Leo Kestenberg als Politiker und Stratege

Ziele und Erfolge seiner kulturpolitischen Arbeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

47 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Politische- und weltanschauliche Prägung
2.1 Familiäre Prägung.
2.2 Einfluss der jüdischen Gemeinde
2.3. Gesellschaftliche Prägung außerhalb der jüdischen Gemeinde
2.4. Einflüsse der sozialdemokratische Arbeiterbewegung Reichenbergs
2.5. Europäische Ideengeschichte

3. Kestenberg als Demokrat
3.1 Bildungspolitische Kräfte
3.2 Landtagskonforme Ausrichtung der Denkschrift

4. Berufungs- und Personalpolitik
4.1 Das „halbamtliche“ Prinzip: Georg Schünemann
4.1.1 Schünemann als Vertreter der Kestenberg- Reform
4.1.2 Schünemann als strategischer Berater Kestenbergs
4.1.3 Schünemann und der „kleine Kreis“ Kestenbergs
4.2 Berufungspolitik zwischen „Zweckmäßigkeit“ und eigenem Anspruch
4.3 Einfluss der Ministerien
4.4 Personenkonstellationen und Machtgefüge
4.5 Kestenbergs Netzwerke

5. Kestenberg im preußischen Kultusministerium
5.1 Ministerium unter der Leitung von Boelitz
5.2 Ministerium unter der Leitung C.H. Beckers

6. Kestenberg und die Öffentlichkeit: Die Schulmusikwochen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Seminar „Zur Situation der Schulmusik vor dem Hintergrund der Reformen Kestenbergs“ verdeutlichte die Ziele und Erfolge Kestenbergs kulturpolitischer Arbeit. Des Weiteren zeigte sich, dass seine Reformpläne bis heute an Aktualität nicht verloren haben. Noch immer erfolgt die musikalische Ausbildung von Erziehern keinen einheitlichen Richtlinien, der Musikunterricht entfällt in manchen Klassenstufen komplett oder beschränkt sich auf ein reines Erleben von Klang. In Jahren immer jünger werdender Abiturjahrgäng verliert die ganzheitliche „musische Erziehung zum Menschsein“[1] an Bedeutung. Aufbauend auf dieser Erkenntnis stellte das Plenum der Seminarteilnehmer fest, dass Kestenbergs Konzepte zur Verbesserung des Musikunterrichts bis heute richtungsweisend sind. Umso dringlicher erscheinen Kestenbergs Forderungen nach einer umfassenden Musiklehrerausbildung, der festen Verankerung des Faches Musik im Schulunterricht, dem künstlerischen und wissenschaftlichen Anspruch an den gymnasialen Musikunterricht sowie die Förderung der Laienmusik.

Es ist jene Konsequenz, die Folgen und Errungenschaften seines Schaffens, welche in der aktuellen Kestenberg Forschung neu diskutiert werden. Doch genügt es nicht, sich mit Kestenbergs schillernden Idealismus und dem Erfolg seiner Reformpläne auseinanderzusetzten. Ebenso wichtig ist eine genaue Beleuchtung seines besonderen politischen Geschickes. Dank seines diplomatischen Gespührs vermochte es Kestenberg in einem Spannungsgeflecht unterschiedlicher Interessengruppen zu operieren, Kompromisse zu schließen und bedeutende Netzwerke zu knüpfen.

Der Kern dieser Arbeit ist daher nicht die Betrachtung dessen, „was“ Kestenberg umsetzten wollte, sondern „wie“ er dies tat. Nur so können wir die Personalie Kestenberg ganzheitlich begreifen und für die heutige Kulturpolitik nutzbar machen.

Im einleitenden ersten Kapitel soll untersucht werden, welche Einflüsse Kestenbergs politisches Weltbild prägten. Im Zentrum dieser Betrachtungen stehen Kestenbergs familiäre Prägung, die Einflüsse seines sozialen Umfeldes sowie seine Beziehung zur Philosophie und neuzeitlicher Literatur. Darüber hinaus wird gezeigt, dass Kestenberg nicht nur ideell geprägt wurde. Durch sein frühes Engagement in sozialdemokratischen Vereinen erlernte er das politische Handwerkszeug, welches ihm später von großem Nutzen sein sollte.

In den sich anschließenden Kapiteln wird Kestenberg als Stratege beschrieben. Dabei muss beachtet werden, dass nicht jede politische Handlung des Kultusministeriums auf den Einfluss Kestenbergs zurückzuführen ist. Oftmals handelte er im Auftrag des Ministeriums.

So können Belege über Kestenbergs Aufsätze, Vorträge und Verwaltungsaufgaben nur bedingt zur Konzeptionalisierung von strategischen Mustern herangezogen werden. Sein wahrer Handlungsspielraum ergab sich unter dem Einfluss unterschiedlichster politischer Akteure. Dennoch soll untersucht werden, wie er die ihm zu Verfügung stehenden Machtspielräume nutze, um seine Interessen durchzusetzen.

Wichtigste Vorraussetzung für das Gelingen seiner Reformvorhaben war der klare parlamentarische Auftrag des preußischen Landtags. Durch die Einreichung der „Denkschrift für die gesamte Musikpflege in Schule und Volk“ konnte der Landtag von Kestenbergs Reformenprogramm überzeugt werden. Daher muss untersucht werden, welches Vorgehen es Kestenberg ermöglichte, eine fraktionsübergreifende Mehrheit für seine Idee zu gewinnen.

Darüber hinaus galt es Entscheidungsträger in Gesellschaft, Politik und Verwaltung vom neuen Reformkurs zu überzeugen. In diesem Zusammenhang soll auf Kestenbergs Personal~ und Berufungspolitik eingegangen werden. Es wird gezeigt mit welchen Strategien Kestenberg Netzwerke aufbaute und pflegte. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Bedeutung der Ministerien. Dabei wird Kestenbergs Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten betrachtet. Am Beispiel der Schulmusikwochen wird Kestenbergs Verhältnis zu Öffentlichkeit beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass Kestenberg den außerparlamentarische Austausch suchte und dabei die öffentliche Meinung zu seinen Gunsten beeinflusste.

Auf Grund mangelnder Primärquellen können keine Aussagen über Kestenbergs Verhandlungsstrategien in den Ministerien getroffen werden. Um nicht der Spekulation zu verfallen, muss auf eine nähere Untersuchung des Verwaltungsapparats verzichtet werden.

2. Politische- und weltanschauliche Prägung

2.1 Familiäre Prägung.

Adolf Kestenberg, der verehrte Vater Leo Kestenbergs, prägte die politische und weltanschauliche Entwicklung seines Sohnes entschieden mit. Das Wertemodell des Vaters Adolf Kestenberg, welchen er „glühend verehrte und der in allem sein Vorbild war“[2], galt Leo Kestenberg lebenslang als richtungsweisende Instanz. So war es die „ungemein begabte, originelle, ja geradezu schöpferische Persönlichkeit“[3] des Vaters, welche Leo Kestenberg imponierte und ihn für sein späteres Leben prägte. Adolf Kestenberg, der am 20. Oktober 1856 geboren wurde, lief als Kind aus dem hungernden Elternhaus in einem jüdischen Ghetto davon, um in einer Chorgemeinschaft zu konzertieren. Ihm war nicht viel vergönnt im Leben. So lernte er erst im Alter von 35 Jahren die deutsche Sprache und hatte nur geringfügig Möglichkeiten sich weiterzubilden. Da er, Zeit seines Lebens, Jiddisch und Hebräisch beherrschte, ist anzunehmen, dass er einen Großteil seiner weltanschaulichen Bildung aus Quellen jüdischer Literatur bezog (Studium des Talmund). So war es letztlich der Vater, welcher selbst „den Sieg im Leben nicht errungen hat“[4] und nun nach einer „besseren (wirtschaftlichen) Stellung in der Welt“ strebte, um seinem Sohn die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen.

Adolf Kestenberg bemühte sich die künstlerische Karriere seines Sohnes zu fördern und legte dabei ebenso großen Wert auf eine ganzheitliche Ausbildung Leo Kestenbergs. Folglich ging der sehr ehrgeizige Vater als Kantor nach Prag, um seinem einzigen Sohn die besten Bildungschancen zu ermöglichen. Der vierjährige Kestenberg wurde am Piaristen- Kloster eingeschult, einer der besten künstlerisch ausgerichteten Schulen seiner Zeit. Ebenso erhielt der junge Kestenberg ersten Kontakt zu einem liberal gesinnten Kreis jüdischer Intellektueller. Darüber hinaus kam der junge Leo mit einem gesellschaftlichen Gefüge unterschiedlichster Kulturen und Religionen in Berührung. Drei Jahre später, nahm Adolf Kestenberg eine besser bezahlte Stelle als Oberkantor an der Synagoge in Reichenberg an, um seinem Sohn weiterhin die gewünschte Ausbildung zu ermöglichen.

Es war ebenso der Vater, der Leo Kestenbergs musisches Talent erkannte und frühzeitig zu fördern begann: „Mein Vater hat sich meiner Erziehung, besonders als er wahrnahm, dass ich musikalisch begabt sei, und als ich anfing, nach meiner Erkrankung systematisch Klavierspielen zu lernen, mit größter Sorgfalt und Ausdauer angenommen.“[5] Damit erhielt Leo Kestenberg seinen ersten Klavierunterricht von seinem musisch begabten Vater Adolf. Hierbei soll erwähnt werden, dass Adolf Kestenberg maßgeblich daran beteiligt war, den Kontakt zu späteren Lehrern Leo Kestenbergs herzustellen. So war es der Vater, welcher den Kontakt zu Karl Ginzel, Gustav Albrecht sowie zu Prof. Franz Kullak herstellt. Nicht zuletzt verdankte es Leo Kestenberg dem Kontakt zu Dr. Hugo Reichmann, einem Freund Adolf Kestenbergs, der später den Kontakt zu Busoni herstellte.

Seine Ambition galt nicht nur der musikalischen Förderung seines Sohnes. So lassen Briefwechsel zwischen Adolf und Leo Kestenberg auf eine strenge, wertorientierte Erziehung schließen. Dabei betont der Vater den Wert ganzheitlicher Bildung: „Schreibe hin und wieder einen ordentlichen, über Kunst, Wissen usw. ausführlichen Brief. Ich weiß, daß du es imstande bist. Ein Student, wie Du es bist, muss sich auf jedem Gebiete versuchen, und dazu gehört auch etwas Übung“[6].

Darüber hinaus verweist Adolf Kestenberg in mehreren Briefwechseln auf die Bedeutung von Idealen der Aufklärungsphilosophie. Dabei macht er seinen Sohn mehrmals auf den Wert der Redefreiheit aufmerksam: „ Selbst in den Ländern, in welchen die Redefreiheit schon wohl gestattet ist, kann man lange leider noch nicht so reden, wie man wollte und sollte denn die jetzige Gesellschaft erlaubt es nicht.“[7] Dabei stellt die Kunst „die einzige Zuflucht,..., wo man ganz unbeschränkt nach jeder Art und Weise sich ausdrücken kann“[8] dar. Ebenso bezieht sich der Vater auf die Vernunft als Grundlage erfolgreichen Zusammenlebens: „Ich singe mit Wonne,..., den gewaltigen Männern, welche berufen waren,..., uns (zu) lehren, durch natürliche Vernunft die höchste Stufe der Kultur zu erreichen, damit die Welt zu wahrer, echter edler Menschheit gelange“[9]. Adolf Kestenberg konfrontiert seinen Sohn mit verschiedenen Lebenskonzepten.

Dabei hebt er die „wahren“ Ziele menschlichen Strebens stets hervor: „Glaube aber nicht, liebes Kind, dass etwa nach Reichtum, oder gar nach blöder Ehre, mein Streben war! Sondern nach wahrem Wissen und echter, edler Kunst, der Menschheit schon wohl viel geholfen, aber lange, lange nicht genug.“[10]. Auch hierbei wird deutlich, dass Vater Kestenberg einer allgemeinen, gesamtheitlichen Bildung einen hohen Stellenwert einräumt. Hierbei misst er dem Streben nach Erkenntnis eine höhere Bedeutung bei, als dem Streben nach materiellen Gütern.

Abgesehen davon wurde das Weltbild des jungen Leos von den religiösen Überzeugungen seines Vaters grundlegend mitbestimmt. In einem Brief an Leo Kestenberg nimmt der Vater auf die biblische Überlieferung des goldenen Kalbs Bezug. Dabei unterstreicht der Vater die Bedeutung des immatriellen Strebens nach „wahren Idealen“ und ordnet die in der Auklärungsphilosophie postulierten Werte in die jüdisch christliche Ideengeschichte ein. Hierbei thematisiert der Vater die besondere Aufgabe der Kunsttreibenden in einer durchweg entfremdeten, materialistischen Gesellschaft: „Nur die Künstler, der Stamm Levi, hielten sich wie Löwen tapfer, verschmähten alle Dummheiten, alles Gold und lebten nur für das wahre, vernünftige Ideal, für die reine erhabene Kunst.“[11] Im Weiteren ist zu vermuten, dass Leo Kestenbergs Affinität zu Literatur und Philosophie maßgeblich durch Adolf Kestenbergs Einwirken gefördert wurde. Im Schriftverkehr mit Leo weist sich der Vater als großer Verehrer der Werke Heinrich Heines aus.

Obwohl ihm die deutsche Sprache immer noch Schwierigkeiten bereitet, schwärmt er für den „größten, ehrlichsten, mächtigsten,..., vernünftigsten Geist“[12] Heines.

Wie der Vater beginnt auch der Sohn viele Stunden dem Lesen zu widmen. Dabei fällt besonders die Literaturauswahl Leo Kestenbergs auf. Dr. Reichenmann, ein jüdischer Advokat und Freund Adolf Kestenbergs fordert den zwölfjährigen Leo auf, „einen Aufsatz zu schreiben über das Thema, welches Schopenhauer in einer These aufgestellt hat, dass alle anderen Künste nur vom Schein lebten, sie , die Musik allein, aber vom Wesen.“[13] Die komplexe thematische Anlage dieses nie veröffentlichten Aufsatzes lässt auf das fundierte Wissen des jungen Leo Kestenbergs schließen. Folglich ist anzunehmen, dass Leo von dem intellektuellen Klima der Familie sowie der jüdischen Gemeinde ungemein profitierte. Es ist wohl diesem Umstand geschuldet, dass Leo ein tiefes Interesse für die Literatur und die Philosophie entwickelte. Im Alter von achtzehn Jahren verfasst Kestenberg Texte zu sozialphilosophischen Ideen Platons, Morus und Melliers. Diese Aufsätze wurden in sozialistischen Zeitungen publiziert und genießen bis heute gute Reputation.

Abschließend sei angemerkt, dass Leo Kestenbergs tiefe sozialistische Verwurzelung auch auf die eminent wichtige Prägung durch seinen Vater zurückgeführt werden kann. So ist es der Vater, welcher sich, entgegen der jüdisch- orthodoxen Tradition, für den jungen Sozialismus in Böhmen zu interessieren begann. Zum Leidwesen seiner Familie distanzierte sich der Vater von jüdischen Vorschriften und „verschlang diese (sozialistische) Bücher (August Bebel: Die Frau und der Sozialismus) mit wahrem Heißhunger, alles, was er suchte, fand er dort, und er wurde freigeistiger Sozialist und strenger Vegetarier“[14].

Als Zehnjähriger nimmt Leo Kestenberg gemeinsam mit seinem Vater an Maidemonstrationen der sozialistischen Arbeiterschaft teil.

Sofort fühlt sich Leo Kestenberg zu den Massen hingezogen: „Schon damals, als kleinen Bub, beherrschte mich das Gefühl der Zugehörigkeit zu diesen Massen, sicherlich dank der sozialistischen Erziehung durch meinen Vater“[15] Diese erste Begegnung mit der sozialistischen Bewegung prägt Leo Kestenberg entscheidend. Noch am selben Tag will er Mendelssohns „Lied ohne Worte“ gespielt haben und machte dabei „das elementare Gefühl von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“[16] zur Grundlage seiner Interpretation. Schon damals, so scheint es, wurde sein Verständnis von der Einheit zwischen Musik und Sozialismus grundlegend geformt. Es ist anzunehmen, dass der sozialistische Einfluss des Vaters eine notwendige, aber sicherlich keine hinreichende Bedingung für sein späteres Wirken als sozialistischer Politiker darstellt. Daher soll der Ursprung Leo Kestenbergs politischer Sozialisierung in Kapitel 2.4 eruiert werden.

2.2 Einfluss der jüdischen Gemeinde

Im engen Zusammenhang mit der familiären Prägung steht der Einfluss der israelitischen Gemeinde. Unter dem Eindruck tiefer Verbundenheit erinnert sich Kestenberg an eine liberal gesinnte Gemeinde: „In Reichenberg war die jüdische Gemeinde frei und tolerant, sie war unbeschwert von allem orthodox- dogmatischem Zwang, sie legte Wert auf künstlerisch- gepflegte Tempelmusik, es gab einen gemischten Chor, dem meine Mutter bis zuletzt angehörte, mit Orgel und einem christlichen Organisten.“[17] Seine lebhaften und stolzen Schilderungen seiner Bar-Mizwah Feier, lassen auf eine rege Anteilnahme am jüdischen Gemeindeleben schließen. Nicht zuletzt gibt die elterliche Vernetzung in die israelitische Gemeinschaft Aufschluss über die starke Einbindung Leo Kestenbergs in die Glaubensgemeinschaft. So war der väterliche Beruf des Oberkantors nicht nur an musikalische Tätigkeiten, sondern an eine Vielzahl administrativer Aufgaben geknüpft, was seine Prominenz im Gemeindeleben zusätzlich betonte.

Leo Kestenberg wurde sicherlich durch das hohe kulturelle und geistige Niveau der jüdischen Gemeinde geprägt. Jedoch stellt die besondere Organisationsstruktur des Gemeindelebens den, für seinen weiteren politischen Werdegang, entscheidenden prägenden Faktor dar. Die damalige israelitische Gemeinde in Reichenberg zeichnete sich durch ein breites Spektrum sozialer Vereine aus. Diese umfassten sowohl Fürsorgeeinrichtungen, religiöse Institutionen als auch Bildungs~ und Kultureinrichtungen.

Dabei stellte die 1864 gegründete Chewra Kadischa, eine bedeutende Fürsorgeeinrichtung der Alten~ und Krankenpflege dar. Dieses jüdische Sozialsystem wurde durch Kinderbetreuungsangebote, Frauen~ und Sportvereine, den Tempelchor, sowie allgemeine Bildungs~ und Weiterbildungseinrichtungen ergänzt. Der besondere Zulauf dieser Institutionen lässt sich grundlegend durch die 1890 geänderte Reichsgesetzgebung (Republik Österreich- Ungarn) erklären, welche jeden Juden dazu verpflichtet einer jüdischen Gemeinde beizutreten. Darüber hinaus wurde der zunehmend assimilierten jüdischen Minderheit der Zugang zu staatlichen Sozialsystemen erschwert. Folglich waren viele schwächer gestellte Gemeindemitglieder auf die Leistungen der Armenärzte und Spitale angewiesen. Daneben führte die nicht unerhebliche Mehrbesteuerung der jüdischen Minderheit zu großen sozialen Unsicherheiten finanziell schwächer gestellter Gemeindemitglieder. Diese wirtschaftliche Diskrimierung wurde durch Sozialleistung spezieller Gemeindefonds ausgeglichen. „Die Ausgaben der israelitischen Kultusgemeinde umfasste aber auch Subventionen und Spenden Vereine, Lebensmittel -, Bekleidungs~, Kohlen~ und Winterhilfsaktionen“[18]. Ergänzt wurde dieses Fürsorgeangebot durch zinslose Kredite, welche unabhängig von Schicherungsforderungen ausgestellt wurden[19]. Dabei basierte das Finanzierungsmodell des Gemeindefonds auf freiwilligen Zahlungen besser gestellter Gemeindemitglieder und war maßgeblich für die Absicherung sozialer Härten konzipiert. Natürlich war die Investitionsbereitschaft innerhalb der jüdischen Gemeinde auch auf hohe Kapitalsteuern zurückzuführen.

Jene Sozialhilfeleistungen erweitern die bloße Glaubensgemeinschaft zu einer Interessensgemeinschaft. Ergo wächst Kestenberg in einer Gemeinschaft auf, welche sich zwar über religiöse Ideen definiert, sich aber durch eigene Vorschriften, eigene Sozialsysteme und eigene Ideale von seiner gesellschaftlichen Umwelt distanziert. Folge dieser Abgrenzung ist die sukzessive Assimilation ihrer jüdischen Minderheit. Trotzdem erlebt Kestenberg eine Gemeinschaft, welche die soziale Stellung ihrer Mitglieder nicht an Vermögensleistung koppelt. Darüber hinaus erfährt Leo eine einmalige Verteilungspolitik, welche sich am Gemeinwohl aller Gemeindemitglieder orientiert. Ein System gegenseitiger Solidarität, was Kestenbergs Gesellschaftsideal fundamental prägt. Er erlebt das geschlossene Auftreten einer multiethnischen Gemeinschaft. Ideale, welche er später in der sozialistischen Formel „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ erneut für sich reklamieren wird. Darüber hinaus wird Kestenbergs Ansicht über die „Einheit von Musik und Staat“[20] durch die Kulturpolitik der jüdischen Kultusgemeinde mitbestimmt. So schreibt Isa Engelmann in ihrem Buch „Reichenberg und seine jüdischen Bürger“[21], dass „der selbstständige Tempelchor über seine religiöse Funktion hinausging und an dem sehr regen kulturellen Leben Reichenbergs mit öffentlichen Konzerten teilnahm.“ Die Tatsache, dass der Chor „zeitweise auch von den renommierten nichtjüdischen Musikern und Musikpädagogen der Stadt,..., geleitet wurde“[22] lässt darauf schließen, dass der Chor eine Art Brückenfunktion zwischen antisemitischer, national konservativer Bevölkerung und jüdischer Minderheit einnahm.

2.3. Gesellschaftliche Prägung außerhalb der jüdischen Gemeinde

Bei der Frage nach seiner Herkunft nennt Leo Kestenberg drei Ortsnamen: Rosenberg, Roszahegy und Ruzomberok. Alle bezeichnen die gleiche Stadt. Dabei spielt Kestenberg auf den ethnischen Konflikt der magyarisch ungarischen Minderheit und der slowakischen Mehrheitsbevölkerung an. Die damalige ungarische Regierung stellte in Rosenberg nur eine geringe ethnische Minderheit dar. Dennoch beanspruchte sie den ungarischen Ortsnamen Roszahegy. Die slowakische (politisch unterlegene) Mehrheitsbevölkerung forderte den Ortsnamen Ruzomberok. Im Kontext dieses Spannungsverhältnisses verweist Kestenberg auf den Ortsnamen Rosenberg- die Ortsbezeichnung der deutsch- jüdischen Minderheit:

„... denn wir Juden, die die deutsche Sprache als unsere Muttersprache liebten, sagten stets, daß wir in Rosenberg in Ungarn zuhause seien“.[23] Dabei behauptet Kestenberg seine deutsch- jüdische Identität im Geflecht divergierender ethnischer Konfliktparteien. Die Erfahrung von Integration und Assimilierung wird zum Ausgangspunkt seiner gesellschaftlichen Prägung. Kritische Reflektionen judenfeindlicher Angriffe sind allerdings nur aus seiner Zeit in Reichenberg hinterlegt: „...von der arg antisemitischen sudetendeutschen Bevölkerung habe ich viel Schimpf und Haß erleiden müssen. Wie oft wurde mir in der häßlichen Weise Judenjunge nachgerufen, und wie oft wurde ich von Lehrern angeschrien, ja geohrfeigt nur weil ich Jude war!“23.

In der Auseinandersetzung mit dem Konflikt zwischen deutscher, tschechischer und „jüdisch deutscher“ Kultur schreibt Ruth Kestenberg- Gladstein, die Tochter Kestenbergs: „Die böhmischen Juden wurden schon aus sprachlichen Gründen als Bestandteil des deutschen Sektors betrachtet. Da sie überwiegend dem gehobenen Mittelstand angehörten, waren sie wirtschaftlich und intellektuell ein bedeutender Faktor. In politischer Hinsicht waren sie eine Stärkung des Deutschtums, daher von den Tschechen angefeindet, wurden aber auch von dem Großteil der völkisch und antisemitisch eingestellten Deutschen als rassefremd scharf abgelehnt.“[24] Dennoch ermutigt ihn sein Vater beim Erlernen der deutschen Sprache und prägt damit Leos „deutsche“ Identität entschieden mit. Sowohl die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung als auch das rivalisierende Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen prägen Kestenberg maßgeblich.

2.4. Einflüsse der sozialdemokratische Arbeiterbewegung Reichenbergs

Durch das politische, sozialistische Engagement Adolf Kestenbergs kommt der junge Leo erstmalig mit den Gedanken des Sozialismus in Kontakt. Dennoch datiert Kestenberg seine ersten Eindrücke der Arbeiterbewerbung auf das Jahr 1892. Bei einer Maidemonstration der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung erfuhr der damals zehnjährige von der geladenen Stimmung der Arbeiterbewegung. Der junge Kestenberg fühlt sich von der Dynamik der Massen angezogen und „fühlte mit Herzklopfen, wie wagemutig diese Männer und Frauen waren, die- trotz des großen Aufgebots von Gendarmerie und des in Reserve gehaltenen Militärs- ruhig ihren Weg fortsetzten, rote Fahnen schwenkten und ihre Lieder sangen.“[25] Darüber hinaus erinnert sich Kestenberg in seiner Autobiographie an ein, ihn beflügelndes, mondänes „Gefühl von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“.[26] Sicherlich ist seine emotionale Reaktion dem Umstand einer noch infantilen, naiven Neigung zum Pathos geschuldet. Andererseits begann Kestenberg mit zunehmendem Alter die Ideale des Sozialismus und der Arbeiterbewerbung kritisch zu reflektieren. Im Alter von dreizehn Jahren wird er die Schule verlassen und als einer der jüngsten Mitglieder der sozialdemokratischen Partei in Reichenberg beitreten. Dabei lässt sich über die Gründe seiner außergewöhlichen Affinität zur Arbeiterbewegung nur spekulieren.

[...]


[1] Kestenberg, Leo: Bewegte Zeiten. Musisch-Musikantische Lebenserinnerungen, Möseler: Wolfenbüttel und Zürich 1961. Abgedruckt in: Grun, Wilfried: Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 1. Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2009, S.276.

[2] ebda., S.212.

[3] ebda., S.211.

[4] Kestenberg, Leo: Briefe an Georg Schünemann. Abgedruckt in: Schenk, Dietmar (Hg.): Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 3.1. Auflage 1, Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2010, S.32.

[5] Kestenberg, Leo: Bewegte Zeiten. Musisch-Musikantische Lebenserinnerungen, Möseler: Wolfenbüttel und Zürich 1961. Abgedruckt in: Grun, Wilfried: Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 1. Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2009, S.211.

[6] Kestenberg, Leo: Briefe an Georg Schünemann. Abgedruckt in: Schenk, Dietmar (Hg.): Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 3.1. Auflage 1, Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2010, S.32.

[7] Kestenberg, Leo: Briefe an Georg Schünemann. Abgedruckt in: Schenk, Dietmar (Hg.): Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 3.1. Auflage 1, Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2010, S. 33.

[8] ebda., S.35.

[9] ebda., S.35

[10] Kestenberg, Leo: Briefe an Georg Schünemann. Abgedruckt in: Schenk, Dietmar (Hg.): Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 3.1. Auflage 1, Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2010, S. 32.

[11] ebda., S.39

[12] ebda., S. 36.

[13] Kestenberg, Leo: Bewegte Zeiten. Musisch-Musikantische Lebenserinnerungen, Möseler: Wolfenbüttel und Zürich 1961. Abgedruckt in: Grun, Wilfried: Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 1. Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2009, S.216.

[14] ebda., S. 212.

[15] Kestenberg, Leo: Bewegte Zeiten. Musisch-Musikantische Lebenserinnerungen, Möseler: Wolfenbüttel und Zürich 1961. Abgedruckt in: Grun, Wilfried: Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 1. Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2009, S. 213.

[16] ebda., S. 213

[17] Kestenberg, Leo: Bewegte Zeiten. Musisch-Musikantische Lebenserinnerungen, Möseler: Wolfenbüttel und Zürich 1961. Abgedruckt in: Grun, Wilfried: Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 1. Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2009, S. 212.ebda., S.213.

[18] Duizend-Jensen, Shoshana : Jèudische Gemeinden, Vereine, Stiftungen und Fonds. "Arisierung" und Restitution Oldenbourg Verlag, 2004; Bericht des Präsidiums und des Vorstandes der Israelitische Kultusgemeinde in Wien. S.55.

[19] Ruth Kestenberg- Gladstein: Heraus aus der „Gasse“. Neuer Geschichte der Juden in den böhmischen Ländern; Zweiter Teil 1830- 1890, LIT Verlag, Münster- Hamburg- London 2002, S.73

[20] Kestenberg, Leo: Musik und Staat. Erschienen in: Der Auftakt, 1927, Heft 10, S.227f. Abgedruckt in: Mahlert, Urich (Hg.): Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 2.1. Auflage 1, Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2012, S.219.

[21] Engelmann, Isa; Reichenberg und seine jüdischen Bürger. Zur Geschichte einer einst deutschen Stadt in Böhmen, Münster: LIT Verlag, 2012, S.50.

[22] ebda., S.52

[23] Kestenberg, Leo: Bewegte Zeiten. Musisch-Musikantische Lebenserinnerungen, Möseler: Wolfenbüttel und Zürich 1961. Abgedruckt in: Grun, Wilfried: Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 1. Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2009, S. 212.

[24] Kestenberg- Gladstein: Identifikation der Prager Juden vor und während der Assimilation. Abgedruckt in: Seibt, Ferdinand: Die Juden in den bohmischen Ländern. Vorträge der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee vom 27. bis 29.November 1981. Vienna: R. Oldenbourg Verlag, 1983. S. 175.

[25] Kestenberg, Leo: Bewegte Zeiten. Musisch-Musikantische Lebenserinnerungen, Möseler: Wolfenbüttel und Zürich 1961. Abgedruckt in: Grun, Wilfried (Hg.): Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften. Band 1. Freiburg i.Br./ Berlin/ Wien: Rombach Verlag KG, 2009, S.213.

[26] ebda., S.213.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Leo Kestenberg als Politiker und Stratege
Untertitel
Ziele und Erfolge seiner kulturpolitischen Arbeit
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
47
Katalognummer
V323417
ISBN (eBook)
9783668225763
ISBN (Buch)
9783668225770
Dateigröße
1064 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leo Kestenberg, Politik, Kultur, Kulturpolitik, Weimarer Republik, Musikpädagogik, Preußen, Reformpädagogik, Sozialismus, Reform, Jöde, Fritz, Schulmusik, Gymnasium, Judentum, Arbeiterbewegung
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Leo Kestenberg als Politiker und Stratege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323417

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