Die matriarchalische Gesellschaftsform in einem islamisch geprägten Land. Der Stamm der Minangkabau auf der indonesischen Insel Sumatra


Hausarbeit, 2016

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Wie kann sich eine matriarchale Gesellschaftsform in einem islamischen Land dauerhaft durchsetzen?

2 Der Matriarchalismus
2.1 Erste Einblicke in die Theorien des Matriarchalismus
2.2 Die Matrilinearität und die Matrilokalität - Begriffsklärung
2.3 Die Moderne Matriarchatsforschung

3 Eine Einführung in den indonesischen Islam
3.1 Der indonesische Islam in der demokratischen Republik Indonesiens
3.2 Die allgemeine Situation der islamisch­gläubigen Frau in Indonesien
3.3 Der Adat­Islam in seiner Bedeutung für das Matriarchat der Minangkabau (Geschlechterpositionen)

4 Die Sozialstrukturen im islamischen Matriarchat der Minangkabau
4.1 Die Rollen von Frau und Mann in der Stammesgesellschaft im Hinblick auf das Adat
4.2 Die Rolle des Islams in der Sippengemeinde
4.3 Die politische Führung durch eine Minangkabau­Frau und deren Repräsentation in Indonesien
4.4 Der Erhalt matrilinearer Strukturen der Minangkabau in einer globalisierten Welt

5 Das Verhältnis zwischen dem Islam und einem matrilinearem Gesellschaftssystem

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Wie kann sich eine matriarchale Gesellschaftsform in einem islamischen Land dauerhaft durchsetzen?

„Männer leben besser, wo Frauen das Sagen haben.“

(Ricardo Coler, 2009)

Die geschlechtliche Ungleichheit stellt ein Dauerthema in deutschen Medien dar, weswegen es umso interessanter erscheint, einen Blick auf die wenigen matriarchalen Gesellschaftssysteme dieser Welt zu werfen. Die Minangkabau stellen dabei nicht nur eine der ältesten, sondern auch eine der größten noch existierenden Matriarchatsgruppierungen dar. Der im indonesischen West­Sumatra beheimatete Clan hat circa vier Millionen Anhängerinnen. In einem Matriarchat haben die Frauen in gesellschaftlichen Belangen das Sagen. Ihr unumstrittenes Regiment prägt die Sitten und Gebräuche in besonderer Weise. Dabei sind die Minangkabau nicht etwa ein primitives Volk, sie gelten als geschäftstüchtige und moderne Gesellschaft (Göttner­Abendroth: 56). Die Besonderheit stellt allerdings ihr Glaube dar: Sie folgen dem Islam und leben in einem zum größten Teil islamisch geprägten Land.

Bei einer Einwohnerzahl von circa 238 Millionen werden im Jahre 2010 87% der Bevölkerung als Muslime/Musliminnen gezählt. Die meisten gehören der sunnitischen Richtung an (Daiber 2014: 15).

Die folgende Arbeit will sich nun mit der Frage beschäftigen, wie eine „Gesellschaft ohne Männerdominanz“ in einem islamisch geprägten Land möglich ist, also wie die Macht und ihre Erhaltung dauerhaft verwirklicht wird. Einen besonderen Aspekt stellt die Rolle der Frau, ihre Stellung sowie Identität in dem Matriarchat dar. Auch die Stellung des Mannes soll nicht außer Acht gelassen werden. Sicherlich ist es naheliegend zu hinterfragen, wieso sich die Männer der Minangkabau nicht einer patriarchalischen Gesellschaftsform anschließen.

Es sei an dieser Stelle klargestellt, dass West­Sumatra und die Minangkabau natürlich nicht repräsentativ für Indonesien stehen können. Im Pancasila­Staat Indonesien gibt es eine Vielzahl an religiösen, ethnischen und sozialen Gruppierungen. Die Besonderheit der Minangkabau jedoch, als überzeugte Musliminnen bis heute ein matrilineares System beizubehalten, weckt das Interesse der Verfasserin.

Die politische Konstitution und der Einfluss durch islamische Dachverbände in Politik und Gesellschaft kann nur kurz umrandet werden, da eine ausführliche Darstellung den Rahmen dieser Hausarbeit bei weitem sprengen würde.

Aufgrund der Unkenntnis des Indonesischen und der Sprache der Minangkabau, musste auf Primärquellen dieser Art verzichtet werden. Dennoch fließen in diese Arbeit die Werke einiger Autoren indonesischer Herkunft ein.

2 Der Matriarchalismus

Die Verfechterin der Matriarchatsforschung Dr. Heide Göttner­Abendroth beschreibt in ihrem Werk „Das Matriarchat 2.1“ unsere Gesellschaft als „ […] einseitig männlich bestimmte Geschichts­ und Weltdeutung in Wissenschaft und Gesellschaft, die mit geistiger und struktureller Gewalt aufrechterhalten wird“ (Göttner­Abendroth 1991: 20). Demgegenüber steht das bekannte von Frauen geführte gesellschaftliche System des Matriarchats. Zum allgemeinen Verständnis widmet sich dieses Kapitel der Bedeutung sowie den in diesem Zusammenhang wichtigen Begrifflichkeiten. Die Inhalte und die Ziele der Matriarchatsforschung bilden den Abschluss dieser Passage.

2.1 Erste Einblicke in die theoretischen Überlegungen des Matriarchats

Laut Göttner­Abendroth gibt es keine klare Definition des Matriarchats. Es gibt vielfältige Erklärungsansätze aus verschiedenen Blickwinkeln. So definiert sie das matriarchalische Gesellschaftssystem aus ökonomisch­ökologischer, sozialer, politischer und weltanschaulich­kultureller Perspektive.

Göttner­Abendroth (2011) verallgemeinert das Matriarchat als eine auf der ökonomisch­ökologischen Ebene formierten Ackerbaugesellschaft, mit lokaler und regionaler Unabhängigkeit, ohne territoriale Ansprüche oder Privatbesitz eines Individuums. Sie nennt dies die „Ökonomie des Schenkens“ und beschreibt das Prinzip des Verteilens insofern, dass die reichere Bevölkerungsschicht im Matriarchat Teile ihres Reichtums an die Ärmeren abgibt und ihnen im Gegenzug ein hohes soziales Ansehen innerhalb des Stammes zukommt. Hinsichtlich dieses Aspekts werden Matriarchate als „Ausgleichsgesellschaften auf dem Boden einer Ökonomie des Schenkens“ definiert (vgl. Sitter­Liver 2007: 459). In diesem Sinne wird schon im wirtschaftlichen Bereich die Basis für soziale Gleichheit geschaffen.

Der Aspekt des sozialen Zusammenlebens innerhalb eines Matriarchats bezieht sich in erster Linie auf den Clan. Matriarchale Menschen leben in großen Sippen nach dem Prinzip der Matrilinearität und Matrilokalität zusammen. In einem1 matriarchalischen System leben Männer und Frauen immer in getrennten Sippenhäusern, sogar wenn sie in einem eheähnlichem Verhältnis zueinander stehen. Dabei stellt jeder Clan ein eigenes gesellschaftliches Gefüge dar. Mit speziellen Regeln der Heirat, wie etwa die wechselseitige Vermählung zweier Clans, erklärt Heide Göttner­Abendroth, wie sich diese Gesellschaft nicht­hierarchisch organisiert. Dabei besteht nur eine sogenannte „Besuchs­Ehe“, der Gatte besucht seine Frau nur über Nacht. Die Männer wohnen extern, während die Frauen in einem Mehrgenerationenhaushalt leben. Auf diesem Wege wird versucht eine horizontale und egalitäre Gesellschaft zu erzeugen, welche sich als eine „große Familie“ versteht und wechselnde Hilfsverpflichtungen inkludiert. Hierdurch sollen starke Machtgefälle zwischen Männern und Frauen vermieden werden. Nach dieser Prämisse erklären sich Matriarchate im Sozialgefüge als „matrilineare Verwandschaftsgesellschaften (Göttner­Abendroth 1991: 17). Des Weiteren ist das Erbrecht nur auf Frauen zugeschnitten, das heißt vererbt wird nur von den Müttern an die Töchter.

Im Hinblick auf die politische Entscheidungsfindung sind matriarchalische Gesellschaftsformen geprägt von einer direkten Konsensfindung. Auch dieser Prozess orientiert sich entlang der Verwandtschaftslinie und findet in den einzelnen Clanhäusern statt. Abstimmungen werden zunächst getrennt geschlechtlich organisiert und bei Einstimmigkeit im Anschluss von beiden Geschlechtern der Entscheidungsträgerin, der Sippenmutter, vorgetragen. Nur wenn beide Parteien vollkommen einverstanden sind, d. h. nur bei einer absoluten Einstimmigkeit kommt es zu einem Arrangement, das sich somit immer nach dem Willen des Stammes richtet. Hierbei darf kein Mitglied mit seiner Stimme ausgeschlossen werden, Jugendliche besitzen ab circa dem 13. Lebensjahr das volle Stimmrecht (Göttner­Abendroth 1991: 17). Die Ausführung der Entscheidungen ist an die „natürliche Autorität“ der Entscheidungsträgerin bzw. Sippenmutter gebunden. Diese Form der Entscheidungsfindung ist elementar für das Matriarchat, weswegen auch auf Dorf­ und Stadtebene dieses Verfahren Anwendung findet. Auf regionaler Ebene werden für diesen Zweck Delegierte berufen, die jedoch keine Entscheidungsträgerinnen sind, sondern nur zwischen Clan und Entscheidungsträgerinnen kommunizieren, sodass eine permanente Verständigung zwischen jeder Bevölkerungsschicht gewährleistet ist. Die von Göttner­Abendroth bezeichneten „egalitäre Konsensgesellschaften“ möchten eine hierarchisch freie Gesellschaft ohne Klassenbildung innerhalb der SippenmitgliederInnen für alle Geschlechter und Generationen gewähren.

Auf der weltanschaulich­kulturellen Ebene beschreibt die Matriarchatsforscherin einen hohen spirituellen Glauben matriarchalischer Männer und Frauen. Sie determiniert Matriarchate als „sakrale Gesellschaften“, denn der kulturelle Glaube besagt, dass die gesamte Welt immanent und die Gottheit weiblich ist. Dieses Denken schließt dualistisches Denken und dualistische Moral wie sie im Patriarchat zu finden ist vollständig aus.

Dabei darf das Matriarchat keineswegs als Umkehrung der patriarchalen Gesellschaftsform verstanden werden (Heide Göttner­Abendroth, 2013: 21). Eine Herrschaft durch Frauen nach Vorbild der patriarchalischen Gesellschaftssysteme hat es nie gegeben.

2.2 Matrilinearität und Matrilokalität - Begriffsklärung

Die Matrilinearität bezeichnet die mütterliche Abstammungslinie. Die Generationenfolge sieht so aus: Großmutter, Mutter, Tochter und alle, die von der weiblichen Linie abstammen Brüder, Onkel usw. Der Clan­Name, alle sozialen Würden und politischen Titel werden von der mütterlichen Linie vererbt. Hierbei besteht der sogenannte matriarchalische Clan: Aus der Clanmutter, welche die höchste Anerkennung genießt sowie ihre Schwestern, Töchter und Enkeltöchter. Die matrilineare Verwandtschaftslinie schließt ebenso die in der Mutterlinie direkt verwandten Männer mit ein, d. h. die Brüder der Clanmutter, die Söhne und Enkelsöhne (Göttner­Abendroth 2011: 16). Heide Göttner­Abendroth führt dazu weiter aus, [...], dass Matrilinearität weitaus mehr ist als nur „die Weitergabe von Namen und Titeln in der Mutterlinie“, wie Ethnologen es meistens formulieren. Matrilinearität ist die Grundregel, nach der die ganze Gesellschaft als Verwandtschaftsgesellschaft aufgebaut wird (Göttner­Abendroth 1991: 24).

Der Begriff der Matrilokalität dagegen bestimmt die Lebensweise der matriarchalischen Anhängerinnen. Die Clanhäuser befinden sich immer im Besitz der Frauen und der permanente Wohnsitz für Söhne und Töchter liegt im Haushalt der Mutter (ebd.). Ein Clanhaus kann bis zu hundert Personen umfassen, denn Töchter und Enkelinnen verlassen die mütterliche Unterkunft nicht. Die Frauen stehen mit männlichen Partnern allenfalls in einer „Besuchs­Ehe“, das heißt, dass die Männer nur über Nacht zu Besuch kommen. In der Matrilokalität bleibt das Zuhause für die Männer das mütterliche Domizil (Göttner­Abendroth 2011: 16).

2.3 Moderne Matriarchatsforschung

In der Matriarchatsforschung gilt Johann Jakob Bachhofens Buch „Das Mutterrecht“ von 1861 als Grundlage für die heutige moderne Forschung in dem Bereich. Eine Auseinandersetzung auf wissenschaftlicher Basis ist allerdings der schon mehrfach zitierten Dr. Heide Göttner­Abendroth zu verdanken, die sich der Erforschung von Matriarchaten verschrieben hat und als Begründerin der modernen Matriarchatsforschung klassifiziert wird. Diese beschreibt die wissenschaftliche Vorgehensweise dem noch weitestgehend unbekannten Forschungsgebiet durch Entwicklung einer genauen Definition, einer expliziten Methodologie sowie einer systematischen Ideologiekritik an den herkömmlichen Sozial­ und Kulturwissenschaften (vgl. Seite 20).

Die Philosophin führte 2005 zum zweiten Mal durch den Weltkongress für Matriarchatsforschung, welcher zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus aller Welt zusammenbrachte. Unabhängig voneinander setzten diese sich das wissenschaftliche Ziel, ein neues nicht­patriarchalisches Weltbild zu generieren.

In ihrem Hauptwerk „Das Matriarchat - Geschichte seiner Erforschung“ ist nachzulesen, dass die Methodik in diesem Bereich sehr komplex ist und sich interdisziplinär zusammensetzt, weswegen eine klare Abgrenzung von geschichtlichen und kulturellen Zusammenhängen schwierig ist.

Hinzukommend befasst sich die Lehre mit einer detaillierten Analyse der heute noch bestehenden Matriarchate. Dabei wird die Theorie interkulturell vergleichender Methoden zu Rate gezogen, welche beispielsweise die Kulturgeschichte, Historie und Politikwissenschaft mit einbezieht.

[...]


1 Die sogenannte Matrilinearität und Matrilokalität finden im unteren Teil dieser Arbeit noch eine eingehendere Beleuchtung.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die matriarchalische Gesellschaftsform in einem islamisch geprägten Land. Der Stamm der Minangkabau auf der indonesischen Insel Sumatra
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Politikwissenschaft: Gender Studies)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V323622
ISBN (eBook)
9783668227699
ISBN (Buch)
9783668227705
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Indonesien, Islam, Matriarchat
Arbeit zitieren
Carina Brandl (Autor), 2016, Die matriarchalische Gesellschaftsform in einem islamisch geprägten Land. Der Stamm der Minangkabau auf der indonesischen Insel Sumatra, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323622

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