Ein Gastmahl ist ein der Alltäglichkeit enthobenes Essen in Gesellschaft. Es bietet vielfältige Gelegenheit zur Repräsentation, zum Luxus, zur Außergewöhnlichkeit. Da es nicht für einen Kreis aus einander gut bekannten Personen, sondern eben für Gäste veranstaltet wird, ist ihm immer etwas Inszeniertes zu eigen. In einigen Epochen und Kulturen scheint eben dieses In-Szene-Setzen von größerer Bedeutung gewesen zu sein als in anderen, was seinen Niederschlag nicht allein in der erhöhten Häufigkeit repräsentativer Aktivitäten, sondern damit auch in ihrer vermehrten Darstellung (in diesem Sinne gewissermaßen eine Doppel-Repräsentation) fand.
Naheliegend ist es, solche Tendenzen dort zu vermuten, wo es tatsächlich besonders viel zu zeigen gibt - zu einer Zeit, wenn, und an einem Ort, an dem sich besonders viel materieller Reichtum konzentriert. Interessant für das Thema Essen sind solche Repräsentationen, die mit Nahrungsaufnahme zu tun haben - eben Bankette und Festlichkeiten -, und interessant im Kontext eines kunstgeschichtlichen Seminars, das sich der Darstellung von Nahrung und Nahrungsaufnahme in der Kunst widmet, ist logischerweise die künstlerische Darstellung solcher Bankette. Insofern stellen einige Gemälde des venezianischen Malers Paolo Veronese den idealen Untersuchungsgegenstand für eine Beschäftigung mit dem Themenkomplex Kunst – Mahlzeit – Repräsentation dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Venedig - ein Überblick
3. Paolo Veronese
4. Die Hochzeit zu Kana
4.1 Inhaltliche Untersuchungen
4.1.1 Historisch-biblische Ebene
4.1.2 Zeitgenössische Ebene - Venedigs Sozialstruktur um 1560, abgebildet in der „Hochzeit zu Kana“
4.1.2.1 Die Speisen
4.1.2.2 Personen und Tiere
4.1.2.3 Mahlzeit und Repräsentation
4.2 Formale Besonderheiten von Veroneses Kunst - Venezianische Ästhetik
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Hausarbeit untersucht, wie sich das Venedig des 16. Jahrhunderts als soziokulturelles und ästhetisches Konstrukt in Paolo Veroneses Gemälde „Die Hochzeit zu Kana“ manifestiert, wobei der Fokus auf dem Themenkomplex von Nahrung, Repräsentation und gesellschaftlichem Reichtum liegt.
- Die Rolle Venedigs als wohlhabender Handelsstandort und dessen Einfluss auf die Kunst.
- Die biblische Geschichte als Rahmen für die Inszenierung zeitgenössischer venezianischer Sozialstrukturen.
- Die Analyse von Speisen, Personen und Tieren als Symbole für Luxus und Distinktion.
- Die formale venezianische Ästhetik, insbesondere die Technik des "Pasticcio" und die Bedeutung von Farbe und Symmetrie.
Auszug aus dem Buch
4.1.2.1 Die Speisen
Die durch die Restauration der Arbeit im Jahr 1992 ermöglichte Identifikation einiger Speisen auf dem Tisch bot Anlass zu modernen inhaltlichen Deutungen. Allerdings schickt Mireille Favier in dem entsprechenden Kapitel des anlässlich der Restaurierung veröffentlichten Buches gleich zu Anfang voraus, dass Veronese die Speisen - anders als Kleidung, Gesichter und Schmuck - absichtlich unpräzise abgebildet habe. Warum, wird nicht klar; unwahrscheinlich sei, dass es sich um ein Versehen, Nachlässigkeit oder Unfähigkeit handele. Einen Anhaltspunkt biete jedoch, dass laut der entsprechenden Bibelstelle das Wunder gegen Ende des Banketts stattgefunden habe - zu einem Zeitpunkt also, wenn (wie so im 16. Jahrhundert bereits üblich) das Dessert serviert wird. Hier sieht Favier einen Hinweis auf Venedigs Glanz und Macht: Der Handel mit Zucker und Gewürzen - beides wesentlicher Bestandteil damaliger Dessertspeisen - sei ein Eckpfeiler venezianischen Reichtums, die Entwicklung komplizierter Spezialitäten Ausdruck desselben gewesen. (Kreta, damals Candia genannt, verdankte seinen Namen dem arabischen Wort „Qandi“ aufgrund einer von den Arabern dort installierten Raffinerie. Hier hat auch das deutsche Wort „Kandis“ seinen Ursprung.)
Bei dem halbmondförmigen orangen Gebilde auf dem Tisch vor dem Brautpaar handele es sich mitnichten um eine halbierte Melone (obwohl auch diese als Dessertspeise sehr beliebt war), sondern um Quittengelée (cotognata), das damals in ganz Europa und manchmal heute noch in Frankreich (z.B. als Cotignac d‘Orleans) in flachen, runden Spanschächtelchen aus Holz kredenzt wird. Gerhard Neumann folgt dieser Deutung - allerdings Faviers Text dahingehend interpretierend, auch das Gelee auf dem Bild sei Cotignac d‘Orléans - und sieht das Dessert als Verweis auf venezianische Handelsbeziehungen und den damit einhergehenden Luxus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung definiert das Gastmahl als Ort der Repräsentation und führt die Fragestellung ein, wie Venedig als Gesamtkonstrukt das Werk „Hochzeit zu Kana“ beeinflusste.
2. Venedig - ein Überblick: Dieses Kapitel skizziert die einzigartigen historischen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Stadtrepublik Venedig als Nährboden für künstlerisches Schaffen.
3. Paolo Veronese: Hier erfolgt ein kurzer biografischer Abriss über den Maler, dessen Spezialität monumentale, opulente und repräsentative Werke waren.
4. Die Hochzeit zu Kana: Dieses Kapitel stellt das Werk formal vor und analysiert inhaltliche wie ästhetische Aspekte, von der biblischen Ebene bis zur Abbildung venezianischer Sozialstrukturen.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Gemälde als Gesamtes den Reichtum Venedigs und dessen Schichten durch Inszenierung und Luxusattribute demonstriert.
Schlüsselwörter
Paolo Veronese, Hochzeit zu Kana, Venedig, Renaissance, Repräsentation, Gastmahl, Sozialstruktur, Luxus, Kunstgeschichte, Maltechnik, Pasticcio, Speisen, Distinktion, Ästhetik, Nahrung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Paolo Veroneses monumentales Gemälde „Die Hochzeit zu Kana“ unter dem Aspekt der Repräsentation und der gesellschaftlichen Inszenierung im Venedig des 16. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle von Reichtum, Nahrung als Status-Symbol, die venezianische Sozialstruktur sowie die spezifischen formalen Ästhetiken der venezianischen Malerei der Renaissance.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie das gesellschaftliche, urbane und ästhetische Konstrukt Venedigs die künstlerische Produktion in dieser Zeit beeinflusst hat, explizit unter Einbeziehung des Aspekts der Nahrungsaufnahme.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Analyse, die formale Bildbetrachtung mit inhaltlicher und historischer Kontextualisierung verbindet und dabei fachwissenschaftliche Literatur (z.B. Neumann, Favier, Burke) heranzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der historisch-biblischen Ebene, die Analyse zeitgenössischer sozialer Bezüge (Speisen, Personen, Tiere) sowie die Betrachtung formaler Besonderheiten, wie das "Pasticcio"-Prinzip und die spezielle Maltechnik.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Repräsentation, Luxus, Venedig, Renaissance, Inszenierung, Distinktion und venezianische Ästhetik stehen im Zentrum der Untersuchung.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur für den Autor eine Rolle?
Der Autor greift auf Gerhard Neumanns These zurück, dass das Gemälde durch Details wie die Tierdarstellungen eine Abstraktion der Nahrungsaufnahme hin zur kulturellen Repräsentation darstellt, die den Grad der Zivilisierung widerspiegelt.
Welche Bedeutung kommt der Technik des "Pasticcio" zu?
Das Pasticcio beschreibt das venezianische Verfahren, vorhandene Versatzstücke und verschiedene Einflüsse collagierend zusammenzusetzen, was maßgeblich die Gestaltungsgewohnheiten und den Charakter der Kunstwerke dieser Region prägte.
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- Magdalena Cichon (Author), 2012, Ein venezianisches Gastmahl. Analyse von Paolo Veroneses Gemälde "Hochzeit zu Kana", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323875