Einführung in zivilisationstheoretische Grundlagen, anhand der Schrift "Sexualität und Wahrheit 1 - Der Wille zum Wissen" von Michel Foucault


Seminararbeit, 1997

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Mein Verständnis von Gesellschaft

3. Michel Foucault

4. Diskurs

5. Perversionen und Dispositive

6. Schlussbemerkungen

7. Literatur

1. Einleitung

Als ich mich bereit erklärte, eine Schrift Michel Foucaults zum Thema einer schriftlichen Ausarbeitung zu machen, wusste ich nicht genau, auf was ich mich einließ. “Sexualität und Wahrheit - Der Wille zum Wissen”, ein vielversprechender Titel und “Michel Foucault”, ein Name, über den ich vorher nichts zu sagen wusste. Meine Aufgabe sehe ich nun darin, etwas über diesen Menschen zu erfahren und mich in seine Gedanken einzuarbeiten. War es nun die deutsche Übersetzung, oder einfach seine Art? Das Lesen seiner Schrift wurde mir zur Qual auf Zeit! Sachlich begonnen, wurde der Inhalt zu einer Orgie von Begriffen und ihren Zusammenhängen, zur Auseinandersetzung zwischen Thesen und Antithesen und steigerte sich in einer Art sexueller Lust, zu einem Finale höchster geistiger Erregung, bis am Ende die Lösung dieses Knotens der Verwirrung, zur Befriedigung meines eigenen Verstandes wurde. Interessant und aufregend war für mich, dass es einen Menschen gab, der es verstand in einer Dimension zu denken, die mir nicht fremd, aber auch nicht vertraut war.

Bevor ich mich auf die wichtigsten Kerninhalte dieser Schrift beziehe, möchte ich daher kurz auf mein Verständnis von Individuum und Gesellschaft und der Entwicklung der letzten 200 Jahre eingehen. Warum? Beim Lesen der Schrift ist mir bewusst geworden, wie schwierig es sein kann, einen Menschen zu verstehen. Auch wenn eine Sprache verstanden wird und Fachausdrücke bekannt sind, so müssen die Gedanken nachvollzogen und auf das eigene Wissen projiziert werden. Die Gefahr dabei ist, dass es zu einer Verschmelzung kommt, dass Gedanken umgeformt und den eigenen Gedanken angepasst werden. Es geht also darum, meine Gedanken in eine gesunde Beziehungen zu den Gedanken Foucaults zu bringen.

Besonders wichtig war für mich das Herausarbeiten von drei Begriffen, die entweder durch Foucault geprägt wurden, oder einen besonderen Stellenwert erhalten: Diskurs, Dispositiv und Perversion. Über diese Begriffe möchte ich mich nun auf Foucault zuarbeiten und eine Form zivilisationstheotischer Grundlagen vorstellen.

2. Mein Verständnis unserer Gesellschaft

Für mich ist die Gesellschaft die Zusammenfassung von Interessengruppen zu einem großen Organismus, der die gemeinsamen Ziele dieser Gruppen in eine Form bringt und Zusammenleben ermöglicht. Kleinste Gruppe der Gesellschaft ist die Familie, die der Träger des Erbgutes ist, durch existentielle Bedürfnisse zusammengehalten wird und aus einzelnen Individuen besteht. In modernen Industriegesellschaften werden diese Familien durch familiale Lebensformen ersetzt, die in unterschiedlichen Ausprägungen, sogar ohne genetische Verbindung, dem Individuum Lebens- und Entwicklungsspielraum geben. Ohne diese Gruppe ist das Individuum nicht lebensfähig, bzw. wird sich psychisch zersetzen.

In alten Kulturen herrschte das Patriarchat, eine Hierarchie, in denen Kompetenz und Macht eine lineare Ausrichtung erhielt. Die Stellung des Individuums in diesen Kulturen war genau bestimmt und nur unter ganz besonderen Voraussetzungen veränderbar. Die Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens werden durch die Patriarchen aufgestellt und überwacht, ggf. mit Gewalt durchgesetzt, was auch bedeutet, dass die Individuen nicht eigenständig entschieden. Untermauert wird das Patriarchat durch eine Ideologie, die oft die Form einer Religion angenommen hat.

Wichtig war bei diesen Kulturen, dass die Individuen in einem von psychischen Störfaktoren weitgehend verschonten Umfeld leben. Der Einzelne brauchte sich nicht einer ständigen Selbstkontrolle unterwerfen um sein Verhalten immer wieder der Gemeinschaft anpassen zu müssen.

Aus diesen Gemeinschaften wurden später Staaten mit einer “Gesellschaft”, welche diese patriarchalischen Strukturen bis in die Neuzeit bewahrten. Durch die Aufklärung, die französische sowie die industrielle Revolution und die rasende Entwicklung im Bereich der Wissenschaften, hat sich aber die Gesellschaft verändert. Die alten Strukturen lösten sich langsam auf. Das Individuum rückt in den Mittelpunkt des Geschehens. Es wird durch Rechte und neue Ideologien befreit. Heute gibt es eine Gesellschaft mit vielen kleineren Subsysteme, in die sich das Individuum nun einzubringen hat. Das Individuum muss in Rollen hineinwachsen, über die es definiert und beurteilt wird. Diese Rollen stellen ein großes Problem dar. War z.B. der Adlige früher Bestandteil ein Schicht mit allen dazugehörenden Formen des Lebens, wie Bildung, Macht, Reichtum und Lebensstil; war seine Stellung in der Gesellschaft eindeutig und unveränderbar, so ist das heute nicht mehr so. Die eindeutige Zuordnung ist nicht mehr möglich. Nicht mehr die Abstammung entscheidet über die Zukunft des Individuums, sondern ein Leistungsschema, dem jedes Individuum unterworfen wird. Bildung, bzw. Ausbildung und Prüfung werden zum Maßstab für die Karrierefähigkeit. Das Individuum unterwirft sich einem Wettbewerb, der heute mehr einen Wettkampf gleicht. Außerdem untersteht es jetzt der Kontrolle der öffentlichen Organe. Es wird beurteil- und erforschbar und im Interesse des Staates genutzt.

Diese Entwicklung ging in so einer hohen Geschwindigkeit vor sich, dass das Bewusstsein des Menschen nicht mithalten konnte. So gibt es in den Köpfen der Menschen immer noch die alten Strukturen, die Hierarchien, Ideologien und Wertmaßstäbe. Es entstand eine Scheinwelt, in der alte Verhaltensweisen und Attribute zelebriert werden. Adlige Tätigkeiten wie das Reiten, Tanzen, Fechten werden z.B. aus ihrem alten Zusammenhang herausgerissen und als Sportarten von denen gepflegt, die jetzt “dazugehören” wollen. Wie Reichtum früher über Generationen aufgebaut wurde und zur Ausformung einer bestimmten Lebensart in der Oberschicht führte, so ist heute das Präsentieren von Statussymbolen unverzichtbar, wenn man beweisen will, wie leistungsfähig und gehoben die eigene Stellung ist. In den Spielbanken, hinter dem Steuer von Luxusautos und in den Villen ist schon lange nicht mehr die feine Lebensart zu finden. Korruption, Sucht oder planker Raub werden hier symptomatisch für eine neue erkrankte Gesellschaft.

Grund für diese Erscheinungsformen ist die Unfähigkeit des Menschen in der großen Rollenvielfalt seine eigene Psyche stabil zu halten und sein Selbstbewusstsein auszubauen. Die Sucht nach Statussymbolen, einer bestimmten Lebensart und der eigenen Selbstdarstellung nehmen die Menschen stark in Anspruch. Energien dienen der Besitzstandswahrung und werden nicht mehr für das Allgemeinwohl genutzt. Zivilisationskrankheiten wie Depressionen, Hauterkrankungen, Magen- und Darmstörungen sind als “Psychosomatische Erkrankungen” sichtbares Zeichen dieser Entwicklung.

Die Selbstthematisierung ist zu einer Aufgabe geworden. Sie beeinflusst unser Verhältnis zu Erotik, Literatur, Psychoanalyse, Religion und Politik. Inwieweit sie sich in der Gesellschaft manifestiert hat, können wir in vielen Bereichen sehen. Talkshows, Seifenopern, Klatsch und Tratsch, genauso wie Markenbewusstsein sind Instrumente unserer Selbstdarstellung geworden.

Sie gilt nicht der Entdeckung des eigenen Ichs, sondern dem Überleben in einer Gesellschaft die sich erst finden muss. Das bedeutet nichts anderes, als dass sich die moderne Gesellschaft in einer Phase des Umbruchs befindet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Einführung in zivilisationstheoretische Grundlagen, anhand der Schrift "Sexualität und Wahrheit 1 - Der Wille zum Wissen" von Michel Foucault
Hochschule
Universität Kassel  (Fachbereich Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar - Selbstthematisierung im Zivilisationsprozess
Note
2,0
Autor
Jahr
1997
Seiten
16
Katalognummer
V32249
ISBN (eBook)
9783638330169
ISBN (Buch)
9783638789714
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit beruht auf einem Referat, welches in einer Einführungsveranstaltung eine Herangehensweise an ein schwieriges Buch Michel Foucaults darstellt und die von ihm mitgeprägten Begriffe "Diskurs", "Dispositiv" und "Perversion" erklärt. Sie beschreibt den Diskurs über die menschlichen Sexualität vom Beginn der Industriellen Revolution bis zur heutigen Selbstthematisierungswelle, Talkshows und anderen öffentlichen Bekenntnissen.
Schlagworte
Einführung, Grundlagen, Schrift, Sexualität, Wahrheit, Wille, Wissen, Michel, Foucault, Seminar, Selbstthematisierung, Zivilisationsprozess
Arbeit zitieren
M.A. Christian Bruno von Klobuczynski (Autor), 1997, Einführung in zivilisationstheoretische Grundlagen, anhand der Schrift "Sexualität und Wahrheit 1 - Der Wille zum Wissen" von Michel Foucault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32249

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