Interessenvertretung trägt in Deutschland den faden Beigeschmack unrechtmäßiger Einmischung kapitalstarker Unternehmen in den politischen Prozess. Es scheint, als habe die Postdemokratie (nach Crouch) die Demokratie überwunden und Politik werde zum Spielball der Wirtschaft. Abgesehen vom politikwissenschaftlichen Diskurs wird auch in den Medien immer wieder ein ungesundes Verhältnis von Politik und Wirtschaft zur Schlagzeile.
Überschattet von Fällen wie der Wulff-Affäre, Gerüchten über die Zurückhaltung von Medikamenten durch die Pharmalobby aufgrund von Patentrechten, den immer wieder für Fragen sorgenden engen Beziehungen Sigmar Gabriels zur Wirtschaft oder so genanntes Inside-Lobbying, wo Politiker auf Gehaltslisten von Konzernen stehen, für die sie jedoch keine spezielle Arbeit leisten ist der Ruf von Interessenverbänden angeschlagen.
Dass Interessengruppen ungemein wichtig für das Funktionieren des politischen Willensbildungsprozesses sind, soll an dieser Stelle nicht außen vorgelassen werden. Sie können Initiatoren und Träger politischen und sozialen Wandels sein. Problematisch allerdings wird Interessenvertretung vor allem dann, wenn sie im großen Stil Einfluss auf die Politik nimmt, Transparenz nicht mehr gewährleistet ist und die Bürger keinen Einblick in die Funktionsweisen politischer Entscheidungsprozesse erhalten.
Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass Verbände, Interessengruppen und Organisationen in Demokratien westlicher Prägung Einfluss auf die Politik nehmen, ob diese Einflussnahme jedoch zum Nutzen oder zum Schaden von Gesellschaft und Demokratie geschieht, wird weitaus kontroverser diskutiert.7 An diesem Punkt setzt folgende Analyse an, indem sie der Frage nach geht, ob Interessenvertretung eine notwendige Hilfe der Politik, die Möglichkeit also, Expertenwissen einfließen zu lassen oder durch fehlende Legitimation und Transparenz eine Gefahr für die Demokratie darstellt.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
METHODIK UND THEORETISCHER RAHMEN
FÖRDERT LOBBYISMUS POSTDEMOKRATISCHE STRUKTUREN?
VERBÄNDE ZWISCHEN EGOISTISCHEN PARTIKULARINTERESSEN UND POLITISCHER WILLENSBILDUNG
FAZIT
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambivalente Rolle der korporatistischen Interessenvertretung in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob Interessenverbände eine notwendige Hilfe für die Politik darstellen, um Expertenwissen in den Entscheidungsprozess einzubringen, oder ob sie aufgrund mangelnder Transparenz und einseitiger Einflussnahme eine Gefahr für die demokratische Legitimation darstellen.
- Analyse der Funktion von Interessenverbänden als Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Pluralismus und Korporatismus
- Diskussion postdemokratischer Tendenzen nach Colin Crouch
- Bewertung von Lobbyismus und Partikularinteressen im demokratischen Gefüge
- Normative Einordnung der Interessenvertretung für das Gemeinwohl
Auszug aus dem Buch
Fördert Lobbyismus postdemokratische Strukturen?
Der Begriff der Postdemokratie geht auf den britischen Soziologen und Politikwissenschaftler Colin Crouch zurück, der als Vertreter linker Kritik an Globalisierung und Neoliberalismus gilt. Er geht davon aus, dass Demokratie und Marktwirtschaft zwei grundlegende Werte sind, denen sich die westliche und teilweise auch die östliche Politik verschrieben hat und stellt dabei drei Kernprobleme der Demokratie heraus. In der globalisierten Welt, in der wir heute Leben, fließen Kapitalströme international, während die Hauptakteure der Demokratie – Regierungen und Bürger - lediglich national handeln. Wenn Unternehmen sich von Regierungen zu sehr eingeschränkt fühlen, drohen sie mit einer Abwanderung ins Ausland, wo die Landesbestimmungen besser ins Unternehmenskonzept, meistens der Profitmaximierung dienlich, passen. Oft nur ein Bluff, wird diese Drohung jedoch eher selten entlarvt. Das Wechselspiel aus mobilem Kapital und immobiler Demokratie führt häufig zu einer Schwächung der Letzteren. Die Macht des Kapitals und der Einfluss auf die Politik stellt sich somit als erstes Problem dar. Des Weiteren sieht Crouch eine asymmetrische Klassenstruktur problematisch. Es habe sich inzwischen eine Klasse entwickelt, die im Dienstleistungsbereich unter prekären Arbeitsbedingungen ihr Geld verdiene, jedoch nicht so weit organisiert ist, dass sie diesen Ausdruck verleihen oder sie politisch thematisieren könnte. Während es dieser Bevölkerungsgruppe an Identität mangele, nehme das Selbstbewusstsein von Managern und Shareholdern proportional zu, deren Diktat sich Regierungen zunehmend aus Angst vor Abwanderung unterwerfen. Durch dieses asymmetrische Verhältnis komme es zu einer unausgewogenen Demokratie.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die kritische Wahrnehmung von Interessenvertretung in Deutschland und führt in die zentrale Fragestellung ein, ob diese als demokratisches Bindeglied oder als Gefahr für das politische System zu bewerten ist.
METHODIK UND THEORETISCHER RAHMEN: Dieses Kapitel klärt grundlegende Begriffe wie Lobbyismus und Interessenverbände und führt die theoretischen Ansätze des Pluralismus und des Korporatismus ein.
FÖRDERT LOBBYISMUS POSTDEMOKRATISCHE STRUKTUREN?: Auf Basis der Theorie von Colin Crouch wird untersucht, wie die Macht des Kapitals und der Einfluss von Wirtschaftsakteuren die demokratische Substanz und die politische Teilhabe gefährden können.
VERBÄNDE ZWISCHEN EGOISTISCHEN PARTIKULARINTERESSEN UND POLITISCHER WILLENSBILDUNG: Das Kapitel analysiert das Dilemma, in dem Verbände einerseits als legitime Interessenvertreter agieren, andererseits aber durch Partikularinteressen den politischen Willensbildungsprozess destabilisieren können.
FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass Interessenvertretung zwar ein hohes Gefahrenpotenzial birgt, jedoch als Vermittlungsinstanz für die politische Expertise in komplexen Gesellschaften unerlässlich bleibt.
Schlüsselwörter
Korporatismus, Interessenvertretung, Lobbyismus, Postdemokratie, Pluralismus, Demokratie, Politik, Partikularinteressen, Gemeinwohl, Transparenz, Legitimation, Wirtschaftsakteure, politischer Willensbildungsprozess, Expertenwissen, politische Steuerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das komplexe Verhältnis zwischen organisierten Interessenverbänden und dem demokratischen Staat, wobei insbesondere der Einfluss von Lobbyismus auf politische Entscheidungsprozesse beleuchtet wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle der Verbände als Vermittlungsinstanz, die Konzepte des Pluralismus und Korporatismus sowie die Gefahren einer zunehmenden Dominanz von Wirtschaftsinteressen gegenüber dem Gemeinwohl.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob korporatistische Interessenvertretung eine notwendige Unterstützung für die Politik bietet oder ob sie aufgrund mangelnder Legitimation und Transparenz eine Gefahr für die Demokratie darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung erfolgt auf Basis politikwissenschaftlicher Theorien, insbesondere unter Rückgriff auf das Modell der Postdemokratie nach Colin Crouch sowie Ansätze des Neopluralismus und Neokorporatismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodisch-theoretische Fundierung, die Analyse postdemokratischer Strukturen im Kontext der globalisierten Wirtschaft und eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle von Verbänden im Spannungsfeld von Partikularinteressen und politischer Willensbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Korporatismus, Interessenvertretung, Postdemokratie, Lobbyismus und demokratische Legitimation geprägt.
Inwiefern beeinflusst der Ansatz von Colin Crouch die Argumentation?
Crouchs Ansatz dient als analytisches Werkzeug, um die Marginalisierung des gemeinen Volkes und die zunehmende Orientierung der Politik an Eliten zu beschreiben und die Gefahren einer postdemokratischen Entwicklung aufzuzeigen.
Welche Rolle spielen "Luxusinteressen" in der Argumentation?
Luxusinteressen wie Umwelt- oder Tierschutz dienen als Beispiel für die Diskrepanz zwischen Theorie und Realität, da sie sich aufgrund ihrer organisatorischen Schwierigkeiten im Vergleich zu starken Wirtschaftsinteressen schwerer durchsetzen lassen.
- Quote paper
- Minou Bergengrün (Author), 2016, Korporatistische Interessenvertretung. Expertenwissen oder ein Problem für die Demokratie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323739