Widerstandspotenziale in Foucaults Machttheorie


Bachelorarbeit, 2015

33 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einordnung Foucaults in die Politische Theorie
2.1. Der „Antikontraktualist“ Foucault
2.2. Der „Experimentator“ Foucault
2.3. Machtanalyse statt Machttheorie

3.Macht und Widerstand
3.1. Traditioneller Macht- und Widerstandsbegriff
3.2. Foucaults Machtbegriff
3.2.1. Gleichzeitigkeit von Macht und Widerstand
3.2.2. Produktivität der Macht
3.2.2.1. Das Sexualitätsdispositiv
3.2.2.2. Die Illusion der Befreiung
3.2.3. Implikationen für den Widerstandsbegriff
3.2.3.1. Widerstand als Ethos
3.2.3.2. Widerstand als Kritik

4. Kritik an Foucault
4.1. Fraser
4.2. Habermas
4.3. Lemke

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand“ (Foucault 1983: 96). Diese Aussage Foucaults in seinem Buch „Der Wille zum Wissen“ aus dem Jahre 1976 hat für sehr viel Verwirrung gesorgt. Vor allem in Verbindung mit seiner Diagnose einer „Allgegenwart der Macht“ (Foucault 1983: 94). Diese Feststellung kann beruhigend stimmen, da die Macht omnipräsent ist und der Widerstand daher auch als ihr ständiger Begleiter auftritt. Somit ist immer in Rechnung zu stellen, dass eine alternative Welt, also eine andere gesellschaftliche Ordnung, immer möglich bleibt (Vgl. Hechler/Philipps 2008: 7).

Im Gegensatz dazu hat Foucault für sehr viel Konfusion gesorgt, da in seiner eigenen Machtkonzeption, die Macht vor allem als ein produktives Prinzip begriffen wird, das den Gesellschaftskörper von unten und von überall her durchdringt. Daher wird ihm von Kritikern vorgeworfen, er spreche einem funktionalistischen Machtbegriff das Wort, er würde die Macht nicht-normativ, sondern deskriptiv analysieren.1 Somit habe er keinen Begriff von legitimer oder illegitimer Macht, sondern verabsolutiere „die Macht“, die alles durchdringe. Aus Sicht vieler Kritiker, v.a. Habermas, macht seine Feststellung, dass es auch überall Widerstand gibt, es nicht besser: Wo soll sich der Widerstand formieren, wenn es kein klar lokalisierbares Machtzentrum mehr gibt, z. B. den Staatsapparat? Kann es überhaupt noch Widerstand außerhalb der Macht geben oder ist jeglicher Widerstand schon immer ins Machtsystem integriert und trägt somit zur Erhaltung der gegenwärtigen Strukturen bei? Auf welchen normativen Bezugsrahmen soll sich der Widerstand dann noch stützen?

Die folgende Arbeit befasst sich mit der Auffassung Thomas Lemkes, der in seinem Buch „Eine Kritik der politischen Vernunft - Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität“ aus dem Jahre 1997, das innovative Potenzial der Machtanalyse Foucaults betont. Foucault, so Lemke, sei sich seiner eigenen Paradoxien sehr wohl bewusst gewesen - der Vorwurf, bzw. die Aufforderung seitens der Kritiker an ihn, seine „normativen Wertentscheidungen [zu] explizieren“ (Lemke 1997: 23) und sich politisch klar zu positionieren - seien kontraproduktiv (Vgl. ebd.).

Neben Habermas übe auch Fraser, die zweite bedeutende Kritikerin Foucaults, so Lemke, rationalistische Kritik an Foucault und ginge dabei von ihren eigenen Prämissen eines rein negativen Machtbegriffes aus, der sich in Kategorien der Unterdrückung bewege und den Foucault ja gerade überwinden wollte (Vgl. Lemke 1997: 24)2.

Die Hinwendung Foucaults in seiner letzten Werksphase zum Subjekt und zur Ethik stellt nach Habermas das Hineinschlittern Foucaults in einen „heillosen Subjektivismus“ (Habermas 1985: 324) dar aufgrund der Aufgabe seiner Machtproblematik und seiner Hinwendung zum Subjekt. Lemke hingegen sieht darin kein „theoretisches Scheitern“ (Lemke 1997: 28), sondern eine „Erweiterung“ (Lemke 1997: 29) der Machtproblematik zum Subjekt hin.

In dieser Arbeit soll gezeigt werden, dass Foucault, indem er sich in seinem Spätwerk v.a. für Ethik interessiert, seine Machtanalyse erweitert und damit fruchtbare Anschlusspotenziale für Widerstandsmöglichkeiten bereitstellt jenseits normativer Begründungspflichtigkeit. Wie vor allem in der Konzeption von Widerstand als „Ethos“, als einer „philosophischen Grenzhaltung“ ersichtlich werde, bestehe das Problem heute nicht mehr in einer Macht, die unterdrückend wirke und somit „auszumerzen“ (Formulierung A.S.) wäre - sondern vielmehr darin, dass Macht selbst Wahrheiten produziere, ergo: positiv sei (Vgl. Lemke 1997: 32, vgl. auch Foucault 1984a: 702 ff.).

Somit lassen sich das „Ethos“ als „kritische Ontologie unserer selbst“ (Foucault 1984a: 706), das als individuelle Haltung der Kritik unserer Gegenwart und der „Probe auf ihre mögliche Überschreitung“ (Foucault 1984a: 707) und die Einnahme einer „Grenzhaltung“ (Foucault 1984a: 702) abzielt, als effektivere und realistischere Widerstandsformen der Ära der modernen Machtmechanismen ansehen, die sich nicht auf letzte normative Werte gründen. Ebenso wichtig scheint Foucaults Kant-Rezeption und sein Begriff der Kritik als „Kunst“, nicht dermaßen regiert zu werden“ (Foucault 1992: 12). Diese Widerstandsformen sind - gerade weil sie sich selbst nicht als begründungspflichtig ansehen - effizient.

In dieser Arbeit geht es darum, aufzuzeigen, dass das innovative Potenzial an Foucault gerade jenes ist, dass er normativ offen lässt (nach meiner Lesart), wie Widerstand zu geschehen habe und welche normative Grundierung er haben müsse, sprich: Abschied nehmen von der traditionellen Vorstellung, dass die Macht unterdrückend auf unsere Bedürfnisse wirke, im Staatsapparat lokalisiert sei und sich unser Widerstand daran zu bemessen habe, ob die Macht illegitimerweise ausgeübt werde3. Davon wird in der politischen Theorie gemeinhin ausgegangen, zumal in der liberalen Theorieversion von Habermas, der sehr normativ argumentiert und einen Machtbegriff anführt, der davon inspiriert ist, dass es auf der einen Seite autonome Individuen gebe mit ureigenen Rechten und eine legitime Grenze des Staats- bzw. Machthandelns.

Foucault geht genau den anderen Weg, er stellt die politische Theorie sozusagen „auf den Kopf“. Er siedelt die Macht als von unten kommend an, in dergestalt, dass sie als Netz den gesamten Gesellschaftskörper durchzieht und letztlich der Staatsapparat, die Institutionen und die Souveränität, in der der Ursprung der Macht gewöhnlich lokalisiert wird, ein Effekt von ursprünglicheren Machtkonstellationen an der Basis sind (Vgl. Foucault 1983: 94ff.). Dies hat schwerwiegende Implikationen für den Widerstandsbegriff, wie zu zeigen sein wird. Widerstand kann, wenn man davon ausgeht, dass alles per se von Macht besetzt ist und Macht produktiv wirksam ist, nicht mehr von der Prämisse ausgehen, dass man ein ursprüngliches Bedürfnis, z.B. die ,,natürliche“ Sexualität befreit, indem man die unterdrückenden Strategien der Macht entlarvt und somit die Macht „abschafft“.

Kurzum: Es geht darum, aufzuzeigen, wie gerade die normative Beliebigkeit, bzw. das Fehlen von begründbaren Normen, die Vorwürfe der Inkonsistenz an Foucault seitens der Kritiker, das innovative Potenzial seiner Machtanalyse und der damit verbunden Möglichkeiten des Widerstandes darstellen.

Die Arbeit gliedert sich wie folgt:

Anfangs findet eine Einordnung Foucaults in die Politische Theorie statt. Es soll deutlich werden, dass Foucault „anders denkt“, dass es ihm nicht darum geht, mit gesättigten Vorannahmen und einem theoretischen Rahmen an Forschungsgegenstände heranzugehen, sondern ums „Experimentieren“ und um die Arbeit „im Feld“.

Der Titel der vorliegenden Arbeit wird insofern obsolet, als dargestellt wird, dass es Foucault um eine Analyse der Macht geht, er also von seiner Ausgangsintention her nicht vorhat, ein theoretisch konsistentes Theoriegebäude aufzubauen, das mit ontologischen Vorannahmen, wie die Macht ihrem Wesen nach zu sein habe, an ihren Untersuchungsgegenstand herangeht. Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist es, dass Foucault ein handlungstheoretisches Modell der Macht - besser: der Mächte, die Macht im Singular gibt es für Foucault nicht - (Vgl. u.a. Foucault 1981a: 228) vorlegt, dies bedeutet, dass Macht immer in Beziehungen zu denken ist und sowohl in Strategien als auch Wirkungen aufeinander (Vgl. u.a. Eser 2005: 156). Ich werde mir seine Interpretation von Macht als strategische Beziehung zwischen Individuen zu Eigen machen, was im späteren Teil erhellt wird, indem Widerstand als Ethos gesehen wird, also als etwas individuell Geartetes.

Nachdem Foucault in die Politische Theorie eingeordnet wurde, bzw. nicht eingeordnet, da er meines Erachtens nicht einzuordnen ist - das würde seinem eigenen Anspruch zuwiderlaufen - wird im dritten Teil auf das Verhältnis von Macht und Widerstand eingegangen. Der traditionelle Machtbegriff wird erläutert und damit die Implikationen für den Widerstandsbegriff. Im Anschluss wird zu Foucaults Machtbegriff übergeleitet. Als roter Faden und als implizit immer mitzudenken gilt dabei, Foucaults These einer Gleichzeitigkeit von Macht und Widerstand, die unter anderem anhand eines Interviewausschnitts erläutert wird.4

Danach wird die Produktivität der Macht in Foucaults Analyse betont im Gegensatz zur reinen Negationsfunktion der Macht in traditionellen polittheoretischen Vorstellungen. Es soll deutlich werden, dass Macht sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie etwas „produziert“ - und nicht als reine Abschöpfungs- und Verbotsinstanz von oben wirkt. Dies hat schwerwiegende Implikationen für den Widerstandsbegriff.

Das Konzept von Macht als eine Produktivmacht wird kurz anhand des „Sexualitätsdispositivs“ aus Foucaults Buch „Der Wille zum Wissen“ illustriert. Nachdem die Machtbegriffe und die Entwicklungen des Machtbegriffs dargestellt wurden, werden daraus die Implikationen für den Widerstandsbegriff gezogen.

Der Reduktion der Komplexität halber werde ich mich auf folgende Widerstandskonzeptionen bei Foucault konzentrieren, die meines Erachtens besonders akzentuieren, dass sich Widerstand nicht auf letztbegründbare Normen mehr stützen kann, sondern individuell gestaltet wird in Form einer Negation, Abweisung herrschender Wahrheiten: Widerstand als Ethos und Widerstand als Kritik.

Nachdem Foucaults Macht- und Widerstandskonzeption expliziert wurde, soll anschließend zu den Kritikern Foucaults übergegangen werden.

Für viele von Ihnen stellt Foucault ein „Buch mit sieben Siegeln“ dar, „Was willst du?“ oder „Was steht hinter deiner kritischen Arbeit?“ (Ewald 1978: 9) - zugespitzt und plakativ formuliert, liefen darauf die Versuche hinaus, Foucault auf eine Position festzulegen. Oft werfe man ihm vor, so Francois Ewald, ein Foucault-Schüler, „wie eine Katze um den heißen Brei herumzuschleichen.“ (Ewald 1978: 9).

An erster Stelle befasse ich mich jedoch mit Nancy Fraser, die den empirischen Reichtum Foucaults lobt, aber auch normative Defizite anmahnt (Vgl. Fraser 1994). Sodann Jürgen Habermas, der Foucault auf eine normative Perspektive festlegen will und von seinem Standpunkt einer normativistischen Machttheorie aus argumentiert (Vgl. Habermas 1985). Zu guter Letzt - Thomas Lemke, dessen Auffassung ich mir zu Eigen mache, der das innovative Potenzial des Foucault‘schen Machtbegriffs betont und v.a. auf Foucaults letzte Werkphase und der damit verbundenen expliziten Hinwendung zum Subjekt verweist.

Die Forschungsfrage lautet:

Inwiefern bietet Foucaults Konzeption von Macht und Widerstand innovatives Potenzial jenseits normativistisch-liberaler Theorien?

Foucault hat eine Menge publiziert und war sich selbst seiner Widersprüchlichkeit und theoretischen Inkonsistenzen bewusst. Es gibt bereits etliche Sekundärliteraturen mit jeweils unterschiedlichen Interpretationen.

So ist es unvermeidlich, dass auch ich mir eine Sicht zu Eigen mache. Ich nehme v.a. in meinen Ausführungen zu Foucaults Widerstandsbegriff Bezug auf seine Thesen einer Gleichzeitigkeit von Macht und Widerstand und von Macht und Widerstand als Beziehung. Ich beziehe mich dabei auf Interviews, die Foucault immer wieder gegeben hat, begleitend zu seinen Vorlesungen und Büchern.

Meine Darstellung Foucaults kann zwangsläufig nur verkürzt sein, bzw. im Rahmen dieser Arbeit muss ich einige Aspekte von Foucaults Machtbegriff- bzw. Widerstandsbegriff aussparen, zumal in der Sekundärliteratur Uneinigkeit besteht hinsichtlich dieser beiden Begriffe in seinem Werk.

An dieser Stelle, um Konfusionen vorzubeugen: Wenn von Individuum in der folgenden Arbeit die Rede ist, wird damit das von Foucault als von der produktiven Macht produzierte „Disziplinarindividuum“ (Foucault 1976a: 396) bezeichnet.

Wenn in Zusammenhang mit Foucault von Subjekt die Rede ist, so wird nicht von einem naturgegebenen autonomen Subjekt (wie das in der liberalen Theorie, z.B. bei Habermas der Fall ist) ausgegangen, das seine schon immer naturwüchsig gegebenen Rechte gegenüber der legitimen Grenze des Staatshandelns verteidigt, wie dies in den ontologischen Prämissen der liberalen Theorien der Fall ist. Vielmehr, so sollte im Kapitel über Widerstand als Ethos, bzw. Kritik deutlich werden, muss sich das „Disziplinarindividuum“ erst zu einem Subjekt autonomisieren. Also: Hier geht es um fundamentale ontologische Differenzen: Sieht man ein Subjekt als naturgegeben an, gleichbedeutend mit Individuum, wie das in liberalen Theorien der Fall ist, oder differenziert man wie Foucault zwischen einem „Disziplinarindividuum“, das allein durch die Macht konstituiert wird, oder, wie zu zeigen sein wird, in seiner späteren Werksphase einem Subjekt, das sich erst selbst konstituieren muss und hier den Differenzpunkt zu früheren Positionen markiert, also praktisch ist im Spätwerk Foucaults das Subjekt ein Disziplinarindividuum, dass sich erst zu einem Subjekt autonomisieren muss, also im Gegensatz zu liberalen ontologischen Prämissen ein nicht schon immer naturwüchsig autonom gegebenes Subjekt, sondern ein erst innerhalb von Machtmechanismen zu konstituierendes, annähernd autonomes Subjekt.

Um die Leserlichkeit zu gewährleisten, verzichte ich darauf, Texte, die in den alten Regeln der deutschen Rechtschreibung publiziert worden sind, mit [sic!] zu kennzeichnen. Dies betrifft vor allem das „ß“, welches in den Originalzitaten als solches ohne [sic!]-Verweis bestehen bleibt.

Orthographische Fehler werden mit [sic!] weiterhin gekennzeichnet.

2. Einordnung Foucaults in die Politische Theorie

„ Souverän, Gesetz, Verbot bildeten ein System von Machtrepräsentanzen, das in der Folgezeit von den Theorien des Rechts weiter vermittelt wurde: die politische Theorie hat nie aufgehört, von der Person des Souveräns besessen zu sein. Diese Theorien befassen sich noch alle mit dem Problem der Souveränität. Was wir jedoch brauchen, ist eine politische Philosophie, die nicht um das Problem der Souveränität, also des Gesetzes, des Verbots herum konstruiert ist. Man muss dem König den Kopf abschlagen: das hat man in der politischen Theorie noch nicht getan.“(Foucault 1978a: 38)5

2.1. Der „Antikontraktualist“ Foucault

Das einleitende Zitat stellt eine plakative Selbstverortung Foucaults dar. Im Folgenden werde ich zuerst zeigen, inwiefern Foucault als „Antikontraktualist“ gelten kann - damit meine ich, inwiefern sich Foucault von der traditionellen politischen Theorie unterscheidet, die ja sehr oft als Vertragstheorie konzipiert ist.

Eine gute Übersicht dazu bietet Axel Honneth in seinem Werk „Kritik der Macht - Reflexionsstufen einer kritischen Gesellschaftstheorie“, der Foucault wie folgt einordnet: In der klassischen Politikwissenschaft und der marxistisch inspirierten Sozialtheorie „stellt Macht einen vertraglich geregelten oder gewaltsam angeeigneten Besitz dar, der den politischen Souverän dazu berechtigt oder ermächtigt, mittels zentral gelenkter Institutionen repressive Herrschaft auszuüben“ (Honneth 1985: 173). Beide Theorietraditionen verorten die Macht in den Händen eines Machthabers, „der geeignet erscheinende Mittel anwendet, um diejenigen Verbote und Anweisungen durchzusetzen, die es erlauben, Herrschaftszwecke zu realisieren; die klassische Politikwissenschaft denkt sich den Besitz der Macht nach einem juristischen Vertragsmodell als eine Übertragung von Rechten, die marxistische Herrschaftstheorie begreift den Besitz der Macht nach einem etatistischen Modell als eine Aneignung des Staatsapparates“ (Ebd..).

Demgegenüber, so Honneth, habe Foucault einen strategischen Machtbegriff.6 Foucault gehe nicht davon aus, dass es einen gesellschaftlichen Akteur gebe, „dem Macht als vertraglich oder gewaltsam angeeigneter Besitz zugerechnet wird“. Vielmehr sei „Macht […] das prinzipiell labile und unabgeschlossene Produkt der strategischen Auseinandersetzung zwischen Subjekten (Kursivdruck A. S.)“ (Honneth 1985: 173f.).

Soviel zur Einordnung Foucaults in die politische Theorie aus Sicht Honneths. Wichtig ist: Macht wird von Foucault entgegen der ideengeschichtlichen Tradition nicht als etwas vertragsmäßig Übereignetes (z.B. Alle Gesellschaftsmitglieder schließen einen Vertrag und übereignen die Macht an den Souverän) angesehen. Insofern bezeichne ich Foucault als „Antikontraktualisten“, um pointiert seinen Kontrapunkt zu üblichen Theorietraditionen deutlich zu machen.

Wie im Weiteren zu zeigen sein wird, hat dieses Verständnis auch Auswirkungen auf die Vorstellung von Widerstand - Widerstand nicht gegen eine unterstellte Repressionsmacht, sondern, wie angedeutet, innerhalb einer strategischen Machtbeziehung.

2.2. Der „Experimentator“ Foucault

Nachdem nun allgemein dargestellt worden ist, wie sich Foucault zur Politischen Theorie der Macht basal verhält, erscheint mir, um ein weitergehendes Verständnis Foucaults und seines Macht- und Widerstandsbegriffes zu entwickeln, wichtig, seine Herangehensweise kurz anhand eines Zitats aus einem Gespräch mit Ducio Trombadori aus dem Jahre 1980 zu illustrieren. Dort stellt Foucault heraus, dass er sich seinen Forschungsmaterien aus der Perspektive einer Erfahrung annähert, die fortlaufend sich selbst revidiert. Dies erklärt auch, wie noch zu zeigen sein wird, die unterschiedlichen Akzentuierungen seines Machtbegriffs.

„Ich denke niemals völlig das gleiche, weil meine Bücher für mich Erfahrungen sind, Erfahrungen im vollsten Sinne, den man diesem Ausdruck beigeben kann. Eine Erfahrung ist etwas, aus dem man verändert hervorgeht […] Ich schreibe nur, weil ich noch nicht genau weiß, was ich von dem halten soll, was mich so sehr beschäftigt. So daß das Buch ebenso mich verändert wie das, was ich denke.“ (Foucault 2008: 1585).

Sodann macht er eine Selbsteinschätzung bezüglich seines eigenen wissenschaftlichen und theoretischen Stils, der auch erklären könnte, warum es so viele Nuancierungen, Paradoxien und Inkonsistenzen an seinem Machtbegriff aus Sicht vieler Kritiker gibt: „Ich bin ein Experimentator und kein Theoretiker. Als Theoretiker bezeichne ich jemanden, der ein allgemeines System errichtet, sei es ein deduktives oder ein analytisches, und es immer in der gleichen Weise auf unterschiedliche Bereiche anwendet. Das ist nicht mein Fall. Ich bin ein Experimentator in dem Sinne, daß ich schreibe, um mich selbst zu verändern und nicht mehr dasselbe zu denken wie zuvor.“ (Foucault 2008: 1585f.)

In diesem Sinne wird Foucault im nächsten Gliederungspunkt auch als Machtanalytiker statt - theoretiker angesehen.

2.3. Machtanalyse statt Machttheorie

Auf die Frage, ob wir eine Theorie der Macht brauchen, antwortet Foucault sich selbst in seinem Vortrag „Subjekt und Macht“ aus dem Jahre 1982: „Da jede Theorie eine Objektivierung voraussetzt, kann keine Theorie als Grundlage für die Analyse dienen.“

(Foucault 1982: 270).

Foucault möchte die Frage nach der Macht anders stellen und mit dem „Wie“ beginnen (Vgl. Foucault 1982: 281). Er möchte in Erfahrung bringen, „was man eigentlich inhaltlich meint, wenn man diesen majestätischen, globalisierenden Ausdruck gebraucht.“ (Ebd.). Man würde der Komplexität der Macht nicht gerecht, wenn man permanent nach dem Ursprungsort der Macht frage. (Ebd.).

Es gelte stattdessen die „netzförmige Organisation“ (Foucault 1978b: 82) der Macht zu analysieren, wie Foucault in seiner Vorlesung vom 14. Januar 1976 betont: „Die Macht muß als etwas analysiert werden, das zirkuliert oder vielmehr als etwas, das nur in Art einer Kette funktioniert. Sie ist niemals hier oder dort lokalisiert, niemals in den Händen einiger weniger, sie wird niemals wie ein Gut oder ein Reichtum angeeignet.“ (Foucault 1978b: 82). Macht sei immer beziehungsförmig zu denken: Die Individuen „zirkulieren nicht nur in ihren Maschen [der Macht], sondern sind auch stets in einer Position, in der sie diese Macht zugleich erfahren und ausüben.“ (Ebd.). Das Individuum wird von Foucault als „eine erste Wirkung der Macht“ (Foucault 1978b: 83) konzipiert. Dies hat meines Erachtens schwerwiegende Konsequenzen für die Ausübung von Widerstand. Noch einmal Foucault: „Das Individuum ist also nicht das gegenüber [sic!] der Macht; es ist, wie ich glaube, eine seiner ersten Wirkungen.“ (Ebd.). Mit anderen Worten: Es gibt keine Applikation von Macht auf das Individuum (z.B. in Form einer Unterdrückung eines naturgegebenen Bedürfnisses), sondern „die Macht geht durch das Individuum, das sie konstituiert hat, hindurch.“ (Foucault 1978b: 83).

Hier findet sich meines Erachtens bereits in der Anlage der Analyse eine Vorstellung von Macht als strategischer Beziehung.

[...]


1 Klass führt dazu, bezugnehmend auf Nietzsche, aus: „‘Macht ist überall‘ wird so von einer schlichten Beschreibung eines Phänomens zur Apotheose der Macht selbst: Was überall ist kann man sinnvoll nicht leugnen - weil man sich unglaubwürdig machen würde - und ergo nur anerkennen - was freilich gefährlich nah an ‚gutheißen‘ liegt. Nietzsche - Foucaults großes Vorbild vor allem (aber beileibe nicht nur) in Fragen der Macht - scheint diese Konsequenz mit größter Radikalität gezogen zu haben und ist aus der Entdeckung der Allwirksamkeit von Machtwillen den Schritt zum ‚heiligen Ja‘ zum Willen der Macht gegangen. Ein Schritt, der natürlich nur möglich ist, wenn man sowohl in der Politik wie auch in der politischen Theorie sich jenseits von gut und böse [sic!] zu stellen bereit ist“ (Klass 2008: 149 f.).

2 Diese zwei Kritiken werde ich in der folgenden Arbeit behandeln. Lemke weist auf weitere bedeutende Kritiker Foucaults hin, so z.B. auf Breuer, der Foucault eine „Metaphysik der Macht“ attestiere (vgl. Lemke 1997: 21), oder Taylor, der Foucault vorhalte, „sich zum einen in die Tradition einer kritischen Gesellschaftstheorie einzufügen“ (vgl. Lemke 1997: 15), indem er eine Kritik der Gegenwartsgesellschaft formuliere, andererseits aber „jede Vorstellung eines noch nicht verwirklichten oder unterdrückten Guten ab[lehne]“ (Lemke 1997: 15). Foucault distanziere sich „von der scheinbar unausweichlichen Folgerung [seiner kritischen Analysen, A.S.], dass nämlich die Negation oder die Überwindung dieser Zustände [der Zustände der Gegenwartsgesellschaft, A.S.] ein Gutes fördert“ (Taylor 1984, 294, zit. nach Lemke 1997: 15).

3 Vgl. zum Widerstandsbegriff v.a. die Einleitung von Hechler und Philipps in „Widerstand denken - Michel Foucault und die Grenzen der Macht“ aus 2008, in der ab Seite 8 dargestellt wird, welche Implikationen ein Widerstandsbegriff jenseits der Fragestellung nach „Herrschaftsverhältnisse[n] [hat], die als illegitim eingestuft werden“ (Hechler/Philipps 2008:8). Unter anderem blende die „Fokussierung auf die subjektive[n] Motivationen und den ethisch moralischen Rahmen“ (ebd.) viele Widerstandsformen aus, die dennoch als widerständig erschienen („Nicht legitimiertes, wenig riskantes, nicht als Widerstand intendiertes Verteidigen, Nutzen oder Schaffen von Handlungsspielräumen, zumeist: abweichendes, oft alltägliches und banales Verhalten, das aus der Perspektive der Macht dennoch als widerständig erscheint“ (ebd.).

4 In einem seiner letzten Interviews vor seinem Tod Ende 1984 konkretisiert Foucault seine Konzeption der Ethik als „Sorge um sich als Praxis der Freiheit“, es gehe um eine „Einwirkung des Subjekts auf sich selbst, durch die man versucht, sich selbst zu bearbeiten, sich selbst zu transformieren und zu einer bestimmten Seinsweise Zugang zu gewinnen“ (Foucault 1984b: 876). Näheres dazu in Punkt 3.2.4.1., wobei ich dort den Begriff des „Ethos“ benutzen werde.

5 Foucault in einem Interview. Fettmarkierungen und Unterstreichungen in diesem Zitat von mir.

6 Foucault dazu selbst: „Macht heißt: strategische Spiele. Man weiß sehr wohl, dass die Macht nicht das Böse ist. Nehmen Sie zum Beispiel sexuelle oder Liebesbeziehungen: Über den anderen Macht auszuüben in einer Art offenen strategischen Spiels, worin sich die Dinge umkehren können, ist nichts Schlechtes, das ist Teil der Liebe, der Leidenschaft, der sexuellen Lust“ (Foucault 1984b: 899). Eine Seite weiter spricht Foucault von „Machtbeziehungen als strategischen Spielen zwischen Freiheiten“ (Foucault 1984b: 900).

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Widerstandspotenziale in Foucaults Machttheorie
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Politische Theorie
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
33
Katalognummer
V323282
ISBN (eBook)
9783668225503
ISBN (Buch)
9783668225510
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Foucault, Macht, Widerstand, Habermas, Fraser
Arbeit zitieren
Alexander Schmitt (Autor), 2015, Widerstandspotenziale in Foucaults Machttheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323282

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