Erwerbsarbeit als Schlüsselkategorie im Gefüge sozialstaatlicher Regulierung und ökonomischer Prinzipien


Hausarbeit, 2014

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ursprünge des Wohlfahrtsstaats und die Bedeutung der Reichsstatistik

3. Der deutsche Sozialstaat heute

4. Das Gefüge von Sozialstaat – Lebensverläufen – Markt
4.1 Ein Beispiel: Arbeit und Geschlecht

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Traum von einem Land, in dem alle Menschen gleich und glücklich zusammenleben, ist wohl eine der ältesten Utopien und immer wieder Thema von DichterInnen und DenkerInnen. Dass die Realität jedoch mit Seuchen, Agrarkrisen, Kriegen und vielem mehr aufwartet, machte Armut auch noch in der frühen Neuzeit zu einem Massenphänomen (vgl. Ritter 2010, S. 30-31). Nach den prägenden Ereignissen der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkrieges wurde 1948 die „social security“ von den Vereinten Nationen als Grundrecht der Menschen anerkannt (vgl. Hockerts 2011, S. 286).

Sozialstaatliche Politik und ihre Herausforderungen begannen jedoch schon wesentlich früher. Damals wie heute galt „die Arbeit“ als Weg zur Schaffung von gesellschaftlicher Wohlfahrt. Doch mit diesem bürgerlichen Selbstverständnis wurde die „Arbeit“ stets mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt. Die Erwerbsarbeit wurde zum „Schicksal der Moderne“ (Ritter 2010, S. 16), denn sie teilt die Gesellschaft in „Dienstherren und Bedienstete […], in Dirigierende und Ausführende, in solche die durch Besitz und Bildung privilegiert sind, und andere, die jene Ressourcen nicht in den gesellschaftlichen Austausch einbringen können“ (ebd., S. 16). Und mehr noch, jene Tätigkeiten, die nicht in das Schema von Erwerbsarbeit passen bzw. direkt mit der Wirtschaft verknüpft sind, aber zweifellos zum alltäglichen Leben und zur alltäglichen Kultur gehören, büßen an gesellschaftlicher Relevanz ein (vgl. ebd.).

Dieses „Schicksal der Moderne“ zeigt sich im heutigen Wandel der Arbeitswelt im sozialstaatlichen Gefüge: Gerade Deutschland[1] setzt besonders stark auf die Finanzierung durch Beiträge von Arbeitgebern und –nehmern, also auf den Faktor Erwerbsarbeit. Dieses Konzept des (männlichen) Normalarbeitsverhältnisses erodiert seit den 1970er Jahren jedoch immer mehr (vgl. ebd., S. 260).

Vor diesem Hintergrund drängen sich zwei Fragekomplexe auf, die auch nur in einem Netz gedacht und beantwortet werden können. Zum einen, auf welche Weise sind der Sozialstaat und der (Kapital- und Arbeits-) Markt miteinander verknüpft, sodass bestimmte Gruppen von Menschen in den Markt inkludiert oder exkludiert werden und folglich auf das sozialstaatliche System angewiesen sind oder nicht? Vor allem interessiert dabei der Konflikt, dass der Sozialstaat per se für gleiche Chancen seiner BürgerInnen plädiert, während auf dem Markt effizient und völlig unpersönlich agiert wird. In diesem Sinne kann danach gefragt werden, welche Rolle der Wohlfahrtsstaat und der Markt in der Konzeption von individuellen Lebensverläufen und Lebensqualitäten spielen. Zum anderen entwickeln sich, so wird die Betrachtung der wohlfahrtsstaatlichen Geschichte genauer zeigen, Kategorisierungen von Erwerbstätigkeit. Es wird immer wieder Gegenstand dieser Hausarbeit sein zu hinterfragen, welche Bedeutung diesen (willkürlich gesetzten) Kategorien zufällt, wenn es letztendlich auch um Lebensqualität und Chancengleichheit der (deutschen) BürgerInnen geht.

2. Die Ursprünge des Wohlfahrtsstaats und die Bedeutung der Reichsstatistik

Den Blick auf die Geschichte des deutschen Sozialstaates zu richten, lohnt sich sehr, weil hier deutlich wird, dass und inwieweit der Wohlfahrtsstaat „an active force in the ordering of social relations“ (Esping-Andersen 1990, S. 23) darstellt.

Der Beginn des Sozialstaates wird in das 19. Jahrhundert und die Ära Otto von Bismarcks gelegt. Zwar bedeutet die Ära Bismarcks nicht die „Stunde Null“ einer (gesetzlichen) Absicherung der Arbeiter gegen Krankheit, Invalidität und Altersarmut, jedoch sind diese Reformen aus den 1880er Jahren bis heute prägend für den deutschen Wohlfahrtsstaat (vgl. Gawrich/Knelangen 2009, S. 9). Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden immer mehr west- und mitteleuropäische Länder von der englischen Industrialisierung erfasst und damit stand auch in Deutschland ein gesellschaftlicher Umbruch vor der Tür. Die Verwandlung der bisherigen Agrargesellschaft in eine Industriegesellschaft hatte mehrere Folgen: Zum einen stieg zwischen 1850 und 1882 die Zahl der ArbeiterInnen von 0,8 auf sechs Millionen an (vgl. Alber 1989, S. 45) und es entstanden Großunternehmen, bei denen die Arbeiterzahlen ebenfalls wuchsen: zwischen 1882 und 1907 stieg die Zahl von 1,6 auf 5,6 Millionen (vgl. Kruke 2009, S. 20). Landflucht und das „Explodieren“ der Städte waren die Folge. Zudem brachte der Produktivitätszuwachs in Landwirtschaft und Industrie auch Transportmöglichkeiten mit sich und ermöglichte überlokale und –regionale Märkte (vgl. Ritter 2010, S. 46).

Dieser Wandel war innerhalb der Gesellschaft durchaus spürbar. Bisher gehörte die Armut zu den quasi zwangsläufigen Phänomenen, der sich die Massen nicht entziehen konnte, und die besonders virulent in den Städten auftrat. Die Industrialisierung führte nun dazu, dass althergebrachte Ordnungs- und Wertvorstellungen an Unumstößlichkeit verloren (vgl. Ritter 1991, S. 30-34). Was früher an kommunaler Armenfürsorge durch „christliche Nächstenliebe“ organisiert wurde, hielt unter den Verelendungserscheinungen der Industrialisierung aufgrund der Überforderung und des Veränderungsdrucks nicht stand (vgl. Kruke 2009, S. 20).

Im Gegensatz zu bspw. Frankreich oder England nutzten die deutschen Staaten vor allem den Staat „als Instrument zur Lösung der neuen sozialen Probleme“ – hauptsächlich weil hier noch „ältere Vorstellungen, Traditionen und Ordnungssysteme“ (Ritter 2010, S. 47) herrschten. Was also entstand, war ein gesetzliches Absicherungssystem für die ArbeiterInnen, das bei Krankheit (1883), bei einem Unfall (1884) sowie für Altersarmut und Invalidität (1889) greift (vgl. Kruke 2009, S. 23). Der Staat wird durch Otto von Bismarck zum „bonus pater familias“ – zum guten Vater der Familie (vgl. Bude 2003, S. 292). Und mehr noch, er schuf damit die Grundlage für die Autonomie des Einzelnen, der nun mit einem relativ kontinuierlichen Lebenslauf rechnen konnte (vgl. Kohli 2004, S. S. 225).

Offenbar geht der Begriff des Sozialstaates in Deutschland auf Lorenz von Stein (1876) zurück, der diesen bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts benutzte (vgl. Ritter 2010, S. 11) und wie folgt definierte:

Der Staat müsse „die absolute Gleichheit des Rechts gegenüber allen jenen Unterschieden [der Klassen] für die einzelne selbstbestimmte Persönlichkeit durch seine Gewalt aufrecht halten, und in diesem Sinne nennen wir ihn den Rechtsstaat. Er muß aber endlich mit seiner Macht wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt aller seiner Angehörigen fördern, weil zuletzt die Entwicklung des Einen stets die Bedingung und eben so sehr Consequenz der Entwicklung des Andern ist; und in diesem Sinne sprechen wir von dem gesellschaftlichen oder dem socialen Staate“ (Von Stein 1976, S. 215, Herv. i. Org.).

Neben den sozialen Fortschritten für den einzelnen Bürger und die einzelne Bürgerin, für die Von Stein sich hier ausspricht, ging es Bismarck vornehmlich um die Integration der ArbeiterInnen. „Die Arbeiter sollten durch die Aussicht auf eine […] materielle Sicherung für die Zeit nach dem Verlust ihrer Arbeitsfähigkeit an den Staat gebunden und damit für das Projekt der Industrialisierung innerhalb der bestehenden sozialen Ordnung mobilisiert werden“ (Kohli 2004, S. 224). Damit war das Versicherungssystem vor allem für die entstehende Arbeitsgesellschaft gedacht, sodass Bismarck sich im Endeffekt eine „proletarische Elite“ aufbaute, die zwar nicht die objektiv Bedürftigsten waren, aber „am klarsten die neue Lebensform der Lohnarbeit realisierten und am stärksten ein politisch-soziales Bedrohungspotential darstellten“ (ebd.).

Bis heute ist der Angelpunkt für Versicherungen immer noch die Arbeitskraft als einzahlende und folglich auch „zuvorderst anspruchsberechtigte [Kraft]“ (Kruke 2009, S. 24). ArbeiterInnen wurden zu BürgernInnen der Arbeitsgesellschaft gemacht, alle anderen („nicht Arbeitenden“) hatten zu diesem Bürgerrecht keinen Zugang. Dass auf diese Weise eine große Menge der Gesellschaft, v.a. (Haus)Frauen, aus dem versicherten Rahmen herausfielen, wurde auch durch die Reichsstatistik ermöglicht. In Deutschland wurden zu der Zeit zusehends mehr statistische Informationen veröffentlicht und waren nicht mehr nur den Herrschenden vorbehalten. Dadurch wurde die Bevölkerung als ein „dynamisches Kräftefeld und Ressource für Reichtum, Arbeitsfähigkeit und Wachstum“ (Wobbe 2012, S. 43) angesehen. Es wurde bereits gesagt: Bismarck hatte erkannt, dass die Bevölkerung und insbesondere die Arbeiter für ihn als Gegenstand politischer Interventionen genutzt werden konnten.

In dieser Reichsstatistik wurden alle Personen hinsichtlich ihres Verhältnisses zu einem Beruf erfasst: als Erwerbende bzw. Versorgende auf der einen Seite und als Angehörige bzw. Versorgte auf der anderen Seite (vgl. ebd., S. 46). Damit unterteilte sich die Gesellschaft in einen aktiven und einen passiven Teil. Aktiv waren all jene, die wirtschaftlich selbstständig waren und folglich – im Sinne eines Sozialstaates – Beiträge zahlen konnten. Zum passiven Teil der Bevölkerung zählten die wirtschaftlich abhängigen LeistungsempfängerInnen. Eine ganz entscheidende Folge, die sich aus dieser Kategorisierung ergab, war (und ist), dass Menschen nicht hinsichtlich ihrer Tätigkeiten eingeteilt und bewertet wurden, sondern der Kontext entscheidend war, in dem sie sich bewegten: entweder im Beruf oder im Haushalt (vgl. ebd., S. 46-47). Die Folge dieser Art der Berufszählung bzw. Reichsstatistik war, dass sich der Hauptberuf zu dem gesellschaftlichen Kennzeichen erhob und damit auch auf eine gewisse Lebensstellung verwies (vgl. ebd., S. 47), denn nun war Arbeit eine „produktive, markt- und geldvermittelte Leistung“ (ebd., S. 45).

Der Begriff der „Arbeitsgesellschaft“ meint auch genau das: „Arbeit [wirkt] als gesellschaftsprägendes Strukturprinzip. Und zwar im Hinblick auf Integration, Konflikte, Selbstbild, Entwicklung und Dynamik der Gesellschaft“ (Schröder 2012, S. 25). Das Leitbild war (und ist) der männliche Arbeitnehmer, der einen Beruf erlernt und in diesem in Vollzeit seinen Sozialversicherungspflichten nachkommen kann (vgl. Ritter 2010, S. 260). Damit trat eine neue Besonderheit auf: Indem der Einzelne erfasst und klassifiziert wurde, konnten Personengruppen abgebildet werden, die ähnliche Muster oder Personenmerkmale aufwiesen. Bismarck maß in seiner Sozialversicherung prinzipiell keinen Wert der Staatsangehörigkeit bei, sondern legte die Kategorie der Erwerbstätigkeit als ausschlaggebend fest[2].

Des Weiteren hat damals wie heute das Kostenargument eine Rolle gespielt: Um die Unternehmen im Land nicht mit zusätzlichen Kosten zu belasten, fuhr Bismarck eine nachsorgeorientierte Sicherung, indem soziale Notlagen erst bei ihrem Auftreten versucht wurden abzufedern. Dies war der erste Schritt weg von einer präventionsorientierten Sozialpolitik und hin zu einer Sichtweise, die „Sozialpolitik in erster Linie ‘als Kostenfaktor‘ versteht“ (Knecht 2010, S. 236).

Diese kurze Rückschau auf die Anfänge des Sozialstaates machen sichtbar, „welche geringe Bedeutung die Probleme und – so könnte man heute anfügen – die Bedürfnisse, die Ressourcen und die Gesundheit der Arbeiter in diesem Prozess hatten, und in welchem Ausmaß stattdessen diese Prozesse von der politischen Machtkonstellation jener Zeit abhängig waren“ (ebd., S. 136-137). Insgesamt ist der deutsche Sozialstaat aber über das „Bismarcksche konservative Modell eines beitragsfinanzierten Sozialstaates“ hinausgewachsen, indem sich ein „dichtgeknüpftes, quasi-universalistisches Arrangement“ (Leisering 2000, S. 100) entwickelt hat. Dieses „Arrangement“ funktioniert als Netz aus mehreren Akteuren. Im Folgenden sollen daher die sozialstaatliche Politik, der Markt (sowohl Arbeits- als auch Kapitalmarkt) und die individuellen Lebensverläufe zusammengebracht werden.

Die Idee dahinter ist zu zeigen, dass jene Verknüpfungen einen Vergesellschaftungsmodus konstruieren, durch den individuelle Lebensverläufe strukturell abhängig sind (vgl. Lessenich 2003, S. 17) und Kategorien wie „aktive und passive Bevölkerung“ (re)produziert werden.

[...]


[1] In dieser Hausarbeit soll größtenteils auf internationale Bezüge verzichtet werden, um dafür tiefer in die Geschichte des deutschen Wohlfahrtsstaats einzusteigen – auch, um die bis heute große Bedeutung der damals gesetzten Kategorien zu verstehen.

[2] Wollte Bismarck dennoch einige Gruppen ausländischer Arbeiter (z.B. polnische Wanderarbeiter) aus seinem Sozialversicherungssystem ausschließen, musste auf dem Verwaltungsweg die vorübergehende Definition der Erwerbsarbeit geändert werden (vgl. Conrad 2003, S. 61).

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Details

Titel
Erwerbsarbeit als Schlüsselkategorie im Gefüge sozialstaatlicher Regulierung und ökonomischer Prinzipien
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie der Statistik
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V323182
ISBN (eBook)
9783668223158
ISBN (Buch)
9783668223165
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wohlfahrtsstaat, Reichsstatistik, Lebenslauf, Erwerbsarbeit, Deutscher Sozialstaat, Arbeit und Geschlecht, Normalarbeitsverhältnis, Arbeitsgesellschaft, Marktmechanismen
Arbeit zitieren
Laura Röhrs (Autor), 2014, Erwerbsarbeit als Schlüsselkategorie im Gefüge sozialstaatlicher Regulierung und ökonomischer Prinzipien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323182

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