Die Qual der Erinnerung. "Letzte Haut" von Volker Harry Altwasser und die Darstellung des Nationalsozialismus in der deutschen Literatur der Gegenwart


Bachelorarbeit, 2015

35 Seiten, Note: 4,5 (Schweiz)


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einführung

II. Orientierung
II.1. Thematische Schwerpunkte
II.2. Formanalyse

III. Reaktionen und Kritik zu dem Buch.
III.1. Eine „Parodie auf den Holocaust“?
III.2. Die Stellung der Hauptfigur.
III.3. Zur Frage der politcal-correctness.

IV. Das Verhältnis des Erzählers zu den Figuren und deren Darstellung zwischen Neutralität und Verteufelung.
IV.1. Der Erzähler und die Hauptfigur.
IV.2. Konrad Morgen im Vergleich zu Kurt Schmelz. IV.3. Der Erzähler und die Nebenfiguren

V. Letzte Haut im Vergleich zu Unscharfe Bilder.

VI. Schluß

Glossar

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einführung

Im März 2009 nach der Veröffentlichung des Romans von Jonathan Littel die Wohlgesinnten 1 oder bereits nach Günther Grass’ Roman Im Krebsgang 2 , nach Filmen wie Der Untergang 3 , Napola 4 und Amen 5 und den Polemiken, die diese Bücher und Filme ausgelöst haben , veröffentlichte Volker Harry Altwasser seinen eigenen Roman über das polemische Thema der Nazizeit in der inneren Perspektive ihrer Haupttäter.

Seit 1945 gilt der Nationalsozialismus in der westlichen Gesellschaft als Höhepunkt der Abscheulichkeit und Barbarei. Als die Alliierten und die Sowjetunion 1945 die Konzentrationslager mit ihren Leichenhügeln und ,industriellen Hinrichtungsmethoden‘ entdeckten, wurde offensichtlich, daß durch die Naziherrschaft eine neue Grenze der Gewalt überschritten worden war. Der Nationalsozialismus hinterläßt unauslöschliche Spuren im Gedächtnis der Deutschen, sowie in der deutschen Rechtsprechung. In Deutschland bleiben noch die Veröffentlichungen von nationalsozialistischen Texten wie Mein Kampf verboten. Einen Roman zu schreiben, dessen Hauptfigur ein ehrgeiziges Kadermitglied der SS ist, das fast gleichgültig gegenüber dem KZ-System bleibt, mußte also fast automatisch einen Skandal auslösen.

Diverse literarische Kritiker haben Letzte Haut verurteilt und das Buch u.a. »eine geschmacklose Parodie auf den Holocaust«6 genannt. Offenbar ist es noch immer nicht möglich, sich mit dem Tabuthema Holocaust zu befassen, wenn man den Gedankenrahmen, daß man sich eben nicht an die Stelle des Peinigers begeben kann, verläßt. Anders als die zahlreichen Romane und Filme über den Holocaust, die das Leben der Opfer zeigen, bietet Volker Harry Altwasser dem Leser die Möglichkeit, sich in die Lage der Henker zu versetzen . Muß deswegen sein Werk der »Schund«-Literatur zugeordnet werden? Das Ziel dieser Arbeit ist gerade, diesen Aspekt des Werkes zu diskutieren; Hat Volker Harry Altwasser mit seinem Buch eine Apologie der Shoah geliefert oder erlaubt er dem Leser mit seinem Angebot diese aus der Perspektive eines Offiziers der SS zu sehen, die Shoah besser zu verstehen?

In einem ersten Teil wird analysiert, wie das Buch rezipiert worden ist, d.h. wie die Kritik auf die Art und Weise der Behandlung des Shoah-Themas reagiert. Insbesondere ist interessant, wie die Kritik die Darstellung der Shoah und ihrer Opfer beurteilt.

In einem zweiten Teil werden die Standpunkte des Autors und der Hauptfigur sowie die Bedeutung und der Charakter der Hauptfigur und der Nebenfiguren analysiert . Zum Schluß wird noch ein Vergleich zwischen Letzte Haut und Unscharfe Bilder 7 von Ulla Hahn unternommen, die einen thematisch ähnlichen Roman geschrieben hat. In den beiden Romanen wird die Hauptfigur, die mit der Shoah verbunden ist, von Gewissensbißen und Scham geplagt. Doch Ulla Hahns Roman wirbelte nicht so viel Staub auf wie Letzte Haut. Es stellt sich also die Frage, warum?

Es ist noch auch zu bemerken, daß für diese Arbeit eine Kindle-Version (e-book) von Letzte Haut verwendet wurde. Es können also hier keine Seiten in den Fußnoten angegeben werden, sondern sogenannte Positionen.

In dieser Arbeit wurden u. a. die Dienstgrade und Rangabzeichen der SS in ihrer offiziellen abgekürzten Form geschrieben. Das Glossar am Anfang dieser Arbeit zeigt die entsprechende Vollversion der diesbezüglichen Abkürzungen im Text.

Was die Kritiken und Rezensionen betrifft, wurden nicht nur sozusagen ,offizielle‘ Texte von Zeitungskritikern in Betracht gezogen, sondern auch Kommentare von ganz normalen Internetnutzern, bzw. Lesern. Ausgehend vom Postulat, daß ein Roman sich nicht nur an Literaturkritiker und Intellektuelle richtet, scheint es berechtigt, die Meinungen der Leser im Allgemeinen zu berücksichtigen.

II. Orientierung

II.1. Thematische Schwerpunkte

Letzte Haut beschränkt sich nicht nur auf eine Beschreibung des Lebens im KZ, sondern berührt zahlreiche Themen. Trotz des Kontextes ist und bleibt der Roman ein Krimi. Das Hauptthema ist nicht die Shoah, sondern die Untersuchung eines Richters betreffend eines Mordfalls und einer Unterschlagung von Geldern. Allerdings erlaubt die Verbindung des Schauplatzes und der Gattung des Kriminalromans dem Buch eine Vielzahl von Themen einzuschließen. Daß die Untersuchung in einem Konzentrationslager stattfindet und, daß sie gegen einen korrupten KZ-Kommandant durchgeführt wird, wirft eine große Menge von Themen auf.

Zuallererst spielt die Thematik des KZ-Systems im Allgemeinen und besonders des Lebens im KZ eine wesentliche Rolle, da sie als Schauplatz der Geschichte fungieren. Der Autor beschreibt die KZ bis zu den makabersten Details der gemeinen Hinrichtungen wie z. B. als der Hstuf Hackmann einen jungen Zigeuner zwingt, sich in eine mit Nägeln versehene Kiste zu legen.8

Im Kontext des Lebens im KZ erscheint auch die besondere Eigenheit der national- sozialistischen Heuchelei - beispielsweise als ein Häftling während eines inszenierten Fluchtversuches9 erschossen wird sowie im Gebrauch des national-sozialistischen Jargons als der Staf Pister das Buchenwald-KZ ein »Schutzhaftlager« nennt10 oder als der KZ-Arzt Todesakten fälscht, um die im Lager begangenen Morde zu rechtfertigen.

Das andere Hauptthema des Romans ist die Perversion des national-sozialistischen Systems, das so wie alle totalitären Systeme zweierlei erzeugt; das Verlangen nach Macht und die Korruption. Altwasser gelingt es, die von Hitler gewollten Wirkungen in dessen Führung der Ämter ans Licht zu bringen. Beim Vermehren der Ämter und de facto ihrer Chefs, die die gleichen hierarchischen Stellungen hatten, erzeugte Hitler eine innere Konkurrenz im System, und steigerte sogar seine Funktionsfähigkeit. Dafür zu sorgen, daß die Untergeordneten in verschiedenen Ämtern parallel im Sinne Hitlers arbeiteten, war die beste Methode, um dessen Macht zu festigen.11 Diese Theorie wird

im Roman durch mehrere Figuren illustriert. Am Gipfel der Hierarchie stehen sich der Ogruf und Chef des RSHA Kaltenbrunner und der Ogruf Pohl gegenüber12. Der Ogruf und HSSPF Waldeck zu Pymont, der bedacht auf die Ordnung in seinem Wehrkreis ist, versucht den Staf und ehemaligen Kommandanten des KZ Buchenwald Karl Otto Koch verhaften zu lassen. Der Ostuf Schmelz kommt auf seine Kosten beim Versuch Koch zu verhaften, weil er auf diese Weise sein Talent als Richter beweisen kann. Koch hingegen gelingt es dank seiner Stellung durch Unterschlagungen von Geldern reicher zu werden, wobei er Pohl beteiligt. Altwasser legt also diesen wenig gezeigten Aspekt der Korruption und des Machtverlangens in der SS offen und macht dies parallel zum Holocaust zu einem der Hauptthemen.

Schlußendlich bilden die Mitschuld und das Schuldgefühl vis-a-vis des Holocausts das dritte Hauptthema des Werkes. Der Titel des Romans - Letzte Haut - bezieht sich auf die Haut, die sich der zweiundsiebzigjährige Kurt Schmelz im Jahr 1981 wörtlich abreißt, da er sich wegen seiner früheren Taten nämlich des Mordes an vier russischen Gefangenen beschmutzt und voller Reue fühlt,. Der Roman wirft also die Frage der Mitschuld auf. Schmelz gehört zu denjenigen, die sich auf die Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs stützen, die das System zur Verfügung stellt. Trotzdem verkörpert Schmelz nicht den ,vorbildlichen Nazi’ und zeigt sogar Abneigung gegenüber dem Führer 13 den KZ14 s und dem Krieg - wo er sich wie ein Mörder fühlt15 - Er erkennt jedoch, daß er wie die von ihm gehaßten SS-Männer der KZs geworden ist16.

Ohne Schmelz’ Mitschuld zu verbergen, erklärt Altwasser, durch die Fronterfahrung und den persönlichen Ehrgeiz die Gründe, die seine Hauptfigur dazu bringen, so zu handeln. Damit humanisiert Altwasser die ,nazi-Bestie’ beim Enthüllen eines weitaus heimtückischeren Systems als dies eine einfache Lust an Gewalt wäre. Im Kapitel 3 (Berufen) beschreibt der Erzähler Schmelz’ Fronterfahrung und zeigt, wie ein einfacher Richter durch die militärisch,geforderte Gewalt sich in einen kaltblütigen Henker verwandelt, wenn er schließlich russische Gefangene erschießt.17 Schmelz führt diese Hinrichtungen in einem militärischen Rahmen ohne Vergnügen oder Bedauern aus. .Der militärische Rahmen rechtmäßigt den Mord und entlastet Schmelz. Sobald Schmelz diesen militärischen Rahmen verläßt, stellt ihm das System, wenn er sich dessen Forderungen unterwirft eine schöne Karrieremöglichkeit in Aussicht, Bei Widersetzung jedoch droht ihm die Vernichtung. Diese brutale Alternative erzeugt eine Mittäterschaft, die es dem NS-System erlaubte, eine höhere Anzahl von Leuten an sich zu binden.

Ist Kurt Schmelz auch ein Mörder? Soll er wie seine Standesgenossen - KZ-Personal und verantwortliche Offiziere der Endlösung - verurteilt werden? Sind ihm die Morde, die er an der Front begangen hat anzulasten, oder gehören sie zum legitimen Handwerk des Frontsoldaten? Und wie ist es mit den vier hingerichteten russischen Häftlingen? Heiligt der Zweck die Mittel? Wie die Antworten auf diese Fragen auch ausfallen, Schmelz wird seine Wahl bis zum Tod bedauern. Er hat aber dieselbe Wahl getroffen und dieselben Verbrechen begangen wie viele andere Deutsche, die unbestraft geblieben sind. Altwasser legt den Finger auf ein heikles Thema und läßt den Leser urteilen.

So wie oben erklärt bilden diese drei Themen nicht die Gesamtheit der behandelten Themen des Romans, da Nazismus und Holocaust aus so vielen Unterthemen bestehen. Doch das Leben in den KZ, die interne Korruption und Machtsehnsucht und die Frage der Mitschuld bilden die erzählerischen Grundlinien des Romans.

II.2. Formanalyse

Letzte Haut ist nur teilweise fiktional, da der Roman sich auf die wahre Geschichte des SS-Richters Konrad Morgen stützt. Konrad Morgen hat tatsächlich Karl Otto Koch verurteilen lassen. Doch Volker Harry Altwasser geht auch freizügig mit der Geschichte um, da der Tod von Kurt Schmelz, alias Konrad Morgen, völlig erfunden ist. Dasselbe gilt für die Dialoge und die Gedanken der Hauptfigur oder für einige Details wie z. B. die Verschiebung der Sondereinheit Dirlewanger nach Riga, wohin sie tatsächlich niemals gegangen ist, und bis 1942 in Lublin stationiert war.18 Ob dieser Fehler absichtlich war oder nicht kann bisher keiner beantworten außer der Autor selbst.

Der Erzähler und der Autor sind nicht identisch. Der Erzähler ist eine von Schmelz erfundene Figur, deren Rolle die Geschichte zu erzählen ist. Aber die Figur des Erzählers erweist sich problematischer als erwartet. Im Kapitel III nämlich wird die Erzählung von einer anderen Figur übernommen: der des Enkels. Letzte Haut wird also durch eine interne Fokalisierung gekennzeichnet. Die Stellung des Erzählers ist aber schwieriger zu bestimmen. Es handelt sich hier sozusagen ,formal’ um ein heterodiegetisches Erzählen. Jedoch gehen die Perspektive des Erzählers und die Perspektive der Hauptfigur ineinander über, was ein homodiegetisches Erzählen erzeugt.

Der Autor jongliert mit Schmelz’ Vergangenheit und dem Jahr 1981 am letzten Tag seines Lebens (Zeitpunkt des Erinnerungsprozeßes). Der Roman zeichnet sich durch ein zeitraffendes Erzählen aus, unterbrochen durch eingeschobene Analepsen und Prolepsen. Die Geschichte meidet mit Ausnahme des Kapitels 3den chronologischen Ablauf. Sie fängt mit der langen Agonie von Schmelz an, dann kommt sie auf seine Ankunft im KZ Buchenwald zurück. Erst nachher wird die Biografie von Schmelz von seiner Geburt bis zu seiner Fronterfahrung enthüllt,. Schlußendlich kommt die Geschichte auf die Untersuchung in Buchenwald zurück und endet mit Schmelz’ Tod. Die ganze Erzählung wird mit Szenen der letzten Stunden von Schmelz unterbrochen, wo der Leser sein Selbsthäuten miterlebt. Dank historischer Zeitangaben und temporaler Adverbialbestimmungen wird der Leser über die Zeit orientiert, was ihm erlaubt, die Zeit der Erzählung mit zu erleben.

Die Personen werden vom Erzähler eingeführt und vorgestellt. Er beschreibt die Außen- sowie die Innensicht der Figuren. Gedanke und Gefühle werden durch Gedankenberichte, erlebte Rede und innere Monologe dargestellt.

Der Raum wird manchmal genau beschrieben, um den Leser zu orientieren - wie bei der Ankunft Schmelz’ im KZ Buchenwald, wo Altwasser eine sorgfältige Beschreibung des Eingangstors liefert 19 - oder, um den Leser die Emotionen der Hauptfigur miterleben zu lassen - z. B. als Schmelz von der Front zurückkehrt und in einem prächtig gestalteten Zimmer im Schloß von HSSPF Waldeck Pymont übernachtet, nachdem er die furchtbarsten Erfahrungen im Krieg erlebt hat. Der Kontrast zwischen dem Raum des Kriegerischen und dem Raum des Luxuriösen ist ergreifend20. Manchmal erspart der Autor dem Leser die Details, damit die Geschichte dynamischer wirkt. Im Kapitel 2.III (Verhaftet)21 beschreibt der Erzähler das Wetter jedoch kaum das Innenleben eines Wachposten, was eine bestimmte Stimmung erzeugt,. So werden dem Leser nur die als sinnvoll geschätzten Elemente beschrieben. Was schließlich den Stil betrifft ist Letzte Haut in einem einfachen Stil geschrieben. Die Anwendung der Umgangssprache und von nationalsozialistischen Ausdrücken verleihen der Geschichte eine realistischere Tragweite. Altwasser verwendet keine sprachlichen Kunstgriffe oder Feinheiten. Er liefert einen brutalen Text, der dem Roman eine bedrückende Stimmung verleiht.

III. Reaktionen und Kritik zu dem Buch.

III.1. Eine »Parodie auf den Holocaust«?

»Volker Harry Altwasser macht einen Richter aus den Reihen der SS zur Knallcharge. Sein Roman "Letzte Haut" liest sich wie eine geschmacklose Parodie auf den Holocaust«22. Mit diesen Wörtern beschreibt Kolja Mensing Letzte Haut und formuliert damit eine der bittersten Kritiken des Werkes Altwassers . Doch abgesehen von dem subjektiven Aspekt dieser Beurteilung stellt sich die Frage, ob das Wort Parodie wirklich geeignet ist.

Die etymologische Herkunft des Wortes Parodie kommt aus der griechischen Antike und bezeichnet einen »Gegen- oder Nebengesang«23. Damals sowie heute im Rahmen der Komik und der Satire eingeschrieben, bedeutet Parodie eine lächerliche Form eines Textes, eines Liedes oder einer Rede24. Letzte Haut sei also, anders gesagt, eine Karikatur des Holocausts. Doch in seiner harten Kritik an Letzte Haut stellt Kolja Mensing niemals den Ernst des Buches und der Taten, die es beschreibt, in Frage. Im Gegensatz dazu »es [ Letzte Haut ] ist ein gründlich misslungenes Buch, und das Problem ist, dass man es wegen der Brisanz seines Stoffes auch noch ernst nehmen muss«25. Eine »Parodie«, die keine ist sei also Letzte Haut. Vor allem scheinen es zwei Aspekte des Romans zu sein, die auf Kolja Mensing verstörend wirken.

Der erste besteht darin, daß die Hauptfigur ein Offizier der SS ist, der durch seine Ausdrucksweise und die Beharrlichkeit bei der Arbeit das Stereotyp des ehrgeizigen SS- Offiziers verkörpert, der das menschliche Leben zugunsten seines sozialen Aufstiegs mißachtet:

Das ist allerdings noch ein vergleichsweise harmloses Klischee. Altwassers rührende Bemühungen um sprachliche Authentizität führen dazu, dass Schmelz gern in den Jargon der nationalsozialistischen Propaganda verfällt und sich unter anderem wünscht, "hart wie Kruppstahl" zu sein […] In dieser Tonlage geht es weiter, und der leicht naive Kurt Schmelz gerät zu einer Knallcharge, die die nationalsozialistischen Verbrechen mit flotten Sprüchen kommentieren darf.26

In diesen Passagen des Artikels wird also die Weise kritisiert, auf die die Hauptfigur sich ausdrückt. Doch die Persönlichkeit und die Sprache der Hauptfigur sind untrennbar. Dies ist zumindest die Meinung von Soraya Levin, die in einer Rezension schreibt:

Auch das[s] Altwasser seinen Protagonisten Dr. Kurt Schmelz als „Landser“ sprechen lässt, liegt nahe. Denn Dr. Kurt Schmelz ist Mitglied der SS, einer im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess eindeutig benannten verbrecherischen Organisation.27

Levin gibt also Altwasser hierzu Recht und steht im Gegensatz zur Mensings Meinung. Dazu verteidigt sie Altwasser bei der Wahl seiner Hauptfigur:

vor dem Hintergrund, dass die menschenverachtenden pervertierten Verbrechen während des Holocaustes nicht von so genannten einzelnen Sadisten durchgeführt wurden, sondern gerade der ganz normale gewöhnliche Bürger, der Nachbar sowie der Familienvater teilhabende Kraft der Barbarei war, ist die Sprache und Stimmung dieser Leute auch ganz „gewöhnlich“ zu sehen. Wo war denn das martervolle quälende Gewissen der Beteiligten?

Nicht während der Taten, nicht während des Zusehens, geschweige denn in der Nachkriegsära. Hier solch eines zum Ausdruck zu bringen, wäre fehl am Platze gewesen. 28

Der Obersturmführer Schmelz - Hauptfigur des Romans - gehöre also zu diesen »ganz gewöhnlichen Bürgern«29, die den nationalsozialistischen Jargon aufgenommen und gegen den Holocaust nichts getan haben. Hier liegt wahrscheinlich wohl das erste Problem für Mensing.

Das zweite Problem Mensings - und dies bringt er deutlich zum Ausdruck - sei, daß Konrad Morgen für den Mord der vier sowjetischen Häftlingen und seine indirekte Beteiligung an der Shoah nie bestraft wurde:

Auch diese Schilderungen entsprechen den historischen Tatsachen. Das ist der Skandal: Konrad Morgen soll im Rahmen seiner Ermittlungen vier sowjetische Kriegsgefangene ermordet haben. Belangt wurde er dafür nie.30

Abgesehen von seinem Ungerechtigkeitsgefühl läßt Mensing seinen Haß auf Kurt Schmelz erkennen und die Apologie, die sich daraus ergibt, daß er die Hauptfigur spielen darf. Kurt Schmelz bezieht sein Schuldgefühl nur auf den Mord der vier Häftlinge. Seine einzige Reue ist, es nicht geschafft zu haben, die anderen Angeklagten beim Koch-Prozeß verurteilen zu lassen. Er wird seine Verwicklung in die Shoah im allgemeinen nie in Frage stellen und trotzdem ist er die Hauptfigur des Romans. Eine Hauptfigur, die aus dem Bösen stammt. Doch der Böse wird am Ende nicht bestraft, die Moral nicht richtiggestellt, was bei Kolja Mensing ganz offensichtlich einen schalen Nachgeschmack hinterlassen hat.

Im Gegensatz zu Kolja Mensing betrachtet die Mehrheit der sich mit dieser Arbeit befassenden Kritiker Letzte Haut nicht als einen ,parodistischen Schund’31, sondern heißen seine Vorgehensweise gut. Peter V. Brinkemper z.B. kritisiert offen und ehrlich Mensings Analyse. Er stützt sich auf starke Argumente, die - anders als Mensing - die persönlichen moralischen Überzeugungen überschreiten. Brinkemper schreibt:

Die zentrale Idee des Romans, dem KZ-Wesen des NS-Staates anhand eines historisch belegten Modellfalls von massiver Korruptionsbekämpfung im Lager Buchenwald, also im Herzen der Entrechtung gerade mit ökonomisch-juristischen und kriminologischen Mitteln auf den Leib zu rücken, hat den Vorteil, der von Hannah Arendt aufgedeckte »Banalität des Bösen« in 476 Seiten vielleicht ein gutes Stück näher zu kommen.

[...]


1 LITTEL, Jonathan: Die Wohlgesinnten. 1. Auflage. Berlin: Berlin Verlag 1998.

2 GRASS, Günter: Im Krebsgang. 15. Auflage. Göttingen: Steidl Verlag 2003.

3 HIRSCHBIEGEL, Oliver: Der Untergang. 2004.

4 GANSEL, Denis: Napola - Elite für den Führer. 2004.

5 GAVRAS, Costa: Amen. 2002.

6 MENSING, Kolja. 13.III.2009. Was Unrecht ist, muss Unrecht bleiben (Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung).http://www.buecher.de/shop/erzaehlungen/letzte-haut/altwasser-volker-h-/products_products/detail/prod_id/ 25665278/.(09.VI.2014)

7 HAHN, Ulla: Unscharfe Bilder. 5. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG 2010.

8 ALTWASSER, Harry: Letzte Haut. 1. Auflage. Berlin: MSB Matthes & Seitz Verlaggesellschaft mbH 2013. Pos. 4’390.

9 Ebenda, Pos. 1230-1259.

10 Ebenda, Pos. 258.

11 Diese Theorie hat Ian Kershaw reichlich in seine verschiedene Bücher erklärt. Siehe z.B. KERSHAW, Ian: Hitler 1889-1936: Hubris und Hitler 1936-1945: Nemesis. 3. Auflage. London: hg. v. Penguin Books. 2001

12 Letzte Haut. Pos. 551.

13 Letzte Haut Pos. 2’092.

14 Ebenda. Pos. 457.

15 Ebenda. Pos. 3’376.

16 Ebenda. Pos. 5’155 - 5’169.

17 Ebenda. Pos. 3’490 - 3’504.

18 Letzte Haut. Pos. 2’712.

19 Ebenda. Pos. 205.

20 Ebenda. Pos. 3’718-3’761.

21 Ebenda. Pos. 1’090-1’165

22 MENSING, Kolja. 13.III.2009. Was Unrecht ist, muss Unrecht bleiben (Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung).http://www.buecher.de/shop/erzaehlungen/letzte-haut/altwasser-volker-h-/products_products/detail/prod_id/ 25665278/.(09.VI.2014)

23 Parodie. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, hg. v. BURDORF Dieter, FASBENDER Christoph, MOENNIGHOF Burkhard. 3. Auflage. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler 2007. S. 572.

24 Ebenda.

25 MENSING.

26 Ebenda.

27 LEVIN, Solaya. Letzte Haut - von Volker Harry Altwasser. Fazit. http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/drittes- reich/rezensionen/184-literaturrezensionen/1874-letzte-haut--von-volker-harry-altwasser.html . (24.VI.2014)

28 Ebenda.

29 Ebenda.

30 MENSING.

31 Beide sind Bezeichnungen, die Kolja Mensing in seiner Kritik verwendet hat.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Qual der Erinnerung. "Letzte Haut" von Volker Harry Altwasser und die Darstellung des Nationalsozialismus in der deutschen Literatur der Gegenwart
Hochschule
Université de Genève  (Germanistik)
Note
4,5 (Schweiz)
Autor
Jahr
2015
Seiten
35
Katalognummer
V323343
ISBN (eBook)
9783668224810
ISBN (Buch)
9783668224827
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NS-Zeit, Literatur, Altwasser, Ulla Hahn, Unscharfe Bilder, Letzte Haut, SS
Arbeit zitieren
Raphael Pauli (Autor), 2015, Die Qual der Erinnerung. "Letzte Haut" von Volker Harry Altwasser und die Darstellung des Nationalsozialismus in der deutschen Literatur der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323343

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