Ungleiche Lohnverteilung durch den Handel mit Entwicklungsländern?


Seminararbeit, 2002

26 Seiten, Note: gut-sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wie alles begann

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Das Heckscher-Ohlin-Theorem
2.2 Das Stolper-Samuelson-Theorem
2.3 Das Faktorpreisausgleichstheorem

3. Die Factor Content -Analyse
3.1 Exkurs: Preiseffekt-Studien

4. Adrian Wood oder „A reasonable first approximation to the truth.“
4.1 Methodologie
4.2 Weitere Argumente für den grossen Einfluss des Handels
4.2.1 Defensive Innovation
4.2.2 Handel mit Dienstleistungen

5. Die andere Seite der Medaille
5.1 Kritik an der Theorie
5.2 Kritik an der Methode

6. Schlussfolgerungen

Literaturliste

1. Wie alles begann

In den 80er und 90er Jahren fiel die Nachfrage nach niedrig qualifizierten Arbeitskräften[1] in den entwickelten Ländern. Das zeigte sich in den USA in Form von fallenden Reallöhnen der Menschen mit wenig Schulbildung und den durchschnittlich sinkenden Arbeitsstunden von Niedrigqualifizierten. In Europa, wo aufgrund des politischen Drucks eine Senkung der Löhne nicht im gleichen Ausmass möglich war, stieg in dieser Zeitspanne hingegen die Arbeitslosigkeit der schlecht qualifizierten Arbeiter. Gleichzeitig nahm die Importrate von Industriegütern aus Entwicklungsländern stetig zu.

Dieses Phänomen, einerseits die sinkenden Löhne der Niedrigqualifizierten beziehungsweise die steigende Arbeitslosigkeit und andererseits die gleichzeitige Zunahme der Importe aus Entwicklungsländern, hat eine andauernde Debatte über die Auswirkungen des Handels zwischen den fortgeschrittenen Ländern und den Entwicklungsländern ausgelöst. Diese heutige Debatte steht diametral derjenigen über die Nutzen und Kosten des Handels in den Sechzigern und Siebzigern gegenüber. Niemand in den fortgeschrittenen Ländern dachte damals daran, dass der Handel an sich und auch mit unterentwickelten Ländern ein Problem darstellen könnte. So betrieben die Industriestaaten in dieser Zeit nicht nur extensive Liberalisierung, sondern senkten auch die Handelsbarrieren untereinander und gegenüber dem Süden immer mehr. Die Drittweltländer befürchteten indes, ohne Protektionismus[2] nicht zu der gewünschten Industrialisierung zu kommen und so vollends an die Peripherie der Weltwirtschaft gedrängt zu werden. Beides hat sich heute grösstenteils ins Gegenteil gewendet. Die heutige Problemstellung dreht sich vor allem um die Frage, ob in einer global vernetzten und offenen Wirtschaft die Löhne oder die Beschäftigung der niedrig qualifizierten Arbeiter in den entwickelten Ländern eher durch das globale Angebot an niedrig qualifizierter Arbeit bestimmt wird als durch das inländische Arbeitsmarktgeschehen. Der Hauptgrund für die Entstehung dieser Diskussion ist also die Angst der Länder mit hohem Lohnniveau, dass der Grund für die sinkende Nachfrage nach schlecht Qualifizierten im freien Handel mit Niedriglohn-Ländern zu suchen sei. Solche Ängste wiederspiegeln sich in den immer noch vorhandenen oder wieder eingeführten Einschränkungen des Handels in den verschiedenen Handelsabkommen wie beispielsweise des GATTs und in den neoprotektionistischen Tendenzen der Politik der neueren Zeit.

Richard B. Freeman[3] gibt in einem seiner Artikel eine Übersicht über die zwei der Debatte zugrunde liegenden Entwicklungen in der USA sowie in Europa anhand von empirischen Daten und politischen Fakten. Diese Entwicklungen sind die schlechter werdende Stellung der schlecht Qualifizierten in den entwickelten Ländern und die Zunahme der Industriegüterimporte aus unterentwickelten Ländern.

- Der reale Stundenlohn in den USA von Männern mit 12 Schuljahren sank von 1979 bis 1993 um 20%, für Einsteiger ins Berufsleben der selben Kategorie betrug die Abnahme gar 30%.
- Etwa gleich stark fiel der reale Stundenlohn in den USA für alle Männer im untersten Dezil der Lohnverteilung, während der Stundenlohn des obersten Dezils leicht zunahm, was die Ungleichheit somit umso stärker ansteigen liess.
- Obwohl der grösste Teil des Handels mit entwickelten Ländern stattfindet, stieg der Anteil des Handels mit unterentwickelten Ländern in den USA von 14% im Jahre 1970 auf 35% im Jahre 1990, in Europa von 5% auf 12% (Zunahme fällt weniger stark aus, weil der Handel zwischen U.S.-Staaten nicht als Import und Export gezählt wird).
- 1992 bestanden 58 Prozent der Exporte von Entwicklungsländern aus leichten Industriegütern, für deren Produktion ein grosser Anteil an unqualifizierten Arbeitskräften benötigt wird.
- Der Anteil der Entwicklungsländer an Arbeitskräften stieg von 1965 bis 1990 von 69 auf 75 Prozent.
- Die durchschnittlichen Schuljahre stiegen in den Entwicklungsländern von 2.4 (1960) auf 5.3 (1986) Jahre, was mehr Niedrigqualifizierte auf den Markt bringt.
- Die Nettoexporte der USA sind positiv für Güter wie wissenschaftliche Instrumente, Flugzeuge und intellektuelles Eigentum (z.B. Software). Die Nettoimporte sind positiv für Güter wie Spielzeug, Schuhe und Kleidung.
- Viele Abkommen wie das GATT oder die WTO verringern Handelsbarrieren, die bis anhin den inländischen Markt schützten.

Einige dieser Punkte werden im Verlaufe dieser Arbeit ihren Sinn erst noch erhalten, andere sind sofort verständlich, gehören sie doch der vorherrschenden öffentlichen Meinung an. So würden die meisten SchweizerInnen bejahen, dass eine Öffnung der Grenze für beispielsweise ausländische Milch die Lohnsituation der schweizer Bauern verschlechtern würde, weil die Bauern in armen Ländern mit einem zigfach tieferen Milchpreis zufrieden wären. Die Frage ist nur, wieviel der Handel mit Entwicklungsländern bei einer wissenschaftlichen Betrachtung noch zu der Situation der einfachen Arbeiter beiträgt. Auf der wissenschaftlichen Ebene lässt sich wie erwartet ein solcher Zusammenhang nicht so einfach herstellen. Es fängt schon damit an, dass in diesem Thema alles andere als Einigkeit herrscht, sowohl was das Ergebnis (hat der Handel, in der Zukunft oder in der Vergangenheit, nun Auswirkungen oder nicht?), die empirischen Methoden als auch die dahinter stehende Theorie angeht.

Die Mehrzahl der an der Diskussion beteiligten Autoren teilt die Überzeugung, dass der Handel keine gewichtige Rolle in der Entwicklung der Löhne spielt, oder dass zumindest die Empirie zu diesem Thema nicht genügend evident ist. Diese Meinung wird durch eine theoretische Arbeit von Jagdish Bhagwati[4] sowie Alan Deardorff[5] und eines das Thema zusammenfassenden Artikels von Richard B. Freeman[6] repräsentiert. Wenige der Autoren gelangen zur Ansicht, dass der internationale Handel wirklich die ausschlaggebende Rolle bei der Lohnentwicklung in den reichen Ländern spielt. Anhand einer Arbeit von Adrian Wood[7] wird ein genauerer Blick auf diesen Standpunkt geworfen. Dies wird der Hauptteil dieser Arbeit sein. Wood spielt mit seiner angepassten Methode eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Forschungsfrage, weil er wichtige Kritikpunkte in seine Überlegungen einfliessen lässt.

Da die volkswirtschaftlichen Basistheorien der hier besprochenen Arbeiten durchwegs die selben sind, beginnt die Arbeit mit einem Überblick über die Theorie und einer kurzen Einführung in die vorherrschende methodische Verwertung, die Factor Content -Analyse. Dann wird der methodische Teil der Arbeit von Adrian Wood zusammengefasst. Der Aufbau sieht folgendermassen aus: Zuerst werden die Überlegungen von Wood zu der Kritik an vorangegangenen Factor Content -Analysen dargestellt und anschliessend die Berechnungsgrundlagen etwas genauer unter die Lupe genommen. Zum Abschluss des Hauptteils werden zwei weitere Anpassungsvorschläge Woods kurz angerissen. Dann werden die Kritiker zu Wort kommen und aufzeigen, dass die empirische Analyse zum Thema Ungleichheit durch Handel immer noch einen schweren Stand hat.

Im Schlusswort wird der Autor zum Thema Stellung nehmen.

2. Theoretische Grundlagen

Die Forschungsrichtung, die in dieser Arbeit beschrieben wird, fokussiert also auf die schlecht qualifizierten Arbeiter in den entwickelten Ländern. Im Unterschied zu der Angehensweise der Kolleginnen und Kollegen aus der Gruppe 5 dieses Seminars wird die Erklärung der Lohnungleichheit zwischen Niedrig- und Hochqualifizierten aber nicht in der Arbeitsteilung oder dem veränderten technologischen Stil gesucht, sondern im internationalen Handel und der damit verbundenen inländischen Nachfrageabnahme nach dem Produktionsfaktor Arbeit für arbeitsintensive Güter.

Wie man leicht schon aus der Formulierung des Problems erkennen kann, wird dieses Gebiet von wirtschaftswissenschaftlichen Theorien abgedeckt. Es handelt sich hier um die Theorie des internationalen Handels. Diese analysiert die Bestimmungsgründe für die Existenz und Struktur des internationalen Handels und der internationalen Faktorwanderungen. Unter Faktoren versteht man in der Volkswirtschaftslehre Arbeit, Boden und Kapital. Weiter behandelt die Handelstheorie auch die Auswirkungen auf die heimische Wohlfahrt und die heimische Einkommensverteilung.[8]

Grundlegend für die Theorie des internationalen Handels ist die Erkenntnis, dass die verschiedenen Länder diejenigen Güter produzieren, bei denen sie gegenüber den anderen komparative Kostenvorteile haben. Dabei spielen nicht reale Kostenvorteile bei der Produktion der Güter eine Rolle, sondern nur die relativen.

Ein gern gegebenes Beispiel ist das der Anwältin und ihres Sekretärs: Auch wenn die Anwältin speditiver Sitzungen organisieren oder gar schneller Briefe aufsetzen könnte, bringt es beiden Seiten mehr, wenn sich der Sekretär um diese Arbeiten kümmert. Beide schaffen durch ihre Zusammenarbeit einen Mehrwert, den jeder für sich alleine nicht erreichen könnte. Solche komparativen Kostenvorteile können auf Technologieunterschiede beziehungsweise Produktivitätsunterschiede zwischen den Ländern zurückgeführt werden (Ricardo-Theorem).[9]

2.1 Das Heckscher-Ohlin-Theorem

Die komparativen Kostenvorteile können aber auch in den internationalen Faktorausstattungsunterschieden liegen, was durch das Heckscher-Ohlin-Theorem dargelegt wird. Dieses Theorem besagt, dass ein Land Güter exportiert, welche viel von denjenigen Produktionsfaktoren benötigen, an dem das Land relativ reich ist. Und umgekehrt die Güter importieren, welche intensiv Produktionsfaktoren brauchen, von denen es relativ wenig hat:

„Relativ kapitalreiche Länder werden kapitalintensive Produkte exportieren und arbeitsreiche Produkte importieren, während relativ arbeitsreiche Länder arbeitsintensive Produkte exportieren und kapitalintensive Produkte importieren.“[10]

Die Voraussetzungen für den einfachsten Fall des Theorems, Handel mit zwei Gütern zwischen zwei Ländern, sind

- identische Produktionstechnologien
- identische Präferenzen
- vollständige Konkurrenz
- perfekte intersektorale Faktormobilität (innerhalb des jeweiligen Landes)
- Vollbeschäftigung und
- Freihandel

Dass die Aussagen des Modells tendenziell stimmig sind, zeigt sich beispielsweise in den erwähnten positiven Nettoexporten (wissenschaftliche Instrumente, Flugzeuge und intellektuelles Eigentum wie Software) und Nettoimporten (Spielzeug, Schuhe und Kleidung) der USA.

Wie sieht es aber nach der Verlegung der Produktion von arbeitsintensiven Gütern ins hinsichtlich der Niedrigqualifizierten arbeitsreichere Ausland mit der Verteilung der durch den Handel erreichten Wohlfahrtsgewinne aus? Hat der Handel Auswirkungen auf die Lohnverteilung?

[...]


[1] Definiert als Arbeiter, die nur eine Grundausbildung genossen haben

[2] Schutz der inländischen Wirtschaft durch Zölle oder Einfuhrbegrenzungen

[3] Richard B. Freeman, 1995: S. 17-20

[4] Bhagwati & Kosters, 1994

[5] Bhagwati & Kosters, 1994

[6] Artikel von Richard B. Freeman, 1995

[7] Adrian Wood, 1994

[8] Basseler Ulrich,1995; S. 516

[9] Gabler-Wirtschafts-Lexikon, 1997: S.3275

[10] Basseler Ulrich,1995; S. 518

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Ungleiche Lohnverteilung durch den Handel mit Entwicklungsländern?
Hochschule
Universität Zürich  (Soziologisches Institut)
Veranstaltung
Seminar "Soziale Ungleichheit"
Note
gut-sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V32245
ISBN (eBook)
9783638330152
ISBN (Buch)
9783638651806
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ungleiche, lohnverteilung, handel, entwicklungsländern
Arbeit zitieren
Marcus Habermann (Autor), 2002, Ungleiche Lohnverteilung durch den Handel mit Entwicklungsländern?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32245

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