Die vorliegende Arbeit soll die Entstehungsgeschichte der uns unter dem Namen „Dornröschen“ geläufigen Erzählung darlegen und den Einfluss des jeweiligen Zeitgeistes auf die narrative Struktur des Märchens vergleichend beschreiben. Ausgangspunkt bildet hierbei die erste schriftliche Quelle aus dem Jahr 1330, weiterhin werden das Märchen des neapolitanischen Dichters Giambattista Basile, „Sonne, Mond und Talia“, sowie die Geschichte „Die schlafende Schöne im Walde“ von Charles Perrault in die Betrachtung einbezogen.
Die Geschichte des „Dornröschen“ ist eines der populärsten Märchen unseres Kulturkreises. Die im Jahr 1812 im ersten Band der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“ enthaltene Fassung stellt die in Deutschland bis heute bekannteste Überlieferung des Dornröschenstoffes dar.
Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm begriffen die ihnen zugetragenen Märchen als durch das kollektive Gedächtnis oral tradierte Volkspoesie, welche Fragmente germanischer Mythologie enthält. Ihre Motivation für das Zusammentragen der Geschichten formulierten sie im Vorwort der im Jahr 1819 erschienenen zweiten Auflage folgendermaßen: „Es war vielleicht gerade Zeit, diese Mährchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden“. Viele der von den Grimms bearbeiteten und herausgegebenen Texte wurden jedoch bereits geraume Zeit vor dem Erscheinen ihrer Sammlung durch einzelne Autoren literarisiert, und auch die Grimms „hatten ihre Kinder- und Hausmärchen […] fast gänzlich am Schreibtisch komponiert“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Varianten des Märchens „Dornröschen“
2.1. Entstehungsgeschichte – früheste Überlieferungen
2.2. „Sonne, Mond und Talia” – Giambattista Basile
2.3. „Die schlafende Schöne im Walde“– Charles Perrault
2.4. „Dornröschen“ – Jakob und Wilhelm Grimm
3. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehungsgeschichte des Märchens „Dornröschen“ und analysiert, wie der jeweilige Zeitgeist die narrative Struktur dieser Erzählung in verschiedenen literarischen Fassungen geprägt und verändert hat.
- Die Entwicklung des Märchenmotivs von mittelalterlichen Quellen bis zu den Brüdern Grimm
- Vergleichende Analyse der Fassungen von Basile, Perrault und den Gebrüdern Grimm
- Einfluss gesellschaftlicher Normen und moralischer Vorstellungen auf die Erzählweise
- Die Transformation von Motiven wie der „Schlafenden Schönen“ im Kontext von Zeitgeist und Gattungsgeschichte
Auszug aus dem Buch
2.4. „Dornröschen“ – Jakob und Wilhelm Grimm
Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm veröffentlichten den ersten Band ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ im Jahr 1812 in Berlin. Ursprünglich sollte die Sammlung durch den Dichter Clemens Brentano herausgegeben werden, doch verschwand das im Jahr 1810 an ihn geschickte Manuskript, woraufhin die Brüder das Projekt selbst realisierten. Die darin enthaltenden 86 Märchen wurden ihnen durch etwa fünfzig verschiedene Personen bzw. Familien zugetragen, welche vorwiegend aus Hessen stammten. Eines der im ersten Band erschienen Märchen ist das „Dornröschen“. Der Name der Erzählung wurde bereits von dem französischen Dichter Anthony Hamilton verwandt, dessen Werk „Historie De Fleur D’ Épine, conte“ jedoch keinen direkten inhaltlichen Zusammenhang zu „Dornröschen“ aufweist. Den Grimms wurde die Geschichte von der schlafenden Prinzessin durch die Kasselerin Marie Hassenpflug zugetragen, welche eine der Hauptmärchenquellen der Brüder darstellte und im Geist französischer Feenmärchen erzogen wurde.
Abweichend von seinen Prätexten beginnt das KHM 50 (1812) mit der durch einen Krebs ausgesprochenen Prophezeiung der Geburt eines Kindes, während eine Königin ein schwangerschaftsförderndes Heilbad nimmt. Nach Felix Karlinger werden als tierische Propheten häufig Meereslebewesen genannt, da „Bezüge über die Herkunft des Menschen aus dem Wasser […] in Märchen aller Völker auf[tauchen]“. Der König veranstaltet anlässlich der Geburt seiner Tochter ein Fest, zu dem er entgegen der Variante Perraults zwölf Feen einlädt, die dreizehnte Fee des Landes aber vorsätzlich nicht zu sich bittet,: „weil er nur zwölf goldene Teller hatte“. Diese Begründung erscheint weniger durchdacht als die des französischen Dichters, und auch die nachfolgende Umwandlung des Todesfluches in einen einhundertjährigen Schlaf folgt keiner Erzähllogik und wirkt daher „zu konstruiert und unmärchenhaft“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Dornröschen-Stoffes ein und definiert die Zielsetzung der Arbeit, die Entstehungsgeschichte und den Einfluss des Zeitgeistes vergleichend zu betrachten.
2. Varianten des Märchens „Dornröschen“: Dieses Hauptkapitel analysiert chronologisch verschiedene Textzeugnisse, angefangen bei den frühesten Überlieferungen im Mittelalter über Basile und Perrault bis hin zur Grimmschen Fassung.
3. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und unterstreicht die Anpassungsfähigkeit des Märchengenres an die jeweiligen moralischen und gesellschaftlichen Lebenswirklichkeiten der Autoren.
Schlüsselwörter
Dornröschen, Brüder Grimm, Märchenforschung, Charles Perrault, Giambattista Basile, Motivgeschichte, Literaturanalyse, Zeitgeist, Volksmärchen, Stoffgeschichte, Narrative Struktur, Erzähltradition, Literaturwissenschaft, Entstehungsgeschichte, Scheintod
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Entwicklung des Dornröschen-Stoffes über mehrere Jahrhunderte hinweg.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Im Zentrum stehen die Veränderungen des Märchenmotivs, der Einfluss von Epochen auf die Erzählweise sowie die vergleichende Analyse bedeutender Fassungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der jeweilige Zeitgeist und die moralischen Vorstellungen der Zeit die narrative Ausgestaltung des Märchens beeinflusst haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Textanalyse angewandt, die auf literaturwissenschaftlichen Sekundärquellen und den Originaltexten der verschiedenen Epochen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der Varianten, beginnend bei mittelalterlichen Texten wie dem „Roman de Perceforest“ über das Barock bei Basile und das französische 17. Jahrhundert bei Perrault bis zur Sammlung der Gebrüder Grimm.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Märchenforschung, Stoffgeschichte, Motivanalyse, literarische Adaptation und der historische Wandel narrativer Strukturen.
Wie unterscheidet sich die Version der Gebrüder Grimm von ihren Vorgängern?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die Grimms das Märchen in einen bürgerlichen Kontext stellten, sexuelle Bezüge früherer Fassungen eliminierten und das Werk als pädagogisches Erziehungsbuch für die Familie gestalteten.
Welche Rolle spielt der „Scheintod“ in der Entstehung des Märchens?
Laut den zitierten Autoren könnte die Furcht vor einem vorzeitigen Begräbnis, bedingt durch Pestepidemien und unzureichende medizinische Diagnosen, als ein realer Hintergrund für den Erzählkern des „Todes- oder Schlaf-Motivs“ gedient haben.
- Arbeit zitieren
- Tanja Wille (Autor:in), 2010, Variationen des Märchens „Dornröschen“. Ein kulturhistorischer Transformationsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323440