Im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Ökonomie. Wie kann ein marktorientiertes Wirtschaftssystem die ökologische Wende schaffen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Konzepte einer nachhaltigen Ökonomie
2.1 Die Ökosoziale Marktwirtschaft
2.2 Postwachstumsökonomie

3. Bewertung der Konzepte

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Welt befindet sich im 21. Jahrhundert in einer erschreckend schwierigen Situation und dies in vielerlei Hinsicht. Wir kämpfen mit ökologischen Problemen, Ressourcen werden immer knapper, es drohen immer mehr und schwerwiegendere Klimakatastrophen und es kommt zu immer größeren Konflikten zwischen den verschiedenen Kulturen (vgl. Radermacher/ Beyers 2011: 7). Diese Liste wäre ohne weiteres fortzusetzen. Kurz um: Global läuft zu viel schrecklich falsch. Obwohl die Menschen der heutigen Zeit immer schneller wissenschaftliche Erkenntnisse und komplexes Wissen erhalten macht es den Eindruck, als würden sie dabei den Blick für das Ganze und die Welt als globale Einheit verlieren (vgl. Kreibich/ Simonis 2000: 7). Die Menschheit kann nicht verleugnen, dass sie selbst eine Hauptschuld an der negativen Entwicklung trägt. In der Zeit der Globalisierung wollen die meisten immer mehr und dies immer schneller. Dabei haben sie gleichzeitig immer weniger Zeit, um das was sie besitzen überhaupt zu nutzen. Familie, Gesundheit und persönliches Glück rücken immer weiter in den Hintergrund. Auf der anderen Seite wird dabei auch die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. Vielen geht es viel zu schlecht, sie müssen Hunger und Durst leiden, vor Kriegen fliehen und gegen lebensgefährliche Krankheiten kämpfen. Daher muss man sich zunächst einmal die Frage stellen: Kann es so weitergehen? Schaffen wir mit unserer Lebensweise überhaupt eine Grundlage für zukünftige Generationen?

Immer mehr Wissenschaftler beschäftigen sich mit diesen Fragen. Es ist in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher geworden, dass ein Wandel der Gesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit notwendig wird. Und dies nicht nur auf sozialer Ebene, sondern auch auf ökonomischer. Dabei dominiert trotz allem der Wunsch nach immer weiteren Wirtschaftswachstum. Es stellt sich letztendlich die Frage, ob zwischen Ökologie und Ökonomie ein vereinbarendes Konzept zu denken ist, oder ob sich beide Paradigmen unweigerlich ausschließen.

In der vorliegenden Arbeit sollen nun zwei Ansätze die sich mit dieser Thematik beschäftigen vorgestellt werden. Zum einen die Idee der „ökosozialen Marktwirtschaft“ nach Franz Josef Radermacher, der mit seiner Konzeption Wirtschaft, Ökologie und sozialen Frieden in Einklang bringen möchte. Hierbei spielt vor allem der „doppelte Faktor 10“ eine wichtige Rolle, welcher eine Verzehnfachung des Weltbruttosozialprodukts bei gleichzeitiger Verzehnfachung der Ökoeffizienz voraussieht. Auf der anderen Seite soll das Konzept der Postwachstumsökonomie nach Niko Paech vorgestellt werden. Paech grenzt sich dabei von Effizienz und Konsistenz ab und legt den Fokus auf einen Wandel der kulturellen Ebene. Hier spielt vor allem der Begriff der Suffizienz eine bedeutende Rolle.

Anhand der vorgestellten Konzepte soll so versucht werden, die Frage zu beantworten: „Sind marktorientierte Wirtschaftssysteme in der Lage die ökologische Wende, mit dem Ziel einer nachhaltigen Ökonomie, zu schaffen?“ Dabei werden zunächst die beiden Konzepte von Radermacher und Paech vorgestellt, bevor es anschließend zu einer Bewertung der Konzepte kommen soll.

2. Konzepte einer nachhaltigen Ökonomie

2.1 Die Ökosoziale Marktwirtschaft

Auf Grund der negativen globalen Entwicklung wird die Notwendigkeit einer nachhaltigen und damit auch zukunftsfähigen Ökonomie immer deutlicher. In diesem Kontext findet vor allem der Begriff einer „Nachhaltigen Marktwirtschaft“ eine immer häufigere Verwendung. Diese Vorstellung einer globalen Ökosozialen Marktwirtschaft stellt dabei ein konkretes Modell dar, um nachhaltige Ökonomie zu operationalisieren. Dieses Modell ist nicht denkbar ohne den Markt, welcher unter den Bedingungen eines Regel- und Restriktionssystems den Wettbewerb hervorbringt. Jedoch muss unter Berücksichtigung der immer prägnanter werdenden globalen und vor allem ökologischen Probleme ein weiteres Restriktionssystem beachtet werden, welches nachhaltiges Handeln gewährleisten kann. Somit werden durch das Modell der Ökosozialen Marktwirtschaft zwei Restriktionssysteme miteinander kombiniert. Es wird zwar weiterhin eine Maximierung der Wirtschaftsleistung angestrebt, allerdings nun unter Berücksichtigung der gegebenen Restriktionen wie zum Beispiel der Menge der erlaubten Emissionen. Daraus leitet sich die grundlegende Fundamentalidentität des Modells ab: Marktwirtschaft kombiniert mit Nachhaltigkeit führt zu einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft (vgl. Radermacher/Herlyn 2012: 71).

Doch woher stammt die Idee zu diesem Ansatz?

Das Konzept der Ökosozialen Marktwirtschaft ist kein fundamental neues Konzept und stellt eine klassisch ordoliberale Position dar. Seine Herkunft findet sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Deutschland vor der Herausforderung stand eine Stagnation der Wirtschaft und große Armut zu überwinden. Die so neu entstandene Ordnung nach dem Konzept der sozialen Marktwirtschaft verfolgte strikten, aber gleichzeitig fairen Wettbewerb unter konkret definierten Regeln wie zum Beispiel einem strengen Kartellrecht (vgl. Radermacher/Beyers 2011: 284). Diese konkreten Bedingungen die durch Sozialrecht, Arbeitsrecht oder das Bildungssystem festgelegt werden, schützen zudem die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft und sichern ein hohes Maß an Lebensqualität für alle. Es geht prinzipiell um sozialen Ausgleich, der an die Beschaffenheit der jeweiligen Länder angepasst werden muss. Durch die fortschreitende Umweltbewegung und das Erwachen eines neuen Bewusstseins im Bezug auf den Schutz der Natur und Ressourcen, wurde die soziale Marktwirtschaft dann, um ökologische Themen erweitert. Im Lauf der Zeit kam der Aspekt der Nachhaltigkeit hinzu und die politischen Systeme der entwickelten Welt begannen sich immer mehr an ökologisch- sozial regulierten Aspekten zu orientieren (vgl. Radermacher/ Beyers 2011: 284- 285).

Die Kombination der beiden Konzepte Nachhaltigkeit und Markt durch die Ökosoziale Marktwirtschaft wirft die Frage auf, wie die beiden Konzepte in der Realität überhaupt miteinander kombiniert werden können. Und ob es in der Zukunft Wachstum geben kann, zumindest Wachstum in der Form die heute bekannt ist. Die Ökosoziale Marktwirtschaft nimmt an, dass genau dies möglich ist. In der richtigen Umsetzung sei ein positives Wachstum welches im Einklang mit dem Konzept der Nachhaltigkeit steht möglich (vgl. Radermacher/ Herlyn 2012: 92). Die Ökosoziale Marktwirtschaft ist eine Operationalisierung einer nachhaltigen Marktwirtschaft, innerhalb eines Systems von Regeln und Restriktionen. Der Markt muss zunächst einem ersten Restriktionssystem genügen, um Wettbewerb zu erzeugen und Güter und Dienstleistungen hervorzubringen (vgl. Radermacher/ Herlyn 2012: 92- 93). Dieses marktstrukturierende Regelsystems setzt sich zusammen aus den vier großen Freiheiten der Marktwirtschaft: Der Freiheit des Eigentums, der Vertragsfreiheit, der Freiheit zur Innovation und der Freiheit zur Kreditaufnahme. Dabei ist das Hervorbringen von neuen Innovationen auf lange Sicht der wichtigste Punkt innerhalb der Konzeption der Ökosozialen Marktwirtschaft. Nur durch technischen Fortschritt und Weiterentwicklung kann der Wohlstand auf lange Sicht erhöht werden und es eröffnen sich neue Perspektiven für die Zukunft (vgl. Radermacher/ Herlyn 2012: 74). Doch dieses erste Restriktionssystem reicht noch nicht aus, um eine nachhaltige Marktwirtschaft zu erhalten. Der Markt muss daher noch einem weiteren Restriktionssystem genügen, um Nachhaltigkeit sicherstellen zu können. Wenn es gelingt das Niveau der Produktion von Gütern trotz dieser Restriktionen in der entwickelten Welt zu halten und in den Entwicklungsländern innerhalb der nächsten Jahrzehnte zu erhöhen, dann kann der Wohlstand unserer Welt auch in Zukunft erhalten werden und sogar um Wohlstandszuwächse in den Entwicklungsländern erweitert werden (vgl. Radermacher/ Herlyn 2012: 93). Das zweite Restriktionssystem, welches Nachhaltigkeit gewährleisten soll, entspricht einem Constraint- System. Dieses Regelsystem vereint die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit: Wirtschaft, Umwelt und Soziales (vgl. Radermacher/ Herlyn 2012: 84).

Neben den Bedingungen welche durch die Restriktionssysteme an den Markt gestellt werden, ist nach dem Konzept der Ökosozialen Marktwirtschaft eine einschlägige Verbesserung der Ökoeffizienz dringend erforderlich. Diese kann nur durch Innovationen und technischen Fortschritt erreicht werden. Ziel ist es, Wachstum von Ressourcenverbrauch zu entkoppeln und die grundsätzliche Definition von Wohlstand zu verändern. Es muss sich ein Wandel von einer stark ressourcenorientierten Konsumgesellschaft, hin zu einer Dienstleistungsorientierung vollziehen (vgl. Radermacher/ Herlyn 2012: 93). Neben der Bedeutung des Nachhaltigkeitsdreiecks für eine ökosoziale Zukunft, hebt Radermacher damit die Bedeutung von Innovationen und dem sogenannten ‚Faktor 10‘ hervor.

Auf Grund der momentanen Lage können sich viele Menschen nicht mehr vorstellen, dass eine Welt mit Wohlstand und weiterem Wachstum in der Zukunft möglich sein kann. Das ständige Streben nach weiterem Wachstum ist für die meisten dabei der Ursprung aller Probleme und die Idee einer Wirtschaft ohne Wachstum gewinnt zunehmend an Zuspruch (Radermacher/ Beyers 2011: 271). Radermacher nimmt an, dass eine Welt die Zukunft haben soll unter allen Umständen erhebliches weltweites Wachstum erzeugen muss. Allerdings eine andere Art von Wachstum als bisher, mit unterschiedlichen Wachstumsraten in den reichen Ländern und den Ländern der sich entwickelnden Welt. Aber auch hier haben der Schutz der Umwelt und der Ressourcen stets Vorrang. Somit ist laut Radermacher die mit Abstand wichtigste zu treffende Entscheidung der weltweiten ökosozialen Marktwirtschaft, die Bestimmung bestimmter Regeln und Begrenzungen für den Zugriff auf besonders kritische Ressourcen. So müssten zum Beispiel Emissionsgrenzen festgelegt und bestimmte Biotope unter strengen Schutz gestellt werden. Somit wird Wachstum in der Ökosozialen Marktwirtschaft als eine Optimierungsaufgabe verstanden die innerhalb genau definierter Grenzen stattfindet, den constraints (vgl. Radermacher/ Beyers 2011: 271- 272). Nur wenn diese eingehalten und respektiert werden, sei dauerhaftes Wachstum in der Zukunft überhaupt möglich. Daher habe es oberste Priorität die Leitplanken zu respektieren. Die drei Ebenen des Nachhaltigkeitsdreiecks, also die ökonomischen, ökologischen und sozialen Fragen, werden in diese constraints übersetzt (vgl. Radermacher/ Beyers 2011: 272).

Hier kommen nun die Innovationen ins Spiel. Laut Radermacher sind die constraints nicht unumstößlich, sondern können sich durch technischen Fortschritt und neue Errungenschaften der Wissenschaft ständig weiterentwickeln (vgl. Radermacher/ Beyers 2011: 272). Ökosoziale Marktwirtschaft kann überhaupt erst unter diesen Bedingungen funktionieren. Wenn unser Handeln und Verhalten durch die Leitplanken der constraints eingeschränkt wird, müssen wir Lösungen finden, um trotz der beschränkten Menge an Ressourcen die dem Markt noch zur Verfügung stehen, weiterhin Wachstum zu erzeugen. Hier hat Radermacher die Vision eines „Faktor 10“ und einer Steigerung der Ökoeffizienz. Mit Blick auf die nächsten 70 Jahre strebt er eine zehnfache Wirtschaftsleistung an, bei einer gleichzeitigen Steigerung der Ökoeffizienz und einem somit gleichbleibenden Verbrauch von Ressourcen. Hierzu seien weltweit durchschnittliche Wachstumsraten von 4 Prozent und eine Verbesserung der Ressourcenproduktivität von 4 Prozent pro Jahr notwendig (vgl. Radermacher/ Beyers 2011: 272 – 273). Auf Grund der leistungsfähigen Innovationssysteme des Marktes und dem damit vorhandenen Potential zur Verbesserung von Prozessen ist dies kein Problem. In der Zukunft besteht viel Raum für weitere, effizientere Innovationen zur Entlastung der Umwelt. Auf Dauer sollte es möglich sein aus einer geringeren Menge an Ressourcen mehr Güter oder Dienstleistungen zu erhalten (vgl. Radermacher/ Beyers 20122: 273). Die Geschichte der Menschheit ist seit je her durch ständigen Fortschritt und Weiterentwicklung geprägt. Daher erscheint es laut Radermacher möglich zu sein einen ‚doppelten Faktor 10‘ zu erreichen und unsere Welt in den nächsten 70 Jahren auf den richtigen Weg zu bringen. Die Welt könnte zehnmal so reich sein wie heute, wobei die Zuwächse in Nord und Süd unterschiedlich wären. Die armen Entwicklungsländer könnten ökonomisch und sozial aufholen und Ressourcenknappheit könnte durch eine strenge Zuweisung innerhalb des Regelsystems und neue Technologien bekämpft werden (vgl. Radermacher/ Beyers 2011: 274 - 275).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Ökonomie. Wie kann ein marktorientiertes Wirtschaftssystem die ökologische Wende schaffen?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
Seminar Politische Theorie: NAchhaltigkeit und Gerechtigkeit
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V323303
ISBN (eBook)
9783668225367
ISBN (Buch)
9783668225374
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spannungsfeld, ökologie, ökonomie, wirtschaftssystem, wende
Arbeit zitieren
Franziska Wegener (Autor), 2015, Im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Ökonomie. Wie kann ein marktorientiertes Wirtschaftssystem die ökologische Wende schaffen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323303

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