Der Zeitfaktor und der Zufall in dem Episodenfilm "Lola rennt" von Tom Tykwer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
22 Seiten, Note: 2.7

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Definition des Zufalls

3. Definition des Episodenfilms
3.1. Erzählformen des Episodenfilms
3.2. Merkmale des Episodenfilms

4. Zeit im Film
4.1. Erzählte Zeit und Erzählzeit
4.2. Zeit-Bilder
4.2.1. Das Erinnerungsbild
4.3. Die Zeit der Erzählung
4.3.1. Die Ordnung
4.3.2. Die Dauer
4.3.3. Die Frequenz

5. Filmanalyse
5.1. Zum Regisseur Tom Tykwer
5.2. Lola rennt (D 1998)
5.3. Inhalt und Form
5.4. Der Zeitfaktor und der Zufall
5.5. Filmische Mittel
5.5.1. Die Kamera
5.5.2. Die Montage
5.5.3. Die Comic Sequenz

6. Der Schluss

7. Bibliographie

8. Filmographie

1. Einleitung

Der Episodenfilm wurde in den vergangen Jahren immer populärer. Dieser wird oft als Zusammensetzung mehrerer Kurzfilme verstanden Um einen Episodenfilm zu realisieren, benötigt man eine genaue Vorgehensweise, die größte Schwierigkeit stellt das Verknüpfen der verschiedenen Zeitstränge dar Bei der Sichtung von solchen Filmen stellt der Rezipient fest, dass Zufall und schicksalhafte Begegnungen in der Lage sind, ganze Handlungsstränge zu verändern.

Der Zufall hat für den Film zwei elementare Bedeutungen: Zum einen stellt der Zufall eine gewisse Faszination dar, weil der Mensch nicht imstande ist, ihn zu beeinflussen. Zum anderen fungiert der Zufall als eine Unterbrechung der üblichen Handlung.

Sowohl der Zufall als auch der Episodenfilm initiieren die Möglichkeit einer Veränderung der Handlung.

Im Folgenden werde ich versuchen die Zeitlichkeit und den Zufall in den Episodenfilmen zu untersuchen.

Die Abhandlung wird in drei Kapitel gegliedert. Im ersten Teil befasse ich mich etwas genauer mit der Theorie des Zufalls, danach widme ich mich dem Episodenfilm und abschließend verarbeite ich die gewonnenen Erkenntnisse in der Filmanalyse von Lola rennt (D 1998).

Ich werde folgende Fragestellungen berücksichtigen: Was ist Zufall? Was ist ein Episodenfilm? Wie verhält es sich mit der Zeit beim Film?

2. Definition des Zufalls

Der Begriff des Zufalls ist sowohl in der Philosophie als auch in der Naturwissenschaft vertreten. Trotzdem ist er bis heute noch nicht klar definiert worden.

Laut des deutschen Universalwörterbuchs definiert sich der Zufall als etwas “was man nicht vorausgesehen hat, was nicht beabsichtigt war, was unerwartet geschah: ein seltsamer, glücklicher, dummer, ärgerlicher, merkwürdiger Zufall.“[1] Der Zufall ist also ein spontanes Ereignis, welches nicht vorhersehbar ist.

Die Philosophie ist neben der Physik die einzige Wissenschaft, die sich genauer mit dem Zufall auseinandersetzt. Der Zufall erscheint in philosophischer Hinsicht als “Abweichung von einem Normalzustand.“[2] Der Zufall kann den Ausgang eines Erlebnisses sowohl positiv als auch negativ anwenden.

Heute stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Zufall und Notwendigkeit.[3] Der Zufall ist ein Moment des Chaos und steht dem Notwendigen entgegen. Notwendig ist, was unvermeidlich ist.

Die Spezifik des Zufalls besteht darin, kein Gesetz, kein allgemein-notwendiger und wesentlicher Zusammenhang zu sein. Wesentlich kann er nur im Bezug auf die Verhaltensweisen eines Systems sein, die er entscheidend verändert.[4]

Das bedeutet, dass der Zufall in unser Leben eingreift und uns immer wieder herausfordert. Somit sind wir ihm unterworfen.[5]

Der Episodenfilm befasst sich demnach mit verschiedenen Lösungen und alternativen Geschichten.[6]

3. Definition des Episodenfilms

Die Filmwissenschaft ist sich über die genaue Definition des Episodenfilms nicht sicher. Der Begriff stammt von dem Griechischen Wort “epeisòdion“[7] ab, was Hinzukommendes bedeutet.

Im Wörterbuch wird die Episode als “flüchtiges Ereignis“ oder als “Nebenhandlung“[8] definiert.

Nach Schreitmüller müssen 2 Voraussetzungen für den Episodenfilm erfüllt sein.

- Der Gesamtfilm muss aus mindestens zwei kürzeren in sich geschlossenen Episoden bestehen.[9]
- Des Weiteren muss jede einzelne Episode als Teil eines langen Episodenfilms realisiert werden. Wenn dies nicht der Fall ist, spricht man von einem Kompiliationsfilm.[10]

Lommel behauptet, dass die kleinste Einheit des Episodenfilms besteht aus 2 relativ unabhängigen entwickelten Geschichten, die aber korrespondieren können.[11]

Das heißt, dass die Episoden manchmal miteinander verbunden sind. Anhand des Films Lola rennt (D 1998) stellt man fest, dass der Episodenfilm mit der klassischen Erzählstruktur von Anfang – Mitte – Ende bricht. Er stellt eine Möglichkeit dar, die klassische Formsprache zu überwinden.

3.1. Erzählformen des Episodenfilms

Lommel unterscheidet in seiner Abhandlung zwei Erzählformen.[12]

Als Erstes definiert er die “Verschachtelung der Episoden“.[13] Bei dieser Form werden Episoden nebeneinander gezeigt. Ein Beispiel sind die Parallelmontagen, hier werden zwei oder mehrere Handlungsabläufe nebeneinander gezeigt, um die Gleichzeitigkeit und die Wichtigkeit des Geschehens auszudrücken. Im Film Lola rennt (D 1998) wird die Verschachtelung mehrfach verwendet. Zum Beispiel in der ersten Sequenz, als Manni um eine Minute vor 12 den Supermarkt ansteuert, daneben rennt Lola auf ihn zu, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten und unter ihnen befindet sich die Uhr, deren Zeiger sich langsam der 12 nähert.[14]

Zum Anderen nennt er “die Reihungen“.[15] Hier werden die einzelnen Sequenzen nacheinander abgespielt, das heißt sie sind wie Einzelfilme aneinander gereiht.[16] Ein Beispiel sind die drei Sequenzen aus dem Film Lola rennt (D 1998).

3.2. Merkmale des Episodenfilms

Lommel benennt in seiner Abhandlung vier Merkmale des Episodenfilms.[17]

Er befasst sich als erstes mit der sukzessiven Simultanität. Sie beschreibt eine Handlung, die zur selben Zeit an verschiedenen Orten stattfindet. Die zur gleichen Zeit stattfindenden Episoden werden mithilfe von Reihungen oder Verschachtelungen dargestellt.[18]

Die sukzessive Simultanität tritt auch in Zusammenhang mit Parallelmontagen auf. Lommel betont die Möglichkeit einer “Implosion der Episodendifferenz“,[19] das bedeutet, dass die einzelnen Sequenzen meistens am Ende zusammengeführt werden.

Als zweites Merkmal gibt er Heterochronien und Heterotopien[20] an.

Heterochronien werden durch Verknüpfungen verschiedener Zeiten oder Epochen eingeführt.[21] Heterotopien sind Nicht-Orte wie zum Beispiel ein Flugzeug, der nur wegen einer Durchreise eingeführt wird.[22]

Das dritte Merkmal ist die Multiperspektivität.[23]

Dieses Mittel zeigt die verschiedenen Sichtweisen der Figuren auf das gleiche Ereignis, indem es vorwiegend Perspektivenwechsel vornimmt. Der Film kann somit verschiedene Identifikationsangebote aufzeigen.[24] Tykwers Film Lola rennt (D 1998) ist ein gutes Beispiel für die Multiperspektive.

Das letzte Merkmal bezieht sich auf den Zufall und die Notwendigkeit.[25] Die Multiperspektive ist eng mit dem Zufall verbunden. Deshalb kann man Lola rennt (D 1998) als gutes Beispiel für dieses Charakteristikum anführen.

4. Zeit im Film

4.1. Erzählte Zeit und Erzählzeit

Die erzählte Zeit ist die zeitliche Ausdehnung einer Handlung zwischen Anfang und Ende.[26]

Die Erzählzeit hingegen ist die Dauer während eines Films. Die Handlung beschreibt zum Beispiel einen Zeitraum von 10 Jahren, aber der Film dauert nur 120 Minuten.

Die Relation zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit wird durch vier verschiedene Darstellungen bestimmt.[27]

1. Die zeitdeckende Darstellung definiert die Einheit zwischen Zeit und Ort. Diese Darstellung ist im Vergleich zu den Anderen ziemlich selten. Es gibt fast keine Filme, die zeitdeckend erzählt werden.
2. Die Zeitraffung bedient sich durch Zeitsprünge und Zusammenfassungen von verschiedenen Ereignissen. Die Zeitraffung wird meistens durch filmische Mittel dargestellt, zum Beispiel durch Ab- oder Aufblenden. Es gibt aber auch noch eine Möglichkeit, durch sogenannte Zeitsymbole die Zeitraffung zu definieren, nämlich der Blick auf die Uhr oder ein Wechsel der Tageszeiten.[28]
3. Die Zeitdehnung steht im Gegensatz zur Zeitraffung. Sie verlangsamt ein Geschehen Zeitdehnung.[29]
4. Die Darstellung von Simultanität wird meistens durch Montagen dargestellt. Ein Beispiel für eine solche Montage ist der „split screen“. Sie teilt die Leinwand in zwei oder mehrere Teile auf, um verschiedene Ereignisse auf einmal zu veranschaulichen.[30]

4.2. Zeit-Bilder

Ein wichtiger Aspekt für die Beschreibung von Raum und Zeit sind die sogenannten Zeit Bilder. Deleuze beschreibt die Zeit als eine doppelte Bewegung:

die darin besteht, die Gegenwart vorübergehen zu lassen, die eine Gegenwart durch die andere zu ersetzen, um sich der Zukunft hinzuwenden; aber genauso besteht sie darin, die Gesamtheit der Vergangenheit zu bewahren, sie in eine dunkle Tiefe fallen zu lassen.[31]

Das bedeutet, dass die verschiedenen Gegenwarten einen Zeitstrahl erscheinen lassen. Gegenwart und Vergangenheit entstehen laut Deleuze zeitgleich. Ein Ereignis das im Moment gegenwärtig ist, ist auch schon vergangen, um durch ein zukünftiges Ereignis ersetzt zu werden.

[...]


[1] DUDEN Deutsches Universalwörterbuch. 5., überarb. Aufl. Mannheim: Dudenverlag 2003. S. 1866.

[2] Vgl.: Brockhaus. S. 609.

[3] Vgl.: Brockhaus. S. 609.

[4] Vgl.: Philosophie und Naturwissenschaften: Wörterbuch. Band 2: N-Z. Berlin: Dietz 1991. S. 1013.

[5] Vgl.: Karsten Treber: Auf Abwegen. Episodisches Erzählen im Film. Mainz: Gardez 2005. S. 38 f.

[6] Vgl.: Treber: Auf Abwegen. S. 40.

[7] Vgl.: Treber: Auf Abwegen. S. 15.

[8] Vgl.: DUDEN. S. 476.

[9] Vgl.: Andreas Schreitmüller: Filme aus Filmen. Möglichkeiten des Episodenfilms. Oberhausen: Karl Maria Laufen 1983. S. 7 f.

[10] Vgl.: Schreitmüller: Filme aus Filmen. S. 7 f.

[11] Michael Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. In: Ephemeres Mediale Innovationen 1900/2000. Hrsg. Ralf Schnell, Georg Schnitzel. Bielefeld: Transcript 2005. S. 129.

[12] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 130.

[13] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 130.

[14] Lola rennt (D 1998). Regie: Tom Tykwer 00:26,10 – 00:27,02.

[15] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 130.

[16] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 130.

[17] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 130.

[18] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 130.

[19] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 130.

[20] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 132.

[21] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 132.

[22] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 132.

[23] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 133.

[24] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 133.

[25] Vgl.: Lommel: Überlegungen zur Aktualität des Episodenfilms. S. 135.

[26] Benjamin Beil, Jürgen Kühnel, Christian Neuhaus: Studienhandbuch Filmanalyse. Ästhetik und Dramaturgie des Spielfilms. München: Fink 2012 (=UTB 8499). S. 265.

[27] Vgl.: Beil, Kühnel, Neuhaus: Studienhandbuch Filmanalyse. S. 265.

[28] Vgl.: Beil, Kühnel, Neuhaus: Studienhandbuch Filmanalyse. S. 266.

[29] Vgl.: Beil, Kühnel, Neuhaus: Studienhandbuch Filmanalyse. S. 269.

[30] Vgl.: Beil, Kühnel, Neuhaus: Studienhandbuch Filmanalyse. S. 269.

[31] Gilles Deleuze: Das Zeit-Bild. Kino 2. 6., überarb. Aufl. Berlin: Suhrkamp 1996. S. 199.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Zeitfaktor und der Zufall in dem Episodenfilm "Lola rennt" von Tom Tykwer
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Germanistik)
Note
2.7
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V323403
ISBN (eBook)
9783668224131
ISBN (Buch)
9783668224148
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tom Tykwer, Lola rennt, Gerard Genette, Zeit, Erzählen, Film, Literatur, Literaturverfilmung
Arbeit zitieren
Tamara Micelli (Autor), 2014, Der Zeitfaktor und der Zufall in dem Episodenfilm "Lola rennt" von Tom Tykwer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323403

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