In Dresden treibt es tausende Menschen auf die Straße, eine neue Bewegung, die Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes). Ziel der Bewegung ist eine Abgrenzung zu 'fremden Konflikten'.
Seit den Protesten bleibt die Frage offen, was die Bewegung genau will, wer die Akteure sind und wo das Problem ausgemacht werden kann. Die Akteure der Bewegung sehen die deutsche Kultur durch eine ‚Islamisierung‘ gefährdet. Schuld daran ist die Asylpolitik Deutschlands.
Es soll nicht die Frage dieser Arbeit sein, die deutsche Gesellschaft und Kultur auf eine Islamisierung hin zu untersuchen, geschweige denn eine positive oder negative Wertung für potentielle Prozesse zu konstatieren, da dies außerhalb von soziologischen Fragestellungen liegt.
Untersucht werden soll, wie eine solche Bewegung in einem Teil Deutschlands entstehen kann, in dem es so wenige Ausländer gibt. Wie konnte die ‚Islamisierung‘ zu einem Problem Deutschlands werden, ohne dass eine kollektive Übereinstimmung über einen Sachverhalt von Islamisierung vorhanden ist. Fragen sollen beantwortet werden, wie ob die ‚Islamisierung‘ oder die ‚Pegida‘ ein soziales Problem geworden sind und wer von der Problemkarriere des Sachverhalts eventuell profitiert.
Inhaltsverzeichnis
Die Problemkarriere der 'Islamisierung des Abendlandes' unter Pegida in Dresden
1. Einleitung
2. Die Problemkarriere der 'Islamisierung des Abendlandes'
2.1 Definition ‚soziales Problem‘
2.2 Problemkarriere und Phasenentwicklung der Pegida und der Islamisierung
2.3 Der kollektive Akteur
2.3.1 Die soziale Bewegung PEGIDA
2.3.2 Die Problemnutzer
2.4 Virtuelle Probleme am Beispiel Alien Abduction und Ritual Cult Abuse
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht soziologisch, wie die Bewegung Pegida in einem Gebiet mit geringem Ausländeranteil entstehen konnte und wie der Begriff der ‚Islamisierung‘ als soziales Problem konstruiert wird, ohne dass eine kollektive Übereinstimmung über den Sachverhalt selbst vorliegt.
- Konstruktion sozialer Probleme nach dem Modell der Problemkarriere
- Analyse von Akteuren wie sozialen Bewegungen und politischen Problemnutzern
- Untersuchung der ‚Islamisierung‘ als diskursive Chiffre und Feindbild
- Vergleich mit anderen virtuellen Problemen wie Alien-Entführungen
- Erklärung der Popularität der Bewegung im Kontext von Systemangst und Identitätsfragen
Auszug aus dem Buch
2.1 Definition ‚soziales Problem‘
Nachdem die Soziologie eine dichotome Vorstellung von Ideen- und Seinslage überwunden hat, wird von Berger und Luckmann eine mikrosoziologische Fundierung geschaffen, welche zeigt, wie eine primär symbolisch gezeichnete Wirklichkeit durch Deuten und Handeln von Individuen alltäglich reproduziert und zur objektiven Faktizität wird. Die Folge ist eine theoretische Wende unter Herbert Blumer für die Problemsoziologie (vgl. Schetsche 2000, S. 10). „Soziale Probleme sollten zukünftig nicht mehr als Diskrepanz zwischen objektiven, soziologisch eindeutig konstatierbaren Lebenslagen und der Wertordnung einer Gesellschaft beschrieben werden, sondern als Folge eines sozialen Definitionsprozesses […]. Die ‘gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit’ wurde zum problemsoziologischen Programm“ (ebd., S. 10f.).
Mit dem Terminus ‚soziales Problem‘ wird ein Sachverhalt der sozialen Wirklichkeit beschrieben, welcher den MitgliederInnen der Gesellschaft als problematisch erscheint (vgl. Schetsche 2008, S. 11). Themen mit dem Label ‚soziales Problem‘ fordern öffentliche Aufmerksamkeit und konfrontieren die Soziologie, wie ihre Nachbarsdisziplinen mit den Fragen, „um was für Phänomene es sich hier überhaupt handelt, wie sie in die Welt kommen und wie in der Gesellschaft gewöhnlich mit ihnen umgegangen wird“ (ebd., S. 14). Aufgabe der Soziologen ist es sich nicht von gesellschaftlichen Deutungen und Wertungen leiten zu lassen, sondern diese zum Gegenstand der Untersuchung zu machen (vgl. ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entstehung der Bewegung Pegida ein und umreißt die soziologische Fragestellung, wie die ‚Islamisierung‘ trotz geringer muslimischer Bevölkerungsanteile in Sachsen zum zentralen Problembegriff werden konnte.
2. Die Problemkarriere der 'Islamisierung des Abendlandes': In diesem theoretischen Hauptteil wird das Modell der Problemkarriere erläutert und die Akteurskonstellationen sowie Mechanismen der Problementstehung im Fall von Pegida analysiert.
2.1 Definition ‚soziales Problem‘: Dieses Unterkapitel legt die theoretische Basis des konstruktivistischen Problembegriffs und diskutiert die Unterscheidung zwischen realen und virtuellen Problemen.
2.2 Problemkarriere und Phasenentwicklung der Pegida und der Islamisierung: Es werden die Phasen der Problemkarriere und die Bedeutung der Problemdeutung durch Diskurse und Massenmedien für die Etablierung eines sozialen Problems dargestellt.
2.3 Der kollektive Akteur: Dieses Kapitel betrachtet die verschiedenen Rollen von Akteuren innerhalb einer Problemkarriere und wendet diese Typologie auf die Akteure im Umfeld der Pegida an.
2.3.1 Die soziale Bewegung PEGIDA: Hier wird Pegida als Akteur untersucht, der durch die Formulierung eines Problemmusters und die Besetzung von Identitätsfragen eine Bewegung formt.
2.3.2 Die Problemnutzer: Dieses Unterkapitel analysiert die Rolle von politischen Parteien wie der AfD, die soziale Probleme instrumentalisieren, um Machtansprüche und Wählerstimmen zu sichern.
2.4 Virtuelle Probleme am Beispiel Alien Abduction und Ritual Cult Abuse: Anhand dieser Extrembeispiele wird verdeutlicht, wie auch bei nicht konsensualen Sachverhalten eine soziale Problemkarriere durch soziale Dynamiken und Wahrnehmungskokons entstehen kann.
3. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass die Motivation der Akteure sowie die Wirkung des Thomas-Theorems für das Verständnis der Bewegung wichtiger sind als die objektive Beweisbarkeit der von ihnen behaupteten Sachverhalte.
Schlüsselwörter
Soziale Probleme, Problemkarriere, Pegida, Islamisierung, Konstruktivismus, Soziologie, Problemnutzer, Soziale Bewegung, Diskursstrategien, Wahrnehmungskokon, Virtuelle Probleme, Thomas-Theorem, Gesellschaft, Identität, Politische Instrumentalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Entstehung und Karriere des sozialen Problems „Islamisierung des Abendlandes“ am Beispiel der Pegida-Bewegung aus einer soziologischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit befasst sich mit der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit, der Phasenentwicklung von Problemen, der Rolle kollektiver Akteure (wie Bewegungen und Parteien) sowie der Dynamik virtueller Probleme.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu analysieren, wie eine Bewegung wie Pegida in einer Region mit sehr geringem Ausländeranteil entstehen konnte und wie der Begriff ‚Islamisierung‘ zum gesellschaftlich wahrgenommenen Problem wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen konstruktivistischen Ansatz der Soziologie, insbesondere die Theorie der „Problemkarriere“ nach Michael Schetsche, um soziale Prozesse der Problemdeutung zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen der Problemanalyse, die differenzierte Betrachtung von Akteuren wie Pegida und politischen „Problemnutzern“ sowie den Vergleich mit virtuellen Problemen wie Alien-Abductions.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Problemkarriere, Konstruktivismus, soziale Bewegung, Problemnutzer, Identitätspolitik und das Thomas-Theorem.
Wie erklärt die Autorin die Popularität von Pegida trotz geringer Migrantenzahlen?
Die Arbeit erklärt dies durch ein allgemeines „Unbehagen“ und Systemangst, bei dem die „Islamisierung“ als Chiffre für andere Ängste genutzt wird, die sich durch die soziale Dynamik in einem Wahrnehmungskokon verfestigen.
Was unterscheidet „soziale Problemnutzer“ von anderen Akteuren?
Im Gegensatz zu Betroffenen oder Experten funktionalisieren Problemnutzer (wie Politiker) soziale Probleme primär für ihre machtpolitischen Interessen und den Kampf um Wählerstimmen.
Warum zieht die Autorin den Vergleich zu „Alien Abduction“?
Dieser Vergleich dient dazu, das Konzept der „virtuellen Probleme“ zu verdeutlichen, bei denen die Existenz des behaupteten Sachverhalts strittig ist, das Problem aber dennoch reale gesellschaftliche Wirkungskraft entfaltet.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Lisa Maria Neulist (Autor:in), 2015, Die Problemkarriere der 'Islamisierung des Abendlandes' unter Pegida in Dresden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323538