Spracherwerb bei Kindern. Der Erwerb der Nominalphrase und ihrer Flexion

Chronologische Abfolge oder doch Willkür?


Hausarbeit, 2015

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die konkrete Thematik
2.1 Phasen des Nominalphrasenerwerbs
2.2 Differenzierung des Referenzraumes einer Nominalphrase

3. Die Nominalphrasenflexion
3.1 Studie zur Veranschaulichung
3.1.1 Die auffälligsten Fehlerquellen
3.1.2 Spezifische Leistungsdarstellung von Kindern mit DaZ
3.1.3 Ein Kompetenzstufenmodell für die Leistungsbewertung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit der Zeit haben sich viele, verschiedene Expertenmeinungen über den Spracherwerb von Kindern angesammelt. Hierbei werden die unterschiedlichsten Meinungen vertreten. Die einen schließen sich dem nativistischen Erklärungsmodell von Chomsky an und meinen, bestimmte Sprachkenntnisse seien angeboren. Das Kind verfüge schon von Klein auf über mehr Kenntnisse, als ihnen vermittelt wird und die Sprache sei viel zu komplex, um nach und nach, ohne jegliche Vorkenntnisse, erworben werden zu können. Daher müsse es ein von der Geburt an genetisch festgelegtes Wissen geben, die sogenannte Universalgrammatik. Andere hingegen streiten diese Position vollkommen ab und stimmen eher dem behavioristischen Modell nach Skinner zu. Sie hingegen glauben, die Sprache sei keinesfalls von der Geburt an vorhanden. Vielmehr sind sie davon überzeugt, dass nur der Lernmechanismus vererbt werde; alles andere müsse man sich nach und nach einzeln aneignen. Den Spracherwerb könne man im Allgemeinen als Imitation bezeichnen. Die Umwelt liefere dem Kind sprachliche Vorbilder; richtige Äußerungen verstärke man durch Lob. Je häufiger ein Wort oder eine Äußerung verstärkt werde, desto mehr festige es sich im Sprachrepertoire eines Kindes. Nach diesem Prinzip werde dann im Laufe der Kindheit die komplette Sprache angeeignet. Bezüglich des Spracherwerbs gibt es viele, verschiedene Sichtweisen und eine hohe Anzahl an Studien und Untersuchungen, doch wie sieht es eigentlich bezüglich des Erwerbs bestimmter grammatischer Bereiche aus? Im Allgemeinen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit dem Erwerb eines grammatischen Bereichs der deutschen Sprache; nämlich der sogenannten Nominalphrase. Die Nominalphrase ist der am häufigsten vorkommende Phrasentyp des Deutschen, doch wie wird diese eigentlich von Kindern erworben? Die Frage, ob es einen bestimmten Erwerbsverlauf für den Nominalphrasenerwerb, der bei allen Kindern in gleicher Weise aufritt, gibt, wird hier untersucht. Im Fokus dieser Untersuchung steht die Nominalphrasenflexion, die im Anschluss an das Erwerben einer simplen Nominalphrase folgt und eine Voraussetzung für die korrekte Bildung dieser bildet. Nachdem die Arbeit einen kurzen Überblick über die Thematik, die der Frage auf den Grund geht, verschafft, geht es im nächsten Schritt mit der Schilderung der sogenannten Phasen des Nominalphrasenerwerbs weiter. Im Anschluss wird auf die sogenannte Referenzmöglichkeit der deutschen Sprache, welche für die Nominalphrase von großer Bedeutung ist, eingegangen. Nach Abschließen dieser beiden Themenbereiche setzt die Arbeit ihren Fokus auf die Flexion von Nominalphrasen. Zur intensiven Veranschaulichung dessen, wird eine Studie von Said Sahel herangezogen, welche sich mit dem Flexionserwerb von L1- und L2-Schülern beschäftigt. Dieser thematische Bereich wird mit der Schilderung eines Kompetenzstufenmodells für die Leistungen und den Erwerbsverlauf der Schüler hinsichtlich dieses grammatischen Bereichs abgeschlossen.

2. Einführung in die konkrete Thematik

Die Ausgangssituation, um die deutsche Sprache und vor allem in diesem Fall die Nominalphrase mit all ihren verschiedenen Mustern erwerben zu können, ist der egozentrische Sprecherstandpunkt. Bis zu einem Alter von zwei Jahren ist das Kind noch nicht in der Lage, über die reale Kommunikationssituation hinauszugehen. Das heißt, es kann nur über all die Dinge sprechen, die sich zum Zeitpunkt des Sprechaktes unmittelbar in seiner Nähe befinden. Das Kind verfügt demnach noch nicht über die Fähigkeit, von Vergangenem oder Zukünftigem zu berichten. Die Symbolisierung von Referenz ist einer der grundlegendsten Funktionen der Nominalphrase[1], der am häufigsten vorkommende Phrasentyp des Deutschen. Der Kopf einer solchen Nominalphrase besteht stets aus einem Nomen, das Vorfeld und das Nachfeld allerdings sind durch viele, verschiedene Wortarten besetzbar. Aus diesem Grund kann man von verschiedenen Strukturen beziehungsweise Gliederungen der Nominalphrase sprechen. Hierfür macht Bittner „Annahmen über die chronologische Erwerbsreihenfolge“[2] der Nominalphrasenkomponenten.

2.1 Phasen des Nominalphrasenerwerbs

Laut Untersuchungen lässt sich der Nominalphrasenerwerb in drei zusammenhängende Phasen unterteilen. In der ersten Phase erwirbt das Kind eingliedrige Nominalphrasen, die aus dem Nomen und/ oder dem unbestimmten Artikel bestehen, jedoch nicht in Kombination miteinander sondern isoliert auftauchen. Zur zweiten Phase gelangt das Kind, indem es den unbestimmten Artikel ein lernt und es ihm gelingt, diese Wortart mit dem Nomen zu verbinden. Aus diesem Grund verdeutlicht die zweite Phase den Erwerb zweigliedriger Nominalphrasen, bestehend aus dem Nomen in Verbindung mit dem zuvor erworbenen unbestimmten Artikel, oder zum Teil sogar schon dem Adjektiv. Anschließend „folgt der Possessivartikel [ mein ], ebenso anderer und kein “.[3] Verschiedene Untersuchungen, beispielsweise die von Mills aus dem Jahre 1985 oder Koehnes aus dem Jahre 1994 vermitteln, dass man den Artikelerwerb in eine typische Erwerbsreihenfolge setzen kann. Diese beginnt mit dem Erwerb des unbestimmten Artikels ein und seinen „phonologisch reduzierte[n] Formen wie en, ne, e, n, a, ei usw.“[4] Im Anschluss lernt das Kind den Possessivartikel mein und zum Teil den Negationsartikel kein. Schließlich folgt die Erweiterung jener Reihenfolge durch den bestimmten Artikel in seinen Formen der, die, das, den, diese, dieses und dieser. Im Anschluss tauchen nun mehr und viele in Verbindung mit einem Nomen auf und in der letzten Phase erwirbt das Kind letztendlich dreigliedrige Nominalphrasen, welche aus einem Nomen und zwei verschiedenen Wortarten, welche unterschiedliche Positionen besetzen, bestehen. Diese Phase erreicht das Kind durch das Erlernen des bestimmten Artikels[5] und schließt sie durch den Erwerb und die Verbindung der beiden Quantoren zwei und drei mit dem Nomen, ab. „Bittner interpretiert diese typische Erwerbsreihenfolge, die sich bei mehreren Kindern des von ihr untersuchten Korpus bestätigt fand, als die Entfaltung eines Konzepts der Quantifikation nominaler Referenten“.[6]

2.2 Differenzierung des Referenzraumes einer Nominalphrase

Die beschriebenen drei Phasen spielen eine entscheidende Rolle im Bezug auf die Differenzierung des Referenzraumes einer Nominalphrase. In der ersten Phase nämlich, in welcher das Kind das Nomen isoliert benutzt, „stehen dem Kind keine sprachlichen Mittel zur Differenzierung seiner referentiellen Intentionen zur Verfügung“.[7] Eine ganz simple Aussage wie „Ball spielen“ kann vom Hörer auf unterschiedlichste Weise verstanden werden, sprich, es bleibt unklar, ob ein ganz bestimmter Ball oder lediglich ein Beliebiger gemeint ist. Im Hinblick auf die Referenzfunktion ist diese Aussage also noch vollkommen unspezifiert. Die zweite Phase hingegen lässt sich mithilfe der vorhin genannten Artikelerwerbsreihenfolge in drei Subkategorien unterordnen. Die erste besteht aus dem Nomen, zusammen mit dem unbestimmten Artikel. Diese Kombination bietet sowohl für den Sprecher, als auch für den Zuhörer, dadurch, dass ein bestimmtes Objekt herauskristallisiert wird, eine erste Möglichkeit zur Differenzierung der Referenz. Die nächste Subklasse der zweiten Phase beinhaltet die Kombination aus Nomen und dem Possessivartikel mein. Diese Kombination hat die Funktion, die Differenzierung noch stärker zu spezifizieren. Dieses Spezifizieren basiert auf der semantischen Relation, welche durch die Verwendung des Possessivartikels in den Vordergrund rückt. Das Kind ist nun in der Lage seinen persönlichen Besitz zu vermitteln. Die letzte Subklasse zeichnet sich durch den Erwerb des bestimmten Artikels aus, wodurch das Kind lernt, auf Objekte zu referieren, die ihm aus der Kommunikationssituation heraus bekannt sind. Der bestimmte Artikel umfasst alle Formen der Bekanntheit des Referenzobjekts, nämlich die sprachliche, situative und assoziative Bekanntheit. Die letzte Phase charakterisiert wie oben schon genannt, den Erwerb dreigliedriger Nominalphrasen. Erst mit dem Abschließen seines dritten Lebensjahres ist das Kind dazu fähig, Nominalphrasen dieser Art zu bilden. Dieser Erwerb bietet ihm die Möglichkeit zur Kombination verschiedener Begleiter des Nomens und damit nicht zuletzt die starke Differenzierung beziehungsweise Spezifizierung des Referenzobjekts. Ein einfaches Beispiel zur genaueren Veranschaulichung sieht folgendermaßen aus: Die Aussage „ein rotes Haus“, bestehend aus der Zusammensetzung eines Nomens mit einem Artikelwort und dem Adjektiv hat mehr Referenzspezifizität als die Aussage „das Haus“.[8]

3. Die Nominalphrasenflexion

Die Voraussetzung für die anschließende Analyse der Morphosyntax einer Nominalphrase, beinhaltet das Wissen darüber, dass die Komponenten einer Nominalphrase nach Kasus, Numerus und Genus flektiert werden. Diese Morphosyntax kann erst dann vollständig erfasst werden, wenn dreigliedrige Nominalphrasen berücksichtigt werden.[9] Im Allgemeinen bildet der Erwerb der Nominalphrasenflexion einen der problematischsten und schwierigsten grammatischen Bereiche des Deutschen. Dies liegt zum einen an der hohen Komplexität, zum anderen am hohen, kognitiven Aufwand, welcher mit dem Lernen verbunden ist. Dieser kognitive Aufwand kommt dadurch zustande, dass der Lerner mehrere Dinge gleichzeitig beachten muss, um eine dreigliedrige Nominalphrase korrekt flektieren zu können. Diese zu beachtenden Dinge sind auf der einen Seite das Erlernen der Kongruenz von Artikelwörtern, Adjektiven und Substantiven in Kasus, Numerus und Genus, auf der anderen Seite aber auch das Wissen über die korrekte Verteilung der Flexive auf die einzelnen Komponenten der Nominalphrase. Hierbei wird das Flexiv entweder am Artikel oder am Adjektiv realisiert, wobei Letzteres Lernern schwieriger fällt. Die so hohe Komplexität des Erwerbs der Nominalphrasenflexion sorgt dafür, dass dieser Bereich dementsprechend mehr Zeit in Anspruch nimmt, als manch andere grammatische Bereiche. Obwohl das Kind mit dem Abschließen seines dritten Lebensjahres in der Lage dazu ist, dreigliedrige Nominalphrasen zu bilden, schließt es keine fehlerfreie Flexion mit ein. Vielmehr weist das Kind noch deutliche Unsicherheiten im Hinblick auf die Bildung des Kasus und Genus auf. Auch das Kongruenzverhältnis innerhalb einer Nominalphrase bereitet ihm noch Schwierigkeiten.[10] Ein simples Beispiel hierfür ist: „Ich sehe einen großer Mann“. Die Frage, wieso die meisten Fehler gerade in diesen grammatikalischen Bereichen auftreten, ist einfach zu beantworten. Der Fokus in der Entwicklungsphase liegt nämlich nicht auf dem Kasus- und Genuserwerb sondern vielmehr auf dem Erwerb komplexerer Nominalphrasen. Dies wiederum schließt mit ein, dass Nominalphrasen mit steigendem Alter auch an ihrer Komplexität zunehmen, jedoch weisen diese aber auch weiterhin Genus- und Kasusfehler auf. Kinder versuchen die Komplexität ihrer Nominalphrasen zu steigern, indem sie beispielsweise „eine zweifach attribuierte [Nominalphrase] [...] produzieren“.[11] Die korrekte Flexion dieser Nominalphrase lassen sie jedoch außer Acht. Folgendes Beispiel beinhaltet die Aussage eines Kindes und verdeutlicht dieses genannte Phänomen: „Ein weißer großes Schaf“.

[...]


[1] Vgl.: Bittner, Dagmar (1997): Entfaltung grammatischer Relationen im NP-Erwerb: Referenz. In: Folia Linguistica XXXI/3-4. S. 255 f.

[2] Schlipphak, Karin (2008): Erwerbsprinzipien der deutschen Nominalphrase: Erwerbsreihenfolge und Schemata – die Interaktion sprachlicher Aufgabenbereiche. Stuttgart: ibidem. S. 26 ff.

[3] Schlipphak, Karin (2008): Erwerbsprinzipien der deutschen Nominalphrase: Erwerbsreihenfolge und Schemata – die Interaktion sprachlicher Aufgabenbereiche. Stuttgart: ibidem. S. 27.

[4] Bittner, Dagmar (1997): Entfaltung grammatischer Relationen im NP-Erwerb: Referenz. In: Folia Linguistica XXXI/3-4. S. 259.

[5] Vgl.: Ebenda, S. 259.

[6] Schlipphak, Karin (2008): Erwerbsprinzipien der deutschen Nominalphrase: Erwerbsreihenfolge und Schemata – die Interaktion sprachlicher Aufgabenbereiche. Stuttgart: ibidem. S.27.

[7] Bittner, Dagmar (1997): Entfaltung grammatischer Relationen im NP-Erwerb: Referenz. In: Folia Linguistica XXXI/3-4. S. 265.

[8] Vgl.: Bittner, Dagmar (1997): Entfaltung grammatischer Relationen im NP-Erwerb: Referenz. In: Folia Linguistica XXXI/3-4. S. 265 f.

[9] Vgl.: Sahel, Said (2010): Ein Kompetenzstufenmodell für die Nominalphrasenflexion im Erst- und Zweitspracherwerb. – In: Mehlem, Ulrich / Sahel, Said (Hrsg.): Erwerb schriftsprachlicher Kompetenzen im DaZ-Kontext: Diagnose und Förderung. Freiburg im Breisgau: Fillibach. S. 185-186.

[10] Vgl.: Bittner, Dagmar (1997): Entfaltung grammatischer Relationen im NP-Erwerb: Referenz. In: Folia Linguistica XXXI/3-4. S. 258.

[11] Sahel, Said (2010): Ein Kompetenzstufenmodell für die Nominalphrasenflexion im Erst- und Zweitspracherwerb. – In: Mehlem, Ulrich / Sahel, Said (Hrsg.): Erwerb schriftsprachlicher Kompetenzen im DaZ-Kontext: Diagnose und Förderung. Freiburg im Breisgau: Fillibach. S. 189.

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Details

Titel
Spracherwerb bei Kindern. Der Erwerb der Nominalphrase und ihrer Flexion
Untertitel
Chronologische Abfolge oder doch Willkür?
Hochschule
Universität Siegen  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Substantive und Nominalphrasen im Deutschen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V322784
ISBN (eBook)
9783668218840
ISBN (Buch)
9783668218857
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NP, Nominalphrase, Nominalphrasen, Sprachwissenschaft, Spracherwerb, Chomsky, Skinner, Behaviorismus, Nativismus, NP-Erwerb, Nominalphrasenerwerb, Linguistik
Arbeit zitieren
Ayse Sahbaz (Autor), 2015, Spracherwerb bei Kindern. Der Erwerb der Nominalphrase und ihrer Flexion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322784

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