Die Frau zur Zeit der Aufklärung im Zwiespalt zwischen Vernunft und Gefühl am Beispiel von "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing


Hausarbeit, 2014

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext
2.1 Die Frau im Zeitalter der Aufklärung
2.2 Werte der Stände Adel-Bürgertum

3. Emilia Galotti – zwischen Vernunft und Gefühl
3.1 Inhalt
3.2 Die Rolle der Erziehung Emilias
3.3 Emilia als Opfer der männlichen Dominanz
3.4 Emilias Flucht in den Tod als Schutz vor Tugendverlust

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Lessings 1772 uraufgeführtem bürgerlichen Trauerspiel „Emilia Galotti“ wird dargestellt, wie wichtig der Erhalt der Tugend für das Bürgertum tatsächlich war, und dass dieser Tugendrigorismus, sogar ein Menschenleben kostet. Die Gesellschaftskritik, die Lessing mit diesem Stück übte, führte schon zu seinen Lebzeiten zu einer brisanten Diskussion. Das Drama übt klare Kritik an der privilegierten Lebensführung des Adels, aber auch am Tugendrigorismus des Bürgertums. Für die Hauptperson Emilia Galotti, ist es nach Entdeckung ihrer Verführbarkeit nicht mehr möglich, den hohen Tugendanforderungen ihres Vaters Odoardo gerecht zu werden, darum entscheidet sie sich lieber für einen Tod in Unschuld als für ein Leben in Schande. Angesichts der Tatsache, dass die Menschen im Zeitalter der Aufklärung ihr Leben in einer noch sehr unaufgeklärten Weise vollzogen, wird deutlich, dass die Veränderungen und Umbrüche der Aufklärung im 18. Jahrhundert nur langsam Wirkung zeigten. Vor allem Frauen litten unter den gesellschaftlichen Bedingungen. Sie durften ihre Individualität nicht ausleben, noch war es ihnen gestattet aus ihren traditionellen Rollenbildern zu entfliehen. Somit befanden sie sich im Zwiespalt zwischen Wünschen, Trieben,

Gefühlen und den von der Gesellschaft verlangten Tugenden, Moralitäten und der Vernunft.

Im ersten Teil der Arbeit wird der geschichtliche Hintergrund zur Entstehungszeit des Dramas „Emilia Galotti“ erläutert. Dazu wird zunächst das Frauenbild zur Zeit der Aufklärung untersucht. Im Anschluss daran werden die Werte des Adels und des Bürgertums kontrastiert dargestellt. Im Hauptteil stehen die Faktoren im Vordergrund, die Emilia Galotti in den Zwiespalt zwischen Gefühl und Vernunft gebracht haben und welche auch letztendlich ihre Todesursache darstellen. Dazu wird ihre Erziehung, ihre Unterwürfigkeit dem männlichen Geschlecht gegenüber und das Motiv ihres Todes anhand entsprechender Textstellen analysiert.

2. Historischer Kontext

2.1 Die Frau im Zeitalter der Aufklärung

„Frauen war zur Zeit der Aufklärung eine Rolle am Rande der Gesellschaft zugewiesen: ihr Refugium waren zumeist Heim und Herd, die Kindererziehung und der Haushalt. Sie fanden ihren Platz an der Seite eines Mannes, gingen in ein Kloster oder Frauenstift oder lebten bis ins hohe Alter im Hause ihrer Eltern.“[1]

Dieses Zitat der Chefredakteurin einer Frauenzeitschrift gibt die grundlegenden Merkmale wieder, durch die eine Frau des 18. Jahrhunderts gekennzeichnet war, und das obwohl die Aufklärung doch Freiheit und Gleichheit für alle Menschen mit sich bringen sollte, unabhängig vom Geschlecht. Mit dem Anbruch des Zeitalters der Aufklärung, änderten sich die Aufgaben als auch die Stellung einer Frau in der Gesellschaft. Sie unterstützte nicht mehr länger ihren Ehemann bei seiner Arbeit und hatte auch keinen beruflichen Pflichten mehr nachzugehen.[2] Vielmehr hatte sie nun die Aufgabe, das Heim zu einem sauberen Ort der Ruhe und Entspannung für ihren alleinverdienenden Mann zu machen. Des Weiteren war auch die Kindeserziehung ihre Aufgabe.[3]

Aufopfernd, gütig, bescheiden und zurückhaltend sollte sie sein, denn dies waren die Merkmale, die eine tugendhafte (Ehe-)Frau des 18. Jahrhunderts vorzuweisen hatte: „Bis zum 17. Jahrhundert wurden die Mädchen noch erzogen wie im Mittelalter. Sie blieben bei der Mutter oder wurden zu Verwandten gegeben, wo sie Pflichten einübten, die sie später als Ehefrauen erfüllen mussten.“[4] Dieses Zitat belegt auch, dass das Ziel der Erziehung von Mädchen war, sie zu tugendhaften und gehorsamen Hausfrauen auszubilden. Auch die Tugend der Vernunft sollte fest verinnerlicht werden in den Köpfen der jungen Mädchen, je früher desto besser, für eigene Gefühle war kaum Platz. Liebe, und vor allem Sexualität wurden erst in der Ehe gelebt. Wurden jedoch Gefühle solcher Art vor der Ehe zwischen Mann und Frau ausgetauscht, so galt dies als unrecht und wurde verpönt.

In der Zeit der Aufklärung wurden Frauen stets von Männern bevormundet, zunächst war es der Gehorsam gegenüber der väterlichen Autorität und danach die Unterwerfung dem Ehemann gegenüber. Es war der Brauch, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Vater entschied, wen die Tochter als Gemahlen nahm. Als optimal galten Männer, die Kategorien wie Ansehen, finanzielle Mittel und Reichtum vorzuweisen hatten. Liebeshochzeiten gab es nur äußerst selten. Diese Voraussetzungen machten es unmöglich für die damalige Frau, einen selbstständigen Charakter zu entwickeln, doch die Tatsache, dass die Frau ein abhängiges Wesen war, wurde folgendermaßen begründet: „Zu den Merkmalen dieser weiblichen Natur gehörten natürlich vor allem Eigenschaften, die Männern nützten, d.h. ihnen zu gefallen, zu dienen und keinesfalls selbstständig zu agieren. Der Mann erwartete die willige Unterordnung der Frau, da sie doch als schwaches Geschlecht der männlichen Oberaufsicht bedürfe.“[5] Da die Frau als physisch schwächer galt als der Mann, wurde es also als Selbstverständlichkeit gesehen, die Frau vor allem zu bewahren, was sie nicht meistern könne.

Bildung hätte dieses Bild der Frau, als unterlegenes Geschlecht verändern können, doch aufgrund der Gefahr, dass eine gebildete junge Frau sich nicht mehr so leicht zu einer aufopferungsvoll dienenden Ehefrau machen ließe, wie eine ungebildete, wurde die Bildung vom weiblichen Geschlecht größtenteils verhindert.[6]

Ehemänner durften entscheiden, ob sich ihre Ehefrauen weiterbilden konnten oder nicht, doch da die Frauen ihnen nicht geistig überlegen sein sollten, untersagten sie dies oft. Doch auch vom sozialen Status war das Erlangen von geistigen Fähigkeiten, in der Form von Bildung abhängig, denn Bildung war ein Privileg, das nicht jedem Menschen zustand. Die Frau wurde demnach in eine Rolle gedrängt, bei der sich die Gesellschaft ziemlich einig war, sie gehöre in diese, nämlich die, des schwächeren Geschlechts:

„Im 18. Jahrhundert wurden sämtliche gesellschaftlichen Privilegien und Institutionen in Frage gestellt, die Ideen der Freiheit und Gleichheit betreten die Bühne der Ideengeschichte. Gerade diese beiden wurden in der Folgezeit von den Frauen eingefordert. In dieser Zeit waren Frauen nicht als den Männern in Intellekt und Fähigkeiten ebenbürtig angesehen. Sie wurden auch nicht als juristische oder politische Subjekte, sondern als Objekte männlicher Dominanz betrachtet. In Ehe und Familie sind sie der absoluten Verfügungsgewalt des Ehemannes oder des Vaters ausgeliefert. Diese können uneingeschränkt Vermögen und Einkommen der Frauen verwalten und nutzen, sogar Arbeitsverhältnisse der Frauen gegen ihr Wollen und ohne ihr Wissen kündigen. Bildung und Erziehung sollten Frauen nur auf ihre Zukunft als Hausfrau und Mutter vorbereiten.“[7]

Dieses Zitat bestätigt wieder, dass das Bild der Frau in der Gesellschaft fest verankert war. Doch auch in politischen Angelegenheiten sollte sie sich nicht einmischen, und dies obwohl die Französische Revolution im Jahre 1789 zur Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte führte. So sollten auf den Grundwerten der Aufklärung basierend, alle Menschen frei und mit gleichem Recht leben dürfen, doch auch hier wurden Frauen offensichtlich ausgeschlossen:

„Die ersten Kundgebungen der Revolution nehmen von den Frauen kaum Notiz. Man pflegt die "Droits de l´homme et du citoyen", die die Verfassungsgebende Versammlung schon drei Wochen nach dem Bastille-Sturm verkündet, mit "Menschen- und Bürgerrechte" zu übersetzen. Aber richtiger wäre zu sagen: Rechte des Mannes und des Bürgers, denn die Frau ist von den meisten politischen Rechten ausgeschlossen. Sie kann weder wählen, noch gewählt werden, noch ein höheres Amt bekleiden."[8]

Sittliches, frommes Verhalten und zierliches Auftreten waren gefragt im Zeitalter der Aufklärung und nicht die Unabhängigkeit der Frau. Demzufolge ist es unschwer zu erschließen, weshalb der Frau das Privileg der Bildung vorenthalten wurde. Ende des 18. Jahrhunderts jedoch, begann sich das weibliche Geschlecht gegen den vehementen Druck der Gesellschaft aufzulehnen; der Bevormundung in jeder Lebenslage sollte nun ein Ende gesetzt werden. Es bildeten sich Frauenclubs, die es zum Ziel hatten, Zwangsehen zu verhindern und auch das Frauenwahlrecht stand im Vordergrund. Diese Frauengemeinden setzten sich zusammen aus Damen, die sich letztendlich ihres eigenen Verstandes bedienten, welches auch im Sinne der Aufklärung war.[9] Die eigentliche Bedeutung der Aufklärung schien sich zu erfüllen, zumindest wie Immanuel Kant sie vorsah: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“[10]

2.2 Werte der Stände Adel-Bürgertum

Die politischen Ordnungen die am Ende des Dreißigjährigen Krieges gefestigt wurden, sahen eine Ständegesellschaft mit einem absolutistischen Herrscher vor. Die Ständegesellschaft teilte sich auf in Klerus, welcher die Geistlichen und Kirchenvertreter beinhaltete, den Adel, sowie die Bürger und Bauern. Die Bauern und Handwerker hatten den niedrigsten Stand und mussten hart ums Überleben kämpfen. Wohingegen der Adel und Klerus die wohlhabenderen waren. Menschen wurden in den jeweiligen Stand hineingeboren, es war also unmöglich Mitglied eines anderen Standes zu werden. Diese hierarchische Gesellschaftsstruktur galt als göttliche Ordnung, also als vollkommen und unveränderbar.

Es entstanden zwei Parallelen in einem Land, der Adel und der Bürgertum waren keineswegs miteinander zu vereinbaren, vor allem ihre Werte unterschieden sich in höchstem Maße.

Gerade durch seine Tugendvorstellung, grenzte sich das Bürgertum ganz klar vom Adel ab, sie galt in jeglichen Lebenslagen als wesentliches Merkmal des Bürgertums und umfasste unter anderem auch Fleiß, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Gewissenhaftigkeit und vor allem Aufrichtigkeit:

„Bürgerliche sind auf die inneren Werte, Tugend, Fleiß, Sparsamkeit Ehrlichkeit, Selbstgenügsamkeit geradezu abonniert. Ihre deutsche Echtheit, Aufrichtigkeit und Innerlichkeit – zuweilen vielleicht etwas ungeschlacht, doch unverfälscht – steht der höfischen Eitelkeit, der Verschwendungssucht, der bloßen „Politur“ dem bloß äußeren Glanz, der leeren Etikette des in lächerlicher Weise dem Vorbild des französischen Hofes nacheifernden Hofadels gegenüber […]."[11]

Die scharfe Kritik der Historikerin Elisabeth Fehrenbach am Adel zeigt auf, dass dieser nicht besonders werte- oder moralorientiert war. Vielmehr sah man die Adligen als rücksichtlos, egoistisch, verwöhnt und materialistisch an. Äußere Bedingungen und Wohlhabenheit sind die Charakteristika des Adels die den inneren Werten im Bürgertum glichen.[12] Ein weiterer Unterschied zwischen Adel und Bürgertum bestand in der Vorstellung von Eheschließung. Die Motive der Eheschließung im Adel bestanden in der Statuserhöhung. Dies war auch einer der Gründe dafür, dass der adlige Mann oftmals untreu wurde: „Adelige Männer haben Geliebte, die im Haus der Familie wohnen können, während die Frau für eventuelle Affären büßen muss.“[13] Die Tatsache, dass der adlige Mann seine Sexualität nicht selten an mehreren Frauen auslebte, bestätigt die vorrangegangene Aussage, dass der Adel keine moralische Gesinnung aufwies, ja sogar gewissenlos schien. Auch wenn Männer selbst nicht treu waren, hatte die Ehefrau dies zu sein, ihre Rechte waren auch in diesem Fall beschränkt.

[...]


[1] http://www.aviva-berlin.de/aviva/Found.php?id=1418535, Sharon Adler (12.08.2014 19:48)

[2] Vgl. http://www.gleichberechtigung.at/Geschichtedergleichberechtigung.html (12.08.2014 20.00)

[3] Vgl. ebd,

[4] Meyer, Ursula: Aufklärerinnen. ein-FACH-verlag, Aachen 2009. S. 15.

[5] Ebd, S.17.

[6] Ebd, S.99.

[7] http://sdsleipzig.blogsport.de/images/InputHistorischeErrungenschaftenundKmpfevonFrauenbewegungen.pdf (10.01.2015 22.15)

[8] Lewinsohn, Richard: Eine Weltgeschichte der Sexualität. Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg 1956. S. 227

[9] Vgl. http://www.gleichberechtigung.at/Geschichtedergleichberechtigung.html , (12.08.2014 21.20)

[10] Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift 4 (1784), S. 481-494.

[11] Fehrenbach, Elisatbeth: Adel und Bürgertum in Deutschland. Oldenbourg Verlag GmbH, München 1994. S. 8.

[12] Vierhaus, Rudolf: Bürger und Bürgerlichkeit im Zeitalter der Aufklärung. Verlag Lambert Schneider GmbH, Heidelberg 1981. S. 258.

[13] Zwecker, Loel: Ein Schritt zurück in die Zukunft: Was wir aus der Geschichte lernen können. Pantheon Verlag, München 2013. S. 178

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Details

Titel
Die Frau zur Zeit der Aufklärung im Zwiespalt zwischen Vernunft und Gefühl am Beispiel von "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V323453
ISBN (eBook)
9783668224247
ISBN (Buch)
9783668224254
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emilia Galotti, Lessing, bürgerliches Trauerspiel, Aufklärung
Arbeit zitieren
Faiza Zamir (Autor), 2014, Die Frau zur Zeit der Aufklärung im Zwiespalt zwischen Vernunft und Gefühl am Beispiel von "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323453

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