Die Küche als Schlachtfeld. Wie und auf welche Weise setzen sich feministische Künstlerinnen mit der Thematik „Hausarbeit“ auseinander?

Reproduktionsarbeit, Macht und Widerstand in künstlerischen Arbeiten von Martha Rosler und Birgit Jürgenssen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Historische Entwicklung der „Hausarbeit“ und der Rolle „Hausfrau“
2.1 Genealogie der „Hausarbeit“ und der Rolle der „Hausfrau“
2.2 Die Rationalisierung der häuslichen Sphäre

3. „Lexicon of rage and frustration“ - Martha Roslers Video-Performance „Semiotics of the Kitchen“
3.1 Beschreibung der Videoarbeit
3.2. Analyse von „Semiotics of the Kitchen“

4. Die Verschmelzung von Frau* und Küche − Birgit Jürgenssens „Hausfrauen-Küchenschürze“
4.1 Beschreibung der fotografischen Arbeiten
4.2. Analyse der „Hausfrauen-Küchenschürze“

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Abbildungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

„Das bißchen [sic] Haushalt... sagt mein Mann“ - Dieser bekannte deutsche Schlager von Johanna von Koczian gibt wider, dass der Haushalt ein ambivalenter und umkämpfter Raum ist. Die private Sphäre ist ein Raum des individuellen Rückzugs und des Kraftschöpfens, jedoch ist er keinesfalls frei von Zuschreibungen sowie politischen und ökonomischen Zugriffen. Die Unsichtbarkeit von Hausarbeit sowie die vorherrschende Doppelbelastung von Frauen* durch Reproduktionsarbeit1 sowie die Erwerbstätigkeit beschäftigt bis dato nicht nur die weiblich sozialisierten Personen, sondern auch politische Institutionen. Das Interesse der vorliegenden Arbeit liegt jedoch keinesfalls bei den individuellen oder politischen Lösungsansätzen dieser Problematik. Vielmehr soll diese Arbeit aufzuzeigen, dass „Hausarbeit“2 eine Kategorie ist, welche keinesfalls „natürlich“ ist und dem Kulturcharakter von Frauen* entspricht, sondern sich diskursiv entwickelt hat. Der Fokus liegt insbesondere bei dem Widerstand gegen die Naturalisierung und die Zuschreibungen, welcher exemplarisch an zwei Arbeiten der feministischen Künstlerinnen Martha Rosler und Birgit Jürgenssen aufgezeigt wird. Die Entscheidung die künstlerische Beschäftigung mit der Thematik Küche und Haushalt für diese Arbeit zu berücksichtigen fiel, da im Rahmen dieser Arbeit Kunst als gesellschaftlicher Raum verstanden werden soll, der es ermöglicht auf gesellschaftlich anerkannte Weise Widerstand gegen gesamtgesellschaftliche Zustände zu leisten. Die Fragestellung hierbei lautet, wie und auf welche Weise feministische Künstlerinnen sich mit der Thematik der „Hausarbeit“ auseinandersetzen.

Um einen Einstieg in die Thematik der „Hausarbeit“ zu ermöglichen, wird in Kapitel 2 eine historische Analyse von „Hausarbeit“ und der Rolle „Hausfrau“ skizziert, wobei ebenfalls ein Abriss der modernen „Hausarbeit“ illustriert werden soll. Hierbei werden insbesondere die Arbeiten von BOCK/DUDEN (1977), SCHMIDT-WALDHERR (1991) als auch VOGT (2005) berücksichtigt. Entgegen des Aufbaus dieser Arbeit wurden die Analysen der künstlerischen Arbeiten zu Beginn der Beschäftigung mit dieser Thematik verfasst, da ich eine Beeinflussung durch die wissenschaftliche Lektüre ausschließen wollte. Die Beschäftigung mit den Kunstwerken von Martha Rosler (Kapitel 3) und Birgit Jürgenssen (Kapitel 4) gliedern sich jeweils in eine Beschreibung des Kunstwerkes sowie eine Analyse. Kapitel 5 stellt hierbei eine Zusammenfassung der Genealogie der „Hausarbeit“ sowie der Analysen der Kunstwerke dar. Gleichzeitig werden die Ergebnisse unter Zuhilfenahme der Gouvernmentality Studies analysiert.

2. Historische Entwicklung der „Hausarbeit“ und der Rolle „Hausfrau“

In diesem Kapitel wird eine Übersicht über die Genealogie der Entwicklung der „Hausarbeit“ und die Rolle der „Hausfrau“ herausgearbeitet. Hierbei soll betont werden, dass die Thematik sehr komplex und facettenreich ist. Dem Umfang der vorliegenden Arbeit ist es geschuldet, dass keine vollständige Rekonstruktion der historischen Entwicklung aufgezeigt werden kann. Vielmehr soll, wie bereits oben erwähnt, die Genealogie eine Annäherung an die Thematik ermöglichen. Der Abschnitt 2.1 fokussiert sich hierbei auf die europäische Entwicklung ab dem 17. Jahrhundert, während 2.2 die nordamerikanische sowie deutsche Entwicklung zu Zeiten der Frühindustrialisierung beleuchtet.

2.1 Genealogie der „Hausarbeit“ und der Rolle der „Hausfrau“

BOCK/DUDEN (1977) stellen in der historischen Analyse der Genealogie der „Hausarbeit“ und dem Status der „Hausfrau“ die These auf, dass beide ihren Ursprung in den Anfängen des 17./18. Jahrhunderts haben.

„[...]: Hausarbeit ist relativ neuen Ursprungs, sie hat ihre Anfänge im 17./18. Jahrhundert mit den Anfängen des Kapitalismus und entfaltet sich, ungleichzeitig in verschiedenen Ländern und Regionen, in dem Zeitraum nach der industriellen Revolution. In dieser Zeit scheint sich fast alles, was Hausarbeit heute ausmacht, verändert zu haben: Was es ist, wer sie tut, wie sie getan wird; die Einstellung zu ihr, ihre sozio-ökonomische Bedeutung, ihre Beziehung zur gesellschaftlichen und natürlichen Umwelt. Selbst der Begriff Hausarbeit scheint vor dieser Zeit nicht zu existieren, wie auch der moderne Begriff erst mit dem Aufkommen der bürgerlichen Familie im Europa des 17./18. Jahrhunderts entsteht. Der Zeitraum, in dem dieser Familientypus sich von einem kleinen Teil der Bevölkerung, dem städtischen Bürgertum, in der gesamten Bevölkerung, also auch in der Arbeiterklasse ausbreitet, nämlich im 19./20. Jahrhundert, ist der Zeitpunkt der Entstehung derjenigen Hausarbeit, gegen die die heutige Frauenbewegung revoltiert - bei aller Heterogenität ihrer sonstigen Ziele und Motive. Sie ist nicht ein zeitloses biologisches Schicksal der Frau, sondern ein historisch bestimmtes und bestimmbares Phänomen, das einer ebenso historisch bestimmten Epoche der kapitalistischen Gesellschaft zuzuordnen ist.“3

Hierbei arbeiten BOCK/DUDEN (1977) heraus, dass die damalige Produktionsweise keinerlei Trennung zwischen Produktion und Konsumtion aufwies: Alle Mitglieder der Familienwirtschaft (darunter auch die Knechte, Mägde, Lehrlinge, etc.) leisteten einen Beitrag zum familialen Gesamthaushalt. Die Arbeit der Frau* war keinesfalls auf die häusliche Sphäre reduziert: Mit dem Verkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnisse, dem Betreiben von Kneipen und Gaststätten sowie der frühkapitalistischen bezahlten Heimarbeit, wozu unter anderem das Nähen, Weben, Wäschen sowie die Spitzenklöppelei und die Seidenproduktion zählten, gehörte die Frauen*arbeit zu der öffentlichen Sphäre und war notwendig für das Überleben der Familie. Gleichzeitig nahmen die „Hausarbeit“ sowie die Versorgung der Kinder andere Ausmaße an. „Hausarbeit“ zeichnete sich keinesfalls durch arbeitsintensive Essenszubereitung aus; auch das Saubermachen des Haushaltes hatte aufgrund der „laxen Hygiene- und Reinlichkeitsvorstellungen der alten Gesellschaft“4, der Enge des Wohnraumes und der räumlichen Verschmelzung aus Werkstatt, Küche und Schlafraum einen geringen Stellenwert.

Ebenfalls die Pflege der Kinder hatte bis Mitte des 18. Jahrhunderts keinerlei Bedeutung. Grund hierfür ist, dass bis dahin eine geschützte Sphäre des Kinder bzw. der Kindheit in der Gesellschaft nicht existierte. Kinder galten bis dahin als vollwertige Arbeitskräfte, welche „selbstverständlich zwischen den Erwachsenen [lebten], von denen sie sich nur durch ein geringeres Maß an Erfahrung und Kenntnissen unterschieden“5. Die Versorgung der Kinder wurde, wenn die Frauen* unter wirtschaftlichen Zwängen standen und nicht der Pflege des Nachwuchses nachkommen konnten, auf unterschiedliche Weisen gelöst: BOCK/DUDEN (1977) geben an, dass in Frankreich die Kinder aufs Land in die Obhut bezahlter Ammen gegeben wurden, während bürgerliche Familien eine eigene Amme beschäftigten. Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts veränderten sich die kulturellen Muster, wobei das Bürgertum als die Keimzelle der modernen Kleinfamilie gilt. Im Rahmen bürgerlicher Reformbewegungen wurden die „Mutterrolle“ sowie die geschützte Sphäre „Kindheit“ diskursiv konstruiert. In der reformatorischen Kleinkindpädagogik übernahm die Mutter* eine zentrale Rolle in den Erziehungspraktiken der bürgerlichen Schicht, wobei eine Naturalisierung der Rolle der Mutter* stattfand.

Neben den Bereichen Reinlichkeit und Hygiene, Verpflegung sowie Kinderpflege veränderten sich ebenfalls ab dem 17. Jahrhundert zunehmend die Erwartungen an die Ehe und das Familienleben. Ehe und Heirat folgten bis dahin wirtschaftlichen Überlegungen, wobei bis in das 18. Jahrhundert Liebe in der Ehe als hinderlich und unangemessen galt.6 Der englische Puritanismus formulierte als erster die diskursive Vorstellung des familialen Glücks, wobei die Frau* eine Stilisierung als Gattin, Hausfrau und Mutter erfuhr und ebenfalls die Forderung nach einer Liebesheirat formuliert wurden. Die diskursive Vorstellung einer romantischen Beziehung und Liebesheirat wurde laut BOCK/DUDEN (1977) rund ein Jahrhundert später in Deutschland formuliert. Diese neue bürgerliche Familienideologie stellte nicht nur die Liebesheirat in das Zentrum ihres Denkens, vielmehr wurde die Frau* geradezu als Hüterin der häuslichen Sphäre stilisiert. VOGT (2005) gibt an, dass das männliche Familienoberhaupt im Mittelpunkt des bürgerlichen Haushalts stand, während die „Hausfrau“, „an die er die Schlüsselgewalt über den Haushalt abgibt, die ihn dafür entsprechend zu ehren und zu bedienen hat“7. Begleitet wird die Entwicklung des bürgerlichen Diskurses durch die Festschreibung der weiblichen bzw. männlichen Geschlechtscharaktere, sprich die diskursive Verbindung der Frau* mit den Attributen passiv, irrational sowie emotional, während der männliche Geschlechtscharakter mit Merkmalen wie aktiv und rational verbunden wurde. Dies ging einher mit dem Verschwinden bzw. des Unsichtbarwerdens der „Hausarbeit“: Die Reproduktionsarbeit wurde als „Erscheinungsform von Liebe definiert“8, welche dem gesellschaftlich konstruierten Geschlechtscharakter der Frau* entspricht. VOGT (2005) hält zu dieser Entwicklung fest:

„Hand in Hand geht damit die Abwertung der Arbeit von Frauen im Haus, die im Unterschied zum bürgerlichen Haus nun als unproduktive und private Tätigkeit gesehen wird, der keine wirtschaftliche Bedeutung zukommt, nach dem Motto: ‚Bei uns arbeiten die Männer und die Frauen tun nichts’ [...]. Beides [die ökonomische Abhängigkeit vom Mann und die Festschreibung des Geschlechtscharakters] hat die Rolle und Stellung der Frau im Bürgertum nachhaltig bestimmt, in dem sie eben nicht selbstständig schaltet und waltet, sondern in Abhängigkeit von dem Ehemann und von den an sie gestellten gesellschaftlichen Erwartungen. Sie musste den Schein des bürgerlichen Haushaltes aufrechterhalten, also zum Beispiel Essen herstellen, das den bürgerlichen Normen genügte und im Alltag mindestens drei Gänge aufzuweisen hatte, [...].“9

Im folgenden Abschnitt wird nach der Genealogie der „Hausarbeit“ und der Rolle der „Hausfrau“ die nordamerikanische sowie deutsche Entwicklung ab dem 18. Jahrhundert aufgezeigt, die eine zunehmende Mechanisierung und Rationalisierung der „Hausarbeit“ mit sich brachte.

2.2 Die Rationalisierung der häuslichen Sphäre

Wie bereits oben erwähnt, ist die historische Entwicklung der „Hausarbeit“ sehr komplex und facettenreich. BOCK/DUDEN (1977) arbeiteten in ihrer historischen Analyse drei Prozesse dieser Entwicklung heraus: die Arbeit der Dienstbotinnen, die Immigration in die Vereinigten Staaten von Amerika sowie die zunehmende Rationalisierung der Hausarbeit. Diese drei Prozesse sollen im Folgenden skizzenhaft dargestellt werden.

BOCK/DUDEN (1977) weisen darauf hin, dass während der frühen Industrialisierungsperiode die Trennung zwischen „häuslicher unbezahlter Arbeit und außerhäuslicher bezahlter Arbeit fließend blieb“10. Haushaltsnahe Einkommensquellen waren die Tätigkeiten als selbstständige Näherinnen und Wäscherinnen, Einnahmen aus der Untermiete und als Dienstboten. BOCK/DUDEN (1977) illustrieren die Entwicklung der Nivellierung der „Hausarbeit“ für Frauen* unterschiedlichster sozialer Positionierungen am Beispiel der entlohnten Heimarbeit der Dienstboten und dem Zusammenhang zur Mechanisierung der US-amerikanischen Haushalte. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden entscheidende Fortschritte bei der Entwicklung zeitsparender Arbeitsgeräte, z.B. dem Staubsauger und der Waschmaschine, gemacht. Jedoch muss hierbei bedacht werden, dass die kostspielige Anschaffung dieser Arbeitsgeräte nur wenigen wohlhabenden Haushalten möglich war, wobei diesen ebenfalls Dienstboten zur Verfügung standen, welche die „Hausarbeit“ erledigten. Die Aufgabe der Hausfrau* entsprach dabei vielmehr der einer Hausherrin und umfasste die Planung sowie Beaufsichtigung der Dienstboten, welche oftmals aus prekären Lebensumständen stammten. Die Situation der Dienstboten äußerte sich in einem persönlichen Abhängigkeitsverhältnis zum Herrenhaus, einem geringen Berufsprestige, niedrigen Löhnen sowie nicht festgelegten Arbeitszeiten. Aufgrund des beschränkten Zugangs zum Arbeitsmarkt blieben Frauen* nur der Ausweg in die Fabrikarbeit, Prostitution oder der Widerstand im Herrenhaus. Hierbei vertreten BOCK/DUDEN (1977) die These, dass die Mechanisierung der Haushalte keinesfalls eine logische Fortsetzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts darstelle, sondern eine Reaktion auf den Widerstand der Dienstboten sei und somit die Haushaltsgeräte „eine Lösung dieser Form von Klassenkampf“11. Aufgrund der prekären Arbeitsverhältnisse der Hausangestellten verringerte sich die Anzahl der Dienstboten bis in die 1920er Jahre dermaßen, dass von einem „ servant problem12 die Rede war. Immer mehr Haushalte mussten ihre Hausarbeit ohne die Hilfe bezahlter Dienstboten verrichten, wenn auch mit mechanisierten Arbeitsgeräten. Für die weiblich sozialisierten Dienstboten bedeutete der Rückzug aus dem Herrenhaus und die Anstellung in einer Fabrik zwar ein Zugewinn an Unabhängigkeit und Prestige, gleichzeitig jedoch eine Entwicklung von der bezahlten Arbeit im Haushalt zur unbezahlten „Hausarbeit“ bei der eigenen Familie. BOCK/DUDEN (1977) äußern sich folgendermaßen dazu:

„Was sich an diesem Beispiel des Verhältnisses von Mechanisierung und Dienstbotenwiderstand zeigt, ist also ein Prozeß [sic], in dem sowohl aus der Haus herrin wie aus dem Haus mädchen eine Haus frau wird, die im eigenen Heim unbezahlte Hausarbeit aus Liebe verrichtet. Dieser Prozeß [sic] läßt [sic] sich beschreiben als eine Angleichung, Nivellierung, Homogenisierung der Situation von Frauen ganz unterschiedlicher Position in Bezug auf die Hausarbeit, und zwar im Kontext ganz bestimmter sozialer Konflikte, Antagonismen und Kämpfe - auch unter Frauen.“13

Die zunehmende Nivellierung und somit Ausweitung der Aufgabe „Hausarbeit“ auf eine größere Anzahl von Frauen* über die vorher vorherrschenden Grenzen von race und class hinweg, wird laut BOCK/DUDEN (1977) durch die Migration in die USA noch bestärkt. Hierbei stehen Frauen* nicht nur als Arbeitskräfte und potentiell Gebärende im Fokus staatlicher Arbeitsmarktpolitik: Zwischen den 1880er und 1920er Jahren brachten die Industriearbeit14 sowie die Urbanisierung Veränderungen bei der „Hausarbeit“ mit sich, wobei der Frau* die „Hausarbeit“ innerhalb der Kernfamilie diskursiv zugedacht wurde. Aufgrund der Verstädterung, der Überfüllung in der Slums sowie dem Fehlen von Kanalisation und Müllbeseitigung wurden hygienische Maßnahmen notwendig. Ebenso nahmen das Einkaufen von Lebensmitteln und die Kindeserziehung einen wachsenden Anteil bei der Reproduktionsarbeit ein. BOCK/DUDEN (1977) gehen von einer diskursive Entwicklung und Ausdifferenzierung „des modernen Erwachsenseins als spezifische Arbeitsexistenz, auf die hin die Kinder durch weibliche Hausarbeit trainiert wurden“15. Eine Verstetigung der Zuschreibung von Hausarbeit als Tätigkeit weiblich sozialisierter Personen fand durch die zunehmende Rationalisierung der privaten Sphäre statt. Die produktivitätssteigernden Reformen im Rahmen des Taylorismus nahmen hierbei die Hausarbeit in den Fokus um eine wissenschaftlich fundierte funktional-effiziente

Haushaltsführung zu etablieren:

„Progressive Reformer und Sozialarbeiter, deren Beruf gerade damals entstand - und zwar hauptsächlich als Frauenberuf und im Zusammenhang der Frauenbewegung - wandten sich in ihren Slum- und Stadtinitiativen der weiblichen Hausarbeit zu: sie lehrten die vom Land und Ausland stammenden Frauen Reinlichkeit, Kinderaufzucht, Kochen, Einkaufen und vor allem die effiziente Verrichtung all dieser Arbeiten.“16

Ein Beispiel für die Ökonomisierung der privaten Sphäre bietet hierbei die Autofabrik von Henry Ford in Detroit: Das betriebsinterne „Sociological Department“ hatte die Aufgabe innerhalb der Arbeiterfamilien festgelegte Normen zu etablieren, damit die Effizienz sowohl innerhalb der Familie als auch im Betrieb sichergestellt wurde. Ein finanzieller Anreiz sicherte die Teilnahme bei dem Programm des „Sociological Department“ und die Einhaltung der betrieblich festgelegten Normen: 1914 wurde der 5-Dollar-Lohn eingeführt, wobei der bisherige Lohn von ursprünglichen 2,34 Dollar pro Tag mehr als verdoppelt wurde.17 Ziel der Effizienzsteigerung im privaten Raum war hierbei „die Produktivität der Lohnarbeiter zu fördern, zu sichern, ja zu schaffen“18. Der ökonomische Grundgedanke und sein Eindringen in die private Sphäre begünstigte eine wissenschaftliche Behandlung mit der Kindererziehung, der architektonischen Gestaltung der Küche, Krankenpflege sowie der Freizeitgestaltung: Arbeitsplatzanalysen sowie Zeit- und Bewegungsstudien sollten die Arbeits- und Bewegungsabläufe der Hausfrau untersuchen, um effizientere Methoden aufzuzeigen; die Architektur begünstigte standardisierte und effizienter gestaltete Wohnräume wie die Frankfurter Küche, aber auch Ernährungswissenschaftler befassten sich mit der optimalen Nahrungsversorgung, um die Arbeitsfähigkeit zu sichern.19 Als Beispiel für die Entwicklung im deutschen Raum nennt SCHMIDT-WALDHERR (1991) die Ökonomisierung der Essenszubereitung durch die „Schnellküche“20, wobei unter ernährungswissenschaftlicher Berücksichtigung mancher Lebensmittel die Essenszubereitung nach ökonomischen Faktoren (Arbeits- und Zeitaufwand) organisiert werden sollte. Innerhalb Deutschland führte zudem die Verabschiedung der Bundesgesetze in den Jahren 1914 sowie 1917 und die daraus resultierende Einführung des Fachs „Hauswirtschaft“ auf allen Ebenen des Schulsystems zu einer Professionalisierung von „Hausarbeit“.21

[...]


1 Der Begriff der Reproduktionsarbeit, sprich „Hausarbeit“ als Reproduktion von Arbeitskraft, wird in der vorliegenden Arbeit verwendet, um die ökonomische Bedeutung zu betonen. Hierbei sei auf die feministische Kritik an Marx´ Theorie von FEDERICI (2012) verwiesen.

2 Um zu verdeutlichen, dass es sich um gesellschaftliche Konstruktionen handelt, werden Mutter*, Frauen*, „Hausfrau“ und „Hausarbeit“, wie dargestellt, kenntlich gemacht. Um konsequent bei der Verdeutlichung von geschlechtzuweisenden Bezeichnungen zu sein, müsste die Kennzeichnung ebenfalls für die „männliche“ Position (z.B. Ehemann, Mann, etc.) erfolgen. Da jedoch die vorliegende Arbeit die „weibliche“ Perspektive und Position darstellen und stärken möchte, wurde im Rahmen dieser Arbeit darauf verzichtet.

3 Bock/Duden 1977:122.

4 Ebd.:132.

5 Ebd.:133.

6 Ebd.:142.

7 Vogt 2005:121.

8 Bock/Duden 1977:151.

9 Vogt 2005:121f.

10 Bock/Duden 1977:152.

11 Ebd.:156.

12 Ebd.:155.

13 Ebd.:157.

14 Sehr lesenswert ist hierzu die feministische Kritik an Marxens Theorie von Silvia Federici. Dem Umfang der Arbeit ist es geschuldet, dass eine Berücksichtigung dieser Literatur ausbleibt (FEDERICI, Silvia (2012): Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, Münster, edition assemblage Verlag.).

15 Bock/Duden 1977:161.

16 Ebd.:163f.

17 Internetquelle: http://www.welt.de/geschichte/article123583223/Der-Kapitalist-den-sogar-Stalin- bewunderte.html (Zugriff: 06.01.2016).

18 Bock/Duden 1977:165.

19 Vgl. hierzu Schmidt-Waldherr 1991.

20 Schmidt-Waldherr 1991:1.

21 Vgl. hierzu Bock/Duden 1977.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Küche als Schlachtfeld. Wie und auf welche Weise setzen sich feministische Künstlerinnen mit der Thematik „Hausarbeit“ auseinander?
Untertitel
Reproduktionsarbeit, Macht und Widerstand in künstlerischen Arbeiten von Martha Rosler und Birgit Jürgenssen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Feministische Perspektiven auf Wissen, Macht und Geschlecht
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
26
Katalognummer
V322678
ISBN (eBook)
9783668219366
ISBN (Buch)
9783668219373
Dateigröße
1425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reproduktionsarbeit, Hausarbeit, Haushalt, feministische Kunst
Arbeit zitieren
Julia Sterzer (Autor), 2015, Die Küche als Schlachtfeld. Wie und auf welche Weise setzen sich feministische Künstlerinnen mit der Thematik „Hausarbeit“ auseinander?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322678

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