In der vorliegenden Analyse wird dargelegt, wie Goethe in „Die Leiden des jungen Werther“ und „Faust“ ein Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio konstruiert. Insbesondere geht es darum, darzustellen, welchen Beitrag Goethes literarische Werke zum Aufklärungsdiskurs leisten und welche Lösung beide Texte für den Konflikt zwischen Ratio und Emotio in Anbetracht des voranschreitenden Rationalisierungsprozesses in der Welt anbieten.
Ein besonders interessanter Aspekt der Aufklärung ist die damit einhergehende fortschreitende Rationalisierung der Gesellschaft. Diese Rationalisierung ergibt sich aus dem immer stärker werdenden Vertrauen in die Vernunft, die als Voraussetzung für die Erlangung menschlicher Mündigkeit verstanden wird. Der aus dieser Überzeugung hervorgehende Rationalisierungsprozess durchdringt die Gesellschaft und nimmt Einfluss auf das Leben ihrer individuellen Mitglieder in der damaligen Zeit. Aus diesem Grunde wird die fortschreitende Rationalisierung auch in den zeitgenössischen kulturellen Erzeugnissen immer wieder zum Gegenstand der Diskussion und kritischer Reflexion. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ist einer der bekanntesten, wenn nicht der bekannteste deutsche Autor zu dieser Zeit. Sein Briefroman Die Leiden des jungen Werther (1774) und die Tragödie Faust (1808) wurden beide im Zeitalter der Aufklärung verfasst.
Der zuvor beschriebene Rationalisierungsprozess der Gesellschaft wird in beiden Texten repräsentiert und verhandelt. Die Beschreibung und Verhandlung der Rationalisierung wird vor allem dadurch umgesetzt, dass Goethe den rationalen Kräften in seinen Werken irrationale, emotionale Kräfte entgegensetzt. Emotio wird zum konstitutiven Gegenpol von Ratio. Auf Grundlage dieser Dichotomie wird dargestellt, was Rationalisierung in dem jeweiligen Text eigentlich ist, indem beschrieben wird, was es gerade nicht ist. Aus diesem in beiden Texten inszenierten Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio ergeben sich Reibungen, die unterschiedliche Folgen für die Charaktere in den von Goethe erschaffenen fiktionalen Welten haben und die gleichzeitig Aufschluss über die kritische Repräsentationen der Aufklärung in beiden Werken geben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
"Braust dieses Herz doch genug aus sich selbst": Das Ungleichgewicht zwischen Ratio und Emotio in Die Leiden des jungen Werthers
"Von allem Wissensqualm entladen": Das Ungleichgewicht zwischen Ratio und Emotio in Goethes Faust
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio in Goethes Werken "Die Leiden des jungen Werthers" und "Faust". Ziel ist es zu analysieren, wie Goethe die fortschreitende Rationalisierung der Aufklärung kritisch reflektiert und ob ein Gleichgewicht zwischen emotionalen und rationalen Kräften für das menschliche Glück und die Identitätsfindung unerlässlich ist.
- Die kritische Darstellung der aufklärerischen Rationalisierung in Goethes Werken.
- Die Analyse der Charaktere Werther und Faust als Personifizierungen extremer Lebensphilosophien.
- Die Untersuchung der intertextuellen Beziehung zwischen Ratio und Emotio.
- Das Scheitern als Resultat einseitiger Lebensentwürfe in fiktionalen Welten.
- Die Suche nach einer Synthese zwischen Vernunft und Gefühl als notwendige Bedingung für Mündigkeit.
Auszug aus dem Buch
"Braust dieses Herz doch genug aus sich selbst": Das Ungleichgewicht zwischen Ratio und Emotio in Die Leiden des jungen Werthers
Werther, der Protagonist in Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther und eine der prominentesten Figuren der Strömung des Sturm und Drang, stellt in gewisser Hinsicht die personifizierte Antithese zur Vernunft und zu Rationalisierungsprozessen dar. Werther richtet sein Leben darauf aus, die Welt nahezu ausschließlich emotional, mit seinen eigenen Sinnen persönlich zu erfahren. Als Mensch mündig zu werden bedeutet für Werther nicht, sich ausschließlich seines Verstandes zu bedienen. Erkenntnis erlangt man seiner Meinung nach nicht auf einer abstrakten, sondern auf einer unmittelbaren, lebensnahen Ebene in ständiger Interaktion mit der Umwelt, im engeren und im weiteren Sinne.
Ein zentrales Element von Werther ist seine Selbstbezogenheit und seine extrem subjektivistische Wahrnehmung der Welt. Um das Leben spüren zu können, blendet er die Erfahrungen anderer Menschen nahezu vollkommen aus. Dies zeigt sich beispielweise anhand seiner Abneigung gegenüber Büchern. Sich auf das schriftlich festgehaltene "Wissen" und die Erfahrungen anderer zu verlassen, würde seine subjektive und unmittelbar lebensweltliche Erfahrung untergraben.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der gesellschaftlichen Rationalisierung während der Aufklärung ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio in Goethes Werk.
"Braust dieses Herz doch genug aus sich selbst": Das Ungleichgewicht zwischen Ratio und Emotio in Die Leiden des jungen Werthers: Das Kapitel beleuchtet Werthers subjektive Lebensauffassung, seine Ablehnung rationaler Strukturen und seinen daraus resultierenden Untergang.
"Von allem Wissensqualm entladen": Das Ungleichgewicht zwischen Ratio und Emotio in Goethes Faust: Hier wird Fausts anfängliche Fixierung auf reine Vernunft und Wissenschaft sowie seine spätere, gescheiterte Flucht in extreme emotionale und transzendentale Bereiche analysiert.
Fazit: Das Fazit führt die Analysen zusammen und postuliert, dass das Scheitern beider Protagonisten auf die Unfähigkeit zurückzuführen ist, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Ratio und Emotio zu finden.
Schlüsselwörter
Aufklärung, Rationalisierung, Ratio, Emotio, Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werthers, Faust, Sturm und Drang, Mündigkeit, Identitätsfindung, Vernunft, Gefühl, Literaturanalyse, Intertextualität, Selbstmord.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das kritische Spannungsverhältnis zwischen Ratio (Vernunft) und Emotio (Gefühl) in Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" und der Tragödie "Faust".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Rationalisierungsprozess der Aufklärung, die Frage nach der menschlichen Identitätsfindung und das Scheitern bei einseitigen Lebensentwürfen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, dass Goethe in beiden Werken ein Gleichgewicht zwischen Ratio und Emotio als Bedingung für ein glückliches und mündiges Leben propagiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die textimmanente Interpretationen mit intertextuellen Vergleichen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert Werthers rein emotionale Weltflucht und Fausts Übergang von einseitiger rationaler Gelehrsamkeit hin zu exzessiver emotionaler Suche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Aufklärung, Rationalisierung, Mündigkeit, Ratio, Emotio und die literarischen Protagonisten Werther und Faust.
Wie unterscheidet sich Fausts Scheitern von dem Werthers?
Während Werther bereits von einer extrem emotionalen Haltung ausgeht, scheitert Faust doppelt: erst durch die Einseitigkeit der Vernunft und dann durch die radikale Abkehr davon hin zur Emotionalität.
Warum stellt Goethe den Selbstmord in beiden Werken nicht als Lösung dar?
Der Selbstmord wird nicht als Erlösung, sondern als Ausdruck der Unmündigkeit und des Scheiterns an der eigenen, in Unausgewogenheit verbrachten Existenz gewertet.
Welche Rolle spielt die Natur für die Protagonisten?
Die Natur dient beiden als Projektionsfläche für ihre inneren Zustände, wobei ihre Wahrnehmung stark von ihrem jeweiligen Ungleichgewicht zwischen rationalem und emotionalem Denken geprägt ist.
- Citar trabajo
- Hans Niehues (Autor), 2016, Selbstverschuldete (Un-)Mündigkeit? Zum Spannungsverhältnis zwischen Ratio und Emotio in Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und „Faust“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323884