"Fluxus". Eine Künstlertheorie des 20. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
20 Seiten, Note: 1

Leseprobe

INHALT

Einleitung

1.Definition des Fluxus

2.Entstehung des Fluxus im historischen Kontext mit einem Exkurs in die Geschichte der intermedialen Kunstformen

3.Die Protagonisten der Fluxus-Bewegung

4.Die FLuxus-Ideologie und die Ziele versus kritische Stimmen

5.Schlussbemerkung – Gedanken zu Fluxus und Ausblick

6.Literaturverzeichnis und Quellen

Einleitung

Auf die Frage, „Was ist Fluxus?“ geben Ausstellungskataloge, selbst Ausstellungen keine befriedigenden Erklärungen. In einer Dokumentation über Fluxus, Happenings, Pop Art und Nouveau Réalisme begründen die Herausgeber Wolf Vostell und Jürgen Becker die mangelnde Definition damit, dass dies wohl nicht im Sinne der künstlerischen Bemühungen sei. Kommunikation und Information soll im Vordergrund stehen.[1]

Aus einzelnen Textbeiträgen der Künstler selbst gehen mögliche Interpretationen der Künstlertheorien hervor. Diese werden in folgender Arbeit zur Aufhellung der komplexen Theorie des Fluxus verwendet.

Die Entstehung des Fluxus wird zur Verdeutlichung in den historischen Kontext eingebettet und ein Ausflug in die Geschichte der intermedialen Kunst zeigt, dass sich Künstler schon in früheren Zeiten um sogenannte Gesamtkunstwerke und eine übergreifende Kunst Gedanken gemacht haben.

Mit Kurzbiografien und Manifesten der Protagonisten der Fluxusbewegung sowie Beispielen ihres künstlerischen Schaffens versucht diese Arbeit den Begriff der Künstlertheorie des Fluxus mit ihren unterschiedlichen Darstellungsformen und Zielen zu fassen.

1. Definition des Fluxus

Fluxus ist eine Kunstrichtung, die etwa 1960 einsetzte und in Deutschland erstmals 1962 mit einem Fluxus-Festival in Wiesbaden, das sich „Fluxus Festspiele Neuester Musik“ nannte, öffentlich in Erscheinung trat.

Fluxus entwickelte sich aus dem Neo-Dadaismus in den USA in den 50er Jahren und der daraus resultierenden Pop Art.[2]

George Maciunas, einer der Protagonisten und als Fluxus-Ideologe bezeichneter Künstler hatte in den USA eine Konzertreihe unter dem Titel „Fluxus Internationale Festspiele Neuester Musik“ konzipiert. Fortan diente der Begriff Fluxus als Bezeichnung für Konzerte und Events, Manifeste und Editionen, die vor allem in Europa, den USA und Japan stattfanden.

In seinen ersten Manifesten benutzte Maciunas die Wörterbuchdefinition „Fluxus – Akt des Fließens – kontinuierliche Bewegung – andauernde Folge von Veränderungen“.

Fluxus war die erste transatlantische Kunstbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg, die Künstler wie John Cage, Robert Filliou, Nam June Paik und den jungen Beuys zusammeführte.

Alle mit Fluxus verbundenen Künstler arbeiteten an Gattungsgrenzen überschreitenden Formen der Kunst, ob sie nun von der Musik oder von der Sprache, von den bildenden Künsten oder vom Tanz her kamen.

Es bildeten sich eigene Darstellungsformen wie Happening, Pop Art, Situation, Combine Painting, Objektkunst, Environment, Akkumulation und Nouveau Réalisme, die Gegenstände der Konsumindustrie und das Alltagsgeschehen in die Kunstwerke integrierten. Diese Kunstrichtungen werden nicht losgelöst von Fluxus gesehen.

Innerhalb dieser verschiedenen, auch eigenen Kunstrichtungen, die man großzügig unter der Künstlertheorie des Fluxus einordnen könnte, gibt es nationale Unterschiede:

In Deutschland richteten vor allem Wolf Vostell und Bazon Brock ihre Aktionen vornehmlich auf politische Phänomene.

Die amerikanischen Pop-Artisten zitierten eher die Konsumfetische ihres Landes.

In Frankreich waren die Gebrauchsgegenstände des lädierten Alltags, des Abfalls die Sache der Neuen Realisten.

Zur Definition der verschiedenen Erscheinungsformen des Fluxus geben einige Künstler in Zitaten Auskunft:

„Fluxus, das ist eine lange Geschichte mit vielen Knoten.“ Lewis Caroll

„Painting to be stepped on.“ Yoko Ono, 1961

“Festgelegte Bedeutung/Nutzen den Dingen entziehen”. – „Demolish serious culture!“ – „Tabula rasa machen bevor man Neues anfangen kann.“ Ben Vautier

„Die menschlichen Vorstellungen über die Dinge befreien und damit einer neuen Sicht und Nutzung zugänglich machen.“ Joseph Beuys

„Kreativität=Kapital.“ Joseph Beuys

„FLuxus entdeckt die ‚Kunst’ mitten in den ‚Handlungen des Alltags’.“ Dick Higgins

„Der Künstler gibt nur noch Anweisungen oder Material vor (z.B.: Nägel und Latten), der bisherige Betrachter muss die Sache selber machen.“ Joseph Beuys

„Jeder Mensch=Künstler.“ Joseph Beuys

Ich nehme mir nicht vor, es Ihnen leicht zu machen.“ Wolf Vostell

Pierre Restany schreibt über „ Le Nouveau Réalisme und was darunter zu verstehen ist: „Durch ihre Entdeckung der wahren modernen Natur schlugen die Neuen Realisten eine Bresche in den abstrakten Konformismus. Ihre Schockwirkung wurde jedoch, wie zu erwarten war, von ewig diebischen Dritten zu mehr oder weniger betrügerischen Zwecken ausgenützt. Für das schon prädisponierte europäische Publikum war sie Vorwand für eine wahrhaftige Rückkehr zum Figurativen. Der alte Streit figurativ-abstrakt ist begraben; auf Grund der elektronischen Fotografie hat sich das Informel wieder dem darstellenden Clan angeschlossen, und damit läuft die ganze lyrisch-abstrakte Kunst Gefahr zu verschwinden. […]“[3]

Allan Kaprow definierte: „2 Definitionen: Der Begriff »environment« bezeichnet eine Kunstform, die einen (geschlossenen oder Feiluft-) Raum gänzlich füllt, die das Publikum umgibt, und die aus beliebigem Material, darunter Licht, Klang und Farbe besteht. Der Begriff »happening« bezeichnet eine Kunstform, die dem Theater ähnlich ist insofern, als sie in einem bestimmten Raum und einer bestimmten Zeit aufgeführt wird. Ihre Struktur und ihr Gehalt sind eine logische Ausweitung des »environments«.“[4]

In seinem Werk „Assemblage, Environments & Happenings“ bemerkte Kaprow 1959“: „Der junge Künstler von heute braucht nicht mehr zu erklären: ’Ich bin ein Maler, ein Dichter oder ein Tänzer’. Er ist einfach ein ‚Künstler’. Das ganze Leben steht ihm nun offen.“

Zu den Happenings schreibt Kaprow: „Die Trennlinie zwischen Kunst und Leben sollte so fließend und vielleicht auch so undeutlich wie möglich gehalten werden.(…) Die Quellen der Themen, Materialien, Aktionen und die Beziehungen zwischen ihnen sind also aus jedem Ort und jeder Epoche zu beziehen, (…). Ein Happening sollte an verschiedenen, weit voneinander entfernten, manchmal auch beweglichen und sich verändernden Schauplätzen stattfinden.“ […] Die Zeit, deren Behandlung eng an die Überlegungen zum Raum anschließt, muss variabel und diskontinuierlich sein.[…] Happenings sollten nur einmal durchgeführt werden.[…] Daraus folgt, dass das Publikum ganz eliminiert werden sollte. Alle Elemente – Menschen, Raum, die besonderen Materialien und der Charakter der Umgebung, Zeit – können auf diese Weise integriert werden.“[5]

Dick Higgins formulierte eine Liste von Fluxus-Merkmalen: „Internationalismus, Experimentalismus, Ikonoklasmus, Intermedia, Auflösung der Kunst & Leben-Dichotomie, Wirkungshaftigkeit, Spiel und Witz, Vergänglichkeit, Einzigartigkeit.“

Wolf Vostell äußerte sich über Happenings: „ Inszeniertes oder improvisiertes Geschehnis; Phasen aus der Realität. Darstellung von Fakten, Tatsachen, Träumen ohne Bindung an feste Räume; sondern an vielen Stellen der Stadt. Nämlich an den Stellen, an denen ursprünglich die Ereignisse stattfinden, z.B. Flugplatz, Autofriedhof, Schlachthaus, Hochgarage etc. Der Zuschauer wird aktiv ins Geschehen miteinbezogen, oder der Verlauf des Happenings wird auch seiner Verantwortung übertragen.[6]

Die Definitionen von Fluxus waren so heterogen wie die oft intermediale Praxis der Konzerte, Objekte und Aktionen. George Maciunas berief sich manchmal gegen die Akademisierung und Institutionalisierung der einst revolutionären Abstraktion auf die Antiästhetik der sowjetischen Produktionskunst der zwanziger Jahre. Hingegen versuchte er zu einem anderen Zeitpunkt Dadaismus und „konkrete“ Kunst zusammenzudenken. Unter „konkret“ verstand man im Rückgriff auf Duchamp und Schwitters die möglichst „unverfälschte“ – nicht durch ästhetische Konvention oder individualistische Willkür vermittelte und damit aus der kontemplativen Distanz zu genießende – Präsentation des Materials.

Neu bei Fluxus war die Präsentationsform: die Aktion oder Performance, die jenseits des Tafelbildes einen offenen Rahmen für die Verbindung von Kunst und Leben als Austausch zwischen Performer und Publikum bereitstellen sollte.[7]

Es gibt keine klaren Trennungslinien zwischen den verschiedenen Extremen. Viele Arbeiten gehören mehreren Kategorien an. Die Gebiete der Kreativität reichen von Zeit-Kunst (literarische Kunst) über Raum-Kunst (Graphik), Raum-Zeit-Kunst (theaterbezogene Musik) bis zu Raum-Kunst (Environments), wie Maciunas schreibt.

Beinahe alle Kategorien und alle Künstler sind dem Konzept des Konkretismus verbunden bis zu jenem Konkretismus, der jenseits der Grenzen der Kunst liegt und daher manchmal als Antikunst oder Kunstnihilismus bezeichnet wird. Im Gegensatz zu den Illusionisten sind die Konkretisten für die Einheit von Form und Inhalt statt für deren Trennung. Der eigentliche Beitrag eines wahrhaft konkreten Künstlers besteht nicht in der Durcharbeitung einer Form oder Struktur, sondern in der Entwicklung eines Konzepts oder einer Methode, durch die ohne seine weitere Mitwirkung Form geschaffen werden kann. Laut Maciunas wird dieses auch als Antikunst bezeichnet. Die sogenannten Antikunstformen richten sich, in erster Linie gegen die Ausübung von Kunst als Beruf, gegen die künstliche Trennung von Performer und Publikum oder Schöpfer und Betrachter oder Kunst und Leben; sie richten sich gegen die Zweckmäßigkeit, Formvollendetheit und Bedeutungsträchtigkeit der Kunst. „Antikunst ist Leben, ist Natur, ist wahre Wirklichkeit – sie ist eins und alles.“

„Wenn der Mensch die Welt, die konkrete Welt um ihn herum […] auf die gleiche Weise erfahren könnte wie bislang die Kunst, dann gäbe es keinen Bedarf für Kunst und Künstler und ähnlich ‚unproduktive Elemente’.“[8]

2. Entstehung des Fluxus im historischen Kontext mit einem Exkurs in die Geschichte der intermedialen Kunstformen

Fluxus entwickelte sich aus dem Neo-Dadaismus in den USA in den 50er Jahren und der daraus resultierenden Pop Art. Seinen Ausgang nahm Fluxus in der Musik. John Cage, der in den späten 50er Jahren an der New School for Social Research lehrte, wo unter anderen George Maciunas bei ihm studierte, holte sich viele Anregungen für die bildende Kunst aus der Musik. Er setzte die reine Materialität des Klanges gegen die rationalen Kalküle neuer Musik. Durch John Cage hat die Aktionskunst ihre Geburtsstunde in der Experimentalmusik.

Fluxus trat durch das „Fluxus Festival Neuester Musik“ in Wiesbaden initiiert von George Maciunas erstmals 1962 in Deutschland in Erscheinung.

Wenn man die Kunstrichtung Fluxus im Zusammenhang mit dem Zeitgeschehen betrachtet, fällt auf, dass viele Kunstwerke zeitgenössische Problematiken beinhalten, die auf politische und gesellschaftliche Geschehnisse ihrer Zeit hinweisen.

Das Bewusstsein, das in ihnen wirkt, ist bestimmt von der Gegenwart. Das Werk zeigt seine Verstörung und gleichzeitig will es Aufklärung, sei es, dass der Schock den Betrachter hindert, länger den Zeitlauf vernünftig zu nennen, sei es, dass er den Blick für die Realitäten gewinnt, aus denen diese Künste hervorgegangen sind.[9]

Die Entstehung des Fluxus steht im historischen Kontext zur Adenauer-Ära in West-Deutschland, die gekennzeichnet war von Stagnation; das Wirtschaftswunder verlor für die jüngere Generation seinen Glanz, es gab Studentenproteste und die außerparlamentarische Opposition wurde aktiv.

In den USA begann 1960 die Amtszeit von J. F. Kennedy, mit dem sich Hoffnungen auf eine neue, moderne Gesellschaft verbanden. Dieser Aufbruch ging allerdings über in eine Krisenzeit, zu der die Kuba-Krise gehörte, die Ermordung der Kennedy-Brüder und Martin Luther King, sowie der Vietnam Krieg.

In der Zeit des Kalten Krieges und der Teilung der Welt in ideologische Blöcke begannen die Künstler ihr Verhältnis zur Gesellschaft neu zu überdenken und arbeiteten dabei stillschweigend an der Auflösung des „autonomen“ Territoriums, wie Becker und Vostell sich ausdrückten. Massenproduktion und –Konsum und die einsetzende Massenkommunikation machten die Egozentrik des modernen Künstlerbildes fragwürdig.[10]

Fluxus ist eine Dokumentation seiner Zeit. Die Kunstwerke werden nur selten beschrieben, sie stellen sich selber dar: in Fotos, Partituren, Manifesten, Chroniken und Aktionen. Fluxus und Happenings sind Phänomene, die im Grunde allein in ihrer Praxis erfahrbar sind.

[...]


[1] Becker, Jürgen, Vostell, Wolf (Hrsg.), Happenings, Fluxus, Pop Art, Nouveau Réalisme, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg, 1965

[2] siehe Becker-Vostell, S. 1-18

[3] siehe Becker-Vostell, S. 38 und S. 42

[4] siehe Becker-Vostell, S. 46

[5] Allan Kaprow, Assemblage, Environents & Happenings, New York, Abrams, 1965 in: Kunsttheorie im 20. Jahrhundert, Band II., Hrsg. Charles Harrison und Paul Wood, Verlag Gerd Hatje, Ostfildern, 1998

[6] siehe Becker-Vostell, Seite 46

[7] George Maciunas, Neo-Dada in Music, Theater, Poetry Art, 1962 in: Kunsttheorie im 20. Jahrhundert, Band II, Hrsg. Charles Harrison und Paul Wood, Verlag Gerd Hatje, Ostfildern, 1998, Seite 894, 895

[8] siehe Harrison-Wood, Seite 896

[9] siehe Becker-Vostell, S. 1-18

[10] siehe Becker-Vostell, S.1-18

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
"Fluxus". Eine Künstlertheorie des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar "Künstlertheorien der Moderne"
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V322332
ISBN (eBook)
9783668215368
ISBN (Buch)
9783668215375
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fluxus, Künstertheorie
Arbeit zitieren
Christina Hirschochs (Autor), 2005, "Fluxus". Eine Künstlertheorie des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322332

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