Die Entwicklung der westdeutschen Wirtschaftspolitik seit 1967 im Überblick


Seminararbeit, 2012
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung in die Konjunkturtheorie

3 Exkurs in Keynes Wirtschaftstheorie

4 Das Stabilitätsgesetz
4.1 Gesetzesmaterie & normative Ansprüche
4.2 Mechanismen & Instrumente
4.2.1 Fiskalpolitik
4.2.2 Geldpolitik
4.2.3 Einkommenspolitik
4.2.4 Informationspolitik

5. Fazit

6. Probleme und Systemdefizite

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als die Regierung unter Ludwig Erhard 1966 an der ersten, signifikanten Nachkriegsrezession zerbrach, war die Frage nach dem Ende des Wirtschaftswunders in aller Munde.[1] Um der Krise Herr werden zu können, mussten einschneidende Veränderungen im wirtschaftspolitischem Konzept der Bundesrepublik Deutschland vorgenommen werden. In der folgenden Ausarbeitung werde ich systematisch die Veränderungen untersuchen, welche 1967 umgesetzt wurden um das Wirtschaftssystem der BRD zu reformieren.

2 Einführung in die Konjunkturtheorie

Ich erachte es als notwendig eine kurze Einführung in die Grundzüge der Konjunkturtheorie vorzunehmen, um eine solide Ausgangsbasis für die folgenden Untersuchungen gewährleisten zu können . Ganz allgemein kann man Konjunktur definieren als Das periodische auf und ab ökonomischer Aktivität im Wirtschaftsablauf. Im Zentrum der Konjunkturbetrachtung steht das reale Volkseinkommen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) […]. Konjunkturbedingte Schwankungen zeigen sich aber auch in vielen anderen makroökonomischen Größen, insbesondere in der Beschäftigung bzw. der Arbeitslosigkeit, der Preisentwicklung, im Konsum, in den Exporten oder den Investitionen.[2]

Es wird davon ausgegangen dass der Konjunkturverlauf durch eine Sinuskurve dargestellt werden kann. Diese symbolisiert die vier Phasen, die eine Volkswirtschaft beim durchlaufen eines Zyklus passiert. Die erste Phase wird als Aufschwung oder Erholungsphase bezeichnet. Sie ist gekennzeichnet durch einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion und eine erhöhte Kapazitätsauslastung. Des Weiteren steigt der Beschäftigungsgrad und damit verbunden auch die Nachfrage an Konsumgütern. Eine geringfügige Erhöhung der Preise und Zinssätze ist ebenfalls erkennbar.

In der zweiten Phase (Boom oder auch Hochkonjunktur) kommt es zu einer vollen Auslastung oder sogar zur Überlastung der Produktionskapazitäten, welche das Resultat einer enormen Güternachfrage ist. Der Beschäftigungsgrad sowie Gehaltsniveaus erreichen in dieser Phase ihr Maximum, verbunden mit der erhöhten Nachfrage steigen auch Preise und Zinssätze. Es ist eine signifikant größere Geldmenge im Umlauf, was inflationäre Tendenzen und somit eine mögliche Abwertung des Geldes nach sich zieht.

Die dritte Phase wird als Abschwung oder Rezession betitelt. Sie ist geprägt durch einen Rücklauf an gesamtwirtschaftlicher Aktivität. Güternachfrage und Produktion sinken, was sich in einem unmittelbaren Rückgang der Beschäftigung niederschlägt. Arbeitslosigkeit und geringere Produktnachfrage wirken sich erst nach geraumer Zeit auf Preis und Zinssätze aus. Dieses Phänomen lässt die Nachfrage an Investitionsgütern sinken und kann sich in einer Verstetigung der Rezession (Depression) manifestieren.

Das Tief oder die Depression sind Bezeichnungen für die vierte Phase des Zyklus. Sie charakterisieren eine verstetigte Rezession, in welcher es zu einer äußerst geringen Auslastung der wirtschaftlichen Kapazitäten, einem hohen Grad an Arbeitslosigkeit und einer starken Stagnation der Güternachfrage kommt. Neben einer Verringerung des Einkommens der Haushalte wirkt sich die Depression auch bedeutend negativ auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmer und Börsenkurse aus. Das Preisniveau sinkt weiterhin und kann deflationären Tendenzen zur Folge haben, welche wiederum eine Verfestigung der Depression hervorrufen können.[3]

Ergänzend bleibt zu sagen, dass die Betrachtung eines Konjunkturzyklus an Hand einer Sinuskurve ein stark idealisiertes Modell ist, welches den Ansprüchen der heutigen Ökonomie unzureichend genügt.

3 Exkurs in Keynes Wirtschaftstheorie

Nachdem nun eine allgemeine Grundlage für das Verständnis der Konjunktur geschaffen ist, werde ich darauf aufbauend den Grundriss der Wirtschaftstheorie John Maynard Keynes skizzieren. Dies ist meines Erachtens nach obligatorisch um die wirtschaftspolitischen Veränderungen der BRD verständlich explizieren zu können.

Die Prämisse einer zyklisch verlaufenden Wirtschaft ist einer der Grundgedanken, auf welchem die Überlegungen Keynes fundieren. Er geht des Weiteren von der Annahme aus, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage den zentralen Antrieb einer Volkswirtschaft darstellt und somit unmittelbaren Einfluss auf alle makroökonomischen Größen hat. Eine gesonderte Rolle spielt die Nachfrage an Investitionsgütern, welche im weiteren Verlauf noch näher untersucht wird. Dem zur Folge konstatiert Keynes, dass die Ursache für konjunkturelle Einbrüche aus einer zu geringen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage resultiere.[4]

Der Kausale Zusammenhang von gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und anderer Faktoren der Makroökonomie lässt sich anhand einer Rezession aufzeigen. Demnach folgt aus einer stagnierenden Nachfrage eine geringere Produktion von Gütern und ein damit verbunden verringerter Grad an Beschäftigung, was wiederum eine Verringerung des Volkseinkommens zur Folge hat. Arbeitslosigkeit und Geldmangel in der Bevölkerung wirken sich demnach negativ auf die Nachfrage von Konsumgütern aus, jenes lässt die Auslastung der Produktionskapazitäten weiter schrumpfen und führt somit zu einer Verstetigung der Rezession.

Im Gegensatz zu der Meinung vieler Ökonomen seiner Zeit geht Keynes davon aus, dass Arbeitslosigkeit kein Zufallsphänomen ist, welches sich über die selbstregulierenden Kräfte des Marktes allein legt. Er betrachtet Arbeitslosigkeit mehr als einen Faktor, der zur Verfestigung einer Rezession und somit in einem langfristigen konjunkturellen Tief münden kann.[5] Aus diesen Annahmen schließt Keynes, dass ein externer Einfluss auf makroökonomische Aggregate notwendig ist, um eine stabile Wirtschaft zu generieren bzw. zu gewährleisten. In seiner Konzeption kommt diese Aufgabe der Regierung des jeweiligen Landes zu. Jene muss nicht nur Rahmenbedingungen für eine funktionsfähige Marktwirtschaft schaffen, sondern auch im Sinne einer Globalsteuerung der Makroökonomie direkt in das Wirtschaftsgeschehen intervenieren. Dieser Eingriff muss möglichst antizyklisch vorgenommen werden, um den Auswirkungen der jeweiligen Phase entgegenwirken zu können und so eine möglichst stetige Wirtschaft zu erzeugen. Der Erhalt der Nachfrage ist dabei das elementare Ziel. Sie fungiert als Garant für ein hohes Maß an Beschäftigung, was langfristig betrachtet wieder die Nachfrage erhöht. Demnach muss der Staat für eine kontinuierliche Nachfrage garantieren, sich nötigenfalls auch verschulden um diese zu gewährleisten .[6]

In einer Rezession bspw. müssten die politischen Handlungsträger im Rahmen einer antizyklischen Fiskalpolitik die Nachfrage an Gütern und die Investitionsbereitschaft der Unternehmer steigern. Dies könnte durch eine Senkung der Steuern und Zinssätze erreicht werden. Die Verringerung der Zinssätze wirkt sich unmittelbar auf die bereits erwähnte Nachfrage an Investitionsgütern aus und erhöht damit die Bereitschaft der Unternehmer Kredite aufzunehmen um Investitionen zu tätigen, was wiederum die Produktionsauslastung erhöht und so neue Arbeitsplätze schafft. Investitionsgüter sind dementsprechend von enormer Bedeutung um Einfluss auf den Verlauf eines Konjunkturzyklus nehmen zu können. Die Herabsetzung der Steuern wirkt sich positiv auf das Konsumverhalten der Bevölkerung aus, dieses erhöht erneut die Gesamtnachfrage an Gütern. Summa summarum würde der Rezession entgegengewirkt werden und die gesamtwirtschaftliche Lage bessert sich.

Die finanziellen Mittel, die benötigt werden um eine solche Fiskalpolitik zu betreiben müssten über Staatsverschuldung erworben werden („deficit spending“). Der Abbau dieser Schulden würde nach Idee Keynes durch eine antizyklische Fiskalpolitik während einer Hochkonjunktur erfolgen. Eine signifikante Erhöhung von Steuer und Zinssätzen würden die Staatskasse mit Geld füllen und außerdem einer Überhitzung der Wirtschaft vorbeugen.[7]

4 Das Stabilitätsgesetz

Da alle Grundlagen für ein hinreichendes Verständnis einer Stabilisierungspolitik auf der Basis der Idee Keynes geschaffen sind, werde ich nun auf die Implikation dieser in die Bundesrepublik Deutschland eingehen. Nach dem Ende der Regierung unter Ludwig Erhard im Mai 1967, übernahm die Koalition CDU/CSU & SPD unter Kurt Georg Kiesinger die Regierungsgeschäfte. Karl Schiller wurde als neuer Wirtschaftsminister berufen. Der SPD Politiker und habilitierte Ökonom symbolisierte mit seiner keynesianisch geprägten Ideologie einen wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel. Schiller spielte eine zentrale und wegbereitende Rolle für die Ausarbeitung und Verabschiedung des Stabilitätsgesetz 1967.[8]

4.1 Gesetzesmaterie & normative Ansprüche

Das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (StWG/StabG) trat am 8.Juni 1967 in Kraft und umfasst alle wirtschaftspolitischen Änderungen, die im Zuge der ersten einschneidenden Rezession nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vorgenommen wurden. Bereits der erste Paragraph:

§1

Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, da[ss] sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.[9]

beinhaltet die elementare und normative Konzeption unter welcher fortan die wirtschaftspolitischen Entscheidungen subsumiert werden sollten. Die makroökonomischen Größen: Preisstabilität, hoher Beschäftigungsgrad, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und ein angemessenes Wachstum wurden als Zielgrößen der Wirtschaft festgelegt, welche auch als „magisches Zielviereck“ bezeichnet werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Föderalismus, bzw. die implizierte Norm eines gemeinsamen Wirtschaftsziels von Bund und Ländern.

Der Grundgedanke hinter dem StWG ist es eine „[...] sinnvolle Synthese von Globalsteuerung und Marktwirtschaft […]“[10] zu schaffen. In dieser ist es nach keynesianischem Vorbild die Aufgabe der politischen Handlungsträger, durch eine antizyklische Stabilisierungspolitik den angestrebten Zustand der Wirtschaft zu gewährleisten.

4.2 Mechanismen & Instrumente

Neben der Implikation der Globalsteuerung in den Kompetenzbereich der Politik, bedarf es einer Vielzahl an Mechanismen, Institutionen und Instrumenten, um eine Stabilisierungspolitik nach dem Vorbild Keynes betreiben zu können. Im Verlauf dieses Kapitels werde ich die Instrumente des Stabilitätsgesetzes näher betrachten, um anhand von ihnen die Umsetzung der antizyklischen Wirtschaftspolitik in der BRD zu beschreiben.

4.2.1 Fiskalpolitik

Unter der Fiskalpolitik können „[a]lle finanzpolitischen Maßnahmen des Staatssektors im Dienst der Konjunkturpolitik mittels öffentlicher Einnahmen und Ausgaben [...]“[11] zusammengefasst werden. Die Umsetzung dieser erfolgt nach keynesianischem Vorbild antizyklisch und hat dementsprechend eine Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zum Ziel.[12]

Die Fiskalpolitik bietet somit ein umfangreiches Repertoir an Instrumenten für die Durchführung einer antizyklischen Konjunkturpolitik - jenes zeigt sich bereits im Steuersystem. So kann ein progressives Steuersystem eine unmittelbar stabilisierende Funktion der Konjunktur bewirken. Der variable Steuersatz hat während eines Aufschwungs / Booms eine bremsende Wirkung, da überproportional mehr Steuern gezahlt werden müssen und verringert die Abgaben, welche die Bevölkerung während einer Rezession / Depression zahlen muss ebenso signifikant. Dadurch wird auch in einem konjunkturellem Tief ein gewisses Maß an Konsumnachfrage gesichert.[13]

[...]


[1] Vgl. Artikel: „Ist das Wirtschaftswunder zu Ende ?“, in : DER SPIEGEL 1/1966. Abgerufen unter http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=21112656&aref=image027/E0201/1092675-edium-J2P-21112656.pdf&thumb=false (Stand: 09.05.2012).

[2] Gärtner, Manfred/Schmidt, Caroline: Konjunktur, in: Schubert, Klaus (Hrsg.): Handbuch des ökonomischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2005, S. 263-271, hier S. 263.

[3] Vgl. Artikel: Konjunkturzyklus, in: Vimentis Wirtschaft & Politiklexikon. Abgerufen unter http://www.vimentis.ch/d/lexikon/264/Konjunkturzyklus.html (Stand: 10.05.2012).

[4] Vgl. Artikel: Keynesianismus, in: Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen unter http://www.bpb.de/wissen/IZXP13 (Stand 10.05.2012).

[5] Vgl. Artikel: Keynesianismus, in: Gabler Wirtschaftslexikon. Abgerufen unter http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/54604/keynesianismus-v10.html (Stand 10.05.2012).

[6] Vgl. Schmid, Josef u.a. : Wirtschaftspolitik für Politologen, Paderborn etc. 2006, S. 88-97, hier S. 88ff.

[7] Vgl. Ebd. S.90.

[8] Vgl. Andersen, Uwe: Konjunktur- und Beschäftigungspolitik, in: Dieter Grosser (Hrsg.): Der Staat in der Wirtschaft der Bundesrepublik, Opladen 1985, S. 345-425, hier S. 383f.

[9] StWG §1, in: Bundesministerium der Justiz. Abgerufen unter http://www.gesetze-im-internet.de/stabg/__1.html (Stand: 13.05.2012).

[10] Andersen: Der Staat in der Wirtschaft. S. 385.

[11] Artikel: Fiskalpolitik, in: Gabler Wirtschaftslexikon. Abgerufen unter http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/5469/fiskalpolitik-v8.html (Stand 13.05.2012).

[12] Vgl. Ebd.

[13] Vgl. Andersen: Der Staat in der Wirtschaft. S. 389.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der westdeutschen Wirtschaftspolitik seit 1967 im Überblick
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Wirtschaft und Politik
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V322174
ISBN (eBook)
9783668214255
ISBN (Buch)
9783668214262
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaft, Politik, Wirtschaftspolitik, Konjunktur, Phillipskurve, Stabilitätsgesetz, Konjunkturpolitik
Arbeit zitieren
Gino Krüger (Autor), 2012, Die Entwicklung der westdeutschen Wirtschaftspolitik seit 1967 im Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322174

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Entwicklung der westdeutschen Wirtschaftspolitik seit 1967 im Überblick


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden