Creating Shared Value in der Bekleidungsindustrie. Darstellung und Umsetzung an einem ausgewähltem Fallbeispiel


Bachelorarbeit, 2016

52 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abgrenzung und Definition zentraler Begriffe
2.1 Corporate Social Responsibility
2.2 Creating Shared Value
2.2.1 Entstehung des Konzepts
2.2.2 Abgrenzung zu CSR
2.3 Bekleidungsindustrie

3. Creating Shared Value
3.1 Ausprägungsformen von CSV
3.1.1 Produkte und Märkte neu begreifen
3.1.2 Neubewertung der Wertschöpfungsproduktivität
3.1.3 Lokale Cluster aufbauen
3.2 Leistungsindikatoren und Messbarkeit
3.3 Kritiken

4. Fallbeispiel H&M
4.1 Das Unternehmen
4.2 H&M’s Nachhaltigkeitsinitativen
4.3 Übertragung von CSV auf die Nachhaltigkeitsinitiativen
4.3.1 Kriterien
4.3.2 Produkte und Märkte
4.3.3 Neubewertung der Wertschöpfungsproduktivität
4.3.4 Lokale Cluster
4.4 Empfehlung und Handlungsbedarf für eine CSV Implikation

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Erklärung über die selbständige Anfertigung der Bachelor-Arbeit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Abgrenzung von CSR zu CSV (Eigene Darstellung in Anlehnung an Porter/Kramer)

Tabelle 2: Die größten Bekleidungslieferanten an die EU in 2014 (Eigene Darstellung in Anlehnung an Euratex)

Tabelle 3: Resultate von CSV auf Unternehmen und Gesellschaft (Eigene Darstellung in Anlehnung an Pfitzer et al.)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Ansatzpunkte für ein neues Verständnis von Produktivität (Eigene Darstellung in Anlehnung an Porter und Kramer)

Abbildung 2 Sieben Selbstverpflichtungen von H&M Conscious (Eigene Darstellung adaptiert von H&M About our commitments)

Abbildung 3 Büros, Geschäfte und Lagerhallen mit Wasser- einsparungstechniken in Prozent

1. Einleitung

Extreme Armut und Klimawandel belasten die Welt. Maßnahmen, welche die- se bekämpfen sollen, sind daher dringend erforderlich. Neben den Regierun- gen, öffentlichen Einrichtungen und None Governmental Organization (NGO), spielen Unternehmen eine wichtige Rolle dabei, die globalen Aufgaben und sozialen Probleme zu bewältigen. Die Forderungen der Verbraucher nach nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen sind allgegenwärtig. Um ihren Absatz zu sichern und zu steigern, sind immer mehr Unternehmen mit der Fra- ge nach Nachhaltigkeit konfrontiert. Wertschöpfungsketten müssen dement- sprechend neu organisiert und gedacht werden und soziale und ökologische Faktoren spielen neben rein wirtschaftlichen Faktoren eine immer größere Rol- le.

Die von den Wirtschaftsprofessoren Michael Porter und Mike Kramer entwi- ckelte Unternehmensstrategie „Creating Shared Value“ (CSV), die sie 2011 im Harvard Business Review vorstellten, setzt genau an dieser Stelle an. Mit dem Konzept sei es nach Ansicht der Autoren möglich, eine Verbindung zwischen unternehmerischer Verantwortung und Strategie herzustellen, sodass die Wett- bewerbsfähigkeit der Unternehmen und gleichzeitig das Wohlergehen der Ge- sellschaft gesteigert werden könne. Durch CSV werden Unternehmen von der schwierigen Aufgabe befreit, sich entweder für höheren Profit oder für gesell- schaftlich nachhaltige Lösungen in ihrer Produktion zu entscheiden.1

Bisher wenden Modeunternehmen das Konzept nicht an und auch sonst kenn- zeichnen Unternehmen CSV selten, selbst wenn die Beschreibung von Porter und Kramer exakt zutrifft. Dies könnte daran liegen, dass das Konzept erst im Jahre 2011 veröffentlicht wurde. Lediglich der Nahrungsmittelhersteller Nestlé wendet nunmehr CSV erfolgreich an und wirbt auf seiner Website damit.

Die Bekleidungsindustrie macht seit Jahrzehnten Schlagzeilen mit Ausbeutung, Kinderarbeit, Niedriglöhnen in Entwicklungs- und Schwellenländern und zu- letzt mit dem Einsturz des Rana Plaza in Bangladesch, bei dem über 1000 Menschen ihr Leben verloren. Gleichzeitig haben KonsumentInnen und Ver- braucherInnen in den vergangenen Jahren ein stärkeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Mode entwickelt. Das Image vieler namhafter Unternehmen, wie Nike, H&M und GAP leiden untern diesen Entwicklungen. Anlässlich die- ser Gegebenheiten soll in der vorliegenden Arbeit der Forschungsfrage nach- gegangen werden, wie Modeunternehmen CSV erfolgreich umsetzen können. Das Ziel ist es herauszufinden, wie das Konzept ausgerichtet werden muss, damit Wertschöpfung sowohl unternehmerisch als auch gesellschaftlich Mehr- wert generiert und es als nachhaltiges Geschäftsmodell gelingt.

Die Darstellung erfolgt anschließend anhand des schwedischen Modeherstel- lers Hennes und Mauritz (H&M). Billiglohnländer sind die Grundlage für die Milliardengewinne von H&M, weshalb das Unternehmen in den letzten Jahren immer wieder negativ auffiel und seitdem versucht, sein Image zu verbessern. Der Modekonzern hat bereits einige Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt und angewendet, welche sich möglicherweise für eine Umsetzung von CSV eignen. Aus diesem Grund wurde H&M als Beispiel ausgewählt, um eine Antwort auf die gegebene Forschungsfrage zu finden. Hierfür soll das Unternehmen kritisch analysiert und dargestellt werden.

Im zweiten Kapitel werden die Definitionen zentraler Begriffe der Beklei- dungsindustrie und CSV beschrieben. Zuvor erfolgt eine Abgrenzung zu dem Konzept „Corporate Social Responsibility“ (CSR), um die Entstehung von CSV nachvollziehen zu können. Die Definitionen und Abgrenzungen sind Vo- raussetzung für das Verständnis der Forschungsfrage und dieser Arbeit.

In Kapitel drei wird die Kenntnis über das CSV-Konzept weiter vertieft. Eine Erläuterung über drei Ausprägungsformen von CSV wird vorgenommen und es werden mögliche Indikatoren und Resultate dargelegt, auf deren Basis der er- zielte Wert für das Unternehmen und gleichermaßen für die Gesellschaft be- messen werden kann. Ferner hat das Kapitel kritische Betrachtungen zu CSV zum Inhalt.

Im vierten Kapitel erfolgt zunächst eine Darstellung des Modekonzerns H&M und seinen aktuellen Nachhaltigkeitsinitiativen. Basierend darauf und der vor- hergehenden Beschreibung von CSV soll mithilfe von ausgewählten Beispielen das CSV Konzept angewendet werden. Ziel ist aufzuzeigen, wie sich die Maß- nahmen von H&M in die Ausprägungsformen von CSV implementieren lassen können. Das Kapitel wird mit Empfehlungen zur Etablierung der Unternehmensstrategie abgeschlossen.

Die verwendete Literatur bezüglich CSV basiert auf Aussagen aus Fachbü- chern und wissenschaftlichen Zeitschriften. Zudem werden Beitrage von Web- seiten verschiedener Organisationen für aktuelle Informationen herangezogen. Bei Auswahl der Quellen wird darauf geachtet, dass die daraus gewonnenen Informationen dem aktuellen Stand entsprechen. Die erlangten Aussagen wer- den durch kritisches Hinterfragen der gelesenen Texte ausgearbeitet und bei fremdsprachiger Literatur erfolgen Übersetzungen die dem Sinn entsprechen.

2. Abgrenzung und Definition zentraler Begriffe

Dieses Kapitel beinhaltet die Erklärung von CSR, die für die Arbeit essentiell ist, um die Entstehung und Anwendung von CSV zu verstehen. Darüber hinaus ist eine klare Eingrenzung nötig, um das Konzept später auf den Modekonzern H&M anwenden zu können. Da es um die Bekleidungsindustrie geht, die Teil der Textilindustrie ist, wird der Begriff definiert und eine Abgrenzung der Industrien vorgenommen. Ferner wird der aktuelle Stand der Bekleidungsindustrie anhand von Zahlen und Erläuterungen dargelegt.

2.1 Corporate Social Responsibility

CSR, zu Deutsch „gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen“, stammt aus dem US-amerikanischen Management und geht auf die Anfänge der 50er Jahre zurück.2 In der Literatur sind diverse Definitionen von CSR zu finden, da international keine anerkannte Begriffsbestimmung existiert. Häufig wird der Begriff als Synonym, zeitweise aber auch differenziert verwendet, beispiels- weise in Form von Corporate Citizienship, Corporate Governance, Nachhaltig- keitsmanagement oder Responsible Business.3 Das Zitat von Votaw, Sethi und Göbbels trifft es in diesem Zusammenhang ziemlich treffend: „…it means so- mething, but not always the same thing to everybody“.4 Viele Firmen nutzen die differenzierten Interpretationsmöglichkeiten aus und bedienen sich an dem Marketing- und Reputationsbonus.

CSR ist auf den Begriff der Nachhaltigkeit zurückzuführen. Das Prinzip der Nachhaltigkeit umgreift den wirtschaftlichen Umgang mit begrenzten Ressour- cen, so dass diese auch künftigen Generationen möglichst dauerhaft zur Verfü- gung stehen. Das Konzept wurde auf der Weltkonferenz Agenda 21 im Jahr 1992 in Rio de Janeiro verkündet.5 Aufgrund der Tatsache, dass in der Literatur teilweise von Nachhaltigkeitsinitiativen und teils von CSR gesprochen wird, wird der Begriff in dieser Arbeit auch analog verwendet. Da die Definition von CSR wichtig für das Verständnis von CSV ist, werden wesentliche Auffassun- gen in dem folgenden Abschnitt erläutert.

In Deutschland und Europa hat sich die Definition der Europäischen Kommis- sion (EU-Kommission) weitgehend durchgesetzt. Demnach wird CSR als Kon- zept beschrieben, auf Grundlage dessen Unternehmen auf freiwilliger Basis, soziale und ökologische Belange in ihre Tätigkeiten und in die „Wechselbezie- hungen mit den Stakeholdern“ integrieren können.6 Eine weitere Definition stammt von der International Organization for Standardization (ISO). Da sich ihr Normendokument nicht nur an Unternehmen, sondern an Organisationen aller Art richtet, verwenden sie den Ausdruck „Social Responsibility“.7 Dem Leitfaden, analog zu der Definition der EU-Kommission, liegt der Gedanke zugrunde, die gesellschaftliche Verantwortung auf alle Tätigkeiten von Organi- sationen zu beziehen. Sie sollen Verantwortung für die Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf die Umwelt und die Gesellschaft übernehmen und gleichzeitig internationale Verhaltensstandards und geltende Rechte einhalten.8 Durch letztgenannte und weitere Aspekte, z.B. die Integration in der Organisations- kultur, grenzt sich ISO 26000 von dem Orientierungsrahmen der Europäischen Kommission ab.

Indessen wurde der Orientierungsrahmen von der World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) womöglich im guten Glauben formuliert. CSR soll demnach Unternehmen zu ethischem Verhalten lenken, um die Le bensqualität der Gesellschaft zu verbessern, wobei die wirtschaftliche Entwicklung bestenfalls ein netter Nebeneffekt sei.9

Diese drei Definitionen zeigen, dass es bei Leitlinien und Empfehlungen bleibt und es an Verbindungen zur Unternehmensstrategie mangelt. In keiner der Be- schreibungen wird erläutert, auf welcher Weise eine solche CSR Implementie- rung umzusetzen ist. Eine der zwei verbreiteten Kritiken ist die von Mosko- witz. Er beschreibt CSR als Marketing Instrument mit 95 % Rhetorik und 5 % Handeln.10 Die Zweite geht von Milton Friedman aus. Er bringt zum Ausdruck, dass die einzige Aufgabe von Unternehmen darin bestehe, den Interessen der Aktionäre zu dienen und so viel Profit zu machen wie möglich. Dagegen sei die Berücksichtigung sozialer Belange Aufgabe des Staates.11

2.2 Creating Shared Value

2.2.1 Entstehung des Konzepts

Der Grundgedanke von Creating Shared Value geht auf den im Jahre 1999 im Harvard Business Review (HBR) veröffentlichten Artikel „Philanthropy's New Agenda: Creating Value“ zurück, der von den Wirtschaftsprofessoren Michael Porter und Mike Kramer verfasst wurde. Die Autoren schlagen vor, dass Stif- tungen durch Strategien, Wert für die Gesellschaft schaffen.12 In „Strategy and Society. The Link between Competitive Advantage and Corporate Social Responsibility”, der 2006 ebenfalls von Porter und Kramer im HBR veröffent- licht wurde, führen sie ihre Idee weiter aus.13 Der jetzige Begriff des Konzepts “Creating Shared Value“ ist dabei auf den HBR Artikel „The Big Idea: Crea- ting Shared Value“ zurückzuführen.14

In „Strategy and Society. The Link between Competitive Advantage and Cor- porate Social Responsibility” wird CSV als korrigierter Ansatz von CSR dar- gestellt. Porter und Kramer zeigen hierbei große Defizite sowohl in der Wahr- nehmung als auch in der Implikation von Unternehmen bei der bisherigen Verwendung von CSR auf.15 Das größte Problem sehen sie dabei in der nicht berücksichtigten Interdependenz zwischen Gesellschaft und Geschäftstätigkeit: „Leaders in both business and civil society have focused too much on the fric- tion between them and not enough on the points of intersection.“16 Die Autoren versprechen, dass beide Seiten durch die Anwendung von CSV profitieren könnten, da nicht nur die konventionellen wirtschaftlichen, sondern auch die gesellschaftlichen Bedürfnisse die Märkte bestimmen würden. Des Weiteren könnten durch eine rücksichtsvolle Steuerung der Wertschöpfungsprozesse, z.B. durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und eine Minimierung der Umweltverschmutzung, die Produktivität gesteigert und die Kosten gemin- dert werden.17

In dem 2011 veröffentlichten Artikel vertiefen Porter und Kramer ihre Idee und stellen CSV erstmals als eigenes Konzept vor. Sie arbeiten hierin folgende Probleme heraus: “The capitalist system is under siege. In recent years business increasingly has been viewed as a major cause of social, environmental, and economic problems”.18 Selten zuvor sei die Stellung von Unternehmen so mi- serabel. Selbst Unternehmen die CSR betreiben, wurden in den letzten Jahren für die gesellschaftlichen Probleme verantwortlich gemacht. Die Autoren ge- ben im Gegensatz zu ihrem vorherigen Artikel, nicht nur den Unternehmen die Schuld an der Situation, sondern auch der heutigen Form des Kapitalismus. Der Kapitalismus sei zwar ein beispiellos nützliches Werkzeug zur Befriedi- gung menschlicher Bedürfnisse, Steigerung von Effizienz, der Entstehung von Wohlstand und Schaffung neuer Jobs. Doch habe er in seiner beschränkten Auffassung die Wirtschaft daran gehindert, ihre Fähigkeiten gänzlich zu nut- zen, um die gesellschaftlichen Bedürfnissen zu befriedigen.19

Die Lösung der Probleme sehen Porter und Kramer darin, dass die Unterneh- menswelt Wirtschaft und Gesellschaft wieder zusammen führen sollte.20 Mit ihrem CSV Ansatz soll dies geschehen. Eine genaue Erläuterung wie die Lö- sung und eine CSV Implementierung aussehen soll, erfolgt in Kapitel 3.1. Vor- ab wird eine Abgrenzung zu CSR gezogen und der Unterschied zwischen den beiden Konzepten erläutert.

2.2.2 Abgrenzung zu CSR

Porter und Kramer ziehen eine klare Grenze zu CSR. Sie begründen ihre Aus- sage damit, dass CSR ein eingeschränkter und kostenbringender Ansatz, der von dem eigentlichen Zweck des Unternehmens losgelöst sei und eher medi- enwirksame, leicht zu erfüllende Aktivitäten beinhalte. CSV hingegen trete nicht bloß auf der Kostenseite sondern auch auf Investitionsseite auf, denn es schaffe neue Geschäftsfelder.21 Das Konzept sei in den Kern der Unterneh- mung integriert und gehöre in die Strategie. CSV stehe jedoch keinesfalls in Widerspruch zu dem CSR Ansatz und seinen Vorstellungen, sondern nehme sogar einige Ideen auf. Die Autoren sind der Auffassung, dass CSV den Unter- nehmen einen Vorteil biete, nämlich simultan mit den sozialen und ökologi- schen Aktivitäten, Wert für die Gesellschaft und das Unternehmen zu schaf- fen.22 Tabelle 1 soll hierbei die wesentlichen Unterschiede der beiden Ansätze verdeutlichen.23

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Abgrenzung von CSR zu CSV (Eigene Darstellung in Anlehnung an Porter/Kramer)

Aus der Tabelle geht hervor, das CSR zumeist angewendet wird, um kurzfristig das Image des Unternehmens zu verbessern. Des Weiteren wird das soziale Engagement gestrichen, wenn Kosten eingespart werden müssen.24 Wie zuvor erläutert, ist CSV im Gegensatz zu CSR in der Unternehmensstrategie integriert. Aus diesem Grund werden Maßnahmen nicht durch CSR-Abteilungen umgesetzt, um den Erwartungen der Stakeholder gerecht zu werden oder um lediglich für eine positive Schlagzeile zu sorgen, sondern wird bei CSV ein gesamtes Unternehmen innovativ und mit nachhaltiger Wirkung aktiv, um sich den gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen.25

Kritiker sehen in CSV keinen Unterschied zu CSR und behaupten, Porter und Kramer wollen nur für ihre Unternehmensberatungsfirma „Foundation Strategy Group“ (FSG) werben.26 Mit FSG werden Unternehmen beraten, wie CSV um- zusetzen ist. Andere wiederum sehen CSR als Vorreiter und CSV als erweiterte Alternative.27 Die genauen Kritikpunkte von CSV werden in Kapitel 3.3 im Detail erläutert.

2.3 Bekleidungsindustrie

Im Gegensatz zu dem Konsumfeld „Lebensmittel“ handelt es sich bei dem Be- reich „Textil und Bekleidung“ um ein langjähriges Verbrauchsgut. Gemessen an der Verbrauchsmenge nimmt Bekleidung hinter der Ernährung die zweite Stelle ein und ist eine der globalisiertesten Waren der Welt. Der Produktions- prozess von Textilien ist durch Mehrstufigkeit ausgezeichnet, denn die Herstel- lung erfordert die Verarbeitung von Rohfasern zu Garnen und Spinnstoffen. Zudem werden die Textilen veredelt und konfektioniert. Die Bekleidungsin- dustrie wiederrum verarbeitet die Erzeugnisse aus der Textilindustrie weiter zu Kleidungsstücken.28 Daher hängen viele Menschen von der Industrie ab, seien es NäherInnen, KonsumentInnen oder Lieferanten.29 Kleidung ist heutzutage weit mehr als nur ein Nutzen, es ist neben dem menschlichen Grundbedürfnis ein Ausdruck von Individualität, Lebensgefühl und Zugehörigkeit.30

Im Schnitt kauft jeder Deutsche zwölf Kilogramm Bekleidung im Jahr.31 Dem- nach ist der Beitrag zum Wirtschaftswachstum und zu der Entwicklung sehr hoch. Jedoch kommen fast 80-85 % dieser Kleidungsstücke aus Niedriglohn- ländern32, in denen die Produktions- und Arbeitsbedingungen noch nicht den international definierten Sozial- und Umweltstandards entsprechen. Die größ- ten Kleidungslieferanten für Europa stammen aus Asien, insbesondere aus China und Bangladesch, wie die nachfolgende Tabelle zeigt.33

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Die größten Bekleidungslieferanten an die EU in 2014 (Eigene Darstellung in Anlehnung an Euratex)

Die aufgeführten Länder machen dabei 76 % aller Bekleidungslieferanten für Europa im Jahr 2014 aus.

In der Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts geht der Trend zu „Fast Fashion“. Unter “Fast Fashion” versteht man Mode, die schnell auf die Lauf- stegtrends reagiert und gezielt einen kurzen Lebenszyklus hat, um Konsumen- tInnen möglichst oft in die Geschäfte zu ziehen. Innerhalb weniger Wochen können Fast Fashion Unternehmen wie ZARA, Forever 21 oder H&M Group die Kollektionen in ihren Läden anbieten.34 Sie veröffentlichen dadurch mitt- lerweile bis zu zwölf Bekleidungslinien jährlich.35 Dies hat jedoch unweiger- lich zur Folge, dass durch den enormen Produktionsdruck die Lieferanten zur Einhaltung immer knapperer Liefertermine gedrängt werden. Die Arbeiter Innen in den Produktionsfabriken müssen unverantwortliche Überstunden leisten, meist unter gesundheitsschädigenden Bedingungen. Ein weiterer negativer As- pekt sind die hohen Umweltschäden die durch die Produktion hervorgerufen werden. Es ist kein Geheimnis, dass die Bekleidungsindustrie einen immensen Wasserverbrauch auslöst, der in diversen Produktionsprozessen wie dem Blei- chen, Färben und Waschen entsteht. Die zum Färben verwendeten schädlichen Chemikalien werden von den FabrikarbeiterInnen in die nahe gelegenen Flüsse entsorgt. Abgesehen von der Wasserverschmutzung brachte eine Studie von Greenpeace zum Ausdruck, dass der Zyklus der entladenen Chemikalien aus diesen Anlagen in der Nahrungskette nachweisbar ist.36 In gleichem Maße ist die Verwendung von Düngemittel und Pestiziden auf den Baumwollplantagen enorm ausgeprägt und extrem schädlich für die Bauern.

3. Creating Shared Value

In dem zweiten Artikel von Porter und Kramer von 2011 stellen die Autoren drei Möglichkeiten vor, wie Unternehmen „Shared Value“ schaffen können. Dieses Kapitel hat die drei Ausprägungsformen, die Beschreibung der Messung von CSV sowie eine kritische Betrachtung zum Inhalt.

3.1 Ausprägungsformen von CSV

3.1.1 Produkte und Märkte neu begreifen

Sowohl in den Industriestaaten als auch in Entwicklungsländern gibt es unbe- friedigte Bedürfnisse der Gesellschaft. Seien es Gesundheit, finanzielle Sicher- heit, Altenpflege, bessere Wohnmöglichkeiten und Ernährung oder der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Porter und Kramer weisen darauf hin, dass Unter- nehmen in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr damit beschäftigt gewesen seien, die Nachfrage zu analysieren und zu erzeugen und dabei die grundsätzli- che Frage vernachlässigt hätten, ob die Produkte gut für die Konsumenten sei- en. Würde diese Frage wieder in den Mittelpunkt gestellt werden, könnten Un- ternehmen neue Märkte erschließen und es würden sich Chancen für Produk- tinnovationen eröffnen.37 In benachteiligten Gesellschaften oder Entwicklungs- ländern sei der Bedarf am Dringendsten. Betrachtet man diese Tatsachen, ist das Bedürfnis nach Wasser eine globale Herausforderung. Sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung gehören zwar zu den Menschenrechten38, doch bleibt 663 Millionen Menschen der Zugang verwehrt und 2,5 Millionen haben keine angemessene Sanitärversorgung.39 Die Liste der daraus resultierenden Krankheiten ist lang und jährlich gibt es schätzungsweise 842.000 Todesfälle, alleine auf Grund von Durchfallerkrankungen.40

Procter&Gamble (P&G) entwickelten vor zehn Jahren ein Pulver, wodurch dreckiges, schädliches zu sauberem, trinkbarem Wasser umgewandelt wird.41 Damit konnten sie unterversorgte Märkte erobern und gleichzeitig Wert für ihr Unternehmen schaffen.

Die Bereitstellung von geeigneten Produkten sei nach Porter und Kramer dem- nach für benachteiligte VerbraucherInnen oder KonsumentInnen mit niedrigem Einkommen bedeutungsvoll, während die Gewinne für Unternehmen wesent- lich seien.42 Der Ausgangspunkt für Unternehmen um CSV anzuwenden sei die Identifizierung aller gesellschaftlichen Bedürfnisse, Vorteile und Risiken, die in Zusammenhang mit ihrem Angebot stehen. Die Chancen dafür änderten sich durch die technologische und wirtschaftliche Entwicklung und die gesellschaft- lichen Prioritäten ständig. Die laufende Exploration von gesellschaftlichen Be- dürfnissen veranlasse die Unternehmen neue Möglichkeiten zur Differenzie- rung und Positionierung in den traditionellen Märkten zu entdecken und das Potenzial neuer Märkte, die sie bisher übersehen hätten, zu erkennen.43 Hierfür spricht auch, dass laut der Marktforschung, mehr als 80 % der verkauften Pro- dukte in den Schwellen- und Entwicklungsländern die Gleichen waren oder nur minimal verändert im Vergleich zu den Produkten in den Heimmärkten.44 Die Befriedigung der Bedürfnisse in unterversorgten Märkten erfordere deshalb oft eine Umgestaltung der Produkte oder neue Vertriebsformen.

[...]


1 Vgl. Porter/Kramer, 2011, S. 66.

2 Vgl. Carroll, 1999, S. 268.

3 Vgl. Balik, 2006, S. 5.

4 Vgl. Van Marrewijk, 2003, S. 2, zitiert nach: Votaw/Sethi/Göbbels.

5 Vgl. Jäger, 2004, S. 93.

6 Vgl. EU Kommission, 2001, S. 4.

7 Vgl. Loew/Rohde, 2013, S. 7.

8 Vgl. ISO 26000, 2010, S. 17.

9 Vgl. WBCSD, S. 3.

10 Vgl. Moskowitz, 2002, S. 4.

11 Vgl. Friedman, 1970, S. 122 ff.

12 Vgl. Porter/Kramer, 1999, S. 121-125.

13 Vgl. Porter/Kramer, 2006, S. 77 ff.

14 Vgl. Porter/Kramer, 2011, S. 62 ff.

15 Vgl. Porter/Kramer, 2006, S. 79.

16 Porter/Kramer, 2006, S. 84.

17 Vgl. Porter/Kramer, 2015, S. 147.

18 Porter/Kramer, 2011, S. 64.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. Anker, 2012, S. 28.

21 Vgl. Kramer, 2011.

22 Vgl. Porter/Kramer, 2015, S. 146.

23 Vgl. Porter/Kramer, 2011, S. 76, 2015, S. 146.

24 Vgl. Anker, 2012, S. 99.

25 Vgl. Smith, 2012, S. 32.

26 Vgl. Stewart, 2009, S. 14.

27 Vgl. Visser, 2013, S. 2.

28 Vgl. Umweltbundesamt, 2014, Textilindustrie.

29 Vgl. Keck, 2015, S. 39.

30 Vgl. Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie, 2016, Mode & Bekleidung.

31 Vgl. Neugebauer/Schewe, 2015, S. 31 ff.

32 Vgl. Küthe, 2013, S. 138.

33 Vgl. Euratex, 2014, S. 2.

34 Vgl. Joy, 2015.

35 Vgl. Neugebauer/Schewe, 2015, S. 39.

36 Vgl. Greenpeace, 2011, Dirty Laundry Report, S. 20.

37 Vgl. Porter/Kramer, 2011, S. 67.

38 Vgl. The Rights to Water and Sanitation, 2014, Realising the human rights to water and sanitation: A handbook.

39 Vgl. AA, 2015, Menschenrechte auf Wasser und Sanitärversorgung.

40 Vgl. World Health Organization, 2014, Water-related diseases.

41 Vgl. P&G, A Simple Way to Clean Water.

42 Vgl. Porter/Kramer, 2011, S. 67.

43 Vgl. ebd. S. 68.

44 Vgl. Michelini, 2012, S. 4.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Creating Shared Value in der Bekleidungsindustrie. Darstellung und Umsetzung an einem ausgewähltem Fallbeispiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
52
Katalognummer
V323031
ISBN (eBook)
9783668222250
ISBN (Buch)
9783668222267
Dateigröße
986 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Creating Shared Value, CSV, Nachhaltigkeit, H&M, Unternehmerische Verantwortung, Greenwashing, Fast Fashion, Nachhaltige Mode, CSR, Corporate Social Responsibility
Arbeit zitieren
Nikola Walz (Autor), 2016, Creating Shared Value in der Bekleidungsindustrie. Darstellung und Umsetzung an einem ausgewähltem Fallbeispiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323031

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