Selbstverschuldete (Un-)Mündigkeit? Zum Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio in Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und „Faust“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

"Braust dieses Herz doch genug aus sich selbst": Das Ungleichgewicht zwischen Ratio und Emotio in Die Leiden des jungen Werthers

"Von allem Wissensqualm entladen": Das Ungleichgewicht zwischen Ratio und Emotio in Goethes Faust

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ein besonders interessanter Aspekt der Aufklärung ist die damit einhergehende fortschreitende Rationalisierung der Gesellschaft. Diese Rationalisierung ergibt sich aus dem immer stärker werdenden Vertrauen in die Vernunft, die als Voraussetzung für die Erlangung menschlicher Mündigkeit verstanden wird. Auf eine prägnante Art und Weise wird diese Überzeugung durch den Philosophen Immanuel Kant zum Ausdruck gebracht, der im Jahr 1784 konstatiert, dass "Unmündigkeit […] das Unvermögen [ist], sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen" und der den Satz "[h]abe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" zum "Wahlspruch der Aufklärung" erklärt.

Der aus dieser Überzeugung hervorgehende Rationalisierungsprozess durchdringt die Gesellschaft und nimmt Einfluss auf das Leben ihrer individuellen Mitglieder in der damaligen Zeit. Aus diesem Grunde wird die fortschreitende Rationalisierung auch in den zeitgenössischen kulturellen Erzeugnissen immer wieder zum Gegenstand der Diskussion und kritischer Reflexion. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ist einer der bekanntesten, wenn nicht der bekannteste deutsche Autor zu dieser Zeit. Sein Briefroman Die Leiden des jungen Werther (1774) und die Tragödie Faust (1808) wurden beide im Zeitalter der Aufklärung verfasst. Vor dem Hintergrund des voranschreitenden Rationalisierungsprozesses setzen sich beide Texte mit den resultierenden sozialen, politischen und individuell-psychischen Veränderungsprozessen auseinander. Interessanterweise stehen 34 Jahre zwischen der Veröffentlichung von Die Leiden des jungen Werther und der Uraufführung von Faust. Goethes Briefroman wurde demnach vor der Veröffentlichung von Kants Essay "Was ist Aufklärung?" veröffentlicht, während Faust erst einige Jahre später uraufgeführt wurde.

Der zuvor beschriebene Rationalisierungsprozess der Gesellschaft wird in beiden Texten repräsentiert und verhandelt. Die Beschreibung und Verhandlung der Rationalisierung wird vor allem dadurch umgesetzt, dass Goethe den rationalen Kräften in seinen Werken irrationale, emotionale Kräfte entgegensetzt. Emotio wird zum konstitutiven Gegenpol von Ratio. Auf Grundlage dieser Dichotomie wird dargestellt, was Rationalisierung in dem jeweiligen Text eigentlich ist, indem beschrieben wird, was es gerade nicht ist. Aus diesem in beiden Texten inszenierten Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio ergeben sich Reibungen, die unterschiedliche Folgen für die Charaktere in den von Goethe erschaffenen fiktionalen Welten haben und die gleichzeitig Aufschluss über die kritische Repräsentationen der Aufklärung in beiden Werken geben. In der folgenden Analyse möchte ich darlegen, wie Goethe in beiden Texten ein solches Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio konstruiert. Insbesondere geht es mir darum darzustellen, welchen Beitrag Goethes literarische Werke zum Aufklärungsdiskurs leisten und welche Lösung beide Texte für den Konflikt zwischen Ratio und Emotio in Anbetracht des voranschreitenden Rationalisierungsprozesses in der Welt anbieten.

Ich argumentiere, dass Goethes Die Leiden des jungen Werthers und Faust sich für ein Gleichgewicht zwischen Ratio und Emotio aussprechen. Beide Texte problematisieren ein Ungleichgewicht zwischen beiden Extremen. Goethe schafft für seine Protagonisten Werther und Faust eine innere Unausgeglichenheit, die zum bezeichnenden Merkmal beider Charaktere wird. Beide Figuren versuchen im Verlauf des Stücks das Gleichgewicht zwischen Ratio und Emotio wieder herzustellen, aber sowohl der eine, als auch der andere scheitern. Weder Ratio noch Emotio allein scheinen zu menschlichem Glück zu führen und die Abstimmung beider Kräfte stellt sich als äußerst schwierig dar. In gewisser Weise inszeniert Goethe eine Art Fallstudie, in der er zwei literarische Figuren einen Konflikt durchlaufen lässt, der vor allem für die Menschen der damaligen Zeit eine existenzielle Bedeutung hat. Insbesondere geht es um die Frage nach der Identitätsfindung des Menschen im Zeitalter der Aufklärung und darum wie der Mensch angesichts der radikalen philosophisch-geistigen, sozialen und politischen Rationalisierungsprozesse glücklich bleiben oder werden kann.

Während beide Werke diesen Konflikt und die damit einhergehenden Fragen auf einer textimmanenten Ebene verhandeln, kann gleichzeitig eine intertextuelle Beziehung zwischen beiden Texten hergestellt werden. Gewissermaßen können beide Protagonisten als Sinnbilder für verschiedene geistige Gesinnungen verstanden werden. In dem intertextuellen Spannungsverhältnis repräsentiert Werther das Extrem Emotio und Faust, zumindest am Anfang der Tragödie, das Extrem Ratio. Da beide eingeschlagenen Wege die Protagonisten scheitern lassen, scheint die Antwort auf den Konflikt zwischen Ratio und Emotio nicht in einem der beiden Texte, sondern zwischen ihnen zu liegen. Sowohl auf textimmanenter, als auch auf intertextueller Ebene geht es demnach um eine Findung des Gleichgewichts zwischen beiden Kräften, um in der modernisierten, stark rationalisierten Welt bestehen zu können. Der erste Teil meiner Analyse befasst sich mit der Repräsentation des Ratio-Emotio-Kontinuums in Goethes Werther, bevor ich mich im zweiten Teil dieser Arbeit dem Text Die Leiden des jungen Werthers widme. In einem Fazit fasse ich anschließend die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit zusammen.

"Braust dieses Herz doch genug aus sich selbst": Das Ungleichgewicht zwischen Ratio und Emotio in Die Leiden des jungen Werthers

Werther, der Protagonist in Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther und eine der prominentesten Figuren der Strömung des Sturm und Drang, stellt in gewisser Hinsicht die personifizierte Antithese zur Vernunft und zu Rationalisierungsprozessen dar. Werther richtet sein Leben darauf aus, die Welt nahezu ausschließlich emotional, mit seinen eigenen Sinnen persönlich zu erfahren. Als Mensch mündig zu werden bedeutet für Werther nicht, sich ausschließlich seines Verstandes zu bedienen. Erkenntnis erlangt man seiner Meinung nach nicht auf einer abstrakten, sondern auf einer unmittelbaren, lebensnahen Ebene in ständiger Interaktion mit der Umwelt, im engeren und im weiteren Sinne. Einher mit dem Bedürfnis nach einer unmittelbaren Interaktion mit der Welt geht auch Werthers immer wieder zum Ausdruck gebrachter Gegenwartsbezug und sein generelles Desinteresse an der Vergangenheit (vgl. S. 5). Diese Eigenschaften der Hauptfigur werden im Verlauf des Briefromans unterschiedlich dargestellt und problematisiert. Letztlich sind es genau diese einseitige Form der Lebenserfahrung, sein fanatischer Egozentrismus und seine Sturheit, die ein Finden eines Gleichgewichts zwischen Ratio und Emotio unmöglich machen und ihn schließlich in der von Goethe erschaffenen fiktionalen Welt scheitern lassen.

Ein zentrales Element von Werther ist seine Selbstbezogenheit und seine extrem subjektivistische Wahrnehmung der Welt. Um das Leben spüren zu können, blendet er die Erfahrungen anderer Menschen nahezu vollkommen aus. Dies zeigt sich beispielweise anhand seiner Abneigung gegenüber Büchern. Sich auf das schriftlich festgehaltene "Wissen" und die Erfahrungen anderer zu verlassen, würde seine subjektive und unmittelbar lebensweltliche Erfahrung untergraben. Daher lehnt er ab, als Wilhelm ihn fragt, ob er ihm Bücher zukommen lassen soll: „Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst? – lieber, ich bitte dich um Gottes Willen, laß mir sie vom Halse! Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuert sein, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst“ (S. 9). Anhand dieses Zitats wird deutlich, dass er sich der Leitung und Lenkung durch Andere bewusst entsagt. Interessanterweise lässt sich dieses Zitat auch in ein Verhältnis zu Kants Aussage bringen, dass der Mensch lernen soll, sich seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen. Während Kant eine Leitung durch Andere ablehnt, um den Menschen selbst rational reifen zu lassen, um Erkenntnis zu erlangen und letztlich mündig zu werden, weist Werther diesen Weg zur Mündigkeit ab, und entscheidet sich stattdessen für eine rein emotionale Erfahrung der Welt. Seiner Meinung nach hat er all das Potential als Mensch zu reifen bereits in sich und benötigt daher keinerlei äußere Inspiration oder Leitung, "braust dieses Herz doch genug aus sich selbst". Abgesehen von einer grundsätzlichen Aversion gegenüber Büchern interessiert er sich jedoch für einige fiktionale Texte, die für ihn eine persönliche Bedeutung haben, wie zum Beispiel Klopstocks Poesie, Lessings Emilia Galotti, Homers Odyssee und vor allem Ossian (vgl. 100).

Der Aspekt der Unmittelbarkeit drückt sich auch durch Werthers unmittelbare Beziehung zu Gott aus. Sein Glaube an Gott ist stark ausgeprägt und wird im Stück an mehreren Stellen thematisiert (vgl. S. 7; S. 31; vgl. S. 150). Grundsätzlich kann sein Gottesglaube als Gegenstück zum aufklärerischen Denken gewertet werden. In seiner Erklärung der Welt vertraut er nicht auf wissenschaftliche Methoden, sondern erklärt sie als Gottes Werk. Ferner betrachtet er sein eigenes Schicksal als abhängig von Gott. Dies wird besonders gegen Ende des zweiten Teils deutlich, wenn er sich in seiner Not immer wieder an Gott wendet, zum Beispiel als er sagt: "Gott! Du siehst mein Elend du wirst es enden" (S. 112).

Außerdem ist Werthers Glaube an Gott von einem pantheistischen Verständnis der Welt geprägt. So sagt er am 10. Mai 1771, dass er "die Gegenwart des Allmächtigen" spürt, wenn er sich an der Schönheit und am Leben der Natur vergnügt (S. 7). Demnach ist Gott für ihn überall und jederzeit gegenwärtig und erfahrbar. Er findet den Zugang zu Gott nicht in einem von der Kirche geschaffenem "Gotteshaus" gemeinsam mit anderen Gläubigen, sondern individuell und unmittelbar in der Welt selbst. Ferner distanziert er sich immer wieder von anderen Formen des religiösen Glaubens. Er verachtet die Frau des neuen Pfarrers dafür, dass sie die Schönheit der Natur als Gottes Werk nicht sieht und stattdessen die zwei von Werther geliebten Nussbäume fällt, weil sie sie stören. Anstatt Gott wie Werther unmittelbar zu begreifen, arbeitet sie an der "neumodischen moralisch-kritischen Reformation" des Christentums (99). Sie versucht Gott auf Grundlage von Texten und Wissenschaft zu begreifen und zerstört durch das Fällen der Bäume gleichzeitig sinnbildlich seine Werke. Die Religion, so wie sie von der Pfarrerin repräsentiert wird, hat die Beziehung zu Gott verloren (vgl. S. 99).

Wie es in der bisherigen Diskussion bereits deutlich geworden ist, hat der Protagonist eine enge und sehr positive Beziehung zur Natur und dem ländlichen Leben, während er eine Abneigung gegenüber Städten und ihren Bewohnern verspürt. Dies wird beispielsweise gleich zu Anfang des Briefromans anhand der folgenden Worte klar: „Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche Schönheit der Natur“ (S. 6; vgl. auch S. 78f). Angesichts gesellschaftlicher Regeln, Normen und Werte die innerhalb städtischer Gemeinschaften gelten, fühlt er sich in seinem individuellen Freiheitsstreben eingeschränkt. Werther ist ein Einzelgänger, der stets im Konflikt mit gesellschaftlichen Konventionen wie bspw. die Hierarchisierung der Gesellschaft durch soziale Stände steht. Dies wird vor allem in der Szene deutlich, in der er von Fräulein B. erfährt, dass er von Repräsentanten höherer Stände verachtet und verspottet wird (S.84f). In der Stadt und innerhalb der Gesellschaft befindet sich Werther in einem fortwährenden Entgrenzungsprozess.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Selbstverschuldete (Un-)Mündigkeit? Zum Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio in Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und „Faust“
Hochschule
University of South Carolina  (German Program)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V323884
ISBN (eBook)
9783668229303
ISBN (Buch)
9783668229310
Dateigröße
822 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Faust, Goethe, Werther, Die Leiden des jungen Werther, Werthers, Apollonisch, Dionysisch, Kant, Aufklärung, Ratio
Arbeit zitieren
Hans Niehues (Autor), 2016, Selbstverschuldete (Un-)Mündigkeit? Zum Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio in Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und „Faust“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323884

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