Andy Warhol, ein Selbstdarsteller? Der Künstler als Star und seine Selbstinszenierung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Strategien

3.Der Künstler als Star
3a. Das Phänomen Star
3a.1 Wer gilt als Star?
3a.2 Was macht einen Star aus?
3b. Der Künstler als Star

4.Biografie Warhol

5.Selbstinszenierung Warhol

6.Bildanalyse
6a. Fotoportrait
6b. Selbstportrait

7.Schluss

8.Quellen
8a. Literatur
8b. Internetquellen
8c. Bildquellen

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit ist im Rahmen des Seminars „Die vestimentäre Inszenierung von Ikonen“ entstanden, das im Wintersemester 2015 / 2016 an der Universität Paderborn unter der Leitung von Nina Lindlahr stattgefunden hat. Innerhalb des Seminares haben wir uns mit den verschiedenen Inszenierungsstrategien von Ikonen beschäftigt, die im 20. oder 21. Jahrhundert gelebt haben oder immer noch leben. Dabei ging die Spannbreite von Künstlern, über Musik bis hin zum Film.

Anhand des Beispiels von Andy Warhol möchte darstellen, wie ein Künstler sich selber inszenieren kann, um Ruhm zu erlangen und damit den Marktwert seiner Produkte zu steigern. Zunächst werde ich Strategien vorstellen, die sich die Künstler in der Gegenwartskunst zu Nutze machen, um erfolgreich zu sein. Im Anschluss beschäftige ich mich dann mit dem Begriff des Stars und speziell mit dem Künstler als Star und werde einige Beispiele vorstellen. In der alltäglichen Praxis verwenden wir den Begriff „Star“ oft ohne darüber nachzudenken. Doch in der folgenden Arbeit möchte ich mich damit beschäftigen, was einen Star eigentlich definiert und wie ein Künstler zum Star werden kann. Der wohl bedeutendste Künstlerstar des 20. Jahrhunderts - Andy Warhol - zieht sich dabei als roter Faden durch die gesamte Hausarbeit, ich werde alle Erkenntnisse und Aspekte auf ihn beziehen, Schritt für Schritt entsteht ein umfassendes Bild des Künstlers und alle seine Seiten werden beleuchtet.

Nach diesem Blick auf die Strategien und das Phänomen Star werde ich mich anschließend ausführlich mit Andy Warhols Person beschäftigen. Nach einer kurzen Vorstellung seiner Biografie zeige ich auf, wie sich Warhol selbst inszeniert hat und welche Strategien er sich zu Eigen gemacht hat, um sein Ziel, ein Star zu werden, zu erreichen. Dabei möchte ich der Frage nachgehen, was Andy Warhol als „Star“ ausmacht. Die Bildanalyse zweier Darstellungen Warhols aus den 1980er Jahren sollen seine Selbstinszenierung bestätigen oder widerlegen. Dabei handelt es sich um eine Fotografie und eine Selbstdarstellung, bei denen ich den Versuch unternehmen werde, sie zu interpretieren und auf die zuvor gesammelten Erkenntnisse zu beziehen. Zu guter Letzt werde ich ein Fazit ziehen.

2. Strategien

Im Folgenden möchte ich die Strategien erleuchten, durch die die Künstler der Gegenwartskunst versuchen, sich interessant zu machen und somit ihren Marktwert zu steigern. Wie an vorherigen Stelle bereits erwähnt, reicht es heutzutage nicht mehr aus, nur beeindruckend gute Werke herzustellen. Die Künstler von heute machen sich Strategien der Selbstdarstellung zu Nutze, um im Gespräch zu bleiben. Auch Andy Warhol nutzt eine Strategie, durch die er zur Berühmtheit geworden ist: Er inszeniert sich selber als Star. Doch bevor ich auf Andy Warhols Selbstinszenierung als Künstlerstar näher eingehen werde, möchte ich zunächst weitere Strategien vorstellen, die Künstler sich zu Nutze gemacht haben. Hierbei orientiere ich mich an den von Till Briegleb aufgestellten performativen Strategien die er in seinem Text „Was ist das denn für ein Typ?“ von 2015 vorstellt.

Eine bekannte und beliebte Strategie ist die der Tabuverletzung. Das Problem dabei: Die Grenzen verschieben sich immer weiter, und irgendwann werden alle Tabus gebrochen sein. Wenn Joseph Beuys im 20. Jahrhundert mit Kaninchenblut gemalt hat, so war das für die Betrachter seiner Bilder eine eklige Vorstellung. Zur unserer heutigen Zeit würde Kaninchenblut niemanden mehr schockieren – die Steigerung davon: einige Künstlerinnen, darunter zum Beispiel Sarah Lewy[1], malen Bilder mit ihrem eigenen Menstruationsblut. Die Frage stellt sich, wie weit die Künstler von morgen gehen werden, um ins Gespräch zu kommen. Das alte Sprichwort „Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden“ lässt sich auf diese Strategie gut beziehen – wer sich an alle Regeln hält, schwimmt mit der Masse und wird nicht herausstechen.

Einige Künstler verfolgen eine ganz andere Strategie, als Andy Warhol: Anstatt sich überall zu präsentieren, ziehen sie sich zurück und verbergen ihre wahre Identität. Dadurch werden sie erst so richtig interessant, und jeder Betrachter ihrer Kunst grübelt darüber nach, wer wohl dieser Künstler sein möge. Der Street-Art Künstler Banksy verbirgt seine Identität mithilfe einer Maske, die Fotografin Cindy Sherman nutzt die Verkleidung, um anonym zu bleiben. Dies hat viele Vorteile: Die Künstler können ihr Privatleben schützen, machen sich gleichzeitig interessanter und lassen ihren Werken vielfältige subjektive Deutungsmöglichkeiten. Nicht nur in der Kunstszene ist diese Strategie beliebt, auch Musiker machten sie sich bereits zu Nutze.

Die letzte Strategie der Gegenwartskunst, die ich hier präsentieren möchte, ist die des Andersseins und des Sonderlichen. Dabei ist es irrelevant ob die Künstler ihre eigene Person durch ihr Aussehen oder ihr Verhalten von der „Normalität“ absetzen, oder durch ihre Kunst – der Effekt bleibt derselbe. Sie kommen ins Gespräch und wenn ihre Sonderlichkeit dann auch noch zur Belustigung des Publikums beiträgt, umso besser.

3. Der Künstler als Star

3a. Das Phänomen Star

An dieser Stelle möchte ich mich mit dem Phänomen „Star“ und „Berühmtheit“ beschäftigen. Der Duden definiert einen Star wie folgt: „gefeierter, berühmter Künstler/in“, „jemand, der auf einem bestimmten Gebiet Berühmtheit erlangt hat.“[2]

3a.1 Wer gilt als Star?

Verschiedene Wissenschaftler und Autoren haben versucht herauszufinden, was einen „Star“ eigentlich definiert. Dabei muss man verschiedene Aspekte berücksichtigen. Nach Werner Faulstich gibt es vier verschiedene Faktoren, die man zu beachten hat[3]. Zunächst einmal muss die Person im Vergleich zu anderen Vertretern der Personengruppe betrachtet werden, also beispielsweise ein Fußballstar im Vergleich zu anderen Fußballern. Als zweiter Faktor muss überprüft werden, welche Gruppe von Menschen überhaupt der Meinung ist, dass diese Person ein Star ist. Verschiedene Faktoren spielen mit in die Einschätzungen hinein, dass unterschiedliche Menschen andere Meinungen vertreten, wer ein Star ist. Dabei spielt drittens natürlich auch der Ort, also das Land oder der Kontinent, eine Rolle, genau wie der zeitliche Bezugsrahmen. Je nach Alter kennen die Menschen unterschiedliche Stars, und zu verschiedenen Zeiten waren verschiedene Menschen berühmt. Als vierten und letzten Aspekt zählt Faulstich das Medium auf. Jeder Mensch bevorzugt ein anderes Medium und hat somit unterschiedliche Stars beispielsweise aus Film, Musik, Sport, Internet oder Fernsehen.

Bezieht man diese Aspekte nun auf den hier vorzustellenden Künstler Andy Warhol, so kann festgestellt werden, dass Warhol sicherlich nicht für jede Personengruppe oder auf jedem Kontinent als Star bekannt ist. Unter allen Künstlern, die es je gab, ist er sicherlich auch nicht der bekannteste, er ist jedoch einer der bekanntesten Künstler seiner Zeit, des 20. Jahrhunderts. Und auch heutzutage werden Kunstinteressierte besonders in Amerika und Europa von ihm gehört haben – Menschen, die sich nur für Sport und nicht für Kunst interessieren, kennen ihn möglicherweise nicht. Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass viele unterschiedliche Beziehungen und Faktoren bei der Frage miteinspielen, wer ein Star ist. Faulstich sieht es jedoch als entscheidend an, dass ein Star von jemand anderem als Star anerkannt wird, also von seinen Fans: „Ein Star wird zum Star durch seine jeweiligen Fans.“[4] Und von diesen besitzt Andy Warhol immer noch reichlich: Ein ganzes Museum wurde ihm gewidmet, und „The Andy Warhol Museum“ hat im Personenportal Facebook sogar über 99.000 Fans.

Im Vergleich zu den Ausführungen des Medienwissenschaftlers Werner Faulstich möchte ich an dieser Stelle zusätzlich den leicht abgewandelten Ansatz von Professor Hans-Otto Hügel vorstellen, der zusammenfasst, was seiner Meinung nach einen Star charakterisiert: „Stars gibt es […] in vielen kulturellen Sparten […]. Nicht die objektivierbare Leistung, nicht die Bewunderung, die ihm entgegengebracht wird, nicht seine mythische Funktion, durch die er zum Gegenstand populärer Erzählungen wird, noch nicht einmal ein bestimmtes Quantum an Medienauftritten machen den Star aus. […] Konstitutiv für Stars ist vielmehr, dass ihr Werk und ihr Image zusammen rezipiert werden[5].“ Im Gegensatz zu Faulstich sieht Hügel also nicht die Fans als den entscheidenden Faktor an, sondern das Zusammenspiel von Werk und Person.

Schriftsteller Klaus Theweleit hingegen betont, dass einen Künstler seine Unnahbarkeit und seine Medienpräsenz ausmachen.

Daraus folgt, dass es eine Vielzahl von Ansätzen gibt, die beschreiben welche Punkte einen Menschen zum Star machen, wobei der entscheidende Faktor noch nicht einheitlich bestimmt werden konnte. Mit der Thematik des Stars haben sich bereits viele Wissenschaftler beschäftigt und im Großen und Ganzen sind sie sich einig, welche Kriterien ein Star mitbringt – diese wurden in diesem Abschnitt vorgestellt.

3a.2 Was macht einen Star aus?

Auch der Autor Jens Thiele hat den Versuch unternommen, Aspekte herauszustellen, die einen Star beschreiben. Diese sechs Punkte möchte ich im Folgenden vorstellen, um aufzuzeigen, wie eine Person sich als Star inszenieren kann. Der erste Punkt ist dabei der Ort des Stars – der Star muss besonders sichtbar werden, sich herausheben und abgrenzen. Dies entsteht durch das Umfeld, das ihn akzentuieren soll. Im Falle von Andy Warhol geschieht dies durch sein Atelier und seine Fotografien. Das Verhältnis zum Publikum sollte ein Wechselspiel zwischen Distanz und Nähe sein. Zwar macht einen Künstler seine Unnahbarkeit aus, wie auch Klaus Theweleit betont, und doch braucht der Künstler ein Publikum und dieses wünscht sich eine „scheinbare“ Nähe. Eine Möglichkeit, diese „unerreichbare Nähe“ herzustellen, ist das Filmmedium. Zuschauer können ihren Stars so bei intimen Momenten betrachten, fühlen sich ihm durch Nahaufnahmen und intensive, lange Aufnahmen näher - können ihn dennoch niemals erreichen. Auch Warhol machte sich das Filmmedium zu Nutze und erhob das Verhältnis von Distanz und Nähe zu einer Kunst. Zwar war er überall präsent, und doch ließ er niemanden näher an sich ran – darauf werde ich an späterer Stelle noch genauer eingehen[6]. Durch den Film kann zusätzlich jede Person idealisiert dargestellt werden und die richtigen Qualitäten hervorheben, dabei helfen Schnitt und Licht. So besteht die Gefahr, dass der Star künstliche Qualitäten annimmt, die die Person, die hinter dem Starbild steht, jedoch nicht besitzt. Wir neigen dazu, Stars auf ein Podest zu stellen, und uns vorzustellen, dass sie „perfekt“ sind, weil sie uns auf diese Art dargestellt werden. Besonders das Frauenbild ist davon betroffen. Models werden durch Bildbearbeitung so dargestellt, dass sich jedes Mädchen wünscht, sie würde genauso aussehen, obwohl dieses Frauenbild unrealistisch ist. Das hat zur Folge, dass sich junge Frauen unter Druck setzen und einem Bild nacheifern, das sie niemals erreichen können. „Starfigur und Medienperson sind nicht identisch. Sie existieren vielmehr nebeneinander. Sie können die Beziehung, die zwischen ihnen besteht, zeigen […], müssen dies aber nicht.[7] “ Die Schauspielerin Scarlett Johannson war mutig und hat sich dazu entschieden, diese Beziehung zu zeigen. Sie lässt hinter die Fassade blicken und zeigt den Unterschied zwischen ihrem wahren Aussehen und der Art, wie sie auf Fotos dank guter Beleuchtung und Fotobearbeitung dargestellt wird. Auf dem ersten Foto sieht man die Schauspielerin ganz natürlich, ohne Make-up, mit Augenringen und dünnem Haar. Sie strahlt fröhlich in die Kamera. Auch auf dem zweiten Bild schaut sie in die Kamera, ihr Gesichtsausdruck ist dabei jedoch nicht fröhlich, sondern sexy: Hier sehen wir das Model so, wie sie meistens dargestellt wird - als sexy Blondine mit Schmollmund, tiefem Ausschnitt und Make-Up. Der Star nimmt also künstliche Qualitäten an und wird verfremdet. Bei der Schauspielerin Marilyn Monroe wurde das die

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2

Inszenierung auf die Spitze getrieben[8] und hat zu einer Identitätskrise geführt. Bei Andy Warhol hingegen wurde nie wirklich aufgelöst, wer die Person hinter der Inszenierung ist[9]. Jens Thiele führt als fünften Punkt das Zusammenspiel zwischen Star und Kamera an und betont das komplexe Wirkungsgebilde. Als letzten Punkt spricht er darüber, dass das Starbild oftmals vereinfacht wird. Die Tendenz geht heutzutage jedoch zu glaubwürdigeren Identitäten[10].

[...]


[1] www.bild.de, Link siehe Quellen

[2] www.duden.de, Link siehe Quellen

[3] Vgl. Faulstich, Werner: Kleine Startypologie der Rockgeschichte. 1997

[4] Faulstich, Werner: Kleine Startypologie der Rockgeschichte. 1997. S. 156

[5] Vgl. Hügel, Hans Otto: Lob des Mainstreams: zu Begriff und Geschichte von Unterhaltung und Populärer Kultur, 2007. S. 148-149

[6] Siehe Kapitel 5: Selbstinszenierung Warhol

[7] Hügel, Hans Otto: Lob des Mainstreams. S. 150

[8] Mehr dazu in Kapitel 6b

[9] Siehe hierzu ebenfalls Kapitel 6b und 5

[10] Für die Informationen aus diesem Abschnitt vgl.: Thiele, Jens: Künstlerisch-mediale Zeichen der Starinszenierung

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Andy Warhol, ein Selbstdarsteller? Der Künstler als Star und seine Selbstinszenierung
Hochschule
Universität Paderborn  (Kunst / Textil)
Veranstaltung
Die vestimentäre Inszenierung von Ikonen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V322741
ISBN (eBook)
9783668228115
ISBN (Buch)
9783668228122
Dateigröße
753 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Andy, Warhol, Andy Warhol, Pop-Art, 20. Jahrhundert, Kunst, Textil, Ikone, Inszenierung, Star, Berühmtheit, Selbstdarstellung, auftreten, Künstler, Persönlichkeit
Arbeit zitieren
Luisa Dietsch (Autor), 2016, Andy Warhol, ein Selbstdarsteller? Der Künstler als Star und seine Selbstinszenierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322741

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