Die Macht der Familientradition bei Thomas Mann. Tony Buddenbrook auf dem Weg in die Ehe mit Bendix Grünlich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tonys Entscheidungsfindung
2.1 Erste Begegnungen
2.2 Die Reaktionen auf den Heiratsantrag
2.3 Tony zwischen Ablehnung und Ehrgefühl
2.4 Grünlichs Werben um Tony
2.5 Tonys Ehe als Investition
2.6 Der äußere Einfluss auf Tonys Entscheidung
2.7 Travemünde - ein Traum von Freiheit, Glück und Liebe
2.8 Die Briefwechsel
2.8.1 Tonys Brief an ihren Vater
2.8.2 Der Antwortbrief des Vaters
2.9 Tonys Weg zurück in den Alltag

3. Tonys Entscheidung - Der Eintrag in die Familienchronik

4. Fazit mit Ausblick

Literatur
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

„[W]ir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette“1

Mit diesen Worten appelliert Konsul Buddenbrook in Thomas Manns Roman „Die Buddenbrooks“ an das Verantwortungsgefühl seiner Tochter Tony, die sich zunächst weigert, in die Fußstapfen ihrer Vorfahren zu treten und den für sie vorgesehenen Mann, Bendix Grünlich, zu heiraten.

Nach Familientradition2 der Kaufmannsfamilie ist es Tonys Aufgabe, durch eine vorteilhafte Heirat mit einem Kaufmann ihren Platz in der Kette einzunehmen und somit ihren Beitrag für Firma und Familie zu leisten. Nachdem sie dies jedoch zunächst strikt abgelehnt hat, entscheidet sie sich schließlich doch für die Ehe mit Grünlich.

Diesbezüglich ist es interessant Tonys Entscheidungsfindung zu untersuchen. Wie kommt es dazu, dass Tony sich trotz ihrer Abneigung gegenüber Grünlich auf eine Heirat mit ihm einlässt? Welchen inneren Prozess durchläuft sie? Welchen Einfluss üben die Eltern aus und welche Rolle spielt die Familientradition bei Tonys Entscheidung? Dies soll im Folgenden näher betrachtet und ausgearbeitet werden.

Da im Rahmen der Hausarbeit nicht alle Aspekte der Ehe zwischen Grünlich und Tony ausführlich behandelt werden können, soll der Fokus der Untersuchung auf Tonys Entscheidungsprozess liegen.

Um die Fragestellung beantworten zu können, werden zunächst die ersten Begegnungen mit Grünlich untersucht, bei denen sich bereits Tonys Abneigung zeigt. Im Anschluss wird Tonys Reaktion auf den Heiratsantrag analysiert, um danach den äußeren Einfluss, der auf sie ausgeübt wird, zu untersuchen. Ein Einschnitt in ihrem Entscheidungsprozess stellt der Aufenthalt in Travemünde dar, der ebenfalls Gegenstand der Untersuchung sein wird. Mit einem Eintrag in die Familienchronik entscheidet Tony sich letztlich für eine Ehe mit Grünlich und reiht sich als Glied in die Kette der Vorfahren ein; somit wird Tonys Entscheidung ein weiterer Betrachtungsaspekt sein. Im abschließenden Fazit werden die Untersuchungsergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf weiterführende Betrachtungsmöglichkeiten gegeben.

2. Tonys Entscheidungsfindung

2.1 Erste Begegnungen

Da sich Tonys Ablehnung gegenüber Grünlich bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen abzeichnet, lohnt sich ein Blick auf deren erste Begegnungen.

An einem Nachmittag im Juni, den die Familie Buddenbrook im Garten verbringt, sucht der 32-jährige Geschäftsmann aus Hamburg, Bendix Grünlich, die Familie auf.3 Auffällig an Grünlichs Aussehen sind sein goldgelber Backenbart und eine große Warze an seinem Nasenflügel.4 Sein Auftreten zeugt von guten Manieren: mit „feiner Zurückhaltung“5 wendet er sich an die Familie Buddenbrook und hat „für Jeden ein liebenswürdiges Wort“6. Seine sorgsam gewählten Worte verfehlen ihre Wirkung nicht: Tonys Eltern sind überzeugt, dass er ein „wohlerzogener und weltläufiger Mann“7 ist.

Dass Tony sich nicht von Grünlich beeindrucken lässt, sieht man bereits an dem „kalten und musternden Blick“8 und der Tatsache, dass sie sehr wohl bemerkt, dass Grünlich nach dem Mund der Eltern redet, um sich einzuschmeicheln.9 Auf ein Kompliment, das Grünlich ihr macht, reagiert Tony stumm mit zusammengezogenen Augenbrauen10 und zeigt somit, wie unberührt sie von seinen Schmeicheleien ist. Zum Abschied reicht sie ihm nicht die Hand11 und signalisiert dadurch ihre Ablehnung. Nachdem Grünlich gegangen ist, urteilt Tony: „Ich finde ihn albern“12, denn Grünlich nehme sich selbst sehr wichtig und spreche hauptsächlich von sich, um sich vor ihren Eltern gut darzustellen, was sie sehr „wütend“13 macht. Im Gegensatz zu ihren Eltern hat Tony, die des Öfteren als kindlich und naiv beschrieben wird14, sehr wohl Grünlichs falsches und aufgesetztes Verhalten durchschaut, welches sich im Laufe der

Handlung bestätigen wird. Hermann Kurzke, der Thomas Manns „Entlarvungspsychologie“15 als eine „ironische[ ] Demaskierung der Verhaltenslehre“ betrachtet, stellt fest, dass Grünlichs verlogenen Äußerungen durch sein Räuspern entlarvt werden.16

Tonys Vater Jean Buddenbrook hingegen verteidigt Grünlich und lässt bereits eine Vorahnung auf einen Heiratsantrag durchklingen, indem er auf Tonys heiratsfähiges Alter verweist:

„[...] er ist ein christlicher, tüchtiger, thätiger und fein gebildeter Mann, und du, Tony, ein großes Mädchen von 18 oder nächstens 19 Jahren, gegen das er sich so artig und galant betragen hat, du solltest deine Tadelsucht bezähmen.“17

Grünlichs Interesse an Tony bestätigt sich, als er sie ein paar Tage später nach einem Besuch bei ihrer Mutter trifft und ihr offenbart, dass er sie schmerzlich vermisst habe.18 Tony meidet den Augenkontakt mit ihrem Verehrer und „um ihren Mund lag das spöttische und vollkommen unbarmherzige Lächeln, mit dem ein junges Mädchen einen Mann mißt und verwirft“19. Tonys Abneigung gegenüber Grünlich scheint nach wie vor anzudauern und ihr Verhalten zeigt, dass sie sich ihm gegenüber überlegen fühlt. Tony sucht, mit dem Ziel Grünlich abzuweisen, nach einem passenden Wort, das zugleich gewandt und witzig sein soll, um ihn zu verwundern und ihm zu imponieren.20 Nach kurzem Überlegen entgegnet sie ihm, ohne in seine Augen zu schauen, dass seine Freude über ein Treffen nicht gegenseitig sei und lässt ihn stehen, als sie „rot vor Stolz über ihre sarkastische Redegewandtheit nach Hause“21 geht. Tonys Triumph über ihre Abfuhr ist jedoch nur von kurzer Dauer, da sie von ihren Eltern erfährt, dass Grünlich bereits am nächsten Sonntag zum Essen eingeladen ist.

Das besagte Sonntagsessen verläuft ähnlich, wie das Treffen zuvor: Grünlich verteilt Komplimente an die Familienmitglieder und versucht sich einzuschmeicheln, während Tony schweigsam das Essen über sich ergehen lässt.22 Wie zuvor hinterlässt Grünlich einen positiven Eindruck bei Tonys Eltern, der durch diesen Besuch noch verstärkt wurde.23 Da Tony die Begeisterung ihrer Eltern für Grünlich nicht teilen kann, zeichnet sich bereits bei den ersten Begegnungen ein Konflikt ab, der im Laufe der Handlung an Intensität gewinnt.

2.2 Die Reaktionen aufden Heiratsantrag

Einige Tage nachdem Grünlich nach Hamburg abgereist ist, stellen Tonys Eltern sie am Frühstückstisch wegen „einer ernsthaften Angelegenheit“24 zur Rede und in Tonys Gesicht zeichnen sich „Neugier und Erschrockenheit“25 ab. Als sie ahnt, um welche Angelegenheit es sich handelt, wird sie blass und still.26 Der Konsul bestätigt ihre Vorahnung und berichtet - nicht ohne zu erwähnen, dass sie Grünlich „als einen braven und liebenswürdigen Mann kennen gelernt haben“27 - von dem Brief, in dem er den Konsul um Tonys Hand bittet.28 Tony ruft aus: „Was will dieser Mensch von mir -! Was habe ich ihm gethan -?“29 und bricht in Tränen aus. Ihre Reaktion zeigt, dass sie mit der Situation überfordert und unglücklich ist. Die Konsulin versichert ihrer Tochter, dass sie nur das Beste für sie im Sinn habe und ihr somit von einer Heirat nicht abraten könne.30 Die fehlenden Gefühle für Grünlich - so beteuert sie - würden mit der Zeit kommen und deswegen bittet sie Tony, dem Urteil der Eltern zu vertrauen.31 Indem sie auf Tonys junges Alter anspielt, verdeutlicht sie ihre Unerfahrenheit, die sie mit den Ratschlägen „erfahrenerer Leute“32 auszugleichen empfiehlt. An dieser Stelle kommt die rationale Familienplanung zum Vorschein: Dem Verstand nach ist Grünlich eine vorteilhafte Wahl, die eine sorgenfreie Zukunft verspricht. Den Gefühlen nach kann Tony sich jedoch nicht mit einer Heirat Grünlichs arrangieren. Entscheidend für die Meinung der Eltern sind jedoch nicht Tonys Gefühle, sondern die Aussicht, die diese Heirat bietet.

Tony lässt sich nicht von den Worten ihrer Mutter trösten und beklagt, dass sie über Grünlich gar nichts wisse.33 Auch der Konsul versucht seine Tochter zu beruhigen und rückt „mit einer Bewegung plötzlicher Zärtlichkeit [...] an sie heran und [streicht] lächelnd über ihr Haar.“34

„Meine kleine Tony [...] was sollst du auch von ihm wissen? Du bist ein Kind [...]. Du bist ein kleines Mädchen, das noch keine Augen hat für die Welt, und das sich auf die Augen anderer Leute verlassen muß, die Gutes mit dir im Sinne haben...“35

Der Konsul verdeutlicht ebenfalls die kindliche Naivität seiner Tochter und die damit verbundene Unwissenheit und Unerfahrenheit. Auch er fordert sie auf, sich auf die Erfahrung und den guten Willen der Eltern zu verlassen. Die Zärtlichkeit, die er seiner Tochter entgegenbringt zeigt, dass er nicht mit Gewalt eine Heirat erzwingen möchte. Dennoch versucht er, seiner Tochter eine Heirat mit Grünlich näher zu bringen.

In Tonys Antwort, die sie fassungslos und schluchzend hervorbringt, zeigen sich Verzweiflung, Ratlosigkeit und Verständnislosigkeit: „Ich verstehe es nicht. [...] Er kommt hierher ... sagt allen etwas Angenehmes ... reist wieder ab ... und schreibt, daß er mich ... ich verstehe es nicht ... wie kommt er dazu ... was habe ich ihm gethan?! .. ,“36

Tonys Reaktion zeigt, dass sie mit der Situation überfordert ist. Sie weiß zwar von Kindheit an, dass sie eines Tages eine vorteilhafte Ehe mit einem Kaufmann eingehen wird37, doch jetzt, wo es gilt, ihrer Aufgabe nachzukommen und zudem der zukünftige Ehemann nicht ihren Vorstellungen entspricht, reagiert sie mit Ablehnung, die ihre Eltern auf ihre „kindliche Ratlosigkeit“38 zurückführen. Der Konsul versichert seiner Tochter, dass er sie nicht zu einer Entscheidung drängen will und beteuert, dass die „ernste Sache“39 40 in Ruhe bedacht werden muss.

Als sich der Vater verabschiedet hat und ihre Tränen nachlassen, beginnt Tony nachzudenken41:

Gott! was [sic] für eine Angelegenheit! Sie hatte es ja gewusst, daß sie eines Tages die Frau eines Kaufmannes werden [sic], eine gute und vorteilhafte Ehe eingehen werde, wie es der Würde der Familie und der Firma entsprach ... Aber nun geschah es ihr plötzlich zum ersten Male, daß jemand sie wirklich und allen Ernstes heiraten wollte! Wie sollte man sich dabei benehmen? Für sie, Tony Buddenbrook, handelte es sich plötzlich um alle diese, furchtbar gewichtigen Ausdrücke, die sie bislang nur gelesen hatte: um ihr »Jawort«, um ihre »Hand« ... »fürs Leben« ... Gott! Was für eine gänzlich neue Lage auf einmal!42

Diese Passage bestätigt die Einschätzung des Konsuls: Tonys Ratlosigkeit macht sich vor allem dadurch bemerkbar, dass sie sich mit der unerwarteten Situation überfordert fühlt und nicht weiß, wie sie auf den Antrag reagieren soll. Obwohl ihr bewusst ist, dass ihr eine vorteilhafte Heirat vorherbestimmt ist, kann sie sich zunächst nicht mit der Situation arrangieren. Bedeutungsvolle Ausdrücke wie das „Jawort“43 scheinen sie zum einen einzuschüchtern und zum anderen der Situation feierliche Bedeutung und Gewicht zu verleihen. Sowohl die Interjektion „Gott!“44, als auch die Interpunktion in diesem Abschnitt, verdeutlichen dies.

2.3 Tony zwischen Ablehnung und Ehrgefühl

Ein erster Wandel von Tonys Sicht auf die Hochzeit macht sich bemerkbar, als sie den zuvor noch einschüchternden Ausdruck „Jawort“ erstmals mit „Würde“45 ausspricht. Die Bedeutung, die mit dem Wort mitschwingt, scheint Tony weniger zu erschrecken und stattdessen mit Ehrgefühl zu erfüllen. Eine weiteres Indiz für eine Veränderung wird darin sichtbar, dass sie sich für ihre „anfängliche[ ] Fassungslosigkeit ein wenig zu schämen“46 beginnt. Nach dem ersten Schock des Heiratsantrags beginnt in Tony ein innerer Prozess des Arrangierens mit der Situation. Auf der einen Seite erkennt Tony die Bedeutsamkeit der Heirat, die ihr eine wichtige Stellung, sowohl in der Familie als auch im Firmengeschäft, zu Teil werden lässt. Auf der anderen Seite erscheint ihr dennoch eine Heirat mit Grünlich abwegig: „es schien ihr nicht weniger unsinnig, als zehn Minuten früher, Herrn Grünlich zu heiraten, aber die Wichtigkeit ihrer Stellung fing an, sie mit Wohlgefallen zu erfüllen.“47 Die anfängliche strikte Ablehnung einer Heirat mit Grünlich scheint der Bedeutsamkeit ihrer Aufgabe zu weichen.

Neben Tonys Reaktion auf den Heiratsantrag bieten ebenfalls die Reaktionen ihrer Eltern interessante Beobachtungsaspekte. Wie bereits beschrieben, wenden sie diverse Überzeugungsstrategien an, um ihrer Tochter eine Heirat mit Grünlich näher zu bringen.

So betont ihre Mutter den Vorteil einer Heirat mit Grünlich, die für die Familie eine „gute Partie“48 bedeute und weist auf die „ausgezeichnete^] Verhältnisse“49 hin, die ihrer Tochter ein luxuriöses Leben in Hamburg versprechen. Tony, für die Wohlstand und die Annehmlichkeiten des Reichtums eine große Rolle spielen, malt sich gedanklich ein Leben als „Madame Grünlich“50 aus. Indem die Konsulin ihre Tochter daran erinnert, dass sich so ein Glück „nicht alle Tage bietet, und daß diese Heirat genau das ist, was Pflicht und Bestimmung“51 für sie vorgesehen haben, appelliert sie an Tonys Vernunft und ihr Pflichtgefühl gegenüber der Familie.

Die Verpflichtung macht Tony stolz, denn es ist ihr „Beruf, auf ihre Art den Glanz der Familie und der Firma [...] zu fördern, indem sie eine reiche und vornehme Heirat“52 eingeht. Wie Thomas seine Aufgaben im Comptoir erfüllt53, so hat auch Tony zum Ruhm und Wohlstand der Familie beizutragen. Obwohl sie sich dessen bewusst ist und es sie mit Stolz erfüllt, überwiegt weiterhin die Ablehnung gegenüber Grünlich: „[...] aber ausgemacht Herr Grünlich [...] »Was für ein Unsinn, Grünlich zu heiraten!«“54

Zusammenfassend lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass die Überzeugungsversuche der Eltern Tonys Zweifel nicht zerstreuen können. Tony scheint hin- und hergerissen zu sein zwischen der Bedeutsamkeit der Situation und der Ablehnung gegenüber Grünlich. Zum einen ist ihr bewusst, dass sie ihren Beitrag zur Erhaltung der Familie und der Firma leisten muss, zum anderen ist ihr der zukünftige Ehemann zuwider. Nach anfänglicher Ablehnung des Antrages, denkt Tony zunehmend über die Situation nach, sodass ihr zumindest zeitweise eine Heirat nicht mehr ganz abwegig erscheint; von einer Zustimmung ist sie dennoch weit entfernt.

2.4 Grünlichs Werben um Tony

Da ein Brief des Konsuls weiterhin Hoffnung bei Grünlich geweckt hat, besucht er Tony mit einem „Ausdruck flehender Zärtlichkeit“55 auf dem Gesicht, um von ihr „das letzte, entscheidende Wort in Empfang zu nehmen“56. Tony, die mit dem Besuch ihres Verehrers nicht gerechnet hat, wird bleich und reagiert mit Entsetzen:

Solange sie Herrn Grünlich weit entfernt wußte, hatten die ernsthaften Verhandlungen mit den Eltern und die plötzliche Wichtigkeit ihrer Person und die Entscheidung ihr geradezu Spaß gemacht. Nun aber war er wieder da! Er stand vor ihr! Was würde geschehen? Sie fühlte schon wieder, daß sie weinen werde57.

Diese Passage verdeutlicht erneut Tonys Zwiespalt. In Grünlichs Abwesenheit bereitet ihr die Situation nahezu Freude, da sie dadurch mit einem Gefühl der Wichtigkeit erfüllt wird. Der unerwartete Besuch ihres Verehrers jedoch löst Panik und Entsetzen in ihr aus. Mit hervorgeschobenen Lippen und jedes Wort „mit einer tiefen Entrüstung betont[ ]“58 bringt Tony, den Tränen nahe, ihm entgegen: „Was - fällt - Ihnen - ein!“59, und verdeutlicht somit ihre Empörung über den Überraschungsbesuch. Nachdem sie erfahren hat, dass der Brief des Vaters in Grünlich weitere Hoffnung geweckt hat und er somit gekommen ist, um von ihr eine Zustimmung zur Heirat zu erhalten, ist Tony verblüfft.60 Die Liebesschwüre Grünlichs verängstigen Tony und nachdem sie in das „rosige Gesicht, auf die Warze an seiner Nase und in seine Augen, die so blau waren, wie diejenigen einer Gans“61

[...]


1 Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe. Frankfurt am Main: Fischer 2012, hier S. 160. Im Folgenden zitiert als: Mann: Buddenbrooks.

2 Den Begriff „Tradition“ hat Heide Lutosch ausführlich erläutert und die damit verbundene Bedeutung der Kontinuität - auch im Hinblick auf die Romanfiguren - herausgestellt (vgl. Lutosch, Heide: Ende der Familie - Ende der Geschichte. Zum Familienroman bei Thomas Mann, Gabriel García Márquez und Michel Houellebecq. Bielefeld: Aisthesis 2007, hier S. 17-24.) Im Folgenden zitiert als: Lutosch: Ende der Familie.

3 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 100-102. Ken Moulden verweist darauf, dass Thomas Mann einen Bericht über seine Tante Elisabeth, den er über einen Brief seiner Schwester Julia erhalten hat, als Vorlage für diese Episode nahm, und zum Teil wörtlich in den Roman einarbeitete (vgl. Moulden, Ken: Die Figuren und ihre Vorbilder. In: Buddenbrooks-Handbuch, hg. von ders. und Gero von Wilpert. Stuttgart: Kröner 1988, S. 11-25, hier S. 19-20. Mann, Julia: Tante Elisabeth [Haug-Mann]. In: Sinn und Form, Jg. 15, Nr. 2/3 (1963), S. 482-496).

4 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S.102. Siehe auch Klaus-Jürgen Rothenberg, der herausstellt, dass die unnatürliche Farbe des Bartes „symbolisch für die Falschheit dieses Menschen“ stehe (Rothenberg, Klaus-Jürgen: Das Problem des Realismus bei Thomas Mann. Zur Behandlung von Wirklichkeit in den „Buddenbrooks“. In: Literatur und Leben, Bd. 11, hg. von Richard Alewyn und Herbert Singer. Köln: Böhlau 1969, hier S. 186). Im Folgenden zitiert als: Rothenberg: Das Problem des Realismus.

5 Mann: Buddenbrooks, S. 102.

6 Ebd. S. 105.

7 Ebd., S. 107.

8 Ebd., S. 103.

9 Vgl. ebd., S. 104.

10 Vgl. ebd., S. 106.

11 Vgl. ebd., S. 107.

12 Ebd., S. 107.

13 Ebd., S. 108.

14 Vgl. ebd. S. 113.

15 Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche - Werk - Wirkung. 4. Auflage. München: C. H. Beck 2010, hier S. 69. Im Folgenden zitiert als: Kurzke: Thomas Mann.

16 Vgl. ebd. Siehe: „[...] mein Geschäft ist ein außerordentlich reges...hä-ä-hm“ (Mann: Buddenbrooks, S. 103).

17 Mann: Buddenbrooks, S.113.

18 Vgl. ebd., S. 109.

19 Ebd.

20 Vgl. ebd.

21 Ebd.

22 Vgl. ebd., S. 110.

23 Vgl. ebd.

24 Ebd., S. 111.

25 Ebd., S. 112.

26 Vgl. ebd.

27 Ebd.

28 Vgl. ebd.

29 Ebd.

30 Vgl. ebd., S. 113.

31 Vgl. ebd.

32 Ebd.

33 Vgl. ebd.

34 Ebd.

35 Ebd.

36 Ebd.

37 Vgl. ebd., S. 97. Bei Sesemi Weichbrodt äußert Tony als Kind in einem Gespräch mit Gerda: „Ich werde natürlich einen Kaufmann heiraten. [...] Er muß recht viel Geld haben [...]; das bin ich meiner Familie und der Firma schuldig.“ (Ebd.). Siehe auch ebd. S. 114.

38 Ebd., S. 113.

39 Ebd., S. 114.

40 Vgl. ebd.

41 Vgl. ebd. An dieser Stelle sei festzuhalten, dass Tonys Gedanken nur indirekt über den Erzähler vermittelt

42 Ebd.

43 Ebd.

44 Ebd.

45 Ebd.

46 Ebd.

47 Ebd.

48 Ebd., S. 115.

49 Ebd.

50 Ebd.

51 Ebd.

52 Ebd. Siehe auch Vogt, der betont, dass die Heirat die einzige Handlung sei, mit der die Frau in die „Ökonomie der Familie eingreift“, um so Geld und Ansehen der Familie zu vermehren (Vogt, Jochen: Thomas Mann, „Buddenbrooks“, 2., rev. und erg. Auflage. München: Fink 1995, hier S. 49. Im Folgenden zitiert als: Vogt: Thomas Mann).

53 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 115.

54 Ebd., S. 115-116.

55 Ebd., S. 117.

56 Ebd., S. 118.

57 Ebd., S. 117.

58 Ebd.

59 Ebd.

60 Vgl. ebd., S. 118.

61 Ebd., S. 119.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Macht der Familientradition bei Thomas Mann. Tony Buddenbrook auf dem Weg in die Ehe mit Bendix Grünlich
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Kapitalismusstudien: Heinrich Manns »Im Schlaraffenland« und Thomas Manns »Buddenbrooks«
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V322095
ISBN (eBook)
9783668212961
ISBN (Buch)
9783668212978
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mann, Buddenbrooks, Manns, Bendix Grünlich, Tony Buddenbrook, Lübeck, Travemünde, Hochzeit, Familientradition, Thomas Mann, Die Buddenbrooks
Arbeit zitieren
Stefanie Poschen (Autor), 2016, Die Macht der Familientradition bei Thomas Mann. Tony Buddenbrook auf dem Weg in die Ehe mit Bendix Grünlich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322095

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