Historischer Materialismus und die Grundlagen des Marxismus. Ein kurzer Überblick


Essay, 2013

4 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Karl Marx und Friedrich Engels sind die wohl bekanntesten Vertreter der politischen und sozialen Bewegung des Kommunismus, ihr Denktypus und ihre Lehren gelten noch heute als maßgebende Richtschnur und Inspiration für eine eigenständige Analyseform, die den Anspruch erhebt soziale und ökonomische Phänomene (wie bspw. die Verstetigung der Interdependenz zwischen den modernen bzw. postmodernen Nationen) vollständig und rein deskriptiv erklären zu können[1]. Des Weiteren ist ihr Wirken noch immer von praktischer Bedeutung, da ihre politischen Ideen in den verbliebenen, kommunistisch bzw. sozialistisch orientierten Ländern der Welt (zumindest partiell) Anwendung findet.

Die von Marx und Engels entwickelte Lehre ist begründet auf einem spezifisch empirischen Verständnis der Welt, dem historischen Materialismus. Die Grundlage dieser Komplexen Theorie bildet die ontologische Annahme, dass alle Phänomene der wirklichen Welt entweder Materie sind, oder durch Materie konstituiert werden (was die Existenz von metaphysischen Entitäten, wie z.B.. Götter oder transzendente Ideen, ausschließt). Des Weiteren postuliert der historische Materialismus ein empirisch erfassbares Menschenbild, welches den Menschen als eine natürliche Lebensform identifiziert, die sich in ihren spezifischen Eigenschaften von den anderen Lebensformen dadurch unterscheidet, dass sie ihre Lebensmittel (im weitesten Sinne des Begriffes, d.h. Nahrung, Kleidung und Obdach) selbst produziert.[2] Überdies betrachten Marx und Engels das produktive Tätigsein des Menschen nicht nur als die genuin menschliche Eigenschaft schlechthin, sondern auch als den Anbeginn der Geschichte. Die Geschichte, welche als die „einzige Wissenschaft“ begriffen wird, ist somit der zentrale Aspekt ihrer Theorie, denn sie fungiert als Quelle der deskriptiven Erkenntnis über die Wirklichkeit, d.i. das konstatierbare Verhältnis des Menschen zur Natur, zu anderen Menschen und zu sich selbst.[3]

Die erste (deskriptive) Prämisse des historischen Materialismus ist demnach, dass der Mensch imstande sein muss zu leben, um eine historische Entwicklung durchlaufen zu können (wie er es tatsächlich getan hat und noch immer tut). Ergo muss er „ materielles Leben “ produzieren (Lebensmittel erzeugen), um seine primären Bedürfnisse zu befriedigen und somit sein Überleben zu gewährleisten. Die zweite Annahme des historischen Materialismus artikuliert, dass die Befriedigung eines Bedürfnisses unmittelbar in der Erzeugung neuer Bedürfnisse resultiert. Des Weiteren argumentieren[4] Marx und Engels, dass sobald die Menschen ihre materielle Subsistenz gewährleisten haben, beginnen sie neue Menschen zu produzieren (d.i. Fortpflanzung), woraus das erste soziale Verhältnis entsteht – die Familie.[5]

Die Konklusion, welche Marx und Engels aus diesen Beobachtungen ziehen ist, dass die produktive Tätigkeit des Menschen sich in der Art der sozialen Organisation manifestiert, was bedeutet, dass jede historische und gegenwärtige Form des menschlichen Zusammenlebens lediglich ein Ausfluss der jeweiligen Produktionsverhältnisse dieser Gesellschaft ist. Dieser Zusammenschluss zu einer Gemeinschaft, d.i. der Verkehr mit anderen Individuen, stellt nach Marx und Engels ein notwendiges Bedürfnis der Individuen dar, der dem Zweck der Produktion als Mittel dient. Aus diesem Bedürfnis entstehen folglich: 1. Die physische Organisation, d.i. die Art und Weise der Produktion; 2. Das Bewusstsein, d.i. das Wissen der Individuen von der Notwendigkeit der gesellschaftlichen Organisation zum Zweck der Produktion; und 3. Die Sprache als Medium des Verkehrs. Aus der gesellschaftlichen Organisation resultiert wiederum eine Steigerung der Produktivität und damit verbunden ein Anstieg der Bedürfnisse und der Bevölkerung.[6]

Als Folge dieser Entwicklung ergibt sich nach Marx und Engels Analyse die Teilung der Arbeit[7] an sich und in materielle und geistige Arbeit, wobei die geistige Arbeit als Emanzipation des Bewusstseins von der tatsächlichen Welt (daher der produktiven Praxis) verstanden wird, die die Bildung von Theorie, Theologie, Philosophie und Moral ermöglicht, welche in Widerspruch mit den existenten Verhältnissen geraten müssen. Dieser Widerspruch ist wiederum Ausdruck der Tatsache, dass die Teilung der Arbeit immer in eine ungleiche Verteilung (sowohl quantitativ, als auch qualitativ) der Produktion und Konsumption resultiert – d.i. das Eigentum. Des Weiteren verursacht die Teilung der Arbeit einen Widerspruch zwischen dem partikularem Interesse des Individuums (die Verfügung über fremde Arbeitskraft, bedingt durch Vermehrung von Eigentum – d.i. Sklaverei) und dem gemeinschaftlichen Interesses aller Individuen (Verkehr zum Zweck der Produktion von Gütern). Letztendlich manifestiert sich jener Widerspruch in der Entstehung und Konsolidierung von Klassen (bzw. Stände), wobei eine Klasse (bedingt durch ihr Eigentum an den Produktionsmitteln) über die andere[n] verfügt.[8]

Ferner ist die gesamte Geschichte der Menschheit, daher die Geschichte der materiellen Produktion und ihrer Manifestation in den spezifischen Verkehrsformen (wie bspw. Handel, Krieg, Sklaverei, Feudalismus und der bürgerlichen Gesellschaft) Ausdruck eines kontinuierlichen Konfliktes und Gegensatzes zwischen den unterdrückenden Klassen und den unterdrückten Klassen. Woraus folgt, dass die Geschichte der Menschheit die Geschichte eines kontinuierlichen Klassenkampfes ist. Dieser ist durch revolutionäre Umbrüche zäsiert, bei denen sich ganze Gesellschaften komplett umstrukturieren oder gar untergehen.[9]

Doch Trotz des wiederkehrenden Mündens aller bisherigen (sklavischen) Organisationsformen in Revolutionen, geht nach der Auffassung Marx und Engels aus jeder Umgestaltung stets eine neue, teils noch extremere Form der Unterdrückung hervor. Wobei die ehemalige Herrscherklasse lediglich durch eine neue aufstrebende (revolutionäre) Klasse abgelöst wird. Charakteristisch für jede neue Herrscherklasse (egal ob Freie, Patriziat, Adel oder Bourgeoisie) ist die Produktion spezifischer geistiger Erzeugnisse (bspw. Freiheit, Gerechtigkeit oder Menschenrechte) und die Erhebung dieser Ideen zum revolutionären Gedankengut. Dieses Phänomen ist nach Marx und Engels notwendiges Mittel der revolutionären Klasse, um die breite Masse der Gesellschaft (welche der eigentliche Träger einer jeden Revolution ist) zu mobilisieren und damit für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Durch den Umsturz der alten Herrscherklasse durch die revolutionäre Klasse entsteht eine Art Paradigmenwechsel der Weltanschauung (Ideologie), wobei die neuen Ideen lediglich die Gedanken der neuen Herrscherklasse sind und somit die Veränderung der materiellen Verhältnisse widerspiegeln.[10]

Marx und Engels historischer Materialismus mündet in den realen Zuständen der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, in dem Klassengegensatz zwischen dem Proletariat (den modernen, verarmten Lohnarbeitern des Zeitalters der Industriellen Revolution) und der Bourgeoisie (dem kosmopolitischen Großbürgertum, das durch Kapitalakkumulation und Privateigentum an den Produktionsmitteln die Produktionsverhältnisse lenkt). Paradigmatisch für diese Epoche ist die Zentralisierung des Reichtums (d.i. das Privateigentum an den Produktionsmitteln) in den Händen einiger weniger Großunternehmer und das Leben am Rande des Existenzminimums weiter Teile der Bevölkerung (Pauperismus).

Aus der gewonnenen Erkenntnis über die Produktionsverhältnisse, die aus der historischen Entwicklung der Produktionsmittel und der dadurch entstandenen Art des menschlichen Zusammenlebens hervorgeht, konstituieren Marx und Engels eine Organisationsform, die einen radikalen Gegenentwurf zu den bestehenden Verhältnissen darstellt. Diese Kommunistische Gesellschaft erhebt den Anspruch die bestehenden Klassengegensätze ein für allemal aufzuheben und somit allen Menschen eine Existenz zu ermöglichen, in der sich ein jeder frei entwickeln und gemeinschaftlich mit seinesgleichen zusammenleben kann. Um diese Gesellschaft zu verwirklichen postulieren Marx und Engels die Kommunistische Revolution, welche durch die globale Koordination und Mobilisierung des Proletariats durchgeführt werden soll. Nachdem sich das globale Proletariat (d.i. die Majorität der Menschheit) vereinigt hat und nach der erfolgreichen Revolution zur Herrscherklasse emporgestiegen ist, muss eine spezifische Veränderungen der Verhältnisse durch das Proletariat oktroyiert werden.[11]

Inhalt dieser Veränderung und somit Fundament der Kommunistischen Gesellschaft sind:

„I. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben. 2. Starke Progressivsteuer. 3.Abschaffung des Erbrechts. 4. Konfiskation des Eigenturms aller Emigranten und Rebellen. 5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließ1ichem Monopol. 6. Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats. 7. Vermehrung der Nationalfabriken,Produktionsinstrumente. Urbarmachung und Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan. 8.Gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau. 9. Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land. 10. Öffentliche und unentgeltliche Erziehung Aller Kinder. Beseitigung

der Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form. Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion [...]“[12]

Nachdem das Proletariat diese grundlegenden Umstrukturierungen (ggf. auch noch weitere) erfolgreich auf die bestehenden Verhältnisse appliziert hat, kommt es nach Marx und Engels Ansicht sukzessive zur Korrosion der Arbeitsteilung, des Klassengegensatzes und letztendlich des Staates (Herrschaft) selbst, welcher durch einen bloßen Koordinationsmechanismus für die gemeinschaftliche Nutzung der Produktionsmittel (Assoziation) ersetzt wird.[13]

[...]


[1] Vgl. Marx, Karl & Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, Berlin 1972, S. 466ff.

[2] Vgl. Marx, Karl & Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, Berlin 1962, S. 20.

[3] Vgl. Ebd., S. 18 & S. 26.

[4] Argumentieren muss hier als das Aufzeigen von konstatierbaren Korrelationen oder gar Kausalitäten zwischen tatsächlichen Phänomenen verstanden werden.

[5] Vgl. Ebd., S. 28f.

[6] Vgl. Ebd., S. 30f.

[7] Die Teilung der Arbeit, mit all ihren Konsequenzen (latente Sklaverei, d.i. die Herrschaft des Mannes über Frau und Kinder) ist zwar schon in der Familie vorhanden, wird aber lediglich durch die unterschiedlichen, natürlichen Dispositionen der Geschlechter bestimmt. Vgl. Ebd., S. 31

[8] Vgl. Ebd., S. 31ff.

[9] Vgl. Marx, Karl & Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, Berlin 1972, S. 462 & 473.

[10] Vgl. Marx, Karl & Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, Berlin 1962, S. 46f.

[11] Vgl. Ebd., S. 34f.

[12] Marx, Karl & Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, Berlin 1972, S.481f.

[13] Vgl. Ebd. S. 482.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Historischer Materialismus und die Grundlagen des Marxismus. Ein kurzer Überblick
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Positionen der Modernen Politischen Philosophie
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
4
Katalognummer
V322191
ISBN (eBook)
9783668213562
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marx, Engels, Marxismus, Historischer Materialismus, Politische Ökonomie, Dialektik, Natur des Menschen, Vernunft, Produktionsverhältnisse, Herrschaft, Klassen, Klassenkampf
Arbeit zitieren
Gino Krüger (Autor), 2013, Historischer Materialismus und die Grundlagen des Marxismus. Ein kurzer Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322191

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