Die Instrumente sakraler Herrschaftslegitimation in der politischen Kultur der frühen Ottonenzeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

27 Seiten, Note: 1,0

Sarah D. (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kulturakte und Rituale im Früh- und beginnendem Hochmittelalter
2.1 Die Symbolik der Reichskleinodien
2.2 Die Sonderstellung der Heiligen Lanze

3. Die Heilige Lanze
3.1 Quellenlage und Forschungsüberblick
3.2 Herkunft der Heiligen Lanze
3.2.1 Christlich – biblische Überlieferungen und Legenden
3.2.2 Archäologische Herkunft und Umwandlung
der Heiligen Lanze des Heiligen Römischen Reichs
3.3 Erwerb der Heiligen Lanze

4. Die verschiedenen Bedeutungen der Heiligen Lanze
4.1 Passionsreliquie und „Nimbus der Unbesiegbarkeit“
4.2 Insigne der deutschen Könige und Römischen Kaiser im 10. Jahrhundert

5. Schlussbetrachtung

6. Anhang

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Lanze war anders als die sonstigen Lanzen nach Art und Gestalt etwas Neues, insofern als das Eisen beidseits der Mitte des Grates Öffnungen hat, und statt der kurzen seitwärts gerichteten Zweige erstreckten sich zwei sehr schöne Schneiden bis zum Abfall des Mittelgrates [ … ] . Und auf dem Dorn [ … ] trug sie Kreuze aus den Nägeln, die durch die Hände und Füße unseren Herrn und Erlösers Jesu Christi geschlagen wurden.“[1]

Es ranken sich viele Legenden und Geschichten um die Herkunft und Bedeutung der „Heiligen Lanze“, welche sich aus christlich-biblischer Tradition, germanischer Über- lieferung und aus dem Erbe des antiken Römischen Kaiserreiches speisen. Sie war eine der bedeutendsten Reliquien und Insignien der deutschen Könige und römischen Kaiser im Heiligen Römischen Reich.[2] In christlicher Tradition wurde die Heilige Lanze als „Passionsreliquie“ auf Christus bezogen und galt gleichwohl in der langobardischen und germanischen Tradition als Königs- und Herrschaftszeichen, welche Führungsgewalt über Heer und Stamm symbolisierte.[3] Zahlreiche Berichte aus dem 10. und 11. Jahr- hundert geben Auskunft über wechselnde Eigentümer, Aufenthaltsorte sowie Namens- änderungen der Heiligen Lanze. Sie deuten auf eine wechselvolle und ereignisreiche Geschichte hin und lassen vermuten, dass es im Mittelalter keine eindeutige Auffassung von Funktion und Bedeutung der Heiligen Lanze gab.[4]

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Geschichte der Heiligen Lanze und mit der Frage, welche Rollen sie als eines der ältesten Reichskleinodien im christlich geprägten Mittelalter des 10. Jahrhunderts einnahm. Zum einen sollen ihre verschiede- nen Bedeutungen, Wirkungen und Funktionen im Bereich des zeremoniellen Handelns und politischen Denkens der deutschen Könige und römischen Kaiser zur Zeit der ottonischen Königsherrschaft im 10. Jahrhundert beleuchtet und eingeordnet werden. Zum anderen soll erörtert werden, inwieweit diese Lanze auf Grund ihrer Sonder- stellung als Passionsreliquie und Insigne unter den deutschen Reichskleinodien exemplarisch den Charakter eines christlich geprägten mittelalterlichen Herrschafts- zeichens widerspiegelt.

Zur besseren Einordnung des wechselvollen Schicksals der Heiligen Lanze wird zu- nächst ein kurzer Einblick in die mittelalterliche Welt, deren Gesellschaftsordnung, Kultur und Rituale gegeben. Darauf aufbauend wird die Symbolik der Reichsklein- odien im Allgemeinen besprochen und auf die Sonderstellung der Heiligen Lanze ein- gegangen. Im dritten Kapitel werden, nach einem kurzen Quellen- und Forschungs- überblick, die Herkunft und der Erwerb der Heiligen Lanze skizziert, so dass im Hauptteil die Geschichte der Lanze mit ihren Bedeutungen und Funktionen im otto- nischen Herrschaftszeitraum von Heinrich I. bis Otto III. im 10. Jahrhundert n. Chr. analysiert werden kann. Zum Schluss werden die einzelnen Ergebnisse verknüpft, um auf diese Weise mögliche Erklärungsansätze zur Verwendung und Bedeutung der Heiligen Lanze als Machtsymbol, Reliquie und Wunderwaffe erläutern zu können.

2. Kulturakte und Rituale im Früh- und beginnendem Hochmittelalter

Die Königreiche des Früh- und beginnendem Hochmittelalters im Heiligen Römischen Reich lassen sich nicht ausreichend mit konstitutiven Elementen moderner Staatlichkeit und mit heutigen verfassungsrechtlichen Kategorien von „Staat“ beschreiben.[5]

In der damaligen Kultur war der christliche Glaube tief in der Gesellschaft verankert. Gott war allgegenwärtig. Durch Bittgebete, Heiligen- und Reliquienverehrungen, Pro- zessionen und Litaneien baten die Menschen für ein gesegnetes Leben im Diesseits, für ewige Seligkeit im Jenseits und um Gnade am Tage des Jüngsten Gerichts.[6] Dies spiegelte sich auch in der königlichen Machtausübung wider. Das Reich sowie die königliche Herrschaft waren Teil der göttlichen Weltordnung.[7]

Die mittelalterliche Königsherrschaft basierte auf autoritativer Machtausübung, „ [… ] die sich sakral legitimiert [e ] und als Herrschaft, von Gottes Gnaden ´ Befolgung ihrer Anweisungen fordert [e ].“[8] Das Königtum wurde dem weltlichen Herrscher von Gott verliehen, wodurch dem Herrscher eine heilsgeschichtlich und göttlich legitimierte Position - das sogenannte Gottesgnadentum - zukam. Der Herrscher agierte als Stellver- treter Gottes auf Erden und trug die Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit, Schutz der Kirchen und der gesamten Christenheit.[9] Die königliche Machtausübung be- ruhte hierbei nicht nur auf der alleinigen Führungsmacht des weltlichen Herrschers, sondern auch auf der Gestaltung personeller Treueverhältnisse und enger Zusammen- arbeit mit Adel und Klerus. Die Einbeziehung der Getreuen an der königlichen Macht- ausübung zeigte sich sowohl durch reichhaltige Belohnung und durch Privilegien für Adel und Klerus, als auch durch die Einholung ihres Konsenses bei anstehenden Ent- scheidungen.[10] Diese Integration von Adel und Klerus bei der Herrschaftsausübung und Reichsorganisation war im Früh- und Hochmittelalter evident, denn durch die Ein- beziehung der Elite sowie durch die sakrale Legitimation sicherte der König seine Dignität und Autorität als Herrscher.[11]

Zu jener Zeit war nur ein geringer Grad an Literalität verbreitet, der meist der geistlichen Elite vorbehalten war. Die öffentliche Kommunikation und die Interaktionen der weltlichen und geistlichen Herrscher sowie die Art der Machtsausübung wurden meistens durch Akte ritueller Kommunikation und demonstrativ-rituellen Handlungen zum Ausdruck gebracht.[12] Symbolträchtige Herrschaftszeichen, wie beispielsweise die Reichskleinodien und rituelle Verhaltensweisen gaben dabei Auskunft über den Rang einer Person und ihrem Verhältnis zu den anderen Akteuren. Die rituellen Akte spiegelten zuverlässig die bestehende Rangordnung innerhalb der weltlichen und geist- lichen Eliten wider. Durch ihre Beteiligung an den rituellen Handlungen, bestätigten die Akteure nicht nur diese Ordnung, sondern verpflichtet sich gleichzeitig dazu diese Ord- nungsstruktur auch zukünftig zu respektieren. Demonstrativ-rituelle Kommunikation trug somit nicht nur zur Bestätigung, sondern auch zur Stabilisierung der Herrschafts- ordnung bei.[13] Die Zurschaustellung solcher zeremoniellen und rituellen Handlungen sowie die Verwendung der Reichskleinodien in der Öffentlichkeit „ [… ] hatte [n ] die Funktion, das Publikum zum Zeugen des Getanen zu machen [… ]“. [14] Die Verbindlich- keit des Gezeigten wurde dadurch erhöht. Die „Aussagen“ rituellen Handelns konnten für sich allein stehen. Sie mussten damals nicht unbedingt durch schriftliche oder verbale Äußerungen ergänzt werden, um verbindlich zu sein.[15]

2.1 Die Symbolik der Reichskleinodien

Unter dem Begriff „Reichskleinodien“ wird heute der bedeutendste Kronschatz des Mittelalters verstanden. Die Reichskleinodien waren in ihrer Gesamtheit äußere Zeichen der deutsch-römischen Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs.[16] Die Reichskleinodien waren Gegenstände, denen im Rahmen der Lehre von monarchischen Zeichen des Mittelalters eine starke symbolische Funktion zukam.[17] Sie zeichneten den Herrscher als solchen aus und waren statische Symbole der Macht, wobei sie im Kontext, also im Vollzug des repräsentativen Herrscherhandelns, gesehen und interpretiert werden müssen.[18]

Die Reichskleinodien lassen sich grob in vier Gruppen einteilen: Die eigentlichen Reichs- und Krönungsinsignien wie Reichskrone, Zepter, Reichsschwert und Reichs- apfel, die Reichsreliquien wie Reichskreuz und Heilige Lanze, die Gewänder des kaiserlichen Ornates und einige weitere Stücke, die der Legende nach auf Karl den Großen zurückzuführen sind und deren Präsenz die Kontinuität des jeweiligen Herrschers zu dem damals stark verehrten Karl den Großen demonstrieren sollte.[19]

Der Gebrauch der Reichskleinodien ließ öffentliches politisches Handeln mit einem spezifischen Verständnis von Amt und Hierarchie erkennen und dokumentierte die zentrale Stellung des Herrschers im Reich. Unter Verwendung der Reichskleinodien, verbunden mit bestimmten rituellen Handlungen und Worten, wurde beispielsweise durch die Einbeziehung des Adels und des Klerus in das Krönungszeremoniell ein auf Ausgleich und Konsens bedachter Herrschaftsstil demonstriert. Solch ein konstitutiver Akt legitimierte die Herrschaft. Der Besitz der Insignien zeigte zudem, dass ihr Träger in der rechtmäßigen Tradition der Vorgänger und im Einvernehmen mit dem Willen Gottes stand.[20]

Die Reichskleinodien wurden jedoch nicht nur bei Krönungen oder bei Festlichkeiten verwendet, sondern sie waren auch Beweisstücke für die Legitimität eines Herrschers. Sie galten somit als „Unterpfand und Siegel“ seines Herrschaftsanspruches, denn das Heilige Römische Reich war keine Erbmonarchie. Seine Herrscher wurden gewählt und erhielten ihre Rechtmäßigkeit durch den Besitz der anerkannten Reichskleinodien.[21]

Des weiteren waren die Reichskleinodien im Mittelalter keine homogene Sammlung, sondern vielmehr ein gewachsener Bestand unterschiedlichster Provenienz aus verschie- denen Zeiträumen, die von der karolingischen Zeit bis ins frühe 16. Jahrhundert reichten.[22] Es gab keinen allgemeingültigen Konsens, welche Herrschaftszeichen zu den Reichskleinodien gehörten, denn die Herrscher besaßen meist eigene Insignien-Sätze, Reliquien und Ornate, die dem Geschmack der jeweiligen Zeit entsprachen und die sie bei verschiedenen Zeremonien und öffentlichen Anlässen trugen. Da das Reich keine feste Residenz besaß, führte der Herrscher häufig seine Herrschaftszeichen mit sich. Sie wurden gemeinsam mit anderen persönlichen Schätzen aufbewahrt und nach dem Tod des Herrschers dem Nachfolger übergeben.[23]

Es kann somit festgehalten werden, dass der Bestand der Reichskleinodien im Mittel- alter einem ständigen Wachstums- und Austauschprozess unterlag.[24] Neben der juristischen Bedeutung war zudem eine Akkumulation geistlich-theologischer Inhalte in den Reichskleinodien präsent, wodurch die transzendentale Herrschaftsauffassung zum Ausdruck gebracht wurde. Die Reichskleinodien verwiesen somit als „Unterpfand und Siegel“ auf die jenseitige Herrlichkeit des Trägers, unter denen der König und Kaiser als Statthalter Gottes vor die Öffentlichkeit treten sollte.[25]

[...]


[1] Liudprand von Cremona, Antapodosis VI. In:Quellen zur Geschichte der sächsischen Kaiserzeit= Fontes ad historiam aevi saxonici illustrandam. Bauer, Albert/ Hirsch, Paul [Übers.].5. gegenüber der 4. um einen Nachtr. erw. Aufl. / mit einem Nachtr. von Bele Freudenberg. Darmstadt : Wiss. Buchges. 2002, S.429

[2] Jürgen Petersohn, Über monarchische Insignien und ihre Funktion im mittelalterlichen Reich, in: Historische Zeitschrift 266 (1998), S. 87 ff.

[3] Percy E. Schramm, Herrschaftszeichen und Staatssymbolik. Beiträge zu ihrer Geschichte vom dritten bis zum sechzehnten Jahrhundert. Schriften der Monumenta Germaniae Historica 13. 3 Bänder. Stuttgart: Hiersemann Verlag 1954, Bd.II, S.493 f.

[4] Petersohn, Über monarchische Insignien und ihre Funktion im mittelalterlichen Reich, S. 87 ff.

[5] Gerd Althoff, Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter. Darmstadt: Wiss. Buchges. 2003, S. 8f./ Hagen Keller, Ottonische Königsherrschaft. Organisation und Legitimation. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 2002, S. 11

[6] Johannes Fried, Politik der Ottonen im Spiegel der Krönungsordnungen, in: Mario Kramp [Hrsg.] Krönungen. Könige und Aachen- Geschichte und Mythos; Katalog der Ausstellung in 2 Bänden, Bd. 1, Mainz 2000, S. 252 f.

[7] Keller, Ottonische Königsherrschaft, S. 31 ff.

[8] Althoff, Die Macht der Rituale, S.11

[9] Gerd Althoff, Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat. 3. Auflg. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer 2013, S.236 f./ 246 f.

[10] Althoff, Die Macht der Rituale, S.11

[11] Keller, Ottonische Königsherrschaft, S. 9f. / 24

[12] Gerd Althoff, Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, in: Althoff, Gerd [Hrsg.]: Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter, Vorträge und Forschungen Bd. LI, Stuttgart : Thorbecke 2001, S. 160 f.

[13] Althoff, Die Ottonen, S. 245/ Althoff, Die Macht der Rituale, S. 11

[14] Althoff, Die Ottonen, S. 246

[15] Vgl.,Ebd.

[16] Hermann Fillitz, Die Reichskleinodien, in: Mario Kramp [Hrsg.] Krönungen. Könige und Aachen- Geschichte und Mythos; Katalog der Ausstellung in 2 Bänden, Bd. 1, Mainz: Verlag Phillip von Zabern 2000, S. 141f.

[17] Petersohn, Über monarchische Insignien und ihre Funktion im mittelalterlichen Reich, S.54 f.

[18] Ebd. / Vgl., Martin Kintzinger, Zeichen und Imagination des Reiches, in: Bernd Schneidmüller [Hrsg.] Heilig - Römisch -Deutsch: das Reich im mittelalterlichen Europa. Dresden: Sandstein 2006, S. 362

[19] Fillitz, Die Reichskleinodien, S. 142

[20] Petersohn, Über monarchische Insignien und ihre Funktion im mittelalterlichen Reich, S. 95f.

[21] Fillitz, Die Reichskleinodien, S. 142- 145

[22] Ebd., S. 142 f.

[23] Petersohn, Über monarchische Insignien und ihre Funktion im mittelalterlichen Reich , S. 49 ff.

[24] Fillitz, Die Reichskleinodien, S. 142

[25] Rudolf Distelberger/ Manfred Leithe- Jasper, Kunsthistorisches Museum Wien. Weltliche und Geistliche Schatzkammer, München: C. H. Beck 1998 S. 157

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Instrumente sakraler Herrschaftslegitimation in der politischen Kultur der frühen Ottonenzeit
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Geschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
27
Katalognummer
V323134
ISBN (eBook)
9783668222823
ISBN (Buch)
9783668222830
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Ottonen, Die Heilige Lanze, Kultur im Frühmittelalter, Reichskleinodien, Reliquien, Insignia, Mittelalter, Heilige Lanze in Byzanz
Arbeit zitieren
Sarah D. (Autor), 2016, Die Instrumente sakraler Herrschaftslegitimation in der politischen Kultur der frühen Ottonenzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323134

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