Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der in mehreren Bauphasen zwischen dem späten 10. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichteten Erfurter Synagoge. Aufgrund der komplizierten Durchdringung aller Bauphasen, welche sich weniger durch äußere Ereignisse oder historische Quellen als vielmehr durch die Untersuchung des Gebäudes und seiner baulichen Entwicklung selbst ergründen lassen, sollen Baubeschreibung und Baugeschichte in dieser Arbeit zusammen dargelegt werden.
Nach einer eingehenden Untersuchung der aus der jeweiligen Bauphase überlieferten Substanz, soll auf Basis der Ergebnisse aufgezeigt werden, wie sich das jeweilige Gebäude zur Erbauungszeit dargestellt haben könnte. Abschließend sollen die Ergebnisse der Untersuchung dieses in Europa heute fast singulären Baus im Kontext christlicher Sakralarchitektur und synagogaler Architektur der Zeit zusammenfassend dargestellt werden.
Im Besonderen will ich mich in dieser Arbeit mit Bauphase IV und den zu ihr bislang entwickelten Theorien auseinandersetzen, welche meines Erachtens die noch bestehenden Strukturen nicht zufriedenstellend deuten. Vergleichende Untersuchungen sind dabei nur schwerlich möglich und haben bislang kaum stattgefunden, was schlicht durch den Mangel an Vergleichsbeispielen für aschkenasische Synagogen des frühen und hohen Mittelalters zu begründen ist; mehrheitlich sind diese, wenn überhaupt, nur mehr archäologisch überliefert. Eine erste umfassende Untersuchung der Bauformen und ihrer Verbreitung im deutschen Raum stellt Simon Paulus‘ 2007 veröffentlichte Dissertation dar, in welcher auch die Erfurter Alte Synagoge behandelt wird.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Baubeschreibung und Analyse
II.I Bauphase I
II.II Bauphase II
II.III Bauphase III
II.IV Bauphase IV
III Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich der baulichen Entwicklungsgeschichte der Erfurter Synagoge, indem sie die verschiedenen Bauphasen vom späten 10. bis zum frühen 14. Jahrhundert detailliert untersucht und analysiert. Das primäre Ziel ist es, die bauliche Entwicklung sowie die komplexen Durchdringungen der einzelnen Bauphasen zu ergründen und insbesondere die bisherigen Theorien zur Bauphase IV kritisch zu hinterfragen und neu zu bewerten.
- Detaillierte Baubeschreibung und chronologische Analyse der Bauphasen I bis IV.
- Untersuchung der architektonischen Besonderheiten und baulichen Substanz.
- Kritische Auseinandersetzung mit bisherigen Forschungsmeinungen zur Bauphase IV.
- Einordnung der Erfurter Synagoge in den Kontext der mittelalterlichen Sakralarchitektur.
Auszug aus dem Buch
II.II Bauphase II
Auf ähnlich unsicherem Grund stünde eine Rekonstruktion der chronologisch folgenden Bauphase, von der sich überirdisch lediglich ein etwa fünf Meter langer Mauerstreifen mit zwei in Werkstein erstellten Fenstergewänden erhalten hat, welches direkt auf einem Teil der ältesten Mauer aufsitzt, die heute wieder unter Fußbodenniveau verborgen ist. Entgegen jeder Norm ist das kleinere, aus einem einzigen Stein gemeißelte rundbogige Fenster liegend, mit dem oberen Abschluss zur nördlichen Gebäudeecke zeigend, eingebaut. Nach Elmar Altwasser würde es sich in seiner Dimensionierung ohne Probleme in die kleinere Fensteröffnung der ersten Bauphase einfügen, was eine Wiederverwendung des Gewändes als Spolie nahelegt.
Dass das „falsche“ Einbauen ein bewusstes Gedenken an die vergangene Zerstörung des Vorgängerbaus, der möglicherweise ein Pogrom zugrunde liegt, darstellen könnte, fiele wohl in den Bereich der Spekulation. Bei der größeren, diesmal in gängiger Richtung erstellten Fensteröffnung, handelt es sich um ein aus einem rechteckigen Monolithen herausgemeißeltes Biforium, mit dessen oberem Abschluss auch der Mauerstreifen schließt. Im Süden endet die Mauer in einer Achse mit dem Fragment des Vorgängerbaus, wohingegen es im Norden abrupt etwa drei Meter vor der Gebäudeecke in einer senkrechten Linie abbricht. Mit einiger Sicherheit lässt sich sagen, dass ebenso aus dieser frühen Bauphase noch weitere Spuren im Untergrund zu finden sein müssten.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsgeschichte der Erfurter Synagoge ein und formuliert das Ziel, die Bauphasen sowie die architektonische Entwicklung des Gebäudes fundiert zu analysieren.
II Baubeschreibung und Analyse: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil und gliedert sich in die vier Bauphasen, wobei die bauzeitliche Substanz, mögliche Rekonstruktionen und die architektonischen Besonderheiten jeder Phase detailliert beschrieben werden.
II.I Bauphase I: Untersuchung der ältesten überlieferten Baureste an der Westfassade, deren hochwertige Ausführung und stratigraphische Einordnung Hinweise auf die Dimensionen des Ursprungsbaus geben.
II.II Bauphase II: Analyse des Mauerstreifens der zweiten Bauphase, der unter anderem durch die ungewöhnliche Zweitverwendung von Fensterelementen als Spolien und Hinweise auf frühe Zerstörungen charakterisiert ist.
II.III Bauphase III: Detaillierte Betrachtung des in den 1270er Jahren errichteten Synagogenneubaus, dessen markante Giebelseite und innere Ausstattung, wie das Lichtergesims, analysiert werden.
II.IV Bauphase IV: Untersuchung der Erweiterung der Synagoge um vier Meter gen Norden im frühen 14. Jahrhundert sowie Diskussion zur statischen Funktion der ungewöhnlichen Fassadenknicke.
III Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der architektonischen Bedeutung der Erfurter Synagoge im Kontext der christlichen Sakralarchitektur und Ausblick auf zukünftige Forschungsnotwendigkeiten.
Schlüsselwörter
Erfurter Synagoge, Baugeschichte, Bauphasen, Mittelalter, Sakralarchitektur, Baubeschreibung, Westfassade, Spolien, Thoranische, Bima, Mittelalterliche Jüdische Kultur, Archäologie, Bauanalyse, Denkmalpflege, Gotik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Baugeschichte und der architektonischen Entwicklung der Erfurter Synagoge über einen Zeitraum vom späten 10. bis zum 14. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die bauarchäologische Analyse der vier identifizierten Bauphasen, die Rekonstruktion des jeweiligen Erscheinungsbildes sowie die Einordnung des Baus in den Kontext der mittelalterlichen Synagogen- und Sakralarchitektur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Ziel ist es, die komplizierte Durchdringung der verschiedenen Bauphasen durch eine detaillierte Baubeschreibung zu ergründen und insbesondere die bestehenden Theorien zur Bauphase IV kritisch zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Untersuchung basiert primär auf der direkten architektonischen Untersuchung der erhaltenen Bausubstanz, dem Vergleich mit bauzeitlichen Fragmenten sowie der kritischen Auswertung dendrochronologischer Daten und der bestehenden Fachliteratur.
Was wird im umfangreichen Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der vier Bauphasen, wobei von der frühesten Bausubstanz bis hin zur Erweiterung im 14. Jahrhundert alle baulichen Veränderungen, Stilelemente und funktionalen Aspekte untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Erfurter Synagoge, Baugeschichte, Bauphasen, Sakralarchitektur, Baubeschreibung, Mittelalter, Spolien und architektonische Rekonstruktion.
Warum wird der "falsche" Einbau des Fensters in Bauphase II thematisiert?
Der liegende Einbau des Fensters wird als Indiz für die Wiederverwendung von Spolien aus einem Vorgängerbau gedeutet und wirft Fragen nach einem bewussten Gedenken an eine vorangegangene Zerstörung auf.
Wie erklärt der Autor die ungewöhnlichen Fassadenknicke in Bauphase IV?
Im Gegensatz zu anderen Forschungsmeinungen, die diese als rein gestalterischen Kniff deuten, argumentiert der Autor, dass es sich um einen außergewöhnlichen Versuch der statischen Lastabtragung handelt, um Strebepfeiler zu vermeiden.
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- Symon Johannes Schirmer (Author), 2015, Die Alte Synagoge zu Erfurt. Ihre bauliche Entwicklung zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322322