Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG1) haben sich stark angestrengt, ihr Image in den letzten Monaten aufzupolieren: Das Sozialhilfeticket wurde abgeschafft, das Senioren- und Arbeitslosenticket ebenso. Der Einzelfahrschein gilt nur noch in eine statt beide Fahrtricht ungen, es häufen sich Beschwerden über rabiate, unfreundliche Ticketkontrolleure und das Semesterticket soll am besten ganz abgeschafft werden. Parallel dazu beherrschen die hohen Gehälter des BVG-Vorstands die Schlagzeilen der Stadt.
Doch der öffentliche Nahverkehr ist keine beliebige Ware, bei der die Kunden den Kauf verweigern können, wenn ihnen die Leistung nicht gefällt. Viele Berlinerinnen und Berliner sind auf die Transportmittel angewiesen. Ein Boykott als Protestmittel gegen zu hohe Fahrpreise, Abschaffung der Sozialtarife und Streckenstilllegungen fällt deshalb aus. Welche anderen Protestformen gewählt werden, wer diese Proteste organisiert und wie erfolgreich sie sind, sind die Fragen, die in dieser Arbeit beantwortet werden sollen.
Dazu wird diese Untersuchung dreigeteilt. Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen geschaffen. Es werden Begriffe definiert und Forschungsansätze vorgestellt, die für die Analyse "Neuer Sozialer Bewegungen" hilfreich sein können. Im nächsten Teil wird der geschichtliche Vorlauf bisheriger Proteste zum Thema beleuchtet. Das ist zum einen notwendig für die Beurteilung der Erfolgschancen der heutigen Protestbewegung, zum anderen kann dieser Bereich aber auch für sich stehen – als detaillierter Abriss bisheriger Aktionen. Im dritten Teil folgt eine Darstellung der aktuellen Bewegungen. Basierend auf den Erkenntnissen der ersten beiden Teile soll versucht werden, die Erfolgschancen der Proteste realistisch einzuschätzen.
1 Die Abkürzung BVG entstand dadurch, dass sich am 1. Januar 1929 die Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin, die Allgemeine Berliner Omnibus-Actien-Gesellschaft (ABOAG) und die Berliner Straßenbahn-Betriebs-GmbH zur Berliner Verkehrs-AG (BVG) zusammenschlossen. Unter dem Namen "Berliner Verkehrsbetriebe" wurde der Zusammenschluss genau zehn Jahre später Eigenbetrieb des Landes Berlin. Auch wenn die BVG und die S-Bahn Berlin zwei unabhängige Unternehmen sind, werden sie in dieser Arbeit der besseren Lesbarkeit halber unter dem Kürzel BVG zusammengefasst. Das ist insofern legitim, weil beide Unternehmen ihre Tarife zusammen erheben und auch die Fahrkarten gegenseitig anerkennen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ansätze zur Bewegungsforschung
2.1 Definition NSB
2.2 Warum Berlin, warum ÖPNV
2.3 NSB-Theorien
3. Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen im Berliner Nahverkehr
3.1 Proteste zur Fahrpreiserhöhung am 1. März 1972
3.2 Proteste zur Fahrpreiserhöhung am 1. März 1976
3.3 Proteste zur Fahrpreiserhöhung am 1. August 1977
3.4 Proteste zu den Fahrpreiserhöhungen von 1979 bis 1989
3.5 Proteste zu den Fahrpreiserhöhungen von 1990 bis 1997
3.6 Proteste zu den Fahrpreiserhöhungen von 1998 bis 2003
4. Analyse der Proteste zu den Fahrpreiserhöhungen 2004
4.1 Ablauf der Proteste zu den Fahrpreiserhöhungen 2004
4.2 Analyse der Proteste zu den Fahrpreiserhöhungen 2004
5. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Protestbewegungen gegen Fahrpreiserhöhungen und den Abbau von Sozialtarifen bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Ziel ist es, die historischen sowie aktuellen Protestformen zu analysieren und deren Erfolgsaussichten mithilfe politikwissenschaftlicher Theorien zu Neuen Sozialen Bewegungen kritisch zu bewerten.
- Entwicklung und Definition Neuer Sozialer Bewegungen (NSB)
- Historischer Abriss der Proteste gegen BVG-Tariferhöhungen seit 1972
- Analyse aktueller Proteststrategien und -gruppen im Jahr 2004
- Anwendung theoretischer Ansätze (Ressource Mobilization, Political Opportunity Structures) auf die Berliner Proteste
- Beurteilung der Wirksamkeit von zivilem Ungehorsam im öffentlichen Nahverkehr
Auszug aus dem Buch
3.1 Proteste zur Fahrpreiserhöhung am 1. März 1972
Spätestens für 1971 sind erste Proteste nachzuweisen. Zum 1. März 1972 erhöhte die BVG die Fahrpreise von 50 auf 60 Pfennig für eine Busfahrt. Schon Ende 1971 begann eine "großangelegte Kampagne gegen die Fahrpreiserhöhungen" (Sichtermann 2000:85). Die Berliner Politrockband Ton Steine Scherben schrieb aus diesem Anlass einen "BVG-Song" und presste ihn als billige Folien-Single. Auf der B-Seite gab es den Track "Nulltarif", auf dem Interviews mit verärgerten BVG-Fahrgästen zu hören sind. Diese Single wurde während Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhungen verteilt. Passend dazu wurde die Verpackung als Flugblatt genutzt.
Die Kampagne gegen Fahrpreiserhöhungen wurde vom "Koordinationskreis Nahverkehr" organisiert, dem sieben politische und Jugendgruppen angehörten, darunter die KPD, deren Jugendorganisation KSV, die kommunistische Jugendorganisation Spartacus und die anarchistischen "Schwarzen Zellen". Auch der Arbeitskreis Nahverkehr des Deutschen Gewerkschaftsbundes DBG war aktiv (Tagesspiegel 1.3.1972). Am 29. Februar 1972, dem Tag vor der Fahrpreiserhöhung, fand eine Demonstration mit ca. 3000 Personen statt. Ein Teil der Demonstration wurde durch einen Schlagstockeinsatz aufgelöst. In verschiedenen U-Bahnhöfen wurden die Notsignalschalter betätigt, die Notbremsen gezogen oder Parolen für den Nulltarif angebracht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Unmut der Berliner Fahrgäste über Preiserhöhungen und Sozialkürzungen der BVG und stellt die Forschungsfragen zur Organisation und zum Erfolg der Proteste.
2. Ansätze zur Bewegungsforschung: Dieses Kapitel definiert Neue Soziale Bewegungen und stellt die theoretischen Rahmenbedingungen vor, darunter Struktur- und Ressourcenmobilisierungstheorien.
3. Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen im Berliner Nahverkehr: Hier erfolgt eine chronologische Aufarbeitung der Proteste von 1972 bis 2003, die von zivilem Ungehorsam bis hin zu politischen Kampagnen reicht.
4. Analyse der Proteste zu den Fahrpreiserhöhungen 2004: Dieses Kapitel dokumentiert die aktuellen Protestwellen des Jahres 2004 und analysiert deren Effektivität im Kontext der theoretischen Modelle.
5. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass trotz vielfältiger Aktionsformen kaum nennenswerte Erfolge erzielt wurden, und führt dies auf den fehlenden langen Atem der Protestierenden und das politische Ping-Pong-Spiel zwischen BVG und Senat zurück.
Schlüsselwörter
Neue Soziale Bewegungen, Berliner Verkehrsbetriebe, BVG, Nahverkehr, Fahrpreiserhöhung, Nulltarif, Sozialticket, Bürgerinitiative, ziviler Ungehorsam, Protestbewegung, Ressourcenmobilisierung, politische Partizipation, Berlin, Verkehrsplanung, Arbeitslosenticket.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Widerstand Berliner Bürgerinitiativen und Gruppen gegen die Preispolitik und den Sozialabbau bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung von Protestformen, die Wirksamkeit von zivilem Ungehorsam sowie die Rolle politischer Rahmenbedingungen für den Erfolg sozialer Bewegungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu ermitteln, wer die Proteste organisiert, welche Strategien angewandt werden und warum diese bisher kaum zu nachhaltigen politischen Änderungen führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Kombination aus Literatur- und Quellenanalyse, Interviews mit Akteuren sowie der Anwendung politikwissenschaftlicher Theorien wie der Ressourcenmobilisierung und politischer Gelegenheitsstrukturen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Abriss der Proteste seit 1972 sowie eine detaillierte Analyse der aktuellen Aktionen und Akteurskonstellationen aus dem Jahr 2004.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Neue Soziale Bewegungen, Nulltarif, BVG, Fahrpreiserhöhung, Protestkultur und politische Kontextstrukturen.
Wie bewertet der Autor den Erfolg der Protestbewegungen?
Der Autor kommt zu einem eher skeptischen Ergebnis: Trotz einer beeindruckenden Vielfalt an Protestformen konnten die Preiserhöhungen bisher nicht verhindert werden, was vor allem an mangelnder Kontinuität und einer geschickten Verantwortungsabwälzung zwischen Politik und BVG liegt.
Welche Rolle spielt das "Nulltarif"-Modell in der Arbeit?
Der Nulltarif dient als zentrales Ziel und Identifikationspunkt für viele der untersuchten Gruppen und fungiert zugleich als radikaler Gegenentwurf zur kommerziellen Ausrichtung des öffentlichen Nahverkehrs.
- Quote paper
- Dipl. pol. Robert Kneschke (Author), 2004, Fahrt schwarz! Neue Soziale Bewegungen im Bereich Öffentlicher Nahverkehr in Berlin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32258