Exilerfahrungen Else Lasker-Schülers "Die Verscheuchte"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

25 Seiten, Note: 1,7

Katrin Miel (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Exil – Politische Vertreibung und poetische Verbannung
2.1 Exillyrik – Begriff und Forschung
2.2 Exilerfahrungen deutscher Autoren
2.3 Die Betrachtung weiblicher Exilbedingungen

3. Heimatverlust in Else Lasker- Schülers Die Verscheuchte
3.1 Ein Rückblick auf Else Lasker-Schülers Leben
3.2 Fremdheitserfahrungen in einem früheren Gedicht
3.3 „Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?“

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit Jahrzehnten untersuchen Forscher das Phänomen des Schreibens im Exil und setzen sich mit der deutschsprachigen Lyrik auseinander, die aufgrund des Hitler-Regimes und der Exilerfahrung der Schriftsteller eine große Herausforderung darstellt. Besonders das Schreiben zwischen den Jahren 1933 und 1945 beinhaltet politische sowie autobiographische Aspekte, die die Exiltexte beeinflussen und Selbstzeugnisse der Exilautoren aufweisen. Es sind Exilerfahrungen der Exilanten, die einen großen Beitrag zur Untersuchung der Exilliteratur leisten. Dabei sind das Dasein und die Erlebnisse dieser Autoren gespalten zwischen der politischen Realität und der dichterischen Phantasie, welche die vertriebenen Schriftsteller und ihre Werke prägen. Diese politische und persönliche Realität wird in den Gedichten der Exilanten repräsentiert, indem Bilder der Trauer, der Verluste der Familie und der Heimatsverlust ästhetisch inszeniert werden, die jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg für die Öffentlichkeit bekannt gegeben wurden. Zu diesen Autoren gehörte auch die bekannte deutsch-jüdische Dichterin, Else Lasker-Schüler, die 1933 vor dem deutschen Nationalsozialismus in die Exilländer Schweiz und Palästina fliehen musste. Angesichts der extremen Exilerfahrungen, erlebten die Autoren nicht nur die politische Vertreibung und damit verbunden die Entfernung von der kulturellen deutschen Gemeinschaft, sondern litten zudem an unerträglichen Identitätsproblemen, die in ihren Werken deutlich in Erscheinung treten. So ist ein großer Teil der Werke in Form der Exildichtung verfasst, da sich für die Exilautoren die Gedichtform am Besten eignete, um die existenziellen Belastungen und die emotionalen Probleme zum Ausdruck zu bringen.

Im Folgenden soll das Thema der Exilerfahrung im Zusammenhang mit der Biographie der Exilautoren und die Auswirkungen auf die Dichtung im Fokus dieser Arbeit stehen. Zunächst beschäftigt sich diese Arbeit mit den politischen Ereignissen, womit die Dichterinnen und Dichter konfrontiert wurden, um dann einen Blick auf die Exilerfahrungen der Exilanten zu werfen. Im Bezug auf die Exilforschung spielen besonders die Exilerfahrungen der Autoren und die literarischen Strategien, die im Schreibprozess verwendet wurden, eine bedeutende Rolle. Demnach soll untersucht werden, inwieweit das Exil die Gattung und die Sprache der Dichter geprägt hat. Nach der Beschreibung der Exilbedingungen und der Exilauswirkungen auf die Exilanten, wird auch die geschlechtsspezifische Komponente des Exils näher erläutert, um einen Einblick in die Exilsituation der Dichterinnen zu erlangen.

Der Hauptteil dieser Arbeit handelt dann von den eindrucksvollen Werken Else Lasker-Schülers, die auf eine sprachspielerische Weise die Motive der Einsamkeit und der Entfremdung inszenieren. Mithilfe eines früheren Gedichts sollen die Fremdheits-erfahrungen, die Lasker-Schüler bereits vor dem Exil erlebt hat, charakterisiert werden, um somit die Wurzellosigkeit, die sie in Deutschland erfährt, aufzuzeigen. Schließlich soll das Exilspezifische in ihrem Gedicht Die Verscheuchte analysiert werden, um die Orientierungslosigkeit und die Entwurzelung, die das Gedicht prägen, auszudrücken.

2. Das Exil – Politische Vertreibung und poetische Verbannung

Die Verbannung aus der eigenen Heimat bedeutete für viele Dichter und Denker nicht nur eine politische, sondern auch eine literarische Veränderung. In Folge der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933-1945, waren viele deutsche Autoren gezwungen zu flüchten und ihre Heimat zurückzulassen. Das Dritte Reich und die damit verbundene Diktatur verursachte nicht nur die Vertreibung von Schriftstellern, vielmehr entstand durch den Zweiten Weltkrieg ein kultureller Wandel in Deutschland, der sowohl Auswirkungen auf die Autoren als auch auf ihre Werke zeigte. Am 30. Januar 1933 gelangte Adolf Hitler an die Macht und löste aufgrund seiner Politik eine verschärfte politische Situation aus, die den Status von Autoren und ihr literarisches Schaffen einschränkte. Es folgte eine Zurückhaltung der deutschen Schriftsteller aufgrund der Bücherverbrennung am 31. Mai 1933, der Zensur und dem Presseverbot. Mit der Herrschaft der Nationalsozialisten und der Zensurbestimmung vollzieht sich eine radikale kulturelle Umwandlung für die literarischen Errungenschaften deutscher Schriftsteller. Dies hat zur Folge, dass eine massive Anzahl von Autoren ins Exil flüchtete. Die Auswirkungen der politischen Ereignisse auf die Sprache und das Schreiben der Exilanten sollen im Folgenden näher beleuchtet werden.

2.1 Exillyrik – Begriff und Forschung

Besonders die Auseinandersetzung mit der Exillyrik und ihrer Erforschung stellt literaturhistorisch eine Herausforderung dar. Zwar wurde der Begriff der deutschen Exilliteratur auf die Anfangsjahre 1933 bis 1945 begrenzt, jedoch zeigen diese Jahre auch nur eine zeitliche Begrenzung auf, die sich auf die politischen Ereignisse in Deutschland beziehen. Für die literaturhistorische Erforschung der Exillyrik bedarf es daher umfassende Beobachtungen der deutschen Exilautoren und ihrer Werke. Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Zusammenhang zwischen der Exillyrik und dem Nationalsozialismus eine grundlegende Voraussetzung darstellt. Nachhaltig wurde diese Epoche geprägt von Autoren, die als Gegner der Nationalsozialisten wahrgenommen wurden oder die aufgrund religiöser Überzeugungen politisch aus Deutschland vertrieben wurden. Es ist eine Zeit, in der die deutsche Literatur Umstrukturierungen durchläuft und in der besonders die Lyrik beeinflusst wird. Denn als entscheidende Prägung ist die Erfahrung des Exils zu erwähnen, in der die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Exilerfahrung, die zeitgenössischen lyrischen Werke charakterisieren. Diese veränderte ästhetische und politische Lyrik wirft Fragen auf: wie entwickelt sich die Lyrik mit dem Aufstieg Hitlers? Was macht die Lyrik aus, die nun nicht mehr im Heimatland verfasst wird? Diese Fragen werden im Folgenden behandelt, um auch die Thematik, die Sprache und die Struktur der Exillyrik zu untersuchen stets in Bezug auf die historische Darstellung deutscher politischer Ereignisse.

Mit der Dauer des Exils verändert sich die Exillyrik nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich. Denn die lyrische Sprache beinhaltet nun ausdruckvolle Bilder, die von Trauer, Leid und Gefangenschaft geprägt sind. So wird die gegenwärtige Exilzeit als ein Ort der Verfluchung und der Strafe wahrgenommen[1]. Des Weiteren stellt die Sprache des Exils für viele Schriftsteller eine Herausforderung dar. Die Herausforderung des Erlernens der neuen Sprache, bereitet besonders den männlichen Exildichtern große Schwierigkeiten. Mit dem Erlernen der Sprache kommt auch die Auseinandersetzung mit den neuen Werten des Landes hinzu, die für viele Exilautoren eine große Veränderung bedeutet. Die Ablehnung der neuen Sprache und des Exils überhaupt, verursacht ein Bedürfnis der Nähe zum Vaterland. Da dies geographisch aufgrund der Verbannung verhindert wird, beabsichtigen Exildichter eine Verbindung zur Heimat in dichterischer Form. Mithilfe der literarischen Gattung, besser gesagt unter Anwendung von Metaphern, des Metrums und der Reime wird die Verbindung zur vertrauten Heimat erstrebt. Um den Zustand des Heimatsgefühls beziehungsweise des Rückhalts zu bewahren, gebrauchen viele Autoren die Sonettform. In diesem Zusammenhang kommt die Frage auf, weshalb überwiegend die Form des Sonetts gewählt wird?

Die ästhetische Form des Sonetts, das heißt die Struktur der Strophen und die Ordnung dieser, bietet den Exildichtern eine Festigung und einen emotionalen Trost im Gegensatz zu der gegenwärtigen Zerstörung und dem Untergang der essentiellen sowie literarischen Errungenschaften. Neben der Festigung und dem Rückhalt in den Gedichten, übernehmen die Exilgedichte „die Aufgabe des Gedenkens und Erinnerns[2]. Denn den Dichterinnen und Dichter bleiben im Exil nur die Erinnerungen an Vergangenes, um die gegenwärtige Exilsituation zu durchstehen. Diese Bedingungen und Erfahrungen, die die Schriftsteller im Exil erleben, sollen im Folgenden untersucht werden.

2.2 Exilerfahrungen deutscher Autoren

Nach der faschistischen Machtübernahme waren viele Autoren gezwungen zu fliehen und lebten infolgedessen im Exil. Auch im Exil schrieben sie Gedichte, zwar veränderte sich zu Beginn ihrer Exilsituation der Schreibstil vieler Autoren kaum, jedoch ist eine inhaltliche Umwandlung in ihren Gedichten sichtbar. Diese inhaltliche Veränderung nimmt ganz gewiss Bezug auf die politische Situation im Dritten Reich, in der die Exilautoren die Verachtung gegenüber den Nationalsozialisten thematisieren. Das terroristische Schaffen der Nationalsozialisten in Deutschland wird in den Gedichten der Exilautoren aufgedeckt und kritisiert. Sogenannte „Schmähgedichte korrespondieren von Hochachtung, Mitleiden und Trauer [...], die dem illegalen Widerstand, der Verfolgung und den Opfern gewidmet sind“[3]. Mit ihren Gedichten versuchen die Exilautoren ihre Leser zu stärken und sowohl ihr Mitgefühl als auch ihr eigenes Leid auszudrücken. Dieses Leid, das besonders auf dichterische Weise ausgedrückt wird, weist für die Autoren Probleme in der Verbreitungsmöglichkeit auf. So wurden viele Werke erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland bekannt und gelangen erst dann an die Öffentlichkeit. Unter Umständen waren sich daher die Schriftsteller nicht sicher, ob ihre Werke überhaupt gelesen wurden, dennoch bat das Schreiben für sie die einzige Möglichkeit die Exilsituation zu verarbeiten. So entsteht im Laufe der Exilzeit die wachsende Distanz und Entfremdung zu Deutschland, wohingegen die Beschäftigung mit dem neuen fremden Land Wirklichkeit wird. Das Thema des Exils sticht in den meisten Gedichten hervor und verdeutlicht, dass sich auch die Exilautoren allmählich mit der Realität beschäftigen und ihre Erfahrungen lyrisch repräsentieren. Der Verlust der Familie und Freunde, das Gefühl der Entfremdung, das zurückgelassene Vaterland und damit auch die verlorene Sprache, löst nicht nur die Angst vor der eigenen Existenz aus, sondern beunruhigt viele Autoren bezüglich des vermutlich bevorstehenden Identitätsverlusts, welcher ein Zusammenbruch für die eigenen künstlerischen Errungenschaften bedeuten könnte. So finden sich besonders in den späten dreißiger Jahren eine Vielzahl autobiographischer Gedichte wieder. Diesbezüglich schreibt Wolfgang Emmerich einleitend in seiner Anthologie Lyrik des Exils:

eine große Palette von Bildern, Allegorien und Symbolen [werden aufgeboten] , um den Status der Exilierten, die Phänomenologie des Exils zu beschreiben und zu deuten, aber am Ende laufen sie alle auf den gleichen Befund hinaus: Ein Zustand des unwirklichen, virtuellen, entfremdeten Nicht-Lebens, der Hoffnungs-, ja Existenzlosigkeit wird dargestellt [...].[4]

Einprägsame Metaphern der Trauer, der Entfremdung und der Einsamkeit lassen sich in der Exillyrik wiederfinden, welche nicht allzu selten Bezug auf die Biographien der Schriftsteller nehmen. Diese Gedichte repräsentieren die Exilerfahrungen einzelner Autoren, die nicht nur ihr eigenes Leid behandeln, sondern das Leid der Fremdheit aller vertriebenen Menschen reflektieren. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit die Exillyriker ihren scheinbar eigenen Identitätsverlust bewältigen und in der Fremde trotz einer neuen Sprache zu ihrer selbst finden? Wie bereits deutlich wurde, scheint die Exillyrik mehrere Etappen zu durchlaufen. Denn es wurde veranschaulicht, dass besonders in den Anfangsjahren des Exils viele Autoren zunächst den Faschismus in Deutschland und ihre Schändung durch die Nationalsozialisten in den Gedichten thematisieren. Auf eine poetische Weise reflektieren die Gedichte die politische Situation und die Umstrukturierung Deutschlands. Dann erst im Laufe der Exiljahre setzen sich die Exillyriker mit ihrer gegenwärtigen Exilsituationen auseinander und erkennen, dass die Heimat in der Ferne liegt und eine Rückkehr unmöglich scheint. Diese Stadien der Exillyrik schließen mit der Selbstfindung des Autors ab, in der sich die Exillyriker mit ihrer eignen Identität beschäftigen, die sie im Exil neufinden beziehungsweise wandeln müssen. Da die Rückkehr in die Heimat hoffnungslos scheint, ist das Exil die neue Heimat

und bedeutet für die Exilautoren den Aufbau einer neuen Existenz.[5] Mit dem Aufbau der neuen Identität entsteht bei vielen Schriftstellern auch eine Existenzangst. Die Angst davor in der Heimat in Vergessenheit zu geraten, prägt die Exillyriker, welche mit großer Anstrengung versuchen eine Existenz im Exil zu gründen. Da man an die Rückkehr glaubte, lernten nur wenige Autoren die Sprache im Exil, wodurch die Exilerfahrung eine noch größere Herausforderung darstellte. Unter diesen Vertriebenen befanden sich auch weibliche Schriftsteller, die einen großen Beitrag zum künstlerischen Schaffen der Exillyrik leisteten. Ihre Erfahrungen und das Phänomen des Schreibens als Exilautorin sollen im Folgenden näher beleuchtet werden.

2.3 Die Betrachtung weiblicher Exilbedingungen

Es scheint, dass sowohl bei den männlichen als auch bei den weiblichen Autoren ausdrucksvolle Bilder vom Leid der Verbannung erzeugt wurden, welche vermutlich nur einen kleinen Einblick in die Exilsituation verschaffen. Betrachtet man jedoch die Exilerfahrungen männlicher und weiblicher Autoren, können dann geschlechtsspezifische Unterschiede herausgestellt werden? Welche geschlechtlichen Rollen nehmen Frauen im Exil im Gegensatz zu Männern ein? Sollte es Unterschiede geben, inwieweit stellen die Exilerfahrungen für weibliche Schriftsteller eine größere Herausforderung dar als für Männliche?

In Anbetracht der Tatsache, dass männliche Exilautoren weitaus mehr im Fokus stehen, wurde der dichtenden Frau im Exil weniger Beachtung geschenkt. Jedoch gibt es einige unter ihnen wie beispielsweise Nelly Sachs, Anna Seghers und Else Lasker-Schüler, die zu den bedeutsamen weiblichen Exilschriftlern gehören. Im Vergleich zu ihren männlichen Schriftstellerkollegen erleben die Exilautorinnen zwar auch das Schicksal der Vertreibung, jedoch gibt es Unterschiede im Bezug auf die Schaffensprobleme. In ihrem Buch Frauen im Exil. Dichtung und Wirklichkeit, erläutert Gabriele Kreis (1984) die Exilsituation der Dichterinnen und schildert auf eine bemerkenswerte Weise, wie es den Autorinnen gelingt, selbst im Exil ihren Männern das Gefühl von Heimat zu geben. Sie führt Interviews mit diesen Exilantinnen, wobei die Exilerfahrungen im Vordergrund stehen. Es sind Erinnerungen und eigene Schilderungen der Exilerfahrung, die die Exilantinnen Kreis gegenüber darlegen. In den achtziger Jahren trifft sich Kreis mit Irmgard Keun in Köln und im Gespräch erläutert Keun zur Exilerfahrung Folgendes:

Die Emigranten hatten kein Land [...]. Nun war das Emigrantendasein höchst lebendige Wirklichkeit [...]. Man war in fremden Ländern geduldet, mitunter gern, mitunter ungern. Das hing in der Hauptsache davon ab, ob man Geld hatte und wie viel [...]. Als Emigrant hatte man dankbar zu sein und nicht zu kritisieren, auch soziale Zustände nicht, die schon gar nicht.[6]

Irmgard Keun scheint sich für ihre Existenz im fremden Land zu assimilieren und die Zustände im Exil zu akzeptieren. Der Widerstand gegen eine Assimilation scheint daher zwecklos, weshalb viele weibliche Exilautoren den Exilzustand verinnerlichen und allen auftretenden Schwierigkeiten selbstbewusst gegenübertreten. Zwar bereitet das Exil den Frauen auch große Schwierigkeiten, jedoch erweisen sie sich im Spracherlernen geschickter als ihre männlichen Dichterkollegen. Sie lernen die Sprache und ermöglichen ihren Männern einen Ort der Hoffnung und Zuflucht, wodurch sie im Exil zu dem stärkeren Geschlecht gehören. Auch Hilde Spiel zur Folge eignen sich Frauen als Exilanten besser als Männer:

Erstens haben sie die Sprache besser gelernt, haben sich mehr angepasst, haben ohne zu klagen irgendwelche Berufe angenommen. Ja, das kann ich sagen, ohne da jetzt auf die feministische Pauke zu hauen.[7]

Hilde Spiel beschreibt die Position der Frauen im Exil und weist zudem daraufhin, dass weibliche Exilanten gleichgültig, welchen Beruf sie ausüben mussten, für die Aufrechterhaltung ihrer Familien sorgten. Die weiblichen Exilbedingungen und die Beschäftigung mit der verlorenen Existenz rufen bei den Exilantinnen Schmerz, Elend, Unterdrückung und Missachtung hervor. Diese problematischen Erfahrungen erleben sie an einem Ort der Wurzellosigkeit, welche neue Schreibstrategien und die Schreibtätigkeit an sich aktiviert, weil es als „Ausgangspunkt einer neuen Existenz und andererseits als Movens für die literarische Produktion“[8] wahrgenommen wird. Auch Jenny Aloni, eine jüdische Autorin, die 1935 nach Palästina auswanderte, schreibt kurz nach ihrer Ankunft in Palästina: „Ich muss mir diese Zeit von der Seele schreiben, sonst wird sie mich nie zufrieden lassen“[9]. Wie auch andere Schriftstellerinnen, stellt Aloni den Faktor, dass ihr die Heimat zur Fremde gemacht wurde dar. Denn in einem fremden Land geschieht die bewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, wobei die Konfrontation mit den vergangenen Erfahrungen in der Heimat unvermeidlich ist. Die Auswanderung und das Alltagsleben im Exil geben Anlass zum Schreiben, da die Einsamkeit in einem kargen neuen Land die Autoren prägt. Auf diese Weise werden das verlorene Eigentum, die Heimatlosigkeit und die schicksalhafte Entfremdung im Exil versprachlicht, um das Erlebte zu verarbeiten.

[...]


[1] Wolfgang Emmerich und Susanne Heil: Lyrik des Exils. Stuttgart 1997. S. 50.

[2] Emmerich, S. 54.

[3] Emmerich und Heil: Lyrik des Exils. S. 34.

[4] Emmerich: Lyrik des Exils. S. 37.

[5] In diesem Zusammenhang wäre es interessant, die Liebe der Exilautoren zum Vaterland Deutschland zu behandeln. Denn mit der Exilerfahrung scheint sich die Liebe zum Vaterland für die Schriftsteller zu vergrößern. Viele Autoren drücken diese Liebe aus, darunter auch Heinrich Heine, der sich zum Patriotismus mit folgenden Worten äußert: „Man kann sein Vaterland lieben, und achtzig Jahre dabei alt werden, und es nie gewusst haben; aber man muss dann auch zu Hause geblieben sein. [...]. So beginnt die deutsche Vaterlandsliebe erst an der deutschen Grenze.“ Die emotionale Bindung zum Vaterland wird bei den meisten Autoren erst durch das Exil ausgelöst, da aufgrund der Auseinandersetzung mit dem Exil eine Zuwendung zur Heimat hervorrufen wird. (Emmerich 1997, S. 45).

[6] Gabriele Kreis: Frauen im Exil. Dichtung und Wirklichkeit. Düsseldorf 1984. S. 203-204.

[7] Jörg Thune>

[8] Sabine Becker: „Zwischen Akkulturation und Enkulturation: Anmerkungen zu einem vernachlässigten Autorinnentypus (zu Ilse Losa, Jenny Aloni)“. In: Krohn, Claus Dieter (Hg.) / Rotermund, Erwin: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch. Bd. 13: Kulturtransfer im Exil. München 1995. S. 115.

[9] Hartmut Steinecke: „Kein Heim in dieser Welt. Zum Werk Jenny Alonis (1917-1993)“. In: Oellers, Norbert (Hg.): Manche Worte strahlen. Deutsch-jüdische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Erkelenz 1999. S. 111-124.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Exilerfahrungen Else Lasker-Schülers "Die Verscheuchte"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Else Lasker-Schüler
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V322920
ISBN (eBook)
9783668219991
ISBN (Buch)
9783668220003
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Else Lasker-Schüler, Exil, Erfahrungen, Gedicht, Die Verscheuchte, Vertreibung, Verbannung, Fremdheitserfahrung, Wo weilt der Odem, Lyrik, Heimat, Dichter, Nationalsozialismus, Politik, Diktatur, Presseverbot, Exillyrik, Exilsituation, Autorin, Irmgard Keun, Unterdrückung, Verachtung, Frauen im Exil, Styx, Weltflucht
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Katrin Miel (Autor), 2016, Exilerfahrungen Else Lasker-Schülers "Die Verscheuchte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322920

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