Hegels These vom Ende der Kunst


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Die nachrevolutionäre Zeitepoche und Hegels ästhetischer Absolutismus
2.1 Das Systemprogramm des Deutschen Idealismus und die „Mythologie der Vernunft“
2.2. Hegels Abkehr vom ästhetischen Absolutismus

3. Der absolute Geist als Kunst, Religion und Philosophie
3.1 Anschauung, Vorstellung und Denken als fortschreitende Theomorphisierung des Geistes

4. Wesentliche Argumentsversuche gegen Hegels These vom Ende der Kunst
4.1. Erster Einwand: Es gibt keine Wahrheit
4.2. Einwand des Skeptizismus und Romantizismus
4.3. Das Wesen der Kunst liegt nicht allein in der anschauenden Erkenntnis
4.4. Der Kunst geht es überhaupt nicht um absolute Erkenntnis der Wahrheit
4.4.1. L´art pour l´art
4.5. Der Systemtheoretische Ansatz: Das Ende der Kunst ist in Wahrheit ihre Freisetzung
4.6. Der eigentliche Inhalt der Kunst ist nicht das Absolute, sondern das Allzumenschliche
4.7. Kunst verbindet Sinnlichkeit und Vernunft zu einer ihr eigenen Synthese
4.8. Die Notwendigkeit einer Kunst nach der Philosophie

Verwendete Literatur:

1.Einleitung

In meiner Hausarbeit möchte ich die vielfach umstrittene These vom Ende der Kunst kurz skizzieren und in ihrer Argumentationsstruktur darlegen. Abhebend von einer Darstellung des historischen Umfeldes und des daraus resultierenden ästhetischen Absolutismus des jungen Hegel, möchte ich die Position der These des späteren Hegel verdeutlichen und in ihren Grundzügen darstellen. Es soll dabei auch kurz die politische und pädagogische Dimension des Deutschen Idealismus und seiner Idee von Ästhetik dargestellt werden.

Dabei ist zugleich ein immer wiederkehrendes und schon zu Lebzeiten Hegels auftauchendes Missverständnis auszuräumen. Gerade in einer Zeit, welche die Kunst sehr hoch hielt und verehrte, musste Hegels These schon damals eine große Provokation darstellen. So schreibt etwa Felix Mendelsohn-Bartholdy, der im Wintersemester 1828/29 Hegels Ästhetikvorlesung besucht hatte entrüstet: „Aber toll ist es doch, dass Goethe und Thorwaldsen leben, dass Beethoven erst vor ein paar Jahren gestorben ist und dass Hegel behauptet, die deutsche Kunst sei mausetot...als ob die überhaupt aufhören könnte!“1 Hegels These spricht jedoch nicht von einem „Aufhören“ oder gar „Tot“ der Kunst, sondern vielmehr von der Unmöglichkeit einer Aktualisierung ihrer alleinigen Gültigkeit.

Nach der Darstellung von Hegels umstrittener These sollen mögliche und immer wiederkehrende Einwände und populär gewordene Gegenentwürfe diskutiert werden. Durch die Wiederlegung dieser Einwände, soll nicht nur die eigentliche Stärke und Argumentationstiefe Hegels These dargestellt werden, sondern diese auch immer differenzierter ausgelegt werden. Es soll gezeigt werden, wie mögliche Wiederlegungsversuche von Hegels These vorgehen müssten und was sie beachten müssten, um sich erfolgreich gegen sie behaupten zu können.

Zum Schluss unternehme ich den Versuch zwei möglicherweise erfolgsversprechende Gegenthesen zu formulieren, welche eine Kunst nach und mit Hegels Philosophie möglich erscheinen lassen.

Als Grundlage habe ich die Dissertationsschrift von Dae-Joong Kwon „Das Ende der Kunst“ gewählt, der auch weitestgehend alle Textzitate von mir entnommen wurden. Hier findet sich die meines Erachtens gründlichste Beschäftigung mit Hegels These, weil zunächst eine grundlegende Darstellung ihrer eigentlichen theoretischen Voraussetzungen, nämlich seine Wahrheitstheorie und seine Intelligenzlehre ausgearbeitet worden sind.

2. Die nachrevolutionäre Zeitepoche und Hegels ästhetischer Absolutismus

In den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution etablierte sich zunehmend ein neuer Kunstgeschmack, der sich deutlich an den alten Kunstidealen der Antike, insbesondere an denen des alten Griechentums orientierte. In Architektur, Skulptur und Möbeldesign wurde das alte Rokoko, welches noch überwiegend mit der überwundenen Ständegesellschaft assoziiert war, durch die schlichte, aber als ideal empfundene Schönheit altgriechischer Bauästhetik, insbesondere Formelementen der Tempelbauten, abgelöst, welche mit Aufklärung, Rationalität, Demokratie und damit mit dem neu aufstrebenden Bürgertum in Verbindung gebracht wurden. Aber auch in der Dichtkunst und Bühnendramatik sehnte man sich rückblickend nach den alten „Idealen“ des antiken Griechentums zurück und versuchte davon abhebend eine Utopie für eine ebenso ideale Zukunft zu entwerfen, in der sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht nur abzeichneten, sondern auch den erzieherischen Zweck der Aufklärung des Volkes zu verwirklichen suchten. Allen voran orientierte sich Friedrich Schiller in seiner Poesie und in seinen dramatischen Werken an diesem Ideal. Zwar war die Französische Revolution der „ politische Schauplatz ...wo...das große Schicksal der Menschheit verhandelt wird“2 und das blinde Recht des Stärkeren wurde zumindest formell von einem Recht durch Vernunft abgelöst, aber dennoch sah Schiller einen wahren Vernunftstaat noch lange nicht verwirklicht. Zwar waren die Mächtigen zu Fall gebracht worden, doch trat nun im neuen Bürgertum erneut ein Naturstaat, ein neues „Elementarreich“3 auf, in welchem sich vermehrt jeder gegen jeden wendete. Schiller empfand dies als eine Entfremdung der bürgerlichen Gesellschaft vom Staat und seinen leitenden Vernunftidealen. Die Ursache lag für Schiller in der einseitigen Aufklärung des Verstandes, also im abstrakten Denkvermögen selbst, welche die politische Moderne mit sich brachte. Er wollte dem durch eine Bildung der Humanität auf ästhetischer Ebene entgegenwirken. Der „ästhetische Staat“4 sollte als Zwischenstufe in der Transformation des Naturstaates zum Vernunftstaat fungieren, indem er die Menschen von innen heraus dazu erzog. Die Antike war also eine Art Gegenentwurf zur Moderne.

2.1 Das Systemprogramm des Deutschen Idealismus und die „Mythologie der Vernunft“

In diesem Zusammenhang scheint insbesondere das Projekt der Etablierung einer „Neuen Mythologie“ interessant, welches auch im Fragment der Frühschrift Hegels „Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ eine entscheidende Rolle spielt. Diese „Neue Mythologie“ bedeute vor allem eine Erschaffung einer „Mythologie der Vernunft“, welche als höchste und abschließende Stufe des ganzen Systems gesehen wird. Hegel kritisiert hierbei den Staat als etwas mechanisches und dadurch ideenloses. Ihm fehlt das innerliche gemeinschaftliche Element, wie etwa gegenseitige Solidarität, um ihn erst zu etwas organisch Ganzen werden zu lassen. Dies bedeutet nichts anderes, als dass der Einzelwillen mit dem allgemeinen Willen zu harmonisieren sei. Die Poesie soll hierbei „wieder“, also wie bei den antiken Griechen zur „Lehrerin der Menschheit“ erhoben werden.5 Die Strategie des Systemprogramms besteht aber nicht etwa darin, die Aufklärung durch die Mythologie abzulösen, sondern Aufklärung durch ihre Hilfe zu vervollkommnen, als solche steht sie im „Dienste der Ideen“6. Wiederherstellung der Harmonie und Solidarität im Volk mittels einer „Mythologie der Vernunft“ ist nichts anderes als eine „ästhetische Philosophie, welche die Ideen ästhetisch, d.h. mythologisch machen“7. So sollte die Kluft zwischen dem reichen Bildungsbürgertum und dem Bauern, dem Aufgeklärten und Unaufgeklärten, dem Philosophen und Priester überwunden werden. „Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister!“8 Hegel ist in seiner frühen Zeit noch davon „überzeugt, dass der höchste Akt der Vernunft, der indem sie die Ideen umfasst, ein ästhetischer Akt ist und dass Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind.“9

2.2. Hegels Abkehr vom ästhetischen Absolutismus

Dieser ästhetische Absolutismus des jungen Hegels, in dem er sogar das Ende der Philosophie in der Kunst sieht, wurde an dieser Stelle von mir angeführt, um in Abhebung dazu, die Position des späteren Hegels daran zu erhellen. Schon wenige Jahre später, distanziert er sich von einem solchen ästhetischen Absolutismus, indem er der Vernunft und der Philosophie den einzigen Ort für ein Ineinsgehen mit dem absoluten Geist einräumt.10 Es ist hierbei aber, in Anbetracht des Themas, unbedingt festzuhalten, dass Hegel damit keinesfalls die Möglichkeiten insbesondere die erzieherischen durch die Ästhetik leugnet. Nur das endgültige Ziel dieser Erziehung besteht nun nicht mehr im Schönen, sondern im Geistigen der Ideen, deren Ort die Philosophie ist. Die Etablierung einer Mythologie ohne Philosophie jedoch ist für ihn nichts anderes als das Aufkommen einer blinden Gläubigkeit, welche der Beliebigkeit des Aberglaubens nicht unähnlich ist. Hegel wendet sich damit entschieden von einem Romantizismus der Empfindung ab, zu einem für ihn so typischen Theoretizismus des vernünftigen Denkens. Dies richtet sich auch gegen die von Schelling vertretene Version der intellektuellen Anschauung, ein nicht durch das Denken vermitteltes Wissen benötigt.11 An dieser Stelle ist auch interessant, wie Hegel versuchte, sich damit auch gegen die zeitgenössische Tendenz der Gefühlstheologie insbesondere protestantischer Theologen zu wenden, welche behaupteten, dass das Gefühl das einzige Mittel sei, mit dem sich das Ich mit dem Unendlichen verbinden könne und folglich Gotteserkenntnis nur durch die Überwältigung im Gefühlsbereich möglich sei.12 So schreibt etwa Schleiermacher: „Ihr (der Religion) Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl.“13 Hegel wird dem entgegensetzen, dass die Anschauung und das Gefühl dem Denken gegenüber auf einer niedrigeren Stufe stehe, da diese noch völlig in den Gegenstand und seiner jeweiligen Zufälligkeit versunken und daher von ihm abhängig sei, und eben noch nicht der reinen Idee des Absoluten teilhaftig sei.

Dieser Abschied von der romantizistischen Gesinnung bedeutet für Hegel, dass die Poesie als einzige oder hauptsächliche „Lehrerin der Menschheit“ ein Anachronismus bzw. eine „ruinöse Utopie“14 wäre. Die Einheit von Poesie, Kunst und damit auch Mythologie und Religion war nur in der Antike möglich und hat damit auch ihren Höhepunkt schon lange erreicht.

Und an dieser Stelle erreichen wir auch schon den Kern der Hegelschen These vom Ende der Kunst: „Ende“ bedeutet demnach nicht das „Verschwinden“ oder ein „Aufhören“ der Kunst, sondern vielmehr die Unmöglichkeit der Aktualisierung ihrer höchsten Blüte. Er weist damit daraufhin, dass wir über diese Blüte der Kunst als die höchstmögliche Option dem Absoluten gemäß zu sein, schon längst überschritten ist. Das Ästhetische lässt sich also fortan nur noch historisieren, aber nicht mehr aktualisieren, wie es der ästhetische Absolutismus noch gefordert hatte. Eine Erziehung durch Poesie war zwar einst möglich gewesen, ist aber heute einfach überholt.

Aber die Griechische Antike ist für Hegel nicht nur in historischer, sondern vor allem auch in kategorialer Hinsicht Vergangenheit. Hegel ordnet sie entsprechend der menschlichen Entwicklung der Jugendzeit zu. Das Mythologische ist für ihn nicht nur deswegen anachronistisch, weil es einfach in die Vergangenheit fällt, sondern auch zu Recht überholt ist und auch überwunden sein soll. In einer Zeit, in der die Vernunft und das Denken einmal stark geworden sind, erscheint alles Mythologische nur noch als überflüssiger Schmuck. Eine Re-Ästhetisierung von philosophischer Erkenntnis enthält vielleicht sogar die Gefahr einer Verdunklung der schon einmal gewonnen Erkenntnis, indem das Sinnliche wieder in sie hineingezogen wird. Hegel bezeichnet dies als eine „Prätension“ der Philosophie15 oder eine „Ohnmacht des Gedankens“16. Die ästhetische vorgedankliche Lebensweise entspricht für Hegel „dem allgemeinen Weltzustand“17, der sich in einer noch kindlichen, unausgebildeten Menschheit zeigte. Diese nennt er auch die „Heroenzeit“18, welche der gegenwärtigen „prosaischen“19 gegenüber zu stellen ist. Die „prosaische“ Zeit zeichnet sich u.a. durch eine allgemein verbindliche Gesetzgebung aus, welche durch Vernunft geleitet ist, die das zivilisierte Leben regelt. Demgegenüber ist die „Heroenzeit“ dadurch zu charakterisieren, dass statt allgemeiner vernünftiger Regeln, das poetische und mythische die Handlungen der Menschen leitet. Es gibt keine übergeordnete Institution, welche durch allgemein verständliche Regeln geleitet ist, sondern das Individuum, also der Heroe selbst ist diese Institution. Als Individuum handelt es nach dem je eigenen „Pathos“20, ist damit selbst Träger der Sittlichkeit. Dies ist auch dann der Fall, wenn etwa ein König allgemeinverbindliche Gesetze erlässt, und nach ihnen richtet. Denn der König ist gerade darin nur eben dieser Heroe, der durch seinen Pathos geleitet wird. Die Gesetze der prosaischen Zeit hingegen sind nicht von einem Individuum hervorgebracht, sondern alleine von der Vernunft, die von der Allgemeinheit lediglich erkannt und dann institutionell vertreten wird. Auch die Fürsten müssen sich diesen unterwerfen und können sie nicht willkürlich ändern.

Gerade in dieser ethischen Hinsicht Hegels auf die Ästhetik zeigt sich ihre eigentliche Unangemessenheit in der Moderne, die durch Vernunft geleitet sein soll, nur zu deutlich. Mir fällt hierzu ein immer wiederkehrendes Sujet in Hollywoodfilmen ein. Der ungerecht behandelte Held einer Erzählung bricht aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, in die er auf tragische Weise verstrickt ist, aus und nimmt das Recht in eigene Hand. Seine Schönheit liegt dabei in seiner Selbstbestimmtheit und Tapferkeit mit der er seinen Widersachern gegenübertritt und mit der er dann auch die Bewunderung des Publikums auf seine Seite zieht. Aus vernünftiger Sicht rächt er jedoch nur ein Verbrechen, indem er durch Selbstjustiz ein neues begeht. In der modernen Gesellschaft ist die Rache der Heroenzeit dem allgemeinen und überprüfbaren Gesetz und der Strafe gewichen. Ein Wiederaufkommen mythologischen Heroentums wäre nichts weiter als ein Rückfall in primitivere Lebensumstände. „Wenn es auch tragisch ist, können doch nur Knaben von diesem Räuberideal bestochen werden.“21 schreibt Hegel, indem er damit wohl auf Schillers „Räuber“ anspielt. Die Zeit des edelmütigen Helden- und Rittertums mag faszinierend sein, ist aber für die Gegenwart nicht mehr wünschenswert. Hegel vergleicht sogar die Ideale eines Rittertums in der modernen Welt mit der Lächerlichkeit eines Don Quijote. „Hat sich nun...die gesetzliche Ordnung in ihrer prosaischen Gestalt vollständiger ausgebildet und so ist sie das Übermächtige geworden, so tritt die abenteuerliche Selbstständigkeit ritterlicher Individuen außer Verhältnis und wird, wenn sie sich noch als das allein Gültige festhalten und im Sinne des Rittertums das Unrecht steuern, den Unterdrückten Hilfe leisten will, zu der Lächerlichkeit, in welcher uns Cervantes seinen Don Quijote vor Augen führt.“22

Hegels Bewertung der Heroenzeit lässt sich auf zwei Weisen auslegen:

Zum einen ist die individuelle Selbstständigkeit des Heroen nicht verallgemeinerbar und kann darum nur einem bestimmten Stand, einer Minderheit wie etwa den Fürsten zukommen. Heroentum kann also nur durch die Unterdrückung der Mehrheit realisiert werden. Oder diese Selbstständigkeit kann nur von Individuen geübt werden, die außerhalb einer Gesellschaft stehen. In beiden Fällen kann damit keine allgemeingültige Gesetzgebung realisiert werden, die auf der Gleichberechtigung aller ihrer Mitglieder beruht.

Zum anderen, wenn diese Selbstständigkeit nur auf der Gesinnung, den Gemüt oder Charakter des jeweiligen Individuums beruht, ist die Gerechtigkeit seiner Handlungen letztlich nur eine Sache des blinden Zufalls23, wenn diese also nicht durch allgemein überprüfbare Vernunftgründe geleitet ist. Paradoxerweise ist so erst, wenn die Selbstständigkeit des einzelnen Individuums eingeschränkt ist, die Freiheit jedes einzelnen Bürgers realisierbar. Die Beschränkung der Spontaneität der Staatsbürger ist unvermeidlich, da sich jeder der Vernunft unterordnen muss, die idealerweise durch den Staat vertreten wird. In ihm findet sich damit der göttliche Wille als entfalteter Geist. Der moderne Staat ist damit also für Hegel als das realisierte Gottesreich zu verstehen. Geschichtlich nimmt so die Einheit des Göttlichen und des Menschlichen immer mehr zu. D.h. je menschlicher der Mensch wird, desto näher kommt er der Göttlichkeit. Dieser typische Theomorphismus Hegels fällt mir seinem Anthropomorphismus zusammen, denn das vollkommen Menschliche ist nur insofern das Göttliche, als dieses wesentlich mit jenem identisch ist.24

3. Der absolute Geist als Kunst, Religion und Philosophie

Hegels Betrachtung der Kunst ist wesentlich von einem religionsphilosophischen Standpunkt aus zu interpretieren. Die Kunst ist für ihn selbst eine Gestalt der Religion, genauso wie die Philosophie. Alle drei Bereiche sind nur die unterschiedlichen Gestalten der Beschäftigung des Menschen mit dem Absoluten, der Wahrheit, mit Gott. Gerade die Auseinandersetzung mit dem Höchsten macht auch ihre eigentlich und „höchste Bestimmung“25 aus. Kunst, Religion und Philosophie haben jeweils das Höchste zum Inhalt, nur dass sie sich jeweils auf unterschiedliche Weise ihm anzunähern versuchen. „Bei dieser Gleichheit des Inhalts sind die drei Reiche des absoluten Geistes nur durch die Formen unterschieden, in welchen sie ihr Objekt, das Absolute, zum Bewusstsein bringen.“26 Kunst, Religion und Philosophie sind also nur drei unterschiedliche Gestalten sich mit der Sphäre des absoluten Geistes zu befassen.

Alle drei Gestalten stehen bei Hegel in einer Entwicklungslogik, die mit der Wesensstruktur der Erkenntnisfähigkeit der Intelligenz korrespondiert. So ist die Kunst mit der Anschauung, die Religion mit der Vorstellung und die Philosophie mit dem Denken in Parallelität gestellt. Genauso wie die drei Intelligenzgestalten auseinander hervorgehen und sich dabei gegenseitig ablösen und absorbieren, so geschieht dies nun auch bei Kunst, Religion und Philosophie. Die Religion löst die Kunst ab und die Philosophie die Religion. Legt man den Schwerpunkt des Begriffs auf „Religion“, so kann man die Kunst als „Noch-nicht-Religion“ und die Philosophie als „Nicht-Mehr-Religion“ verstehen.27 Die Religion wird also durch die Philosophie letztlich aufgehoben.28

Genauso wie die Religion in und durch die Philosophie „aufgehoben“ wird, so wird auch die Kunst durch die Religion „aufgehoben“. Diese „Aufhebung“ der Kunst in der Religion ist nichts anderes als die These vom Ende der Kunst. Die Kunst hört also nicht auf, sondern sie bleibt in der Religion als ihrer eigentlichen höheren Bestimmung aufgehoben. Oder anders gesagt: Die Kunst gelangt in der Religion zu ihrem eigentlichen Inhalt und ihrer eigentlichen Bestimmung und dann ihrer Gestalt nach überflüssig. Genauso gelangt die Religion dann zu ihrer eigentlichen Vollendung, wenn sie in der Philosophie aufgegangen ist. Auf der Stufe der Philosophie hat die Religion ihren Inhalt, das Absolute, nicht etwa verloren, sondern sie beschäftigt sich mit ihm weiter, nur auf eine viel angemessenere Weise, welche auf der Stufe der Religion noch nicht möglich war. Die Religion wird so durch die Philosophie vervollständigt, nicht abgeschafft. Genauso verhält es sich zwischen Kunst und Religion.

Stellt man die korrespondierenden Formen der Intelligenz den drei Formen der Religion gegenüber, so kann man die Kunst als die anschauende Religion bezeichnen. Die eigentliche Religion als die vorstellende Religion und die Philosophie als die denkende Religion bezeichnen. Um die Verhältnisse der drei Formen untereinander näher zu beleuchten und vor allem ihren jeweiligen Übergangsprozess zur nächsten Stufe, muss zuerst näher auf die Intelligenzformen, wie sie Hegel verstanden haben will, eingegangen werden.

3.1 Anschauung, Vorstellung und Denken als fortschreitende Theomorphisierung des Geistes

Die Anschauung ist die sinnlich unmittelbare Beschäftigungsweise des Geistes mit seinem Gegenstand. In der Anschauung bleibt er mit seinem Gegenstand im materiellen, damit aber auch mit dem Zufälligen, verhaftet. D.h. die Idee wird noch nicht in vollkommener Reinheit geschaut, sondern bleibt durch die Beliebigkeit der Materialität des Gegenstandes verdunkelt. In der Kunst wird nun das Absolute, die Wahrheit, sinnlich angeschaut, wobei sie stets auf ein äußerliches Material angewiesen bleibt. Am deutlichsten wird dies bei der Architektur und der Skulptur. Die Gottheit ist so etwa im Material Marmor äußerlich durch Anschauung erfahrbar. Jedoch kann die Gottheit in dieser Form Risse und Dellen haben. In der Poesie hingegen kann die Idee des Absoluten schon wesentlich dem Geist gemäßer angeschaut werden. Jedoch bleibt zu bedenken, dass konkrete Handlungen und Situationen ebenso eine Art von Anschauungsmaterial darstellen. Die Griechischen Götter befinden sich genauso wie Heroen in Situationen in welche sie gestellt sind. Die Götter treten als Individuen mit individuellen Eigenschaften und in individuellen Situationen den Menschen gegenüber.

[...]


1 Felix Mendelsohn-Bartholdy, Berichte, Nr. 669 u. 675, S.430-432 [in Kwon, S.13]

2 F. Schiller, Nationalausgabe, Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, Band 2, S.311 [in Kwon, S.146]

3 Ebd. S.319

4 Ebd. S.410

5 G.F.W. Hegel, Frühe Schriften, E. Moldenhauer, Frankfurt Main, S.235 [in Kwon, S.150]

6 G.F.W. Hegel, Frühe Schriften, E. Moldenhauer, Frankfurt Main, S. 236 [in Kwon, S.151]

7 Ebd.

8 Ebd.

9 G.F.W. Hegel, Frühe Schriften, E. Moldenhauer, Frankfurt Main, S. 235 [in Kwon, S.151]

10 Das Ineinsgehen mit dem absoluten Geist rührt von Hegels Theomorphismus her, der an anderer Stelle noch ausführlicher thematisiert werden wird.

11 Dae-Joong Kwon, „Das Ende der Kunst“, Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg, 2004, S. 95

12 Dae-Joong Kwon, „Das Ende der Kunst“, Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg, 2004, S. 85

13 F.Schleiermacher, Über die Religion, Berlin, 1799, S. 65 ff. [in Kwon, S.95]

14 Dae-Joong Kwon, „Das Ende der Kunst“, Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg, 2004, S. 153

15 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Band 18, Michelt, 1833-1836, S.108 [in Kwon, S.155]

16 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Band 19, Michelt, 1833-1836, S. 30 [in Kwon, S.155]

17 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Band 13, Hotho, 1842, S. 235 [in Kwon, S.156]

18 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Band 13, Hotho, 1842, S. 236 [in Kwon, S.156]

19 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Band 13, Hotho, 1842, S. 253 [in Kwon, S.156]

20 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Band 13, Hotho, 1842, S. 238 [in Kwon, S.157]

21 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Band 13, Hotho, 1842, S. 256 [in Kwon, S.159]

22 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Band 13, Hotho, 1842, S. 256 [in Kwon, S.159]

23 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Band 13, Hotho, 1842, S. 238 [in Kwon, S.160]

24 Dae-Joong Kwon, „Das Ende der Kunst“, Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg, 2004, S. 161

25 G.F.W. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Band 13, Hotho, 1842, S. 25 [in Kwon, S.162]

26 Ebd.

27 Dae-Joong Kwon, „Das Ende der Kunst“, Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg, 2004, S. 163

28 Hier möchte ich an dieser Stelle einmal näher auf den Begriff „Aufhebung“ eingehen, welcher mir in Hegels Philosophie eine zentrale Rolle zu spielen scheint. In ihm scheint der gesamte Dreierschritt der Dialektik, zwischen These, Antithese und Synthese auf den Punkt zu kommen. So kann in unseren Sprachgebrauch „aufheben“ dreierlei bedeuten: Erstens „aufheben“ im Sinne von „emporheben“, etwa auf eine höhere Stufe. Zweitens im Sinne von „überflüssig machen“ oder „auslöschen“. Drittens im Sinne von „aufbewahren“ oder „in sich einschließen“. Tatsächlich spielen alle drei Begriffsauslegungen bei Hegel, wie mir scheint, eine wichtige Rolle.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Hegels These vom Ende der Kunst
Hochschule
Universität Wien  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Ästhetik – Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Kunst SE 180388 / SS 2010
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V322542
ISBN (eBook)
9783668217027
ISBN (Buch)
9783668217034
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hegel, Philosophie, Kunst, Wahrheitstheorie, These
Arbeit zitieren
Oliver Pipping (Autor), 2010, Hegels These vom Ende der Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322542

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