Determinanten für Wahlenthaltung und niedrige Wahlbeteiligung. Analyse anlässlich der Wahlen zum Europäischen Parlament 2014


Bachelorarbeit, 2014

38 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung, Forschungsdesign und Forschungsstand

2. Determinanten für Wahlenthaltung und niedrige Wahlbeteiligung
2.1 Bedeutung von Wahlen in demokratischen Systemen
2.2 Problemstellung: Wahlenthaltung und niedrige Wahlbeteiligung
2.3 Allgemeine Einflussfaktoren für Wahlenthaltung
2.3.1 Soziostrukturelle Einflussfaktoren
2.3.2 Individualpsychologische Einflussfaktoren
2.3.3 Temporäre Einflussfaktoren
2.4 Europaspezifische Einflussfaktoren für Wahlenthaltung
2.4.1 Einführung und Rückblick - Wahlbeteiligung bei Europawahlen
2.4.2 Einflussfaktor Art der Wahl - die Europawahl als Sekundärwahl
2.4.3 Individualpsychologische Einflussfaktoren
2.4.4 Konstitutionelle Einflussfaktoren
2.4.5 Gesellschaftliche Einflussfaktoren

3. Europawahl 2014 - Erwartungen und Ergebnisse

4. Resümee

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung, Forschungsdesign und Forschungsstand

„Handeln. Mitmachen. Bewegen.“ Unter diesem Motto rief die Informationskampagne des Europäischen Parlaments zur Europawahl 2014 rund 400 Millionen Europäer auf, sich an der Wahl zu beteiligen, und Europa durch ihre Stimme zu bewegen. Das Ziel einer Wahlkampa- gne, möglichst viele Bürger zur Abgabe ihrer Stimme zu motivieren, ist nicht weiter bemer- kenswert. Betrachtet man dieses Anliegen jedoch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Wahlbeteiligung in den letzten Jahrzehnten nahezu in allen westlichen Demokratien abge- nommen hat und insbesondere bei den Wahlen zum Europäischen Parlament stets äußerst ge- ring ausfällt, wird die Schwierigkeit und Notwendigkeit ersichtlich, Bürger aktiv zur Abgabe ihrer Stimme zu ermutigen. Besonders im Falle von Europawahlen, bei denen es um die Zu- sammensetzung der einzig direkten Vertretung der Bürger auf europäischer Ebene geht, bleibt seit der Einführung der Direktwahl vor 35 Jahren, eine immer größere Anzahl von Bürgern der Wahlurne fern. Dass die Wahlbeteiligung auch bei den Europawahlen im Jahr 2014 erneut gesunken ist und somit einen neuen historischen Tiefpunkt markiert, wirft zunehmend Fragen nach den Gründen für diese Entwicklung auf.

Warum gebrauchen so wenige Bürger die Stimmabgabe bei Wahlen als Instrument zur politischen Mitgestaltung? Welche Beweggründe gibt es für wahlberechtigte Bürger, sich nicht an den betreffenden Wahlen zu beteiligen und sind diese Gründe in der Persönlichkeit der Wähler verankert oder in strukturellen Gegebenheiten des Systems oder der Gesellschaft zu suchen? Welche Rolle spielen temporäre Faktoren oder die Tatsache um welche Wahl es sich handelt? Diese Sammlung von Fragen führen in komprimierter Form zu folgender Forschungsfrage dieser Arbeit:

Welche Faktoren beeinflussen die Entscheidung potentieller Wähler, sich ihrer Stimme bei Wahlen - insbesondere bei Wahlen des Europäischen Parlaments - zu enthalten und wie kann die dadurch entstehend niedrige Wahlbeteiligung erklärt werden?

Um Aufschluss über die Einflussfaktoren für Wahlenthaltung und das Zustandekommen von niedriger Wahlbeteiligung zu erhalten, betrachtet die vorliegende Arbeit Determinanten für Wahlenthaltung unter verschiedenen Gesichtspunkten. Dabei werden Einflussfaktoren sowohl auf allgemeiner, von der Art der Wahl unabhängiger Basis, als auch unter den Besonderheiten der Wahl zum Europäischen Parlament untersucht.

Forschungsdesign

Die Annäherung an das Thema erfolgt zunächst anhand eines theoretischen Zugangs zum Thema Wahlen, bei dem ganz grundsätzlich ihr Stellenwert in modernen Demokratien her- ausgestellt wird. Nach der Ausführung über die grundlegende Problematik einer geringen Wahlbeteiligung werden im folgenden Teil der Arbeit allgemeine Einflussfaktoren für Wahl- enthaltung und niedrige Wahlbeteiligung untersucht, die unabhängig von der Art der Wahl auftreten. Hier wird zwischen den Untersuchungsebenen: individualpsychologisch, so- ziostrukturell und temporär unterschieden. Mit dem Wissen aus diesen theoretischen Vor- überlegungen, liegt der Fokus des folgenden Teiles der Arbeit auf der Betrachtung der Wahlbeteiligung bei Wahlen zum Europäischen Parlament. Zunächst werden dafür vergangene Europawahlen im Hinblick auf ihre Daten zur Wahlbeteiligung analysiert, um mit der Untersuchung von Einflussfaktoren für Wahlenthaltung fortzufahren, die spezifisch bei Wahlen zum Europäischen Parlament auftreten. Auch hier erfolgt die Analyse auf verschiedenen Untersuchungsebenen. Neben der individualpsychologischen, konstitutionellen und gesellschaftlichen Ebene wird ebenfalls der Faktor: Art der Wahl in die Betrachtungen miteinbezogen. Nach einem kurzen Überblick über die Wahlergebnisse zur Europawahl 2014 unter Berücksichtigung der im Vorfeld geäußerten Erwartungen hinsichtlich der Wahlbeteiligung, bilden ein Resümee über die gewonnen Ergebnisse den Abschluss der Arbeit.

Forschungsstand

Wissenschaftliche Forschungsansätze bezüglich des Themas Nichtwähler und Wahlenthal- tung blicken mittlerweile auf eine lange Tradition zurück. Waren sie bis Anfang der 70er Jah- re noch sehr gering ausgeprägt, stieg ihre Relevanz und Attraktivität äquivalent mit dem in nahezu allen westlichen Demokratien zu verzeichnenden Rückgang der Wahlbeteiligung. Günter Radtke verfasste 1972 die erste umfassende deutsche Studie zur Nichtwählerfor- schung mit dem Titel Stimmenthaltung bei politischen Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland und stellte damit das erste Werk der deutschsprachigen Grundlagenliteratur zu diesem Themengebiet. Fast zeitgleich, im Jahre 1973, erschien ein weiteres Standartwerk zu diesem Thema von Ralf R. Lavies, der mit seiner Dissertation Nichtwählen als Kategorie des Wahlverhaltens alle bis dahin vorhandenen Daten zusammentrug und im Vergleich betrachte- te. Diese beiden Werke liefern für die vorliegenden Ausarbeitungen insbesondere im Analy- seteil der allgemeinen Determinanten für Wahlenthaltung grundlegende Inhalte. Weiterhin wird dieser Teil der Arbeit von Erkenntnissen Michael Eilforts gestützt, der mit seiner Erst- Studie Nichtwähler -Wahlenthaltung als Form des Wahlverhaltens von 1994, sowie neueren Beiträgen zu diesem Themengebiet wichtige Forschungsergebnisse bereitstellt. Neuere Li- teratur zum Themengebiet, die in den ersten Untersuchungsteil miteinbezogen wurde, liefert unter anderen Dorothèe de Nève mit ihrem Werk: NichtwählerInnen - eine Gefahr für die Demokratie? aus dem Jahr 2009 sowie verschiedene Aufsätze von Armin Schäfer, in denen ebenfalls das Phänomen der Nichtwähler und die Gründe für Wahlenthaltung untersucht werden. Den europaspezifischen Analyseteil der Arbeit stützt unter anderen die Theorie der Sekundärwahlen, mit der das Autorenduo Reif und Schmitt in ihrem Aufsatz: Nine Second-Order National Elections - A conceptual framework for the analysis of European Election results im Jahr 1980 den ersten grundlegenden Erklärungsansatz für die niedrige Wahlbeteiligung bei Europawahlen lieferte. Wichtige Inhalte stellen weiterhin die Autoren Blondel, Sinnott und Svensson zur Verfügung, die sich 1998 ausführlich mit den Themen Partizipation, Demokratie und Legitimation bei Wahlen zum Europäischen Parlament beschäftigten. Die jüngsten Erklärungsansätze für Wahlenthaltung und niedrige Wahlbeteiligung finden sich insbesondere in Beiträgen der Autoren Andreas Biefang, Rudolf Hrbek und Markus Steinbrecher, die unter dem Titel: 30 Jahre Direktwahlen zum Europäischen Parlament (1979 - 2009) - Europawahlen und EP in der Analyse von Herausgeber Jürgen Mittag gesammelt und im Jahr 2011 veröffentlicht wurden.

2. Determinanten für Wahlenthaltung und niedrige Wahlbeteiligung

Der folgende Teil der Arbeit gliedert sich in vier Kapitel. Zunächst wird theoretisch an das Thema Wahlen herangeführt, um deren Stellenwert in demokratischen Systemen herauszuar- beiten. Dass Wahlenthaltung und niedriger Wahlbeteiligung ein Problem für das Funktionie- ren einer Demokratie darstellen kann, wird im folgenden Kapitel aufgegriffen und erläutert, bevor sich die Bearbeitung des Themas auf die Analyse von Determinanten für die beschrie- bene Problematik konzentriert. Hier gliedert sich die Arbeit in zwei zentrale Untersu- chungsbereiche: die Ermittlung und Darstellung von allgemeinen Einflussfaktoren für Wahl- enthaltung sowie die Ausführungen über Determinanten für niedrige Wahlbeteiligung, die speziell bei Wahlen zum Europäischen Parlament zu Tragen kommen.

2.1 Bedeutung von Wahlen in demokratischen Systemen

Wahlen bilden die Grundlage des liberalen Demokratieverständnisses. Dass die politische Führung eines Landes aus regelmäßig stattfindenden, allgemeinen und freien Wahlen hervor- zugehen hat, gehört heute zum Selbstverständnis jeder modernen Demokratie: "Keine Demo- kratie, ohne nach demokratischen Grundsätzen ablaufenden Wahlen."1 Der unmittelbare Zusammenhang ergibt sich bereits definitorisch aus der Begriffsbestimmung für Demokratie, die freie und unmittelbare Wahlen als eines ihrer Grundelemente vorsieht.2 Wahlen sind notwendig, um das politische System und dessen Organe zu bestellen, das Funktionieren zu garantieren und gleichzeitig Kontrolle über die gewählten Machthaber auszuüben.3 Die peri- odische Aus- beziehungsweise Abwahl der politischen Führung eines Landes, sowie der offe- nen Wettbewerb von politischen Parteien um den Erhalt der Macht sorgen jedoch nicht nur für den Fortbestand einer Demokratie sondern garantieren ebenso den Rückbezug jeglicher politischer Entscheidung auf den Willen des Volkes.4 Die Definition des Volkes als primären Träger von Staatsgewalt ist allen westlich-liberalen Demokratien gemein und ist, wie im Fal- le Deutschlands in Art. 20 (2) Grundgesetz5, institutionell verankert. Die Teilnahme an Wahlen ermöglicht den Bürgern die indirekte Einflussnahme auf die Machtverteilung ihres Landes sowie auf die allgemeine Ausrichtung der Regierungspolitik6 und ist seit jeher die elementarste Form der demokratischen Partizipation und für die meisten Bürger einzige Möglichkeit der aktiven Einflussnahme auf die Politik ihres Staates.7 Von allen politischen Beteiligungsformen werden Wahlen von der überwiegenden Mehrheit der Bürger wahrge- nommen, da sie im Gegensatz zu anderen Partizipationsmöglichkeiten wie z.B. der Mitglied- schaft in einer Partei oder Gewerkschaft oder der Teilnahme an Demonstrationen, zunächst ein sehr geringes Maß an politischen Engagement voraussetzen: „Wahlen finden relativ selten statt und die Teilnahme ist praktisch ohne aktive inhaltlich Vorbereitung möglich und kann zudem mit relativ geringem Aufwand durchgeführt werden.“8 Für die Mehrheit der Bürger bleibt die Wahl daher die einzige Form der aktiven Einflussnahme auf die Politik ihres Staa- tes.9

Als Ergebnis dieser kurzen theoretischen Herleitung ist Folgendes festzuhalten: "Die Wahl ist das höchste Gut der Demokratie, der Stimmzettel ist der wichtigste Ausweis des mündigen Bürgers."10 Diese Deutung der Wahl betont nicht nur den Stellenwert von Wahlen für die De- mokratie sondern darüber hinaus ihre Relevanz für die Beteiligung der Bürger am politischen Geschehen. Welche Auswirkungen im Gegenzug eine Nichtteilnahme und Enthaltung der Bürger an Wahlen hat, ist Thema des folgenden Abschnittes.

2.2 Problemstellung: Wahlenthaltung und niedrige Wahlbeteiligung

Wie ist nun die Enthaltung von wahlberechtigten Bürgern und eine daraus resultierende ge- ringe Wahlbeteiligung für das zukünftige Bestehen der Demokratie und der Bereitstellung ih- rer Vertreter zu interpretieren? „Die steigende Zahl an Nichtwählern in demokratischen Sys- temen führt zwar nicht unmittelbar zu einer Destabilisierung der institutionellen Ordnung, je- doch führt sie neben einem allgemeinen Bedeutungsverlust von Wahlen zu einem allmähli- chen Qualitätsverlust des Systems.“11 Wahlen stellen im Rahmen ihrer Legitimationsfunktion die Legitimität des politischen Systems sowie der Entscheidungen der gewählten Vertreter si - cher. Dass diese Beschlüsse auf dem Willen der Gesamtheit der Bürger gefällt werden und dabei jede soziale Gruppe berücksichtigt wird, gewährleistet wiederum die Repräsentations - funktion.12 Die Erfüllung dieser essentiellen Funktionen von Wahlen wird jedoch durch eine Enthaltung der Bürger bei Wahlen beeinträchtigt, da die wichtigste Kondition zu ihrer Erfül - lung - die Gewährleistung von Integration und Repräsentation aller gesellschaftlicher Grup- pen mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen und Interessen - nicht mehr ausreichend gegeben ist.13 Enthält sich ein großer Anteil der wahlberechtigten Bürger des Prozesses der Legitimierung von politischen Entscheidungen, kann dieser nicht mehr ausreichend bezie- hungsweise gar nicht repräsentiert werden. Die regierenden Eliten treffen folglich Entschei- dungen, ohne dass eine Berücksichtigung aller Interessen sichergestellt werden kann. Die Folge sind Machtkonstellationen und Entscheidungsfindungsprozesse, die nicht auf dem Wil- len der Mehrheit des Volkes entstehen, sondern nur einen Teile der Bevölkerung repräsentie- ren.14

Niedrige Wahlbeteiligung führt demnach zu einer Verzerrung der Meinung des Volkes. Die Funktion der Artikulation, Repräsentation und Integration gesellschaftlicher Interessen kann nicht ausreichend gewährleistet werden. Dieser Ansatz ist der sogenannten Input-orientierten Demokratietheorie zuzuordnen, die den politischen Prozess danach bewertet, wie sehr es gelingt, Bürger in das politische System zu integrieren und den Willen des Volkes in der Ausrichtung der Politik abzubilden.15

Problematisch wird geringe Wahlbeteiligung besonders dann, wenn sich proportional auch kein Anstieg an einer Beteiligung durch andere Partizipationsformen seitens der Nichtwähler feststellen lässt. "Wenn Bürger mit der Wahlbeteiligung schon die einfachste und am wenigs- ten aufwändige Form politischer Aktivität nicht wahrnehmen, werden sie gar nicht erst auf die Idee kommen, sich anderen, aufwändigeren Partizipationsformen zuzuwenden."16 In die- sem Falle ist eine geringe Wahlbeteiligung äußerst kritisch zu betrachten, da sich Bürger be- wusst aus dem politischen Entscheidungsprozess zurückziehen und damit nicht nur nicht re- präsentiert, sondern erst gar nicht beteiligt sind.17 "[...] Eine sinkende Wahlbeteiligung in ei- nem sich ansonsten nicht in einer besonderen Situation befindenden politischen System wird gemeinhin als Problem angesehen, weil davon ausgegangen wird, dass hierin ein Verlust an Bindungswirkung und Attraktivität des politischen Systems und seiner Akteure zu sehen ist."18 Eine geringe Wahlbeteiligung deutet folglich auf einen Bedeutungs- und Interessenver- lust der Bürger an der Teilnahme am politischen Leben hin, sowie auf ein schwindendes Ver- antwortungsbewusstsein der Bürger gegenüber dem politischen System.19 "Der Bürger, der zur Wahl geht, übt seine Entscheidungsmacht aus, er übernimmt die Verantwortung, di e ihm zusteht. Der Bürger hingegen, der nicht zur Wahl geht, tritt von seiner Verantwortung zu - rück."20

Zusammenfassend ist festzuhaltend, dass es durch Wahlenthaltung und geringe Wahlbeteili- gung zu einer Schmälerung der Legitimations- und Repräsentationsfunktion kommen kann. Darüber hinaus gehören der zunehmende Bedeutungsverlust und das schwindende Interesse der Bürger an der Teilnahme am politischen Prozess sowie die sinkende Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung im politischen System zu den größten Problematiken einer geringen Wahlbeteiligung.

2.3 Allgemeine Einflussfaktoren für Wahlenthaltung

Nachdem nun die Bedeutung von Wahlen in demokratischen Systemen sowie die Problema- tik des Nichtwählens und einer geringen Wahlbeteiligung erläutert wurde, beschäftigt sich das folgende Kapitel mit der Analyse von allgemeinen Faktoren, für eine Nichtteilnahme an Wahlen. Nacheinander werden die wichtigsten Einflussfaktoren auf drei Analyseebenen behandelt. Die Untersuchung soziostruktureller Determinanten beinhaltet die Betrachtung der Faktoren: sozioökonomischer Status, Lebensalter sowie den sozialen Integrationsgrad der Wähler. Auf individualpsychologischer Ebene dient die Betrachtung der Einflussfaktoren: politisches Interesse, politische Entfremdung und Politikverdrossenheit sowie der Grad der Verinnerlichung der Wahlnorm zur Erklärung von Wahlenthaltung. Weiterhin werden Determinanten untersucht, deren Einflussgrad temporärer Natur, also schwankend und kurz- fristig, ist.

2.3.1 Soziostrukturelle Einflussfaktoren

Die Mehrheit der im Kapitel Forschungsstand aufgeführten Autoren, die sich mit dem Thema Nichtwähler und Wahlenthaltung beschäftigen, legen den Schwerpunkt zur Erklärung der Nichtbeteiligung an Wahlen auf soziostrukturelle Merkmale. Im Folgenden werden daher die Kriterien sozioökonomischen Status, Alter und der Grad der sozialen Integration21 sowie de- ren Auswirkungen auf das Wahlbeteiligungsverhalten untersucht und aufgeführt.

Sozioökonomischer Status

Besonders in den frühen Studien zur Nichtwählerforschung sind sich die Autoren einig, dass die Entscheidung, ob an einer Wahl teilgenommen wird, abhängig vom sozioökonomischen Status des Wählers ist und die Wahlbeteiligung bei Menschen mit höherem Bildungsniveau, Berufsstatus und Einkommen steigt.22 Erklärt wird dieser Zusammenhang mit der Tatsache, dass sich Menschen mit einem geringeren Bildungsniveau in der Regel schwieriger einen Zu- gang zu komplexen, politischen Themen und Zusammenhängen verschaffen können als dieje- nigen, die durch Bildung und Zugehörigkeit zu einer bessergestellten Berufsgruppe über einen höheren Grad an politischer Informiertheit verfügen. Bezüglich der Schulbildung ergaben die Studien, dass besonders Personen mit Hauptschulabschluss unter den Nichtwählern überrepräsentiert sind, während diese Quote bei Menschen mit mittlerer Reife bereits sehr viel geringer ausfällt und bei Abiturienten weiter absteigt .23 Radtke definierte die kritische Schwelle bei der Entscheidung, ob an einer Wahl teilgenommen wird oder nicht, bei Personen, die über einen Volksschulabschluss, jedoch keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Eine höhere Bildung an weiterführenden Schulen bzw. Hochschulen betrachtet er hingegen als irrelevant.24 Autoren wie Eilfort und Lavies kommen jedoch in ihren Studien sehr wohl zu dem Schluss, dass die Wahlbeteiligung mit dem Anstieg des Bildungsniveaus und weiterhin mit dem Erreichen einer höheren Berufsklasse und entsprechend höherem Einkommen proportional zunimmt. So bestätigen ihre Analysen die höchste Beteiligungsrate bei Beamten, Selbstständigen und leitenden Angestellten, während sich Angestellte und Arbeiter ohne leitende Position, mit Einkommen im mittleren oder Niedriglohnsektor eher weniger an Wahlen beteiligen.25 Eilfort stellte im Zuge der Analyse der Wahlbeteiligung der Berufsgruppe der Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes zusätzlich heraus, dass das gesteigerte Pflichtbewusstsein zur Teilnahme an Wahlen in dieser Berufsklasse in Zusammenhang mit der Verbundenheit von Arbeitgeber und der zur Wahl stehenden, politischen Repräsentanten betrachtet werden muss.26 Kleinhenz erklärt die höhere Wahlbeteiligung bei Gutverdienern zudem mit deren gesteigerten Interesse an der Funktionsfähigkeit des Systems.27

Dieser zahlreich bestätigte Zusammenhang von Wahlbeteiligung und dem Grad der Bildung beziehungsweise des Berufsstandes geriet jedoch besonders in den letzten Jahren häufig in die Kritik, da sich auch immer mehr Intellektuelle28 öffentlich zu Nichtwählern bekannten. Durch deren Äußerungen sowie die daraufhin entstehende öffentliche Diskussion entstand der Eindruck, dass Nichtwähler heute aus allen Schichten der Bevölkerung zu stammen scheinen.29 Jedoch zeigen auch aktuelle Studien, dass Nichtwähler in der Regel einem be- stimmten gesellschaftlichen Klientel zuzuordnen sind.30 „Die Wahrscheinlichkeit, nicht wäh- len zu gehen, unterscheidet sich systematisch nach Schichtzugehörigkeit, Einkommen und Bildung.“31 ArminSchäfer stellt in diesem Zusammenhang sogar fest, dass sich der Rückgang der Wahlbeteiligung fast vollständig am unteren Ende der Einkommensverteilung vollzieht.32

Die Tatsache, dass sich schlechter gestellte Bürger, mit weniger Ressourcen wie Bildung und Einkommen nach wie vor mit höherer Wahrscheinlichkeit bei Wahlen enthalten, bestätigt, dass sich der sozioökonomische Status eines Wählers entscheidend auf die Teilnahme oder Nichtteilnahme an Wahlen auswirkt.

Lebensalter

Nahezu alle Studien, die sich mit Determinanten für Wahlenthaltung beschäftigen, führen das Lebensalter eines Wählers als entscheidenden Faktor auf und kommen zu dem Schluss, dass jüngere Menschen seltener wählen als Ältere.33 Das Wahlverhalten eines Menschen folgt da- bei einem "Lebenszyklus der Wahlbeteiligung"34, der sich in einer s-förmigen Kurve darstel- len und folgendermaßen interpretieren lässt: Bei Erstwählern fällt die Wahlbeteiligung zu- nächst relativ hoch aus, da das neu erhaltene Wahlrecht häufiger in Anspruch genommen wird. Bei der zweiten und dritten Wahl jedoch sinkt das Interesse an der Teilnahme einer Wahl aufgrund der häufig unsicheren familiärer Situation sowie der höheren räumlichen Mo- bilität während der Ausbildungszeit. Ab einem Alter von etwa 30 Jahren steigt die Wahlbe- reitschaft jedoch an und entwickelt sich durchgehend positiv bis sie, in etwa bei Erreichen des siebzigsten Lebensjahres erneut abfällt.35 Die höchste Wahlbeteiligung weisen demnach die Altersgruppen zwischen 40 und 70 Jahren auf. Am geringsten beteiligen sich dagegen jüngere Menschen zwischen 20 und 30 Jahren.36

Die geringe Wahlbeteiligung bei unter 30 jährigen und die Tendenz einer zunehmenden Wahlbeteiligung im Alter wird dabei hauptsächlich durch Sozialisationsprozesse begründet. Die Identifikation mit der Rolle des verantwortungsbewussten Staatsbürgers, der mit der Teil- nahme an der Wahl seinen Bürgerpflichten nachkommt, wird erst im Laufe des Lebens her- ausgebildet. Weiterhin nimmt die Wahlbeteiligung auch deshalb mit steigendem Alter zu, da eine zunehmende Etablierung durch berufliche Tätigkeit und familiäre Bindung erfolgt, die ein gesteigertes Interesse an Politik und an der Teilnahme an Wahlen zur Folge hat.37 Dass be- sonders der Aspekt einer stärkeren, sozialen Einbindung ein wichtiger Faktor für die Beteili - gung an einer Wahl darstellt, wird im folgenden Abschnitt näher erläutert.

[...]


1 Gabriel, Oscar W./ Westle, Bettina (2012): Wählerverhalten in der Demokratie. Baden Baden: Nomos Verlagsgesellschaft. S. 15.

2 Duden: Stichwort- Demokratie: politisches Prinzip, nach dem das Volk durch freie Wahlen an der Machtausübungim Staat teilhat", Online verfügbar unter: http://www.duden.de/rechtschreibung/Demokratie (Stand: 03.08.2014).

3 Vgl. Nohlen, Dieter (2004): Wahlrecht und Parteiensystem. Opladen: Verlag Leske + Budrich, S. 21.

4 Vgl. Steinbrecher, Markus (2009): P olitische Patizipation in Deutschland. Baden Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S. 111f.

5 "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt." Art. 20 (2) GG.

6 Vgl. Gabriel, Oscar W./ Westle, Bettina (2012): Wählerverhalten in der Demokratie. Baden Baden: Nomos Verlagsgesellschaft. S. 13.

7 Vgl. Steinbrecher, Markus (2009): Politische Patizipation in Deutschland. Nomos Verlagsgesellschaft: Baden Baden, S. 51.

8 Schmitt, Annette (2005): Die Rolle von Wahlen in der Demokratie, in Falter, Jürgen W. / Schoen Harald (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 3.

9 Vgl. Nohlen, Dieter (2004): Wahlrecht und Parteiensystem. Opladen: Verlag Leske + Budrich, S. 26.

10 Breme, Kurt/ D´hein Werner (1980): Parteien - Wähler - Parlamente - Ein Politiklexikon für die Bundesrepublik. Hamburg: Grunder + Jahr AG & Co., S. 35.

11 De Nève, Dorothèe (2009): NichtwählerInnen - eine Gefahr für die Demokratie? Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich, S. 19.

12 Vgl. Nohlen, Dieter (2004): Wahlrecht und Parteiensystem.Opladen: Verlag Leske + Budrich, S. 30.

13 Vgl. De Nève, Dorothèe (2009): NichtwählerInnen - eine Gefahr für die Demokratie? Verlag Barbara Budrich , Opladen & Farmington Hills, S. 75.

14 Vgl. Völker, Marion/ Völker, Bernd (1998): Wahlenthaltung - Normalisierung oder Krisensymptom? Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, S. 7.

15 Vgl. Scharpf, Fritz (1970): Demokratietheoretie zwischen Utopie und Anpassung. Konstanz: Universitätsverlag, S. 25.

16 Steinbrecher, Markus (2009): Politische Patizipation in Deutschland. Nomos Verlagsgesellschaft: Baden Baden, S. 51.

17 De Nève, Dorothèe (2009): NichtwählerInnen - eine Gefahr für die Demokratie? Verlag Barbara Budrich , Opladen & Farmington Hills, S. 155f.

18 Aarts, Kees/ Weßels, Bernhard (2005): Wahlbeteiligung in Deutschland und bei europäischen Nachbarn,

in: Falter, Jürgen W./ Gabriel, Oscar W./ Weßels, Bernhard (Hrsg.): Wahlen und Wähler - Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2002. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 595.

19 Vgl. Lüeße, Thiemo (2007): Bürgerverantwortung und abnehmende Wahlbeteiligung. Frankfurt: Peter Lang GmbH - Internationaler Verlag der Wissenschaften, S. 28.

20 Ebd., S. 11.

21 Die Kriterien Geschlecht und Konfession wurden in den frühen Studien der 70er und 80er Jahre noch als relevante Faktoren gehandelt. Da sie jedoch ab spätestens Anfang der 90er keine entscheidende Rolle mehr spielen, wird auf deren Ausführung verzichtet.

22 siehe u.a. Studien von Radtke (1972), Kleinhenz (1995), Eilfort (1994).

23 Vgl. Eilfort, Michael (1994): Die Nichtwähler - Wahlenthaltung als Form des Wahlverhaltens, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, S. 218.

24 Vgl. Radtke, Günter D. (1972): Stimmenenthaltung bei politischen Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland, Meisenheim am Glan: Anton Hain Verlag, S. 38.

25 Vgl. Lavies, Ralf-Rainer (1973): Nichtwählen als Kategorie des Wahlverhaltens - Empirische Untersuchung zur Wahlenthaltung in historischer, politischer und statistischer Sicht. Düsseldorf: Rheinisch-Bergische Druckerei- und Verlagsgesellschaft mbH, S. 91F. sowie Vgl. Eilfort, Michael (1994): Die Nichtwähler - Wahlenthaltung als Form des Wahlverhaltens, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, 212f.

26 Vgl. Ebd. S. 213.

27 Vgl. Kleinhenz, Thomas (1995): Die Nichtwähler - Ursachen der sinkenden Wahlbeteiligung in Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 26.

28 Vgl. beispielsweise: Welzer, Harald (2013): Das Ende des kleinerenÜbels, in: Der Spiegel, Nr. 22 vom 27.5.2013, S. 122f. Online verfügbar unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-96238982.html. (Stand: 04.08.2014). Precht, David Richard (2013): Die Qual der Wahl, in: Die Zeit, Nr. 37 vom 5.9.2013, S. 43F Online verfügbar unter: http://www.zeit.de/2013/37/bundestagswahl-kuenstler-qual-der-wahl (Stand: 04.08.2014).

Steingart, Gabor (2009): Die Machtfrage. Ansichten eines Nichtwählers, München: Piper Verlag, S. 181.

29 Vgl. Schäfer, Armin (2013): Wahlbeteiligung und Nichtwähler. In: ApuZ 48-49/2013, Berlin: Bundeszentrale für politisch Bildung, S. 46.

30 "Die Nichtwähler bilden keinen Querschnitt der Bevölkerung. Schriftsteller, Chefredakteure, Hochschulprofessoren oder EU-Beamte sind keine typischen Nichtwähler, auch wenn dieser Eindruck medial vermittelt wird." Schäfer, Armin (2011): Der Nichtwähler als Durchschnittsbürger: Ist die sinkende Wahlbeteiligung eine Gefahr für die Demokratie? In Bytzek, Evelyn / Roßteutscher (Hrsg.): Der unbekannte Wähler? Mythen und Faktenüber das Wahlverhalten der Deutschen. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 153.

31 Schäfer, Armin (2013): Wahlbeteiligung und Nichtwähler. In: ApuZ 48-49/2013, Berlin: Bundeszentrale für politisch Bildung, S. 46.

32 Vgl. Ebd.

33 Vgl. beispielsweise Radtke (1972), Eilfort (1994), Schäfer (2013).

34 Kleinhenz, Thomas (1995): Die Nichtwähler - Ursachen der sinkenden Wahlbeteiligung in Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 27.

35 Vgl. Ebd. S. 43.

36 Vgl. Radtke (1972), Eilfort (1994), Schäfer (2013).

37 Vgl. Eilfort, Michael (2009): Wahlenthaltung: Ein vielschichtiges Phänomen mit wachsender politischer Bedeutung. S.10, Online verfügbar unter: http://www.eilfort.de/downloads/Nichtwaehler_08_2009.pdf (Stand: 18.06.2014).

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Determinanten für Wahlenthaltung und niedrige Wahlbeteiligung. Analyse anlässlich der Wahlen zum Europäischen Parlament 2014
Hochschule
Universität Passau
Autor
Jahr
2014
Seiten
38
Katalognummer
V322223
ISBN (eBook)
9783668223806
ISBN (Buch)
9783668223813
Dateigröße
761 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
determinanten, wahlenthaltung, wahlbeteiligung, analyse, wahlen, europäischen, parlament
Arbeit zitieren
Vanessa Stötzel (Autor), 2014, Determinanten für Wahlenthaltung und niedrige Wahlbeteiligung. Analyse anlässlich der Wahlen zum Europäischen Parlament 2014, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322223

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