Die Grundlagen der allgemeinen Systemtheorie nach Niklas Luhmann


Essay, 2014

9 Seiten


Leseprobe

Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann ist eine soziologische Theorie, welche den Anspruch er­hebt universell applizierbar zu sein. Demnach soll die Systemtheorie es ermöglichen, alle sozialen Phänomene in ein gemeinsames Theoriegebäude zu integrieren und gemäß diesem zu erklären. Mit dem Universalitätsanspruch geht jedoch ein hohes Maß an Komplexität und Abstraktheit einher, welche den anfänglichen Zugang erheblich erschwert und somit die eigentliche Fruchtbarkeit der Theorie verhüllt. Davon ausgehend soll diese Ausarbeitung einige der zentralen Begrifflichkeiten der allgemeinen Systemtheorie einführen und in Relation zueinander erörtern, um so eine Grundla­ge für das Verständnis der weiterführenden Systemtheorie zu schaffen.

Am Beginn dieses Überblickes soll jene Differenz erläutert werden, welche auch im Denken Luh­manns den Grundstein der seinigen Theoriekonstruktion legt – Die Differenz von System und Um­welt. Zunächst ist festzuhalten, dass die Unterscheidung von System und Umwelt eine Möglichkeit darstellt die Welt dichotom zu beschreiben. Grundlegend ist dabei die Vorstellung, dass sich Syste­me selbstständig von ihrer Umwelt abgrenzen und dass dies durch jene Operationen geschieht, wel­che das System herstellen bzw. reproduzieren1. Die Systembildung erfolgt nach Luhmanns Vorstel­lung durch die relationale Verknüpfung von spezifischen Elementen, bzw. durch die dabei erfolgen­de Abgrenzung eines Systems von seiner Umwelt, welche sich mit der Herstellung oder Reproduk­tion der jeweiligen Elementrelationen vollzieht.2 Rekurriert man also auf ein System bspw. ein Eichhörnchen auf dem Fensterbrett – d.i. ein Komplex bzw. Organismus aus biologischen und ei­nem psychischen System; so beschreibt man dieses immer im Unterschied zur jeweiligen Umwelt des Systems und grenzt dieses somit vom Fensterbrett mit Nüsse, den Bäumen etc. und schließlich von mir als den jeweiligen Beobachter ab. Die Erhaltung der spezifischen Grenze zwischen System und Umwelt wird dabei als Fortbestand des Systems verstanden, was impliziert, dass Systeme als operativ geschlossen gelten. Der Terminus der operativen Geschlossenheit bezeichnet hier also ein Modell, welches davon ausgeht, dass sich bestimmte Systeme aus ihren spezifischen Elementen und deren Relationen produzieren und durch ebendiese auch reproduzieren. Diese Art von System, wel­che Luhmann als autopoietische Systeme bezeichnet sind durch ihre selbstreferenziellen Operatio­nen – d.s. die spezifischen Elementrelationen – abgeschlossen und organisieren bzw. reorganisieren sich durch ebendiese in einer eigentümlichen Weise zirkulär.

Autopoietische Systeme sind geschlossene Systeme insofern, als sie das, was sie als Einheit zu ihrer eigenen Reproduktion verwenden (also: ihre Elemente, ihre Prozesse, sich selbst) nicht aus ihrer Umwelt beziehen können.3

Derartige Systeme operieren blind, sie versuchen kontinuierlich das Problem der Reproduktion zu bewältigen. Dies vollzieht sich über den selbstreferenziellen Anschluss jeder Systemoperation an neue Operationen derselben Operationsweise, wodurch die operative Schließung und damit die Existenzbedingung des Systems aufrechterhalten wird.4 Ein Beispiel für eine solche Art von Sys­tem sind Zellen. Diese sind strukturell abgeschlossen und zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich aus ihren immanenten Informationen und Operationen reproduzieren – d.i. Zellteilung. Demnach können alle lebenden Systeme als selbst organisierend und abgeschlossen charakterisiert werden. Luhmann geht jedoch soweit, dass er die sozialen Systeme, welche das Rückgrat seiner Sys­temtheorie bilden als autopoietisch konzipiert.

Die Unterscheidung von System und Umwelt kann demnach als eine innen/außen Differenzierung verstanden werden, welche die Welt in ein spezifisches System auf der Innenseite und deren Um­welt auf der Außenseite unterteilt. Besonders wichtig ist hierbei, dass jedes einzelne System alles zur Umwelt hat was nicht Operation seiner jeweiligen Autopoiesis ist, weshalb die Umwelt immer relativ zum beobachteten System ist:

Die Umwelt erhält ihre Einheit erst durch das System und nur relativ zum System. Sie ist ihrerseits durch offene Horizonte, nicht jedoch durch überschreitbare Grenzen umgrenzt; sie ist selbst also kein System. Sie ist für jedes System eine andere, da jedes System nur sich selbst aus seiner Umwelt ausnimmt. [...] Eine der wichtigsten Konsequenzen des System/Umwelt-Paradigmas ist: daß man zwischen der Umwelt eines Systems und Systemen in der Umwelt dieses Systems unterscheiden muß.5

So hat der Organismus Eichhörnchen den Baum, das Fensterbrett mit Nüssen etc. und schließlich mich als Beobachter zur Umwelt. Die Art und Weise wie ich das Eichhörnchen beobachte wird da­bei als kontingent aufgefasst. Es ist also möglich das Eichhörnchen irgendwie zu beobachten und es ist nicht notwendig einen bestimmten und nicht einen anderen Modus der Observation zu wählen.6 Die Vorstellung, dass der Modus der Beobachtung immer kontingent und relativ zum Beobachter und dessen Unterscheidungen ist, bildet gewissermaßen den Ausgangspunkt der konstruktivisti­schen Erkenntnistheorie Luhmanns.7 Jedoch obliegt jede Beobachtung der Notwendigkeit zu diffe­renzieren, also eine Auswahl zu treffen und dabei das kontingent ausgewählte von etwas anderem zu unterscheiden. Das leitet zu einem weiteren Grundbegriff und Problem der Systemtheorie über – Komplexität. Das Problem der Komplexität liegt im Grunde jeder Unterscheidung zugrunde, wes­halb es als eine zentrale Prämisse der Systemtheorie aufgefasst werden kann. Wie bereits weiter oben erläutert vollzieht sich die Unterscheidung von System und Umwelt durch eine Exklusion aller nicht operativen Elemente, Relationen, Ereignisse, Prozesse und Strukturen auf der Innenseite der Differenz, während sich die Umwelt in eine komplexe Indifferenz auf der Außenseite der Unter­scheidung auflöst – sie ist alles was nicht System ist. Aus dieser theoretischen Grundlage folgt dann im nächsten Schritt die Überlegung, dass die Umwelt immer komplexer sein müsste als das jeweili­ge System und das sich dieses Komplexitätsgefälle auch innerhalb von Systemen, in den s.g. Sub- oder Funktionssystemen widerspiegelt, da diese einander wechselseitig zur Umwelt haben.8 Dass die Umwelt komplex oder gar hyperkomplex ist impliziert nun ein Problem: Die Zahl der mögli­chen und aktuellen Elementrelationen der Umwelt übersteigt die operative Kapazität des Systems überproportional. Hieraus resultiert die Notwendigkeit für jedes spezifische System kontingente Komplexitätsreduktionen vorzunehmen, um so den Anforderungen, welche es aus der Umwelt als Irritationen wahrnimmt – und welche zunächst alle gleichzeitig, zusammenhangslos und unter­schiedslos sind – mittels systeminterner Strukturen zu interpretieren und zu ordnen , wodurch sie zu Informationen transformiert werden und dem System zur Orientierung in seiner Umwelt dienen.9

Die Reduktion der Umweltkomplexität erfolgt also grundsätzlich über einen systemischen Prozess der Wahrnehmung, wobei die Wahrnehmung über selektiv angelegte Kopplungen zwischen der Um­welt und den Strukturen des operativ geschlossenen Systems vollzogen wird. Demnach besteht kein determinierendes Verhältnis zwischen Umwelt und System, sondern wie Luhmann es nennt struktu­relle Kopplungen. Strukturelle Kopplungen werden demnach als hoch selektive Schnittstelle zwi­schen Umwelt- und Systemelementen begriffen, welche das System aus seinen eigenen Elementen prozessiert, um somit Einflüsse der Umwelt zu kanalisieren und zu bündeln. Die Kanalisierung der Umwelteinflüsse ermöglicht nun dreierlei: 1.) Die Exklusion aller Umwelteinflüsse die gemäß der Relevanzstrukturen des jeweiligen Systems irrelevant sind. 2.) Die Wahrnehmung von relevanten Umwelteinflüssen als Irritationen. 3.) Die Interpretation und die damit verbundene Veränderung der Systemstruktur.10 Im Folgenden erschließt sich, dass die Reduktion von Umweltkomplexität und da­mit die Aufrechterhaltung der operativen Schließung über die Strukturvariation der selbstreferenzi­ellen Systemoperation vollzogen wird.

Die Möglichkeit von Strukturvariationen in operativ geschlossenen Systemen leitet nun zu dem weiterführenden Gedanken über, dass Systeme evolvieren. Der Kerngedanke der Systemevolution wurde bereits weiter oben eingeführt und wird an dieser Stelle noch etwas ausführlicher erörtert. Systeme sind von ihrer jeweiligen Umwelt operativ abgeschlossen, nichtsdestotrotz vollziehen sie ihre Selbstreproduktion in einer Umwelt die sie als Störung erfahren. Luhmann konzipiert Evolution folglich als einen dreiteiligen Prozess, welcher zirkulär gedacht ist – (I) Variation (II) Selektion (III) Stabilisierung – und sich im Zuge der Autopoiesis beständig wiederholt. Was als Irritation wahrgenommen wird ist abhängig von den jeweiligen Strukturen des Systems und verän­dert sich mit jeder Irritation – die Relevanzstrukturen und Strukturen im allgemeinen obliegen also der Zirkularität der selbstreferenziellen Reproduktion. Demnach stimuliert Umwelt lediglich die Va­riation von Strukturausprägungen in autopoietischen Systemen, wobei das Komplexitätsgefälle zwi­schen Umwelt und System dafür ausschlaggebend ist wie dynamisch und komplex sich die spezifi­schen Strukturen verändern. Die Selektion von Strukturvariationen erfolgt jedoch im Gegensatz zur klassischen Evolutionstheorie nicht durch die Umwelt sondern, durch das autopoietische System selbst. Dabei stellt die Anschlussfähigkeit weiterer Operationen das Selektionskriterium der Struk­turvariation dar, ergo selegieren Systeme solche Strukturen die das Anknüpfen weiterer Systemope­rationen und damit die Aufrechterhaltung der operativen Schließung wahrscheinlicher machen. Die Stabilisierung bezeichnet dann schließlich die Integration der ausgewählten Variationen in die spe­zifischen Strukturmerkmale des Systems, welche dadurch zur Voraussetzung anschließenden Opera­tionen und damit der Reproduktion wird. In diesem Sinne werden Systeme immer als angepasst erachtet solange sie ihre Selbstreproduktion in der Umwelt weiterführen, also kompatibel mit dieser sind.11

Davon ausgehend eröffnet sich, dass autopoietische Systeme in der Lage sind komplexe Strukturen aus ihren eigenen Elementrelationen zu erzeugen, die es dem System dann ermöglichen eine Kom­plexitätssteigerung gegenüber seiner Umwelt zu vollziehen. Durch diese kann das System dann mehr Umweltkomplexität reduzieren und wird somit in der Zirkularität seiner Reproduktion sensi­bler für weitere Irritationen – was wiederum Voraussetzung für weitere Komplexitätssteigerung ist. Im Zuge der Evolution entwickeln autopoietische Systeme unterschiedliche Strukturvariationen mit unterschiedlichen Komplexitätsgraden. Einige komplexe Systeme differenzieren psychische Syste­me aus, welche die Wahrnehmung von Irritationen interpretieren und diese dabei unterscheiden und bezeichnen. Diese Transformation von Irritation zu Information nennt Luhmann Beobachtung. Mit der Einführung des Beobachters gehen nun gleich zwei theoretische Aspekten einher, welche für die Konstitution der luhmann'schen Sozialtheorie basal sind: 1.) Die erkenntnistheoretische Position: Das jedes Erkennen der Welt – Welt ist die Einheit der Differenz auf System und Umwelt – in die Operationen eines operativ geschlossenen Systems eingebettet ist und, dass das Beobachten in diesem Sinne immer eine Konstruktion der Welt ist die relativ zu den spezifischen Strukturen der beobachtenden Systeme ist. Informationen entstehen also über die strukturelle Kopplung der Wahrnehmungssysteme mit dem psychischen System, weshalb jede Weltkonstruktion beobachterre­lativ und selbstreferenziell ist. 2.) Die Transformation von Irritation zu Information ist zudem eine Übertragung in das Medium Sinn, in dem sowohl psychische als auch soziale Systeme operieren – wenn sie beobachten. Hierzu bedarf es zunächst einmal einer Erläuterung dessen was Luhmann un­ter Sinn konzipiert und welche Funktion dieses Medium erfüllt. Grundsätzlich begreift die Sys­temtheorie Sinn als eine evolutionäre Errungenschaft komplexer Systeme, welche das selektive Er­zeugen aller psychischen und sozialen Formen realisiert und somit Möglichkeiten zur Bewältigung von Umweltkomplexität bereitstellt. Sinn ist das Medium in dem Bewusstseinssysteme und soziale Systeme die Welt erfahren: „Man kann dann sagen, Sinn sei [...] eine unbestimmte […] Menge kombinatorischer Möglichkeiten, die wir immer nur in den jeweils festen Kombinationen erfassen.“12 Dabei zerfällt die Form des Mediums in die Unterscheidung von Aktualität und Poten­tialität, welche letztlich eine Strukturierung bzw. Ordnung der erschlossenen Informationen und da­mit die Interpretation der Welt ermöglicht.13

Wichtig ist an dieser Stelle die basale Vorstellung, dass Beobachter die Welt immer als sinnhaft er­fahren, weshalb Luhmann das Medium Sinn als eine unnegierbare Kategorie anlegt. Demnach ver­wenden Bewusstseinssysteme das generelle Medium Sinn als Form für ihre Operationen – jeder ak­tuelle Gedanke schließt an einen möglichen weiteren Gedanken an und verweist dabei wieder auf einen Überschuss weiteren Anschlussmöglichkeiten des Gedankens, da dieser immer in einen Hori­zont von potentiellen Gedanken eingebettet ist auf die er verweist –, um so die unterschiedenen Umweltirritationen zu bezeichnen und in Form von Informationen zu prozessieren. Jeder Bezeich­nung obliegt dabei die Notwendigkeit der Selektion. Das ist die Auswahl der Innen- oder der Au­ßenseite der getroffenen Unterscheidung, wobei die Bezeichnung der einen Seite die Möglichkeit ihrer Negation und ihres Andersseins mit sich führt, aber nicht aktualisiert wird. Hieraus resultiert schließlich das Phänomen des Blinden Fleckes, welches besagt, dass Beobachtungen durch den Pro­zess der Selektion und Bezeichnung immer nur einen Ausschnitt der Welt interpretieren und den Rest als s.g. „unmarked space“ außen vor lassen. Die systemtheoretische Epistemologie unter­streicht an dieser Stelle zwar die Universalität des Mediums Sinn für das Erkennen der Welt, aber betont zugleich ausdrücklich die völlige Kontingenz und Beobachterrelativität der Formen, welche jeder Gliederung von Welt zugrunde liegen.14

Jede Einheit, auf die man sich bezieht, ist die Konstruktion eines Beobachters und hängt damit von der benutzten Unterscheidung ab. Jede Unterscheidung übersetzt unausweichlich die Welt in eigene Formen und erlaubt deshalb keinen Zugang zu einer vom Beobachter unabhängigen objektiven Welt. Die Welt kann somit nie von außen beobachtet werden; die Beobachtung verändert unvermeidlich die Welt, mit der sie sich konfrontiert.15

Ausgehend von einer Ausgangsunterscheidung – wie der von System und Umwelt oder Subjekt und Objekt – lassen sich dann immer weitere Unterscheidungen anschließen, welche mittels der Diffe­renzierung von Identität und Differenz eine Kopplung von Informationen zu komplexen Informati­onsnetzwerken und Differenzierungsmustern ermöglicht. Basal für derartig komplexe Ordnungskonstrukte ist jene grundlegende Differenz zwischen dem Aktuellen und dem Potentiellen, welche ihrerseits in drei unterschiedliche Sinndimensionen – Sach-, Zeit- und Sozialdimension – zerfällt und damit eine differenzierte Interpretationsheuristik für die Welt bereitstellt.16

Jede der drei Dimensionen gliedert sich durch Differenzierung in einen Doppelhorizont der sich von den Doppelhorizonten der anderen Dimensionen unterscheidet.17 So wird die Zeitdimension durch die Differenzierung von Zukunft und Vergangenheit in der Gegenwart konstituiert. Beobachter ope­rieren demnach immer in der Gegenwart, wobei Gegenwart dem entspricht was für das jeweilige System gerade aktuell ist. Der Verweisungshorizont der Zeitdimension eröffnet dem Beobachter die Möglichkeit die Welt, in welcher eine unbestimmte Menge von Ereignissen gleichzeitig stattfinden, durch die basale Differenz von früher und später zu interpretieren. „[…] Die Gegenwart [schrumpft] auf den Punkt [...], in dem Zukunft und Vergangenheit different gesetzt werden. Die Gegenwart ist Differenzpunkt von Zukunft und Vergangenheit“18. Vergangenheit und Zukunft zerfallen dann in Se­quenzen von 'Vorhers' und 'Nachhers', die gemäß der Metapher des Horizonts unendlich aneinander und miteinander gekoppelt werden können – diese Kombinierbarkeit der Zeithorizonte stellt die Voraussetzung für Planung dar.19

In der Sachdimension wird der Doppelhorizont durch die basale Unterscheidung „[...] dies/anderes strukturiert, wobei die Bestimmung von etwas (>> das <<) die (implizite) Negation dessen erfordert, was anderes ist: Ein Pferd ist keine Kuh, eine Zahl ist kein Spiel [...]“20. In Anschluss an diese Dif­ferenz kann dann das identifizierte Objekt analysiert, klassifiziert oder räumlich lokalisiert werden. Die paradigmatische System/Umwelt Differenz resultiert aus einer Kombination dieser Interpretati­onsweisen mit System- und Beobachterreferenzen.21

Die Sozialdimension strukturiert sich durch die Unterscheidung der Möglichkeitshorizonte von >>Alter<< und >>Ego<<, welche als Beobachter aufgefasst werden die via kontingenter Observationsmodi operieren. In der Sozialdimension ist es paradigmatisch, dass die Art und Weise wie Beob­achter andere Beobachter erfahren und die daraus resultierenden Strukturen untersucht werden. Die Kontingenz der jeweiligen Beobachtungsmodi spielt dabei eine gesonderte Rolle, da sie dazu führt dass die Beobachter sich wechselseitig als unbestimmt erfahren. Demnach wird die Soziale Dimen­sion über den doppelten Perspektivhorizont von Alter und Ego konstituiert, in welchem sich Ego und Alter als Alter-Ego und vice versa als Ego-Alter erfahren. Was anders gesprochen bedeutet, dass sich Alter und Ego darin als identisch erfahren, dass eine Nicht-Identität ihrer Perspektiven be­steht und das diese Identität über die wechselseitige Antizipation der eigenen Perspektive für den je­weils anderen geschieht – Alter erkennt sich in Ego als Alter-Ego wieder und umgekehrt. Die wech­selseitige Erfahrung der Identität in der Unbestimmtheit der Perspektiven bildet in der Sys­temtheorie die Grundlage des Sozialen, da aus ihr das zentrale Problem resultiert soziale Systemen bewältigen. Dieses Problem wird als Doppelte Kontingenz bezeichnet und beinhaltet die Duplikati­on der Unbestimmtheit jener Selektionen, mit deren Hilfe Systeme Sinn konstituieren und sich auf ihre Umwelt beziehen. Da sich Ego und Alter wechselseitig zur Umwelt haben resultiert die doppel­te Kontingenz in der völligen Unsicherheit der Situation. Alter und Ego können sich nicht durch­schauen und sind deswegen für einander variationsfähig und unvorhersehbar.22

Die Lösung dieses fundamentalen Problems, welche zugleich auch als theoretischer Ursprung aller sozialen Phänomene gedacht wird, erfolgt schließlich über die Kommunikation zwischen Alter und Ego. Es muss betont werden, dass Kommunikation als jene Operation aufgefasst wird, welche für alle sozialen Systeme konstitutiv ist und zudem auch ihre operative Schließungen aufrechterhält. Demnach erzeugt die Kommunikation zwischen Ego und Alter ein soziales System, dessen Struktu­ren für beide beobachtbar sind. Diese Strukturen reduzieren die Unbestimmtheit und Unsicherheit der Situation dadurch, dass sie gewonnene Informationen ordnen (asymmetrisieren) und somit die Ausbildung von Erwartungsstrukturen sowohl auf der Seite von Alter als auch von Ego ermögli­chen.23 Die Universalität der Systemtheorie erschließt sich folglich aus der Bestimmung von Kommunikation als die produzierenden und reproduzierende Operation von sozialen Systemen, weshalb Gesellschaft alle Sachverhalte einschließt in denen Kommunikation involviert ist.24

Literaturverzeichnis

Primärquellen:

- Luhmann, Niklas: Einführung in die Systemtheorie. Carl Auer Verlag 2004.
- Luhmann, Niklas: Einführung in die Theorie der Gesellschaft. Carl Auer Verlag 2009.
- Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft. Suhrkamp 1988.
- Luhmann, Niklas: Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp 1987.

Sekundärquellen:

- Baraldi, Claudio : Doppelte Kontingenz, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 37-39.

- Baraldi, Claudio: Sinn, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 170-173.

- Corsi, Giancarlo: Evolution, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 52-55.

- Corsi, Giancarlo: Sinndimensionen, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 173-176.

- Esposito, Elena: Operation/Beobachtung, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 123-128.

- Esposito, Elena: Konstruktivismus, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 100-104.

[...]


1 Vgl. Luhmann, Niklas: Einführung in die Theorie der Gesellschaft. Carl Auer Verlag 2009, S. 36.

2 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp 1987, S. 35f.

3 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft. Suhrkamp 1988, S. 49.

4 Vgl. Esposito, Elena: Operation/Beobachtung, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 123-128, hier S. 123.

5 Luhmann: Soziale Systeme, S. 36.

6 Vgl. Ebd. S. 152.

7 Vgl. Esposito, Elena: Operation/ Beobachten S. 123f.

8 Vgl. Luhmann, Niklas: Einführung in die Systemtheorie. Carl Auer Verlag 2004, S. 162.

9 Vgl. Ebd. S. 118 & 167- 170.

10 Vgl. Ebd. S. 116 - 120.

11 Vgl. Corsi, Giancarlo: Evolution, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 52-55.

12 Luhmann, Niklas: Einführung Gesellschaft. Carl Auer Verlag 2009, S. 46.

13 Vgl. Baraldi, Claudio: Sinn, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 170-173.

14 Vgl. Luhmann: Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 42- 49. Vgl. auch Esposito, Elena: Konstruktivismus, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 100-104.

15 Esposito: Operation/ Beobachten S. 124.

16 Vgl. Baraldi: Sinn, S. 170 – 173.

17 Vgl. Luhmann: Einführung Systemtheorie S. 229f.

18 Ebd. S. 203.

19 Vgl. Ebd. 200-206.

20 Corsi, Giancarlo: Sinndimensionen, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 173-176, hier S. 173.

21 Vgl. Ebd. S. 174.

22 Vgl. Ebd. S. 174. siehe auch Baraldi, Claudio : Doppelte Kontingenz, in: Baraldi, Claudio/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena (Hrsg.): GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme S. 37-39.

23 Vgl. Luhmann: Einführung Systemtheorie, S. 306-312.

24 Vgl. Luhmann: Einführung Gesellschaft S. 16ff.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die Grundlagen der allgemeinen Systemtheorie nach Niklas Luhmann
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Einführung in die Systemtheorie
Autor
Jahr
2014
Seiten
9
Katalognummer
V322436
ISBN (eBook)
9783668213739
ISBN (Buch)
9783668213746
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luhmann, Systeme, Umwelt, Autopoiesis, Kontingenz, Komplexität, Struktur, Kopplung, Kommunikation, Evolution, Beobachter, Operationen
Arbeit zitieren
Gino Krüger (Autor), 2014, Die Grundlagen der allgemeinen Systemtheorie nach Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322436

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