Das Automobil nimmt besonders in westlichen Gesellschaften einen hohen Stellenwert ein, denn spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges spiegelt die individuelle Mobilität die Grundzüge der Moderne wieder. Als Folge dieser Omnipräsenz des Automobils wird das Pkw-affine Mobilitätsverhalten durch die Mobilitätssozialisation an Kinder und Jugendliche weitergegeben, wodurch auch für diese der Pkw einen hohen Stellenwert im menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozess einnimmt. Das Mobilitätsverhalten von Jugendlichen wird also schon im Elternhaus geprägt. Die Bedeutung des Pkw im jugendlichen Alter wird sowohl in der symbolischen Funktion, wie der Zugehörigkeit zu Peergroups oder der räumlichen Emanzipation von den Eltern aufgezeigt, als auch in der hohen Zahl der Führerscheinquote.
Es zeigt sich allerdings, dass sich inzwischen nicht nur in der Wissenschaft erste Zweifel an der zu Eingangs aufgestellten Aussage wiederfinden lassen, auch die Medien haben das Thema längst aufgegriffen: die Loslösung vom Automobil. Zwar beschränkt sich dieser Trend zunächst nur auf wenige gesellschaftliche Gruppen, jedoch bietet die Distanzierung von diesem einflussreichen technischen Artefakt Gründe für eine genauere Untersuchung. Die Rückläufigkeit der Ubiquität des Automobils lässt sich vor allem in der Lebenswelt der Jugendlichen nachweisen.
Alles in allem sind die Erklärungsansätze bis dato allerdings lückenhaft und nicht miteinander vergleichbar. Verschiedene Institute und Studien führen unterschiedliche Zahlen und Gründe an und stützen sich vor allem auf siedlungsstrukturelle und soziodemographische Erklärungsansätze. Des Weiteren existiert keine Einordnung des Mobilitätsverhaltens der untersuchten Jugendlichen in bestimmte Typen. Dabei ließe sich gerade durch eine Typenbildung herausfinden, welche Eigenschaften und Gründe die einzelnen Gruppen aufweisen die auf den Pkw verzichten und stattdessen auf den ÖPNV, das Fahrrad und die multimodalen Angebote zurückgreifen. Die vorliegende Arbeit greift den Aspekt der Typenbildung auf und versucht herauszufinden, inwiefern sich das Mobilitätsverhalten der Jugendlichen charakterisieren lässt und welche primären Gründe für dieses Verhalten verantwortlich sind.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Einführung in das Thema
1.1. Untersuchungsgenstand – Mobilität, Mobilitätsverhalten und Jugendliche
1.1.1. Mobilitätsverhalten
1.1.2. Jugendliche und Mobilität
1.2. Stand der Forschung
1.3. Ziele und Forschungsfrage
1.4. Methodischer Aufbau
2. Mobilität in Deutschland
2.1. Das Automobil und die Gesellschaft
2.2. Das Automobil in Deutschland ab dem Zweiten Weltkrieg
2.3. Verkehrsinduzierte Umweltprobleme in (Groß-) Städten
2.3.1. Klimawandel
2.3.2. Luftverschmutzung
2.3.3. Lärm
2.4. Verkehrsmaßnahmen in Städten zur Reduzierung von negativen Umweltauswirkungen durch den MIV
2.4.1. Multimodaler- und Intermodaler Verkehr
2.4.2. Mobilitätsmanagement
2.4.3. Städtische Siedlungsstrukturen als Voraussetzung umweltwirksamer Maßnahmen
2.5. Mobilität von Jugendlichen
2.6. Trends im Mobilitätsverhalten bei Jugendlichen in Deutschland zu Anfang des 21. Jahrhunderts
2.6.1. Rückgang bei der Nutzung des Automobils
2.6.2. Jugendliche und Alternative Verkehrsangebote zum MIV
2.6.3. Smartphones
2.7. Verkehrsraum Hamburg
2.7.1. Bevölkerungsentwicklung in Hamburg
2.7.2. Verkehrsangebot in Hamburg
2.7.2.1. ÖPNV
2.7.2.2. StadtRad
2.7.2.3. Car-Sharing-Angebote in Hamburg
2.7.3. Mobilitätsverhalten Jugendlicher in Hamburg
3. Mobilitätsverhalten
3.1. Deterministische Ansätze zur Beschreibung des Mobilitätsverhaltens
3.2. Nichtdeterministische Ansätze
3.2.1. Rational Choice
3.2.2. Psychoanalytischer Ansatz
3.2.3. Soziodemographische Typologien
3.2.4. Lebensstile und soziale Milieus
3.2.5. Mobilitätsstile
3.3. Einstellungsbasierte Mobilitätstypen
3.4. Sozialpsychologische Handlungstheorien der der einstellungsbasierten Mobilitätsstypen
3.4.1. Die Theorie des geplanten Verhaltens
3.4.1.1. PMN – Perceived Mobility Necessities
3.4.1.2. Norm-Aktivations-Theorie
3.4.1.3. Symbolische Einstellungsdimensionen
3.5. Einstellungsbasierte Mobilitätstypen bei Jugendlichen
4. Zwischenfazit
5. Analyse des Mobilitätsverhaltens Hamburger Studierender
5.1. Befragter Personenkreis
5.2. Untersuchungsgebiet
5.3. Vorgehensweise
5.3.1. Erstellung des Fragebogens
5.3.2. Auswertungsdesign des Fragebogens
5.4. Auswertung der empirischen Daten
5.4.1. Allgemeine Auswertung
5.4.1.1. Herkunft der Studierenden
5.4.1.2. Wohnort der Studierenden
5.4.2. These 1: Studierende die keinen Führerschein oder Pkw besitzen, wohnen tendenziell in der inneren Stadt
5.4.3. These 2: Studierende greifen aufgrund des Wohnortes und den damit verbundenen Verkehrsangeboten auf Alternativen zum MIV zurück
5.4.4. These 3: Mitfahrgelegenheiten und Car-Sharing-Angebote machen den Besitz eines eigenen Pkw überflüssig
5.4.5. These 4: Der Nicht-Besitz von Pkw und Führerschein ist bei Studierenden vor allem auf die ökonomische Situation zurückzuführen
5.4.6. These 5: Das Smartphone wird für viele Hamburger Studierende als Statussymbolersatz für das Auto angesehen, wodurch Nutzung und Anschaffung des Pkw sinken
5.4.7. These 6: Der Einfluss durch Kommilitonen und Freunde auf die Einstellung zu Verkehrsmitteln schlägt sich in der Verkehrsmittelwahl nieder
5.4.8. These 7: Das Smartphone erleichtert die Nutzung von ÖPNV, Fahrradverleihsystem und Car-Sharing Angeboten
5.4.9. These 8: Die Vernetzung von Verkehrsträgern wird durch das Smartphone erleichtert und führt zu einer veränderten Verkehrsmittelwahl zugunsten des NMIV
5.5. Faktorenanalyse
5.6. Clusteranalyse
5.6.1. Beschreibung der einstellungsbasierten Mobilitätstypen
5.6.2. Mobilitätsverhalten Hamburger Studierender
6. Handlungsempfehlungen
6.1. Einfluss auf die Verkehrsmittelnutzung
6.1.1. Instrumente zur Förderung umweltschonenden Verhaltens
6.1.2. Beispielhafte Maßnahmen zur Veränderung des Mobilitätsverhaltens
6.1.2.1. Maßnahmen ZIMONA
6.1.2.2. Maßnahmen MOBILANZ
6.2. Konzept
6.2.1. Das Mobilitätsmanagement als Organisationsform
6.2.2. Abwägung geeigneter Handlungsempfehlungen
6.2.3. Ausgestaltung der Handlungsempfehlungen
6.2.3.1. Typ 1: Moderner Smartphone-Nutzer
6.2.3.2. Typ 2: Wetterresistenter Rad-Fan
6.2.3.3. Typ 3: Konservativer Pkw-Nutzer
6.2.3.4. Typ 4: Der umweltbewusste ÖV- und Mitfahrgelegenheits-Nutzer
6.2.3.5. Typ 5: Der Indifferente
6.3. Mehrwert für die Stadt Hamburg
7. Zusammenfassung/ Kritik und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das veränderte Mobilitätsverhalten Hamburger Studierender durch eine Typenbildung auf Basis einstellungsbasierter Mobilitätstypen zu charakterisieren und die primären Gründe für den Verzicht auf Pkw und Führerschein zu identifizieren. Dabei wird untersucht, inwiefern Smartphone-Nutzung, Wohnort und sozioökonomische Faktoren sowie psychosoziale Einflüsse dieses Verhalten erklären können, um daraus zielgruppenspezifische Handlungsempfehlungen für städtische Verkehrsplanung und Mobilitätsdienstleister abzuleiten.
- Analyse des Mobilitätsverhaltens von Hamburger Studierenden.
- Etablierung und Anwendung von einstellungsbasierten Mobilitätstypen.
- Untersuchung des Einflusses von Smartphones als Statussymbolersatz.
- Erforschung der Rolle von Wohnort und ökonomischer Situation auf die Verkehrsmittelwahl.
- Entwicklung von Handlungsempfehlungen für das Mobilitätsmanagement in Hamburg.
Auszug aus dem Buch
Die Theorie des geplanten Verhaltens
Die Theorie des geplanten Verhaltens, bzw. Theory of Planned Behavior (TPB) von Ajzen (1991), ist ein häufig verwendeter Ansatz, um eine Kohärenz zwischen Einstellung und Verhalten zu erklären. Dabei stammt diese Theorie von dem RTC-Ansatz ab, legt den Fokus aber auf subjektive Maßstäbe, anstatt objektive Größen heranzuziehen. Innerhalb der Verkehrsforschung wird die TPB genutzt, um die Verkehrsmittelwahl auf Grundlage von persönlichen Faktoren zu ermitteln. Sie gründet auf der zuvor entwickelten Theorie des überlegten Handelns, Theorie of Reasoned Action (TRA, Ajzen und Fishbein 1980), welche zur Verhaltensvorhersage von Individuen genutzt wird, wenn diese das geplante Verhalten ohne externe Einflüsse ausüben können.
Im Gegensatz dazu ist es mit der TPB möglich das Verhalten eines Individuums vorherzusagen, wenn das Verhalten nicht vollkommen von der Person kontrolliert werden kann, da auch externe Einflüsse berücksichtigt werden. Insgesamt besteht die TPB aus drei Einstellungsdimensionen, welche als Prädiktor des Verhaltens fungieren: die Einstellung, die subjektive Norm und die wahrgenommene Verhaltenskontrolle. Auf diesen drei Einstellungsdimensionen beruht die Intention, bei der alle positiven und negativen Argumente herangezogen werden, um abzuwägen, ob ein Verhalten ausgeführt werden soll oder nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der veränderten Mobilität bei Jugendlichen, Problemstellung und Definition des Forschungsrahmens.
1. Einführung in das Thema: Begriffsdefinitionen von Mobilität und Mobilitätsverhalten sowie die theoretische Verortung der Jugendphase.
2. Mobilität in Deutschland: Analyse des historischen Wandels der Mobilität, Umweltprobleme und neuartige Mobilitätstrends, mit Fokus auf Hamburg.
3. Mobilitätsverhalten: Theoretische Auseinandersetzung mit deterministischen und nichtdeterministischen Erklärungsmodellen zur Verkehrsmittelwahl.
4. Zwischenfazit: Zusammenfassung der theoretischen Erkenntnisse als Überleitung zum empirischen Teil und Aufstellung der zentralen Thesen.
5. Analyse des Mobilitätsverhaltens Hamburger Studierender: Durchführung der empirischen Untersuchung, Auswertung der Daten und Identifizierung der Mobilitätstypen mittels Clusteranalyse.
6. Handlungsempfehlungen: Ableitung konkreter Maßnahmen für die identifizierten Mobilitätstypen und Skizzierung eines Mobilitätsmanagements für Hamburg.
7. Zusammenfassung/ Kritik und Ausblick: Resümee der Arbeit, kritische Reflexion der Methodik und Einordnung der Ergebnisse in den stadtplanerischen Kontext.
Schlüsselwörter
Mobilitätsverhalten, Hamburger Studierende, Einstellungsbasierte Mobilitätstypen, Theory of Planned Behavior, Smartphone-Nutzung, Multimodalität, Mobilitätsmanagement, Verkehrsmittelwahl, Umweltbewusstsein, Stadtplanung, Clusteranalyse, Verkehrsverhaltensforschung, Nachhaltige Mobilität, Autoverzicht, Hamburg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Mobilitätsverhalten von Hamburger Studierenden, insbesondere den Trend hin zu weniger Pkw-Nutzung und Führerscheinbesitz, und analysiert, welche Einstellungen und Faktoren dieses Verhalten beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Jugendmobilität im städtischen Raum, der Einfluss moderner Kommunikationstechnologien (Smartphones) auf die Verkehrsmittelwahl sowie die psychologische Fundierung von Mobilitätstypen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Identifizierung von einstellungsbasierten Mobilitätstypen bei Hamburger Studierenden, um zu verstehen, welche Gründe zum Pkw-Verzicht führen und wie darauf basierend Mobilitätsangebote verbessert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quantitative empirische Methode angewandt, gestützt durch eine Online-Befragung, deren Ergebnisse mittels Faktoren- und Clusteranalysen statistisch ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Herleitung der Mobilitätstypen (u.a. TPB-Modell), die detaillierte Beschreibung des Hamburger Verkehrsraums und die umfassende Auswertung der empirischen Daten zu den aufgestellten Thesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Mobilitätsverhalten, einstellungsbasierte Mobilitätstypen, Hamburger Studierende, Smartphone-Nutzung, Multimodalität, Mobilitätsmanagement und Nachhaltige Mobilität.
Wie beeinflusst das Smartphone das Mobilitätsverhalten der Studierenden?
Das Smartphone fungiert als Statussymbolersatz und Flexibilisierungsinstrument, das die Nutzung von ÖPNV und Sharing-Diensten durch vereinfachte Informationsbeschaffung und Routing unterstützt.
Welche Rolle spielt der Wohnort für die Verkehrsmittelwahl?
Der Wohnort innerhalb Hamburgs (innere vs. äußere Stadt) korreliert stark mit dem Pkw-Besitz und der ÖPNV-Affinität; Studierende in der inneren Stadt nutzen tendenziell weniger den Pkw.
- Quote paper
- Matthias Wiesrecker (Author), 2013, Identifizierung von Mobilitätstypen. Eine empirische Studie zum veränderten Mobilitätsverhalten großstädtischer Jugendlicher, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323422