der Nachkriegszeit weniger politisch als vielmehr an Stabilität und unmittelbarer materieller Besserung interessiert.
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- Roderik Gross (Author), 2000, Die Konzeptionen des Ordoliberalismus und des demokratischen Sozialismus als Alternativmodelle der Nachkriegsdiskussion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32196