Der Name Martin Luther hat sich unserem Gedächtnis über Jahrhunderte hinweg eingeprägt.
Die durch ihn formulierte Kritik an der Kirche und die damit eingeleitete Reformation gehören bis heute zu den bedeutenden Ereignissen deutscher Geschichte. Durch Luthers Übersetzung wurde die Bibel erstmalig allen Bevölkerungsschichten zugänglich, sodass auch die von ihm verwandte Sprache großräumig Verbreitung fand.
Die Bedeutung Luthers für die Entwicklung der Schreiblandschaften zur Neuhochdeutschen Schriftsprache unterliegt differenten Forschungsmeinungen. Während Konrad Burdach Luther als ‚Nachzügler’ der sprachlichen Entwicklung bewertet, ernennt Friedrich Kluge ihn zum ‚Schöpfer’ der einheitlichen Schriftsprache. Diese konträren Einschätzungen lassen die Vielfältigkeit dieser Thematik erkennen.
In dieser Hausarbeit soll der Beitrag Martin Luthers für die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache näher betrachtet werden. Um seinen Einfluss adäquat beurteilen zu können, wird im folgenden Teil dieser Arbeit zunächst die Situation der deutschen Sprache vor Luthers Wirken dargelegt. Des Weiteren werden die auf Luther wirkenden sprachlichen Einflüsse aufgezeigt, welche für die Bedeutung seines Schaffens aufschlussreich erscheinen. Um Luthers Sprache im Kontext der sprachlichen Entwicklung bewerten zu können, wird eine Untersuchung seines Wortschatzes sowie der Syntax seiner Schriften folgen.
Inhaltsverzeichnis
1. Überblick
2. Sprachliche Ausgangsbedingungen Luthers Wirken
3. Luthers Sprache
3. 1. sprachliche Einflüsse
3. 2. Lexik
3. 3. Syntax
3. 4. Die Verbreitung Luthers Sprache
4. Luthers Bedeutung für die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Beitrag Martin Luthers zur Entwicklung und Vereinheitlichung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Dabei wird analysiert, wie Luthers Sprachgebrauch in den Kontext sprachhistorischer Ausgleichsprozesse des Spätmittelalters eingebettet ist und welche Rolle seine Bibelübersetzung bei der Etablierung eines überregionalen Standards spielte.
- Sprachliche Ausgangslage und Schreiblandschaften des Spätmittelalters
- Einfluss der Herkunft und Bildung Luthers auf sein Sprachverständnis
- Wandel von Wortschatz und Semantik durch Luthers Übersetzungen
- Syntax und stilistische Merkmale in Luthers Schriften
- Die Rolle des Buchdrucks und der Bibelverbreitung für die Sprachnormierung
Auszug aus dem Buch
3. 2. Lexik
Um seine Schriften dem gesamten ‚deutschsprachigen’ Raum zugänglich zu machen, folgte Luther der Sprachnorm der ‚sächsischen Kanzlei’, welche seiner Auffassung nach im nd. sowie auch im obd. Sprachraum verständlich war. Dabei hielt er sich anfänglich vor allem an die Lautung und Orthografie der Kanzleisprache, wohingegen er deren Wortschatz und Syntax ablehnte. Die künstliche Schreibsprache der Kanzleien sollte einer anschaulichen Ausdrucksweise weichen, welche sich am Wortschatz des Volkes orientiere: „man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, […] danach fragen, und denselben auf das Maul sehen“.
Obwohl Luther zugunsten einer einheitlichen Schriftsprache regionale Färbungen zu meiden versuchte, ist sein Wortschatz anfänglich noch stark ostmitteldeutsch geprägt. Damit fand das von Luther in der Bibel verwandte omd./nd. Wortgut Eingang in das Oberdeutsche, und damit später auch in das Neuhochdeutsche. So ersetzte er z.B. das obd. Lefze durch die omd. Lippe, feist durch fett, Gleißner durch Heuchler, Bühel durch Hügel, Gewand durch Kleid, oder auch Nachen durch Kahn. Dennoch war es nicht Luthers Bestreben, bevorzugt mitteldeutschem Wortschatz allgemeine Gültigkeit zu verleihen.
Die Gründe seiner Auswahl sind vielmehr in dem bereits vor ihm begonnen sprachlichen Ausgleichsprozess zwischen dem omd. und dem oobd. zu sehen. War der Gebrauch eines Wortes im ostoberdeutschen Raum einheitlich, entschied Luther gegen das omd. Synonym. Derart verhielt es sich u. a. bei folgenden Synonymen: bringen verdrängte brengen oder auch kam / quam. Luther beschleunigte durch seine Auswahl die Vereinheitlichungstendenz, und formte die ursprüngliche schreibsprachliche Angleichung des Ostmitteldeutschen an das Ostoberdeutsche, in einen Ausgleich um.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Überblick: Dieses Kapitel führt in die historische Bedeutung Luthers ein und skizziert die gegensätzlichen Forschungsmeinungen zu seinem Einfluss auf die neuhochdeutsche Schriftsprache.
2. Sprachliche Ausgangsbedingungen Luthers Wirken: Es werden die verschiedenen überregionalen Schreiblandschaften und die Rolle der Fach- sowie Kanzleisprachen vor dem Wirken Luthers beschrieben.
3. Luthers Sprache: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die biographischen Einflüsse, den Wortschatz, die syntaktischen Strukturen und die Verbreitung der Sprache Luthers durch den Buchdruck.
3. 1. sprachliche Einflüsse: Hier wird der Einfluss von Luthers Herkunft, seiner Schulausbildung und der Mystik auf seine sprachliche Prägung untersucht.
3. 2. Lexik: Der Abschnitt befasst sich mit Luthers bewusster Wortwahl, der Orientierung am Volkswortschatz und dem Beitrag zur Angleichung unterschiedlicher Dialektformen.
3. 3. Syntax: Es wird dargelegt, wie sich der Satzbau durch die Anforderungen der Bibelübersetzung und den Übergang vom Hör- zum Leseverstehen veränderte.
3. 4. Die Verbreitung Luthers Sprache: Dieser Teil betrachtet die Rolle des Buchdrucks und der weiten Verbreitung der Bibel für die Etablierung des omd.-oobd. Sprachtyps.
4. Luthers Bedeutung für die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache: Das Kapitel fasst zusammen, dass Luther die bestehenden Tendenzen zur Vereinheitlichung zwar beschleunigte, aber nicht als singulärer Schöpfer der Schriftsprache gesehen werden kann.
Schlüsselwörter
Martin Luther, neuhochdeutsche Schriftsprache, Bibelübersetzung, Schreiblandschaften, Sprachgeschichte, Frühneuhochdeutsch, Ostmitteldeutsch, Buchdruck, Sprachnormierung, Kanzleisprache, Lexik, Syntax, Sprachgeschichte, Reformationsliteratur, Dialekt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Beitrag Martin Luthers zur Entstehung und Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache im Kontext der sprachlichen Situation des Spätmittelalters.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf den dialektalen Ausgangsbedingungen, Luthers biographisch geprägtem Sprachgefühl, seinem Wortschatz, der Syntax sowie der massiven Verbreitung seines Sprachstils durch Bibeldrucke.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, Luthers Einfluss auf die Sprachentwicklung adäquat zu beurteilen und die konträren Forschungsansätze zwischen Luther als „Schöpfer“ und Luther als bloßem „Nachzügler“ einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse sprachhistorischer Quellen und Sekundärliteratur zur deutschen Sprachgeschichte des 15. bis 17. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Luthers Herkunft und Prägung, eine linguistische Betrachtung seines Lexikons und seiner Syntax sowie eine Analyse der Verbreitungswege seiner Texte.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Kernbegriffe sind Sprachgeschichte, Neuhochdeutsch, Luthers Bibelübersetzung, ostmitteldeutsche Kanzleisprache und der schreiblandschaftliche Ausgleich.
Welche Rolle spielte die Mystik für Luthers Sprache?
Die Mystik beeinflusste Luthers Wunsch nach einer bildreicheren und anschaulicheren Sprache, die religiöse Inhalte für das Volk verständlicher ausdrücken konnte.
Warum musste Luther sein Schriftbild und seine Orthografie anpassen?
Um Inkongruenzen in seinen Veröffentlichungen zu vermeiden und eine einheitliche Lesbarkeit zu gewährleisten, arbeitete er ab 1523 enger mit Druckern zusammen, um sein Schriftbild zu glätten.
Wie reagierten Zeitgenossen auf Luthers Sprachreform?
Während seine Sprache durch die Bibelverbreitung weithin an Akzeptanz gewann, wurde sie von katholischer Seite teilweise als „ketzerisches Deutsch“ diskreditiert, wobei spätere katholische Bibelübersetzer dennoch Luthers Wortlaut übernahmen.
- Arbeit zitieren
- Tanja Wille (Autor:in), 2010, Die Bibelübersetzung Martin Luthers und ihre Bedeutung für die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323435