Alltagspsychologie wird von jedem Menschen in irgendeiner Form betrieben. Dies erfolgt jedoch in der Regel unsystematisch und subjektiv. Im Gegensatz dazu verfolgt die wissenschaftliche Psychologie das Ziel, objektiv und nachprüfbar zu arbeiten.
Doch ist es der wissenschaftlichen Psychologie immer möglich diesen Ansprüchen gerecht zu werden? Ist der empirisch wissenschaftliche Zugang zum Menschen in der Lage, Antworten mit völliger Gewissheit zu liefern?
Als Lebensweisheit ist die Einsicht in menschliche Fehlbarkeit wohl unbestritten und Psychologen betreiben dahingehend Fehlerforschung, welche sich Anfang des 19. Jahrhunderts unter anderem aus der Erkenntnis von Wahrnehmungsfehlern in psychologisch wissenschaftlichen Prozessen entwickelte.
Ist somit der Gedanke zuzulassen, dass das Erforschen des Menschlichen durch Menschen trotz definierter Forschungsprozesse und Gütekriterien menschlichen Fehlern unterliegt?
Diese Arbeit versucht ausgehend von diesen Fragen in groben Umrissen einzelne Aspekte der Psychologie zu beleuchten. Ein detaillierteres Aufarbeiten der einzelnen Themen würde den Rahmen der Arbeit bei Weitem sprengen. Es soll jedoch versucht werden, beginnend mit der Entwicklung der Psychologie, weitergehend zum allgemeinen empirisch psychologischen Zugang zum Menschen bis hin zur Diagnostik, einen doch sehr breiten Rahmen zu spannen. So sollen verschieden kritisierbare Aspekte offen gelegt und mögliche Grenzen der Psychologie aufgezeigt werden. Zumindest jedoch soll es zu einer weitergehenden kritischen Reflexion ermutigen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Entwicklung der Psychologie
3 Psychologie als Wissenschaft
3.1 Der Forschungsprozess
3.2 Vermeintliche Objektivität in der Forschung
4 Die quantitative psychologische Diagnostik
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, den empirisch-psychologischen Zugang zum Menschen sowie die psychologische Diagnostik kritisch zu reflektieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit wissenschaftliche Forschungsprozesse und diagnostische Verfahren trotz hoher Qualitätsansprüche anfällig für menschliche Fehlbarkeit und subjektive Verzerrungen sind.
- Historische Entwicklung der Psychologie als Wissenschaft
- Struktur und Standardisierung des psychologischen Forschungsprozesses
- Analyse von Wahrnehmungsfehlern und Verzerrungseffekten in der Forschung
- Qualitätskriterien und Grenzen der quantitativen psychologischen Diagnostik
- Ethische Verantwortung im Umgang mit psychologischen Erkenntnissen
Auszug aus dem Buch
Vermeintliche Objektivität in der Forschung
Doch die im vorherigen Unterkapitel erwähnten Schritte können Wahrnehmungsfehler unterliegen. Es können Forschungsergebnisse in Bezug auf Objektivität und Unvoreingenommenheit auch kritisiert werden. Es gibt eine Vielzahl von möglichen Effekten, die die Untersuchungen an sich und auch das Ziehen der Schlussfolgerungen verfälschen. Es wird nach Kulbe (2009, S. 79f.) auf zwei dieser Effekte näher eingegangen.
Als Beispiel kann man solche Effekte - wie im Folgenden geschildert - auf eine Situation umlegen, in der ein Forscher mittels eines Interviews einen Probanden befragt.
Sympathie- und Antipathiefehler
Wenn sich zwei Menschen begegnen, so hinterlässt der erste Eindruck unmittelbar eine Empfindung. Man entscheidet am Anfang bereits, ob man den anderen sympathisch oder unsympathisch findet. Bei den folgenden Wahrnehmungen ist es möglich, dass der Interviewer bei unsympathischen Probanden unverhältnismäßig kritisch ist und geneigt ist, ihnen in einer negativen Grundhaltung gegenüber zu treten. So kann die Wahrnehmung des Interviewers durch Sympathie oder Antipathie subjektiv gefiltert werden.
Halo-Effekt
Hier beeinflussen hervorstehende und individuelle Persönlichkeitseigenschaften, beispielsweise eine schrille laute Stimme, übermäßiges Selbstbewusstsein oder Ängstlichkeit oder auch Dinge die Teil einer Person sind – zum Beispiel ein Rollstuhl, eine dicke Brille – die Wahrnehmung des Interviewers. Diese dominanten Einflüsse können andere Persönlichkeitsmerkmale überdecken und dazu verleiten, lediglich die dominanten Merkmale zu deuten.
So hat die empirisch wissenschaftliche Psychologie zwar einen Anspruch auf Objektivität, doch verlangt es in Anbetracht der oben beispielhaft genannten Effekte geeignete Gegenmaßnahmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass auch die wissenschaftliche Psychologie trotz systematischer Vorgehensweise und Fehlerforschung selbst menschlichen Fehlern unterliegen kann.
2 Die Entwicklung der Psychologie: Das Kapitel skizziert den Übergang der Psychologie von einer philosophisch geprägten Disziplin hin zu einer empirisch-wissenschaftlichen Fachrichtung Ende des 19. Jahrhunderts.
3 Psychologie als Wissenschaft: Hier wird der standardisierte Forschungsprozess erläutert und die Problematik der Objektivität durch menschliche Wahrnehmungsfehler wie Sympathie- oder Halo-Effekte kritisch beleuchtet.
4 Die quantitative psychologische Diagnostik: Dieses Kapitel behandelt die Anwendung der Forschungsergebnisse in der Diagnostik, insbesondere in der Eignungsdiagnostik, und hinterfragt die statistische Prognostizierbarkeit menschlicher Zusammenarbeit.
5 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert das Dilemma der Psychologie zwischen Objektivitätsanspruch und menschlichem Faktor und fordert eine kritische Instanz für den ethischen Umgang mit psychologischen Erkenntnissen.
Schlüsselwörter
Psychologie, Empirie, Forschungsprozess, Diagnostik, Objektivität, Wahrnehmungsfehler, Halo-Effekt, Eignungsdiagnostik, Gütekriterien, Wissenschaftsethik, Fehlbarkeit, menschlicher Faktor, Validität, Reliabilität, kritische Reflexion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer kritischen Reflexion der empirisch-psychologischen Forschungsmethoden und der psychologischen Diagnostik hinsichtlich ihrer Objektivitätsansprüche.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Genese der Psychologie, der Methodik empirischer Untersuchungen, der Fehleranfälligkeit durch menschliche Wahrnehmung sowie der Anwendung diagnostischer Verfahren in der Wirtschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Grenzen des wissenschaftlichen Zugangs zum Menschen aufzuzeigen und die Notwendigkeit einer kontinuierlichen kritischen Hinterfragung psychologischer Praktiken zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Reflexion und Literaturanalyse, um den psychologischen Forschungsprozess und diagnostische Qualitätsstandards kritisch zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den standardisierten Forschungsprozess, mögliche verfälschende Effekte bei der Datenerhebung sowie die Anwendung von Eignungsdiagnostik in Organisationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Objektivität, Empirie, diagnostische Gütekriterien, Wahrnehmungsfehler und ethische Verantwortung definiert.
Wie beeinflussen Sympathie-Effekte die psychologische Forschung?
Der Autor erläutert, dass Interviewer dazu neigen können, Probanden aufgrund subjektiver Empfindungen (Sympathie/Antipathie) unbewusst kritischer oder positiver zu bewerten, was die Objektivität des Forschungsergebnisses gefährdet.
Warum hinterfragt der Autor die Eignungsdiagnostik?
Da die Zusammenarbeit in Organisationen hochkomplex und menschlich geprägt ist, bezweifelt der Autor, dass diese durch standardisierte Testverfahren statistisch sicher prognostiziert werden kann.
Was ist die Schlussfolgerung bezüglich des "Vierten Akteurs"?
Der Autor fordert zur Lösung des Dilemmas der Psychologie einen vierten Akteur: Den Menschen, der die Forschung, Diagnostik und den praktischen Einsatz der Psychologie ethisch und kritisch hinterfragt.
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- B. Kaefer (Author), 2016, Kritische Reflexion des empirisch-psychologischen Zugangs zum Menschen und der Diagnostik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323499