Integrative Beschulung in Niedersachsen

Situation und Veränderungen aus Sicht einer erfahrenen Lehrkraft einer Grundschule


Seminararbeit, 2014

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Teil
2.1 Herleitung der Forschungsfragen
2.2 Herleitung der Hypothesen
2.3 Theoretischer Rahmen: Kapitaltheorie von Pierre Bourdieu

3 Empirischer Teil
3.1 Qualitative Sozialforschung
3.2 Experteninterview
3.3 Interviewleitfaden
3.4 Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

4 Anwendung und Begründung der Methodenauswahl
4.1 Experteninterview
4.2 Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

5 Analyse der Ergebnisse

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Integration und Inklusion sind momentan in Niedersachsen ein wichtiges Thema angesichts der anstehenden flächendeckenden Einführung der Inklusion in Regelschulen bis 2018. Ausgehend von den beiden Studien der Aktion Mensch e.V. (2012a, 2012b, 2014) zum Thema Inklusion von 2012 und 2014 und einer kurzen Darstellung der notwendigen Begrifflichkeiten wie Inklusion, Exklusion und Integration und den Konzepten von Bourdieus Kapitaltheorie und ergänzend Hinz Theorie zur Inklusion wird die Forschungsfrage entwickelt und anschließend werden drei Forschungshypothesen entfaltet. Das darauf folgende Interview wird analysiert und vor dem Hintergrund der Theorien von Bourdieu und Hinz eingeordnet. Daraus werden weitere Schlüsse in Bezug auf die Arbeitshypothesen gezogen. Ein Fazit und Ausblick rundet die Arbeit ab.

Inklusion meint aufbauend auf Pierre Bourdieu und andere soziologische Systemtheoretiker nach Esser (1999, S.5) eine wie auch immer geartete, soziale Berücksichtigung von Menschen in gesellschaftlichen Bezügen, insbesondere aber durch die Funktionssysteme einer Gesellschaft. Exklusion wird bei Esser (1999, S.5) definiert als entsprechend die Nichtberücksichtigung oder gar den Ausschluss aus der Gesellschaft. Esser (1999, S.5) verweist in dem Zusammenhang auf eine Ähnlichkeit der Migrationssoziologie und deren Verwendung von Integration der Migranten und ethnischen Minderheiten und die Fragen nach Ursachen und Entstehung sozialer Ungleichheit wie ethnische Schichtung, in der Migranten und ethnische Minderheiten systematisch am unteren Rand einer Gesellschaft verortet werden.

Der Begriff Integration ist im englischsprachigen Gebrauch weniger im Einsatz als „inclusion“ also die Inklusion. In Deutschland wurde eher der Begriff der Integration verwendet. Wansing (2014, S.20) stellt gesellschaftliche Vielfalt als auch auf Migrationsprozessen beruhend vor, wobei sprachliche und kulturelle Heterogenität herrschen. Diese stellt sie eher als dauerhafte Aufgabe für Deutschland vor (Wansing, 2014, S.20). Sie definiert Integration als einen Eingliederungsprozess von Migranten in bestehende Sozialstrukturen und auf verschiedene Weisen (Wansing, 2014, S.22). Diese verschiedenen Weisen können in Akkulturationsstrategien von Personen und Gruppen wie Anpassung als Assimilation von Migranten oder Integration stattfinden (Wansing, 2014, S.22). Weiter stellt sie im Hinblick auf Bildungspolitik Inklusion für Behinderung und Integration für Migration als Konzepte vor (Wansing, 2014, S.9).

2 Theoretischer Teil

2.1 Herleitung der Forschungsfragen

Eine Forschungsfrage entwickelt sich auch aus dem Interesse und dem sozialen Umfeldes des Forschers (Flick, 2011, S.133). Deshalb gehe ich auf Grundlage meiner Erfahrungen in der Hochbegabtenförderung für Grundschüler der hier gebildeten Forschungsfrage nach. Die konkret zu formulierende Forschungsfrage ist jeweils eine Eingrenzung des Forschungsfeldes, die sich fokussiert auf einen bestimmten Ausschnitt (Flick, 2011, S.135).

Zunächst wurde das Forschungsfeld begrenzt auf die inklusive Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderungen. Da für diese ab Sommer 2013 die inklusive Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderungen zur Regelbeschulung werden soll, kam ein aktueller Anlass hinzu. Inklusion wurde von den Vereinten Nationen (UN) in der UN-Menschenrechtskonvention (2012, Artikel 14) gefordert. So sollen Menschen mit Behinderungen und ihre Rechte und Würde gefördert werden. Weiterhin sollen Klischees, Vorurteile und schädliche Praktiken ihnen gegenüber bekämpft werden und das Bewusstsein für die Fähigkeiten und die Beiträge von Menschen mit Behinderungen sollen gefördert werden.

In einer Online-Studie der Aktion Mensch von 2014 wurden 2.104 Menschen ab dem 18. Lebensjahr befragt, die Untersuchung ist repräsentativ für Deutschland hinsichtlich Alter und Geschlecht der Befragten. Während 93% aller Befragten ein Miteinander von Menschen mit Behinderung und ohne Behinderung für wichtig halten, sind es bei den Menschen mit Behinderung 97%. Je älter die Befragten waren, desto wichtiger wurde Ihnen dieses Thema (Aktion Mensch, 2014).

Inklusion als solche wird von den gesamten Befragten 2014 weitgehend als vorkommend im Freundeskreis (32%) und Verwandtenkreis (23%) zugeordnet. 15% der gesamten Befragten fanden Inklusion sei in keinem der genannten Lebensbereiche erlebbar. Bei den Befragten mit Behinderungen wurde Inklusion nur zu 11% in Schulen oder Kindergärten als Bildungseinrichtungen als erlebbar gekennzeichnet. Immerhin 23% der Befragten ohne Behinderung meinten, Inklusion sei im Bildungsbereich erlebbar (Aktion Mensch, 2014).

Hinsichtlich der weiteren Verbreitung von Inklusion in der Gesellschaft schätzen es 28% als sehr wichtig ein, dass Menschen mit Behinderungen nicht mehr in ihrer Mobilität eingeschränkt würden. Dies ist bei Befragten mit Behinderung (29%) fast gleich wie bei Befragten ohne Behinderung (28%). Auf dem zweiten Platz folgen bereits gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung (25%) und gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit 22%. Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung wird von Menschen ohne Behinderung mit 26% als wichtig eingestuft, die Befragten mit Behinderung sehen dies nur zu 19% so.

Das selbstverständliche und gleichberechtigte Miteinander ist also für alle Befragten gleichermaßen ein wichtiges Thema. Wobei im Vergleich von 2012 mit 87% (Aktion Mensch, 2012a, 2012b) zu 2014 mit 93% (Aktion Mensch, 2014) auffällt, dass Inklusion offenbar an Bedeutung gewonnen hat. Allerdings haben gleichzeitig nur 14 Prozent der Menschen ohne Behinderung beruflich wie privat häufigen Kontakt zu Menschen mit Behinderung. Inklusion wird offensichtlich gewollt, allerdings ist fraglich, warum eine praktische Inklusion vermieden wird (Aktion Mensch, 2014).

Im zweiten Schritt wurde die Untersuchung auf die Situation und Veränderungen in Niedersachsen eingeschränkt. Der Niedersächsische Landtag beschloss 2012, die Einführung der inklusiven Schule (Niedersächsisches Ministerium für Kultus, 2012). Den offiziellen Informationen zufolge soll zwischen 2013 und 2018 die Einführung der inklusiven Schule bei Grundschulen und weiterführenden Schulen abgeschlossen sein. Dabei folgte noch eine dritte Einschränkung auf eine Grundschullehrkraft. Der Primarbereich in der Förderschule Lernen läuft ab dem

1. August 2013 aus. Damit werden im Grundschulbereich dann nehmen Schülerinnen und Schülern mit gesellschaftlich betrachtet normalem Entwicklungsstand und Lernstand auch Kinder mit Lernbehinderungen in einem Klassenverband beschult. Es gibt zwar weiterhin bis 2018 Förderschulen, diese heißen dann jedoch sonderpädagogische Förderzentren und sollen die Förderschullehrkräfte und ihren Einsatz an allgemeinen Schulen koordinieren. Damit werden die Förderschulen bestehen bleiben zu den Schwerpunkten emotionale und soziale Entwicklung, geistige Entwicklung, Hören (z.B. für Hörgeschädigte), körperlicher und motorischer Entwicklung, Lernen im Sekundarbereich 1, Sehen (z.B. für Menschen mit geringem oder keinem Sehvermögen) und Sprache möglicherweise erhalten bleiben. Allerdings entscheiden die Eltern wo ihre Kinder im Sekundarbereich 1 beschult werden, ob auf einer Förderschule oder einer allgemeinen Schule.

Wenn man die Dimensionen von Inklusion und Diversität erkundet, lässt sich beispielsweise anhand der Expertenpanel der Cebis-Tagung 2011 der Universität Köln (2011) anhand der Gliederung der Panels eine Einteilung in Ethnizität und Sprachen, Religion, Sexualität und Geschlecht, Armut und Bildung, Alter [Junge und Alte leben zusammen] und „Be-Hinderung“ (Cebis, 2011a, 2011b) auffinden. Das Cebis ist das Center for Diversity Studies an der Universität Köln.

Im „Index für Inklusion“ (Boban & Hinz, 2003, S.15f.) besteht Inklusion aus drei verbundenen Dimensionen, die für Schulen und Lehrkräfte relevant sein können.

Diese sind wichtig, damit Teilnahme und Teilhabe (Boban et al., 2003, S.15f.) als Integration wie in der inklusiven Pädagogik gelingen kann. Zunächst sollen inklusive Kulturen geschaffen werden, dann sollen diese inklusiven Strukturen etabliert werden und anschließend sollen inklusive Praktiken (weiter-)entwickelt werden.

Inklusive Kulturen werden nach Boban et al. (2003, S.15f.) geschaffen, sofern eine sichere, akzeptierende, zusammen arbeitende und anregende Gemeinschaft geschaffen werde. Die Etablierung dieser Strukturen bildet die nächste Dimension und zielt auf Inklusion im Sinne eines Leitbildes, dass alle Strukturen einer Schule durchdringen solle (Boban et al., 2003, S.15f.). Die Entwicklung oder Weiterentwicklung von inklusiven Praktiken soll im Unterricht der Vielfalt der Schülerinnen und Schüler entsprechen. Dabei sollen diese angeregt werden, aktiv Einfluss zu nehmen auf alle Aspekte ihrer Bildung und Erziehung (Boban et al., 2003, S.15f.).

Das Niedersächsische Kultusministerium stellt neben Informationen für Schulträger zu Baulichem und Organisatorischem und den neuen Ordnungsmitteln mit dem niedersächsischen Schulgesetz von 2012 auch Informationen zum Nachteilsausgleich aus pädagogischer Perspektive bereit (Niedersächsisches Kultusministerium, 2013a).

Inklusion bedeutet nach Niedersächsischem Kultusministerium (2013b) eine umfassende und uneingeschränkte Teilhabe jedes Einzelnen am gesellschaftlichen Leben. Ziel sei die aktive Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft, indem ein barrierefreies Umfeld geschaffen wird. Das schließt ausdrücklich das Recht auf Bildung ein. Der Begriff der Inklusion löse damit den Begriff der Integration ab. Damit solle zum Ausdruck gebracht werden, dass die Anpassung der Schule im Vordergrund stehe und es nicht umgekehrt sei.

Bislang existiert jedoch noch keine qualitative Forschung zur Sichtweise einer betroffenen Lehrkraft. Da in der Umgebung bei den Grundschulen die Einführung der inklusiven Beschulung erst 2014 umgesetzt wird, ergibt sich aktuell die Forschungsfrage. Welche Auswirkungen hat die einzuführende inklusive Beschulung auf den Unterricht aus der Sicht einer Grundschullehrerin aus Niedersachsen?

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Integrative Beschulung in Niedersachsen
Untertitel
Situation und Veränderungen aus Sicht einer erfahrenen Lehrkraft einer Grundschule
Hochschule
FernUniversität Hagen
Veranstaltung
Qualitative Sozialforschung
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V323595
ISBN (eBook)
9783668232624
ISBN (Buch)
9783668232631
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
integrative, beschulung, niedersachsen, situation, veränderungen, sicht, lehrkraft, grundschule
Arbeit zitieren
Jan Mundhenk (Autor), 2014, Integrative Beschulung in Niedersachsen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323595

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