Die Auswirkungen von Herdenverhalten auf Finanzmärkte. Wissenschaftliche Zuordnung und theoretische Grundlagen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung

2 Wissenschaftliche Zuordnung - Behavioral Finance
2.1 Ursprung
2.2 Definition

3 Theoretische Grundlage - Herdenverhalten
3.1 Definition und Merkmale
3.2 Ursachen und Auslöser
3.2.1 Informationskaskadenmodell
3.2.2 Reputationsmodell

4 Auswirkungen von Herdenverhalten
4.1 Preisblasen
4.2 Finanzkrise ab 2007

5 Fazit
5.1 Zielerreichung
5.2 Perspektiven

Literaturverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

„ Ich kann zwar die Bahn der Gestirne auf Zentimeter und Sekunden berechnen, aber nicht, wohin eine verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann. “ 1

Auch nach hunderten von Jahren können Wissenschaftler die zukünftigen Kurse an Finanzmärkten noch nicht berechnen. Neben Angebot und Nachfrage wirken psy- chologische Einflüsse auf den Markt ausschlaggebend ein. Den perfekt funktionie- renden Kapitalmarkt scheint es nicht mehr zu geben. Psychologische Einflüsse und Gefühle der Anleger können zu starken Preisschwankungen führen. Herdenverhal- ten kann als Folge psychologischer Einflüsse ausgelöst werden. Schon Sir Isaac Newton verdeutlichte die Unberechenbarkeit von Herdenverhalten und auch heute kann dieses Phänomen noch immense Auswirkungen haben. Die Dotcom Krise oder die weltweite Finanzkrise ab 2007 lassen sich auf Herdenverhalten an den Finanzmärkten zurückführen und haben weltweit zu zahlreichen Insolvenzen und Arbeitsplatzverlusten geführt. Herdenverhalten sollte somit mit Vorsicht betrachtet und möglichst frühzeitig erkannt werden, um derartige Krisen zu vermeiden.2

1.2 Zielsetzung

Das Ziel dieser Seminararbeit ist es, Herdenverhalten auf Finanzmärkten anhand von theoretischen und empirischen Befunden darzustellen. Vermehrte Aufklärung sowie das Aufzeigen der Ursachen und Folgen soll das Entstehen von Preisblasen durch Herdenverhalten zukünftig verhindern. Um das Phänomen des Herdenver- haltens wissenschaftlich einordnen zu können, wird zunächst die Forschungsrich- tung der Behavioral Finance und dessen Ursprünge erklärt. Im Anschluss wird der Begriff Herdenverhalten definiert und die Merkmale herausgestellt. Außerdem wird rationales von irrationalem Herdenverhalten abgegrenzt. Um die Ursachen und Auslöser von Herdenverhalten zu verstehen wird darauffolgend das Informations- kaskaden- sowie das Reputationsmodell vorgestellt. Zuletzt werden die möglichen Auswirkungen von Herdenverhalten aufgezeigt. Neben dem Entstehen von Preis- blasen werden die Folgen des Herdenverhaltens anhand des empirischen Beispiels der Finanzkrise ab 2007 dargestellt.

2 Wissenschaftliche Zuordnung - Behavioral Finance

2.1 Ursprung

Ursprünglich galt die neoklassische Kapitalmarkttheorie als bedeutsamster Ansatz zur Analyse von Aktienpreisen an Finanzmärkten.3 Kern dieser Theorie stellt die Annahme eines vollkommenen und vollständigen Marktes dar. Alle Marktteilnehmer verfügen über den gleichen Informationsstand und nutzen die gleichen Entschei- dungsmodelle. Die Theorie geht von einer Homogenität der Marktteilnehmer und dessen rationalem Verhalten aus. Der typische Marktteilnehmer in der neoklassi- schen Kapitalmarkttheorie wird durch das Menschenbild des Home Oeconomicus verkörpert, welcher zugleich die Grundlage der Kapitalmarkttheorie darstellt.4 Der Homo Oeconomicus verkörpert ein ökonomisch rational handelndes und denken- des Individuum, welches eine ständige Nutzenmaximierung anstrebt.5 Trotz ihrer Einfachheit wird die neoklassische Kapitalmarkttheorie in Bezug auf ihre Anwen- dung auf die Finanzmärkte kritisiert. Das Verhalten an den Finanzmärkten kann nur begrenzt durch die Modelle der neoklassischen Kapitalmarkttheorie erklärt werden. Nicht nur die jüngste Finanzmarktkrise hat gezeigt, dass eine Homogenität der Marktteilnehmer nicht gegeben ist und auch der Kapitalmarkt aufgrund einer asymmetrischen Informationsverteilung nicht als vollkommen angesehen werden kann.

Resultierend aus diesen Tatsachen hat sich eine neue Forschungsrichtung, die Behavioral Finance, herausgebildet. Zuerst wurde dieses Gebiet von amerikani- schen Soziologen und Gesellschaftswissenschaftlern in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgegriffen.6 Auch die neue Erwartungstheorie von Kahneman und Tversky, welche erstmals die neoklassische Kapitalmarkttheorie um eine psy- chologische Komponente ergänzte, kann als eine der Ursprünge der Behavioral Finance angesehen werden. Diese und noch weitere Theorien haben dazu beige- tragen, dass die Behavioral Finance in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat.7

2.2 Definition

Die Behavioral Finance ist ein relativ neues Forschungsfeld welches die Schnitt- stelle zwischen Ökonomie und Psychologie abbildet. Klassische Modelle wie die neoklassische Kapitalmarkttheorie sollen um psychologische Erkenntnisse ergänzt werden, um das irrationale Verhalten von Menschen in wirtschaftlichen Situationen aufzuzeigen.8 Das Menschenbild des rational handelnden Homo Oeconomicus wird somit innerhalb der Behavioral Finance aufgegeben. Zudem erklärt die Behavioral Finance die Ursache für die Ineffizienz einiger Märkte und beschäftigt sich mit der Ergründung der Ursachen für Marktanomalien. Die Grundannahme der Behavioral Finance geht davon aus, dass die Informationsverarbeitung im Gehirn sowie der menschliche Charakter und dessen Emotionen wirtschaftliche Entscheidungen be- einflussen. Verhaltenszustände wie Angst, Euphorie, Neid, Uneigennützigkeit und Fairness können auf die Beweggründe einer Entscheidung einwirken. Aus diesem Grund können irrationale Entscheidungen getroffen werden, welche zu Abweichun- gen vom fairen Marktwerkt führen und damit die Effizienz der Finanzmärkte beein- flussen können.9

3 Theoretische Grundlage - Herdenverhalten

3.1 Definition und Merkmale

Der Begriff Herdenverhalten stammt ursprünglich aus der Tierwelt. Tiere schließen sich instinktiv zu einer Herde zusammen, um sich beispielsweise vor Feinden zu schützen oder gemeinsam auf Nahrungssuche zu gehen. Auf diese Weise kann jedes Tier durch den Zusammenschluss Sicherheit gelangen sowie mehr Stärke gewinnen und die Überlebenschancen erhöhen. In der Menschenwelt lassen sich solche Massenbewegungen häufig im gesellschaftlichen Geschehen wie bei Mo- deerscheinungen oder Demonstrationen wiederfinden. Das Herdenverhalten kann schon als Erklärung historischer Finanzkrisen und einiger sozialer Phänomene ge- nutzt werden.10 Menschen neigen insbesondere in unsicheren Entscheidungssitua- tionen, sobald nicht auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen werden kann, dazu, sich an dem Verhalten anderer zu orientieren und sich somit mit der Masse zu be- wegen. Aufgrund mangelnden Wissens können viele Anleger an Finanzmärkten nicht sinnvolle und vernünftige Entscheidungen hinsichtlich Investitions- und Anla- geentscheidungen treffen. Daher entscheiden sie sich nicht rational sondern neh- men das Verhalten des Umfelds an.11 Herdenverhalten kann aus verschiedenen Sichtweisen definiert werden. Zum Verständnis dieser Arbeit soll das Herdenver- halten als ein aufeinander abgestimmtes Verhalten verschiedener Individuen, wel- che sich individuell isoliert anders als unter Berücksichtigung des Verhaltens ande- rer Akteure verhalten würden, definiert sein. Menschen orientieren sich an der Masse wenn sie davon ausgehen, dass die Masse über bessere Informationen verfügt als sie selbst.12

Das Zitat „Wirtschaft ist zur Hälfte Psychologie“13 von Ludwig Erhard untermauert die verschiedenen Erklärungen für das Auftreten von Herdenverhalten. Dieses kann durch psychologisch motivierte Irrationalitäten aber auch aufgrund eines indi- viduellen rationalen Verhaltens erklärt werden.14 Liegen keine Informationen oder Begründungen vor, welche ein Herdenverhalten erklären können, spricht man von irrationalem Herdenverhalten.15 Dieses Verhalten hat psychologische Hintergründe der Individuen. Offensichtliche Daten und Fakten werden ignoriert und die eigenen Emotionen als Entscheidungsgrundlage herangezogen. Rationales Herdenverhal- ten beruht auf neuen fundamentalen Informationen, welche ähnliche Interpretatio- nen der Marktteilnehmer herbeiführen und somit gleichgerichtetes Verhalten er- zwingt. Demnach besteht ein Grund weshalb der Richtung der Masse gefolgt wird. Beispielsweise können veröffentlichte Informationen, welche eine Verschlechterung der Zahlungsfähigkeit Russlands offenbaren, zu einer sinkenden Investitionsbereit- schaft und somit schrumpfenden Kursen russischer Staatsanleihen führen.16 Je- doch sollte stets geprüft werden, ob es sich bei den zu Grunde liegenden Informa- tionen tatsächlich um Neue handelt. Für Anleger auf Finanzmärkten gilt es demzu- folge zu unterscheiden, ob ein gleichgerichtetes Verhalten aufgrund von neuen Informationen als rational einzustufen oder irrationaler Herkunft ist. Es sollte vor jeder Investitionsentscheidung geprüft werden, ob die neue Information bereits vom Markt aufgenommen und in den Kursen enthalten ist. Die Konsequenzen rationalen Herdenverhaltens spiegeln sich häufig in stark schwankenden Kursen und volatilen Kapitalströmen wieder. Durch das Abweichen der Preise vom Fundamentalwert von Wertpapieren wird die Markteffizienz gemindert.17 Laut Lux führt ein starkes Herdenverhalten zur Destabilisierung des Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage auf den Aktienmärkten. Zustände wie Optimismus und Panik bei den Anlegern treten somit häufiger auf und lassen die Aktienpreise vom Gleichge- wichtspreis abweichen. Dies kann starke Schwankungen und Verunsicherung der Investoren am Aktienmarkt auslösen.18 Im Folgenden werden zwei Modellkatego- rien zur Beschreibung der Ursachen von Herdenverhalten erläutert.

3.2 Ursachen und Auslöser

3.2.1 Informationskaskadenmodell

Das Informationskaskadenmodell stellt eine mögliche Erklärung des Herdenverhal- tens dar. Geprägt wurde der Begriff von Sushil Bikhchandani, David Hirshleifer und Ivo Welch, welche dieses Modell in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts entwi- ckelt haben.19 Dem Informationskaskadenmodell liegt die Annahme zu Grunde, dass rationales Herdenverhalten von Individuen aufgrund von Informationskaska- den entsteht. Eine Informationskaskade stellt die Situation dar, in welcher es für einen Anleger rational erscheint, den Entscheidungen eines anderen zu folgen. Die eigenen Informationen werden vernachlässigt und die Erwartungen nach den Er- wartungen anderer gebildet.20 Entscheidungen sind zumeist mit Unsicherheit ver- bunden. Um die Unsicherheit so weit wie möglich zu reduzieren, ermittelt ein ratio- nal handelnder Anleger an Finanzmärkten vor der Entscheidung die Eintrittswahr- scheinlichkeiten von Ereignissen aus verschiedenen Szenarien. Diese Einschät- zungen basieren auf Informationen. In dem Modell der Informationskaskaden wird zwischen persönlichen und öffentlichen Informationen unterschieden. Öffentliche Informationen können aus Beobachtungen und Entscheidungen eines Anderen heraus entstehen oder auch in der Öffentlichkeit durch Medien einsehbar sein. Durch Gewinnung einer öffentlichen Information können zukünftige Eintrittswahr- scheinlichkeiten noch genauer erkannt werden. Neben der privaten Information erhält der Anleger somit eine weitere, welche die ausschlaggebenden Faktoren und somit die finale Entscheidung grundlegend verändern können. Das Vorhandensein einer Informationskaskade ist dann gegeben, wenn sich das Individuum oder der Anleger an Finanzmärkten gegen die persönliche Information entscheidet und nach der öffentlichen Information handelt. Mit der Einbeziehung der öffentlichen Informa- tion in die Entscheidung wird der Anleger Bestandteil einer Herde.21 Diese Herde kann in einer Informationskaskade auf Finanzmärkten eine kollektiven Fehlinvesti- tion tätigen. Die Wahrscheinlichkeit der Fehlinvestition steigt, je mehr unzureichen- de Informationen der imitierte Entscheidungsträger für seine Entscheidung heran- gezogen hat.22 Eines der Probleme der Informationskaskade stellt insbesondere dessen Ineffizienz dar. Durch die Vernachlässigung der persönlichen Informationen werden die öffentlichen Informationen einer Informationskaskade nicht weiter um private ergänzt. Dies hat zur Folge dass der Erfolg von der Genauigkeit der ersten privaten Information der Informationskaskade abhängt und die Ineffizienz mit stei- gender Anzahl von Entscheidungsträgern an der Informationskaskade sinkt.23

[...]


1 Sir Isaac Newton, zitiert in: Schulz-Hardt et al. (2007), S.210.

2 vgl. Zhu, B. (2009), S.1-3.

3 vgl. Bies, J. (2011), S.10.

4 vgl. Kirchgässner, G. (2008), S.66.

5 vgl. Nehring, M. (2011), S.1.

6 vgl. Kitzinger, D. (2013), S.17.

7 vgl. Decker, M. (2009), S.7.

8 vgl. Nguyen et al. (2011), S.3.

9 vgl. Baker, H. K. et al. (2010), S.3-4.

10 vgl. Zhu, B. (2009), S.1, 11.

11 vgl. Bach, T. (2008), S.123.

12 vgl. Zhu, B. (2009), S.11.

13 Ludwig Erhard, zitiert in: Neus, W. (2011), S.1.

14 vgl. Neus, W. (2011), S.1.

15 vgl. Freiberg, N. (2004), S.4.

16 vgl. http://www.behavioral-finance.de/59-0-Band-12-Rationales-und-irrationales-Herdenverhalten- Sind-Schafe-klueger-.html, Stand: 25.05.2015.

17 vgl. Freiberg, N. (2004), S.4.

18 vgl. Lux, T.(1995), S.885-889.

19 vgl. Bikhchandani, S. et al. (1992), S. 151-170.

20 vgl. Thiemer, A. (2008), S. 1-2.

21 vgl. Devenow, A. et al. (1996), S. 605.

22 vgl. Heinemann, M. (2001), S. 106, 130.

23 vgl. Varian, H. (1999), S.15.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen von Herdenverhalten auf Finanzmärkte. Wissenschaftliche Zuordnung und theoretische Grundlagen
Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V322864
ISBN (eBook)
9783668263192
ISBN (Buch)
9783668263208
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auswirkungen, herdenverhalten, finanzmärkte, wissenschaftliche, zuordnung, grundlagen
Arbeit zitieren
Momo Fabio (Autor), 2015, Die Auswirkungen von Herdenverhalten auf Finanzmärkte. Wissenschaftliche Zuordnung und theoretische Grundlagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322864

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