"Die Buße des heiligen Chrysostomus" in einem Kupferstich von Albrecht Dürer


Hausarbeit, 2015

18 Seiten


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I Einleitung

II Heiligenlegende

III Ikonographie/Ikonologie

IV Vergleich Darstellungen der Legende vom Heiligen Chrysostomus

V Die Technik des Kupferstichs

VI Resümee

VII Bildanhang

VIII Literaturverzeichnis

I Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt den um das Jahr 1497 von Albrecht Dürer in Nürnberg geschaffenen Kupferstich Die Buße des Heiligen Chrysostomus mit einer Darstellung aus der Heiligenlegende des eben genannten. Nach einer für das Verständnis der Darstellung grundlegenden Erläuterung der unterschiedlichen Versionen dieser nur wenig bekannten Legende um den Heiligen Chrysostomus[1], folgt eine Beschreibung von Ikonographie und Ikonologie, bevor ich mich in einer Analyse des Werkes mit vorhergehenden und nachfolgenden Beispielen dieses Bildtypus beschäftige. Nach einer vergleichenden Analyse der vorgestellten Werke und einer Erörterung ihres Verhältnisses zur tatsächlichen Heiligenlegende, lasse ich eine Beschreibung der Technik des Kupferstichs folgen, bevor in einem abschließenden Resümee die Ergebnisse meiner Arbeit zusammenfassend dargestellt werden. Im Besonderen möchte ich die Frage diskutieren, inwiefern das vermeintliche Bildthema einer Heiligenlegende hier lediglich als Vorwand für andere Darstellungen herangezogen worden sein könnte und wie es sich damit in anderen Werken der Zeit mit demselben Bildthema verhält. Obwohl es sich bei diesem Kupferstich mit der Darstellung einer gänzlich Nackten in jener Zeit um ein ganz außergewöhnliches Motiv handelt,[2] ist Die Buße des Heiligen Chrysostomus im Gegensatz zu anderen graphischen Werken von Albrecht Dürer relativ wenig publiziert. Während andere Drucke Dürers, wie die 1498 geschaffene Apocalypse[3] in einer Vielzahl an Publikationen und sogar Monographien behandelt wurden, ist diese ausnehmend spezielle Darstellung einer nackten jungen Frau und eines kriechenden alten Mannes in der Forschung bisher eher vernachlässigt worden. Um dieses in der Kunstgeschichte des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Renaissance sehr ungewöhnliche Motiv verstehen zu können, muss zunächst die zugrundeliegende Heiligenlegende, auf die ich um folgenden näher eingehen möchte, betrachtet werden.

II Heiligenlegende

Die hier vorliegende Darstellung der Buße des Heiligen Chrysostomus beruht auf einer Vermengung unterschiedlicher Versionen von eher fiktionalen Heiligenlegenden sowie realer historischer Figuren und Ereignisse. Dazu zählt neben einem florentinischen Gedicht über die reuige Buße eines zum Räuber gewordenen Adligen vor allem die im mitteleuropäischen Raum verbreitete Legende um einen einsiedlerischen Prediger mit sensationeller Redebegabung, die ihm den Beinamen „Goldmund“ einbrachte.[4] Eine Vermischung dieser Stoffe ließ schließlich die uns überlieferte Legende entstehen, die im Folgenden wiedergegeben werden soll. Neben der verbreitetsten Version der Legende gibt es einzelne Darstellungen, die sich von Region zu Region unterschieden und auch im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Die gängige Version, das heißt die, die in kirchlichen Lexika[5] meist dargestellt wird, beschreibt Chrysostomus als Sprössling einer Wohlhabenden Familie aus Antiochia im antiken Syrien, bzw. der heutigen Türkei. Dort wird er 367 getauft, verbringt seine Kindheit und Jugend und beginnt ein Studium. Anschließend lebt er ab 372 für 6 Jahre als Mönch und Eremit ein asketisches Leben in Einsamkeit. Als er erkrankt, kehrt er 378 nach Antiochia zurück, wo er schließlich zum Diakon und Priester geweiht wird. Unter anderem auf seinem großen Redetalent, das er in seiner Tätigkeit als Priester nun zur vollen Entfaltung bringt, beruht seither sein Beiname „Goldmund“. Eine Version der Legende, die wohl erst in nachantiker Zeit in Mitteleuropa entstanden ist, erklärt den ungewöhnlichen Beinamen auf ganz andere Weise.[6]

Wie es in der Ostkirche heute noch üblich ist,[7] soll Johannes eine Ikone der Muttergottes geküsst haben. Für ihn hat das jedoch die unerwartete Folge, dass der Bereich um seinen Mund herum von nun an golden erscheint. Es ist jedoch nicht nur ein rein optisches Phänomen, mit dem Goldschimmer geht wie in der antiken Version der Legende eine außergewöhnliche Redegewandtheit einher. Fortan trägt er den Beinamen „Chrysostomus“[8] . Als nun Johannes Chrysostomus zum Priester geweiht werden soll, befindet er sich dessen jedoch nicht würdig und entscheidet sich daher für ein Leben als Eremit in der Einsamkeit. Einestages verläuft sich gerade dort die Tochter des Kaisers, wo sie auf die Einsiedelei des Chrysostomus stößt und mit diesem eine Liebesnacht verbringt. Teilweise wird ihr Betreten der Höhle des Eremiten auch mit der Flucht vor wilden Tieren erklärt,[9] wobei das Ergebnis einer Liebesnacht mit Chrysostomus dasselbe ist. Um seine Tat zu sühnen, die er als kapitales Vergehen sieht, verpflichtet sich Johannes Chrysostomus fortan unbekleidet und ausschließlich auf allen Vieren zu gehen, solange bis ihm von geeigneter Stelle verziehen wird. Nach einer anderen, ungleich drastischeren Version der Legende wirft der Einsiedler die Prinzessin nach der vollzogenen Liebesnacht und dem darauffolgenden Gewissenskonflikt in einen Brunnen, um das Wissen über das Geschehene mit ihr untergehen zu lassen.[10] Auf wundersame Weise überlebt die Kaiserstocher jedoch ihr nasses Grab und kann aus der Verirrung im Wald in den heimatlichen Ansitz entkommen. In einer anderen Fassung wird die Prinzessin gar von Chrysostomus geschändet, woraufhin sich die Unglückliche aus Furcht und Schande in den Tod stürzt.[11] Nachdem sie den Suizidversuch unversehrt überlebt, kehrt die wundersam gerettete wieder in die Heimat zurück. Auch in diesen Versionen begibt sich Johannes daraufhin in eine lange und harte Zeit der Buße, indem er fortan nackt auf allen Vieren durch die Einsamkeit des Forstes kriecht. Später wird der wieder sicher heimgekehrten Kaiserstochter ein Bruder geboren, der sich jedoch unerklärlicherweise seiner Taufe widersetzt.

Da man annimmt, dass ausschließlich der gefallene Heilige Johannes Chrysostomus es vermag, an dem störrischen Säugling die Taufe zu vollziehen, begibt man sich in den Wald, bzw. auf die Suche nach ihm. Als der vierfüßige Heilige schließlich entdeckt wird, ist diese mehr einem Tier ähnliche Gestalt kaum mehr als menschliches Wesen zu erkennen. Daraufhin spricht der jüngst geborene Sohn des Kaisers, bzw. der Bruder der Prinzessin Johannes Chrysostomus von seiner Schuld los, woraufhin sich dieser erhebt und das Kleinkind sogleich tauft. Andere Fassungen der Legende beschreiben den Säugling als Produkt der gemeinsam verbrachten Liebesnacht von Chrysostomus und der Prinzessin.[12] Welche Version dieses letzten Kapitels der Heiligengeschichte in der bildenden Kunst der Dürerzeit eher Verbreitung fand, lässt sich den Darstellungen nicht sicher entnehmen. Auffallend ist jedoch, dass die Figuren meist im Mutter-Kind-Schema dargestellt werden.

Auch in Dürers Buße des Heiligen Chrysostomus wird dies deutlich, in der das Kind sogar von der Prinzessin gestillt wird. Ob diese Darstellung auf die Unkenntnis des Künstlers oder im Gegenteil auf die Kenntnis einer speziellen, selteneren Variante der Legende zurückzuführen ist, könnte wohl nur durch eine Untersuchung der Dürer möglicherweise zur Verfügung gestandenen Literatur ergründet werden.[13] Naheliegender ist jedoch, dass die erzählerische Korrektheit der Wiedergabe nicht im Vordergrund der Darstellung stand und sich mit der Darstellung im Mutter-Kind-Schema eine eigene Darstellungstradition entwickelt hat, in der die Heiligenlegende nur mehr eine die Darstellung legitimierende Rolle spielt.

III Ikonographie/Ikonologie

Das 18 x 11,8 cm messende Blatt zeigt im Vordergrund eine vollkommen unbekleidete, sitzende junge Frau mit langem lockigem Haar, die ein auf ihrem Schoß Platz nehmendes Kleinkind mit ihrem Busen stillt. Der vom Betrachter abgewandte Säugling ist dabei in ein textiles Untergewand sowie in ein Fell gehüllt.

Mit ihrer Rechten hält die Frau dem Kind ihre linke Brust entgegen, der sich der Säugling bereitwillig annimmt. Während sie ihren Körper dem Betrachter frontal entgegenrichtet, ist ihr Kopf leicht gesenkt, bzw. ihr Blick dem Kind zugewandt und die Augen sind gesenkt. Die überkreuzten Beine der jungen Frau leiten über zu den übereinander gelagerten Füßen, mit denen die Figur beinahe das Monogramm am unteren Bildrand berührt. Eingerahmt werden Mutter und Kind von einer zerklüfteten, teilweise mit Pflanzen bewachsenen Felsformation, die in ihrem Zentrum eine Vertiefung, ähnlich einer Höhle ausbildet, vor der sich eine etwa kniehohe Gesteinsplatte befindet, auf der die Figur Platz genommen hat. Die Figuren selbst als auch die rechte Hälfte des Felsens sind sehr hell dargestellt, wohingegen der unmittelbare Bereich zu ihrer Linken sehr dunkel daherkommt. Darüber hinaus ist die Figur zu allen Seiten von einem dunklen Bereich umgeben, der sie noch stärker aus dem Gesteinshintergrund hervorhebt. Den oberen Abschluss der Formation, die in ihrer Mitte am höchsten ist, bildet eine Vielzahl von Vegetabilien, die den Felsen in Form von Gräsern und kleinen Sträuchern bedecken. Im äußersten linken Viertel des Blattes, das nicht vom Felsen eingenommen wird, eröffnet sich dem Betrachter nun eine weite, vielgestaltige Landschaft. Etwa mittig, in Hüfthöhe der weiblichen Figur des Vordergrundes, ist ein auf allen Vieren kriechender, bärtiger Mann dargestellt. Bar jeder Kleidung ist der durch einen Strahlenkranz als Heiliger Chrysostomus ausgewiesene, im Begriff, die Bildfläche hinter sich zu lassen. Am äußersten linken Bildrand dargestellt, ist er außerdem vom Geschehen abgewandt. Der plastische, ausgemergelt wirkende Körper und das fehlende Haupthaar lassen ihn in Verbindung mit dem langen Bart als Greis erscheinen. Während der Bereich unter ihm vom Felsen verdeckt wird, zeigt sich im Bereich darüber eine weite Kulturlandschaft, die schließlich in bergiges Gelände und den Himmel übergeht. Zunächst tut sich eine ebene, teils bewaldete Fläche auf, die zu einem breiten Strom führt, welcher von einem kleinen Boot befahren wird. Darauf steht eine lediglich in einzelnen Strichen angedeutete Figur, die am hinteren Ende des Wasserfahrzeugs steht und ein Paddel oder einen Stecken bedient, um sich vom Grund des Gewässers abzustoßen. Darauf folgt ein leicht ansteigendes, erneut teils beforstetes Gelände, auf dem schließlich ein groß angelegter Wehrbau in die Höhe ragt. Dem Betrachter entgegen gerichtet ist dabei eine gewaltige Schildmauer, die gleichzeitig die Außenwand des Pallas darstellt, der durch einen gotischen Eckerker als Residenz eines Fürsten gekennzeichnet ist. Weiterhin wird die Architektur dieses Bauteils bereichert durch zahlreiche unterschiedliche Fensteröffnungen, einen Aborterker sowie ein kleines Mauertürmchen, das den oberen Abschluss dieses Gebäudes außerdem als Wehrgang erscheinen lässt. Dahinter erhebt sich ein massiger Bergfried, der den Pallas in seiner Höhe leicht übertrifft und mit einem Vollwalm geschlossen wird, aus dem wiederum eine dünne Spitze in die Höhe wächst. Ganz links befindet sich ein weiterer Turm, dessen obere Geschosse in der Tradition hochmittelalterlicher Turmburgen in Fachwerk ausgeführt sind, die von einer spitz zulaufenden Turmhaube bekrönt werden. Dazwischen befinden sich weitere Architekturen, die in ihrer Unstrukturiertheit einen ruinösen Zustand erahnen lassen. Den Zugang zur Burganlage ermöglicht eine Brücke, die möglicherweise ein kleines, die Befestigung umgebendes Gewässer überspannt. Hinter dem Komplex steigt das Gelände weiter an, durch das sich eine Straße in die Höhe schlängelt. An der Spitze dieser Erhebung befinden sich ein zeltartiges Dach sowie weitere, nicht klar identifizierbare Strukturen, auf die eine gebirgige Landschaft folgt, die schließlich in den Himmel übergeht. Vertikal lässt sich das Bildfeld somit in den Bereich der Landschaft links außen, die mittleren Figuren sowie den blanken Felsen ganz rechts teilen. Dabei ist der Bereich im Zentrum des Kupferstichs am dunkelsten, während die darin befindlichen Figuren von Mutter und Kind in ihrem hellen Inkarnat umso deutlicher hervortreten und zum zentralen Bildinhalt werden. Die markante Hell- Dunkelalternierung der hierdurch sehr plastisch erscheinenden Felsformation und der Ausblick in die weite Landschaft erzeugen eine Darstellung von großer bildräumlicher Tiefe.

[...]


[1] Baur; Chrysostomus: Der heilige Johannes Chrysostomus und seine Zeit /1: Antiochien, München 1929. Baur, Chrysostomus: Der heilige Johannes Chrysostomus und seine Zeit /2: Konstantinopel, München 1930. Neander, August: Der heilige Johannes Chrysostomus, Berlin 1848. Schäfer, Joachim: Das ökumenische Heiligenlexikon, Stuttgart 1999. Stadler, Johann Evangelist: Vollständiges Heiligen-Lexikon, Berlin 1882.

[2] Ausführlicher mit dem Motiv der Nacktheit in der Kunst beschäftigen sich folgende Publikationen: Hausenstein, Wilhelm: Der nackte Mensch in der Kunst aller Zeiten und Völker, München 1924. Kelperi, Evangelina: Die nackte Frau in der Kunst : von der Antike bis zur Renaissance, München 2000. Bonnet, Anne-Marie: „Akt“ bei Dürer, Köln 2001.

[3] Siehe dazu auch: Stadler, Franz: Dürers Apokalypse und ihr Umkreis, München 1929.

[4] Stadlober 2006, S. 238.

[5] Bspw.: Wimmer/Melzer 1982, S. 429-430.

[6] Schneider 1995, S. 112.

[7] Siehe dazu auch: Bakalova, Elka/Velmans, Tania: Ikonen. Ursprung und Bedeutung, Stuttgart 2002.

[8] Altgriech. für „Goldmund“ (χρυσός (Chrysόs) = Gold / στόμα (stόma) = Mund).

[9] Unverfehrt 2001, S. 76.

[10] Stadlober 2006, S. 238.

[11] Stadlober 2006, S. 238.

[12] Stadlober 2006, S. 238.

[13] Möglicherweise kannte Dürer die Legende aus der 1488 in Nürnberg erschienen Publikation Passional oder der Heiligen Leben von Anton Koberger. (Schneider 1995, S. 112)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Die Buße des heiligen Chrysostomus" in einem Kupferstich von Albrecht Dürer
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V322324
ISBN (eBook)
9783668215184
ISBN (Buch)
9783668215191
Dateigröße
938 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Albrecht Dürer, Chrysostomus
Arbeit zitieren
Symon Johannes Schirmer (Autor), 2015, "Die Buße des heiligen Chrysostomus" in einem Kupferstich von Albrecht Dürer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322324

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