Gibt es den „wissenschaftlich ausgebildeten Praktiker“? Zur Theorie-Praxis-Debatte in der Pädagogik

Ein kritischer Blick auf die Praxistauglichkeit des Diplom-Pädagogikstudiums


Hausarbeit, 2012

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung/ Entfaltung des Problems

2. Die Einrichtung des (Diplom-) Studiengangs
2.1 Einführung und Entwicklung des Diplomstudiengangs bundesweit
2.2 Das Studium an der Universität
2.3 Der Studiengang an der Bamberger Universität

3. Problemstellung von Praxis und Theorie
3.1 Theorie-Praxis-Poiesis
3.2 Theorie-Praxis-Debatte
3.2.1 Gründe für die zentrale Bedeutung des Theorie-Praxis-Bezugs in der Diplom-Pädagogenausbildung
3.2.2 Konzepte zum Theorie-Praxis-Bezug in der Diplom-Pädagogenausbildung
3.2.3 Institutionelle Regelungen des Theorie-Praxis-Bezugs im Diplom-Pädagogikstudium
3.2.4 Theorie-Praxis-Bezug und Sozialisationsprozess in der Diplom-Pädagogenausbildung
3.3 Die Differenz von Wissenschaft und Alltag, Theorie und Praxis

4. Die Legende vom „wissenschaftlich ausgebildeten Praktiker“

5. Universität als Praxis
5.1 Integration von Pflichtpraktika
5.2 Die Bedeutung des Praktikums als Vermittlungsinstanz zwischen Theorie und Praxis
5.3 Lernrelevante Bedeutung von Praktika und Nebenjobs während des Studiums
5.4 Generelle Bedeutsamkeit von Praktika in Grund- und Hauptstudium
5.5 Erwerbstätigkeit neben dem Studium

6. Konkurrenten – Universitäts- und FachhoschulabsolventInnen im Vergleich
6.1 Fachhochschule und Universität – Gemeinsamkeiten und Differenzen
6.2 Lernbegründe für die Universität und für die Fachhochschule

7. Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. Einführung/ Entfaltung des Problems

„>>Und was machst Du beruflich?<< Diese zunächst harmlose Frage kann zwei sich Unterhaltende leicht in eine unliebsame Situation bringen, lautet die Antwort hierauf: >>Ich bin Diplom-Pädagoge.<< Mit einer gewissen Verlegenheit – man will ja nicht gleich zu nahe treten – und nach einem kurzen Zögern zieht diese Auskunft unweigerlich die neugierige Frage nach sich: >>Was macht man denn als Diplom-Pädagoge?<<, der dann mit tödlicher Treffsicherheit die selbst gegebene Antwort schonend in eine Frage gekleidet, folgt: >>Werden die nicht sowieso alle arbeitslos?<< Läßt die erste Frage fast schon eine gewisse Kenntnis über diesen bisweilen milde belächelten Beruf vermuten – wird doch in ihr nicht umstandslos >>Diplom-Pädagoge<< mit >>Lehrer<< gleichgesetzt -, so reaktiviert die zweite Frage, durchaus erinnerungsgerecht, ein auffällig stabiles Klischee der öffentlichen Meinung.“ (Bahnmüller/ Rauschenbach/ Trede/ Bendele 1998 , S. 11) Hier ist der Punkt, an dem sich der Pädagoge entscheiden muss, das Thema schnell zu unterbinden, oder doch in ein ernsthaftes Gespräch überleiten will.

„Hinsichtlich des Berufes des Diplom-Pädagogen liegen keine Erfahrungen vor, so daß hier auch keinerlei Leitbildfunktion gegeben ist. Der potentielle Diplom-Pädagoge ist auf papieren ausgeformte Vorgaben angewiesen, die keinen Wirklichkeitswert haben, die kaum Orientierungshilfen bieten, die lediglich Erwartungen wecken auf etwas, das noch nicht existiert.“ (Hitpass 1975, S. 22)

Die vorliegende Arbeit soll zeigen, in weit das Klischee des „sinnlosen“ Pädagogikstudiums stimmt und wie sich dieses Berufsbild des wissenschaftlich Studierenden gegen den ausgebildeten Praktiker behaupten kann. Im Vordergrund steht demnach die Theorie-Praxis-Debatte. Brauchbarkeit und Nutzlosigkeit dieser Ausbildung wird anhand von empirischen Daten ausgewertet und auf ihren tatsächlichen Gehalt geprüft. Fast alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen, dich sich mit dem Diplom-Studiengang auseinandersetzen, thematisieren die Entstehung und die Sinnhaftigkeit um diesen. Sie wird vielfach hinterfragt, konträr diskutiert und oftmals stark kritisiert.

Wird ein neuer Studiengang in einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin eingerichtet, geschieht das deshalb, weil man allgemein annimmt, dass in der beruflichen Praxis neue berufliche Kompetenzen gebraucht werden. Desto größer ist die Ver-wunderung, wenn man später am Arbeitsmarkt ablesen kann, dass sich die vermeintlich funktionale Übereinstimmung von den im Studium erworbenen Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten und ihrer Anwendung in der beruflichen Praxis als Fiktion erweist.

Bei der Festlegung von Studienzielen sind immer bestimmte Vorgaben zu berücksichtigen. „Aus der Struktur des Tätigkeitsfeldes „Erziehungs-, Bildungs- und Sozialwesen“ und aus den in diesem Tätigkeitsfeld erforderlichen Qualifikationen ergibt sich, daß ein Studium, das auf entsprechende berufliche Tätigkeiten vorbereitet, zu einen zu Fähigkeiten führen muß, die ganz allgemein als Erziehen, Beraten, Helfen, Unterrichten, Informieren, Wissen vermitteln und zwar sowohl in Hinblick auf junge Menschen als auch auf Erwachsene beschrieben werden können.“ (Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland 1984, S. 31)

Studieninteressierte der Pädagogik verfügen meistens über wenige bis keine konkreten Vorstellungen ihrer angestrebten Profession. Nur wenige kennen sich wirklich damit aus, was sie studieren oder für was sie das Studium befähigt. In der Öffentlichkeit existiert auch kein eindeutiges Bild und Berufsprofil des Diplom-Pädagogen im Gegensatz zu Berufen wie Sozialpädagoge oder Psychologe.

„Warum studierst du Pädagogik? Warum grade das, warum nicht lieber was „anständiges“ oder was „lukratives“, was „mit Zukunft eben“. Etwas, wo man „danach wer ist“? Mit solchen und ähnlichen Fragen, mit solchen Ab- und Bewertungen werden viele Studierende der Pädagogik immer wieder konfrontiert.“ (Groß 2006, S. 11) Jedoch stellt sich weiterhin die Frage, wie sich der wissenschaftlich ausgebildete Diplom-Pädagoge gegenüber dem Praktiker der Fachhochschule beweist bzw. ob das Studium an der Universität für die späterer Praxis brauchbar ist?

2. Die Einrichtung des (Diplom-) Studiengangs

Am 20.03.1969, vor nunmehr als 40 Jahren, wurde der Startschuss gegeben für das Studium zum „Diplom-Pädagogen“. „Während Habilitation und Promotion in erster Linie als Qualifikationsnachweise für den wissenschaftlichen Nachwuchs der Hochschule gelten, ist der akademische Grad des Diplom-Pädagogen zwar Voraussetzung für den Zugang zu einer wissenschaftlichen Laufbahn; er ist aber wohl zuvörderst als berufsbefähigender Abschluß angelegt, der seine Träger für bestimmte akademische Berufsfelder sowohl innerhalb als aber auch vornehmlich außerhalb fähig machen soll.“ (Hitpass 1975, S. 7f) Aufgrund der Umstrukturierung ist dieses Studium heute nur noch als Bachelor- und Master-Studium zu absolvieren. Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die für die Berufseinmündung und -ausübung wichtig sind, werden im Studium vermittelt, welche in den sozialen Berufen jedoch nach und nach eine untergeordnete Rolle spielen. Die Studienrichtung, die Examensnote und die Praktika verweisen direkt auf das Studium. Persönlichkeit, Durchsetzungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit, Überzeugungsvermögen und Artikulationsfähigkeit dagegen scheinen sich auf anderen Wegen einzustellen. Seit den 70er Jahren haben Tausende von Studierenden den Studiengang der Diplom-Pädagogik durchlaufen und auch heute folgen noch weitere Tausende. Wenn ihnen der Weg für ein Studium jedoch versperrt wurde, nutzten sie die Chance, sich gleich ins Beschäftigungssystem durch Ausbildungen oder Fachhochschulen zu integrieren. Auch viele der Studierenden sind nicht in die traditionell akademischen Berufspositionen gelangt, sondern in Beschäftigungen gelandet, die in der Regel von den eben genannten Berufsschulabsolventen besetzt werden. Viele dieser haben die Absolventen von Berufspositionen im sozialen oder pädagogischen Feld verdrängt. Andere wiederum haben mit viel Engagement Berufstätigkeiten erschlossen und im sozialen Wandel neu entstehende oder bislang privat bzw. nur außerhalb des Berufssystems wahrgenommene Aufgaben in pädagogische Berufstätigkeiten umgewandelt.

Viele der Absolventen jedoch befinden oder befanden sich in ungesicherten Beschäftigungsbedingungen oder Entwicklungsperspektiven. Demzufolge hat auch so mancher seinen Beruf außerhalb dem pädagogischen oder sozialem Arbeitsfeld gefunden, und sich als Weinhändler, Buchhändler etc. niedergelassen. Häufig zog dieser Weg jedoch Schattenseiten mit sich und so kommt es, dass ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Absolventen in den Arbeitslosenstatistiken auftaucht.

Die Untersuchungen der empirischen Berufsforschung über den Verbleib von Diplom-Pädagogen zeigen jedoch keine eindeutige Botschaft. Demzufolge besteht die Frage weiterhin: Führt der Studiengang ins Abseits?

2.1 Einführung und Entwicklung des Diplomstudiengangs bundesweit

Anfang der 70er Jahre wurde nun an vielen Universitäten in der Bundesrepublik Deutschland die Möglichkeit geschaffen, Pädagogik zu studieren. Um begriffliche Verwirrungen zu vermeiden, muss darauf hingewiesen werden, dass es mittlerweile üblich ist, die Begriffe und Erziehungswissenschaft identisch nebeneinander zu verwenden. Der Beginn der Etablierung der Pädagogik als Wissenschaft ist schwer mit der heutigen zu vergleichen. Damals war das Profil einerseits sehr philosophisch und geisteswissenschaftlich angelegt, andererseits hing es sehr eng mit dem Lehramtsstudiengang zusammen. „Erst mit der Hinzunahme von Soziologie und Psychologie als Bezugswissenschaften löste sich das Fach allmählich aus seiner philosophischen Verwurzelung und entwickelte sich zu einer sozialwissenschaftlichen Disziplin.“ (Groß 2006, S. 16)

Pädagogik, als noch junge wissenschaftliche Disziplin, erfährt seit 1969 kontinuierlich eine starke Expansion. Betrachtet man die Gesamtzahl der Studierenden, stellt die Pädagogik 1998 das fünftgrößte Studienfach (als Magister- oder Diplom-Studiengang) in der Bundesrepublik Deutschland dar. Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften, Humanmedizin und Germanistik reihen sich vor ihr. „Diese Expansion der pädagogischen Wissenschaftsdisziplin ist laut Forneck und Wrana „eine Konsequenz der enormen gesellschaftlichen Aufgaben, die die Erziehung und Bildung zugeschrieben worden sind, und die Profession und Disziplin bewältigen sollen.“ (Forneck/ Wrana 2005, S. 57f) Im Jahr 2001 existierten deutschlandweit allein 47 Hochschulstandorte mit dem Angebot eines Studiums der Diplom-Pädagogik (vgl. Otto/ Krüger/ Merkens/ Rauschenbach/ Schenk/ Weishaupt/ Zedler. 2000, S. 30 und Schweppe 2001, S. 271). 2003 wurde der Diplomstudiengang noch an 42 bundesdeutschen Universitäten angeboten (vgl. Grunert/ Seeling 2003, S. 41). Die geringe Zahl im Vergleich zu 2001 begründet sich in der bereits begonnen Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge. Doch auch heute noch hat sich die Studierendenzahl in der Pädagogik mehr als verdoppelt. (vgl. Groß 2006, S.19) Der Studiengang der Pädagogik hat sich sowohl als Diplom-, als auch als Bachelor-/Masterstudiengang etabliert und Stabilität erreicht. Was jedoch dagegen spricht, ist, dass sich zeitgleich zur Zahl der Studierenden jedoch die Anzahl des Personals an den Hochschulen verringert hat.

2.2 Das Studium an der Universität

Die zentrale Schwierigkeit stellt die Aneignung sozialwissenschaftlichen Wissens dar. Im „ganzen Studienverlauf ringen Student und Studentin darum für sich zu klären, welche Bedeutung ihr Lernen von Theorie, Wissenschaft für ihr Berufsziel pädagogischer Praktiker haben soll. Nicht die Selbstreflexivität sozialwissenschaftlicher Theorie ist ihr vordringliches Problem (wie in Schüleins These), sondern das Dilemma, sich im Handlungsfeld der Theorie, Wissenschaft für das Handlungsfeld der Praxis ausbilden zu sollen und zu wollen.“ (Sturzenhecker 1993, S. 23) Schülein (1977) entwickelte eine Prozesstheorie der Aneignung sozialwissenschaftlichen Wissens. Er behauptet, dass „die „Selbstoffenheit“ (die Einheit von Subjekt und Objekt) in den Sozialwissenschaften das zentrale Problem der Aneignung darstellt und über Krisenprozesse im Laufe der Studiums durch die Studenten bearbeitet werden muß.“ (Sturzenhecker 1993, S. 22) Diese Hypothese konnte jedoch durch empirische Studien widerlegt werden.

Ein nicht zu vernachlässigender Baustein des Erfolges in der Ausbildung liegt jedoch offenbar im Studium selbst. Es erzeugt Kompetenzen und eine Fülle von Qualifikationen. Diese Kompetenzen werden erworben, wenn man sich im Studium konsequent und permanent mit den diffusen Anforderungen arrangiert, ständig sein Handeln reflektiert und Korrekturen an Handlungsvollzügen vornimmt. Wer für die professionelle Praxis gewappnet sein will, muss jedoch das notwendige Fachwissen erlernt haben. „Durch eine Analyse der Hochschulsozialisation als Habitusaneignung und durch eine Gegenüberstellung der Anforderungen von Sozialisation in Wissenschaft und Anforderungen an Handlungskompetenzen in der pädagogischen Praxis wird die „Legende“ der Diplompädagogikausbildung als Ausbildung vom wissenschaftlich ausgebildeten Praktiker kritisiert. Die zu erlenenden Handlungsanforderungen für Studium und Wissenschaft unterscheiden sich von denen pädagogischer Praxis.“ (Sturzenhecker 1993, S. 24) Demnach ist das Fachwissen allein nicht ausreichend, um später im Berufsleben zu bestehen. Seit Jahren wird darüber debattiert, dass Ausbilder im zweiten Abschnitt der Ausbildung den frisch von der Universität kommenden Pädagogen zuerst einmal empfehlen, alles zu vergessen, was sie an der Universität gelernt hätten, da die Praxis nun einmal etwas anders sei. Dies führt auch unter den Studierenden zu Frustration über den Praxismangel ihres Studiums. Bereits in den 60er Jahren wurde in der „Konferenz Westdeutscher Universitätsprofessoren“ Kritik über die vorherrschende Praxisferne der universitären Pädagogik geäußert.

So stellt das Orientierungsproblem des Studiums das Theorie-Praxis-Verhältnis dar, da dieses Problem in den empirischen Studien einer hohen Bedeutung zugrunde liegt. „Das Ziel einer wissenschaftlichen Ausbildung für die Praxis ist das gemeinsame Credo der Diplom-Pädagogen-Ausbildung in der Bundesrepublik. Dieser Anspruch soll vor allem durch die in das Studium integrierte fachpraktische Ausbildung eingelöst werden. Darüber hinaus versuchen die Hochschulen auf unterschiedliche Weise (z.B. durch Übungen, Hospitationen, Projektstudien usw.) die Vermittlung der Theorie-Praxis-Bezüge in die Lehre einzubinden.“ (Bahnmüller/ Rauschenbach/ Trede/ Bendele 1988, S. 37f)

2.3 Der Studiengang an der Bamberger Universität

Die Otto-Friedrich-Universität Bamberg wurde erstmals 1647 gegründet und erneut 1972 wiedergegründet. Diese zweite Gründung beruht auf der Zusammenführung der Philosophisch-Theologischen Hochschule und der Pädagogischen Hochschule. Im Zuge der bundesweiten Einführung des Diplom-Studiengangs Pädagogik, wurde dieser ebenfalls Anfang der 70er Jahre hier eingeführt. Als Studienschwerpunkte im Hauptstudium der Diplom-Pädagogik standen den Studierenden vier Lehrstühle zur Wahl: Elementar-/Familienpädagogik, Sozialpädagogik, Schulpädagogik und Andragogik. 1977 wurde auch noch der Studienschwerpunkt Erwachsenenbildung in Bamberg ins Leben gerufen. Die Regelstudienzeit bei diesem Studium beträgt acht Semester; nach Angaben des Dekans jedoch liegt die durchschnittliche Studienzeit bei 11,3 Semestern und somit liegt die durchschnittliche Studiendauer in Bamberg noch unter dem Bundesdurchschnitt von knapp sechs Jahren.

Wie in ganz Deutschland wurde auch an der Universität Bamberg an der Umstrukturierung auf Bachelor- und Masterstudiengänge gearbeitet und der Diplom-Studiengang ist nur noch auslaufend vorzufinden. Im Rahmen des Bachelors, welcher eine Regelstudienzeit von sechs Semestern beinhaltet, können nun nur noch zwei von drei Studienschwerpunkte gewählt werden: Elementar-/Familienpädagogik, Erwachsenen-/Weiterbildung, sowie Sozialpädagogik. Nach dem akademischen Grad des Bachelors ist ein unmittelbarerer Wechsel ins Berufsleben möglich. Jedoch kann auch ein weiterführender Master in Erwachsenenbildung/Weiterbildung oder Erziehungs- und Bildungswissenschaft absolviert werden. Die Masterstudiengänge betragen jeweils 4 Semester.

3. Problemstellung von Praxis und Theorie

„Während Wissenschaft sich bis in die jüngere Vergangenheit ein Selbstverständnis bewahren konnte, in dem es lediglich um die Pflege des Erkenntnisfortschrittes um ihrer selbst willen ging, muß sich dieser Anspruch mehr und mehr an die Realitäten einer mobilen und pluralen Leistungsgesellschaft orientieren, d.h., sie hat sich über diese Pflege hinaus an der Meisterung beruflicher und gesellschaftlicher Wirklichkeit zu orientieren. Die Erschließung neuer Aufgaben, neuer beruflicher Tätigkeitsfelder und -merkmale kann heute sicherlich nicht mehr nur aus der Theorie, aus der Spekulation und der Selbstversenkung erfolgen. Theorie und Praxis müssen mehr denn je ein Wechselwirkungsverhältnis eingehen, um eine tragfähige Konzeption für die Studien- und Berufswirklichkeit zu entwerfen.“ (Hitpass 1975, S. 9)

3.1 Theorie-Praxis-Poiesis

In der Philosophie bezeichnet der Begriff Poiesis ein zweckgebundenes Handeln, welches im Kontrast zum praktischen und theoretischen Handeln steht. Der griechische Philosoph Aristoteles (384 - 322 v.Chr.) hat auf eine wichtige Unterscheidung hingewiesen, indem er nicht nur unter Theorie und Praxis einen Unterschied machte, sondern er differenzierte in drei Dimensionen: Theorie, Praxis und Poiesis.

Dabei verstand er unter der Theorie eine Lebensform, bei welcher der Mensch Vernunft besitzen muss, wenn er diese leben will. Die Lebensform war auf Ehrlichkeit ausgerichtet, ihre Basis war Wissen und die ihr zugrundeliegende Tätigkeit die Reflexion.

„Auch Praxis ist aus Sicht des Aristoteles ein Teil des menschlichen Daseinsvollzugs, wie er in sozialen Handlungen widerspiegelt. Wer praktisch angemessen handeln will, benötigt Phronesis, d.h. Tugenden und sittliche Einsicht, um die angemessenen Ziele sozialen Handelns formulieren zu können. Die Angemessenheit findet sich in der Verantwortung des Handelns.“ (Lenzen 1999, S. 30f) Praxis steht nicht mit konkretem „tun“ im Zusammenhang. „ Praxis ist sittliches Handeln.“ (Lenzen 1999, S. 31) In dieser Dimension beschäftigen sich Erziehende und Erziehungswissenschaftler mit der Frage, was denn gegenüber der kommenden Generation, gegenüber unserer Klientel, verantwortbar ist. Dabei muss man unterscheiden, dass viele Studierende hohe Erwartungen haben, wenn von „Praxisorientierung“ die Rede ist. Man wünscht sich gute Lehrer, Sozialpädagogen und Erwachsenenbildner, die professionell handeln sollen, weil sie angeblich die besten Mittel zur Realisierung solcher praktischen Ziele beherrschen. Bei Aristoteles hieß genau diese Dimension Poiesis; nicht Praxis. Denn sie bezeichnet das eigentliche Herstellen, Machen oder Produzieren eines Werks. Somit ist die Kompetenz, welche der Poiesis zugrunde liegt, das Können. Diese richtet sich demzufolge nicht auf die Erfüllung von vorgegebenen Zwecken, sondern auf die bloße Produktion. „Das ist nicht unwichtig, und wer diese Dimension verschmäht, verkommt nur zu leicht zum bloßen Schwätzer auf der Ebene der <<Praxis>> im Sinne des Geredes über das, was man normativ gerne durchsetzen möchte. Professionelle pädagogische Praxis umfaßt also nicht nur die bereits vorgestellten drei Urteilsformen (Vernunfturteil, ästhetisches Urteil, moralisches Urteil), sondern: Professionelle Praxis umfaßt die Fähigkeit zu Theorie, Praxis und Poiesis; sie setzt Vernunft, moralisches Werturteil und Können voraus.“ (ebd.)

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Details

Titel
Gibt es den „wissenschaftlich ausgebildeten Praktiker“? Zur Theorie-Praxis-Debatte in der Pädagogik
Untertitel
Ein kritischer Blick auf die Praxistauglichkeit des Diplom-Pädagogikstudiums
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Allgemeine Pädagogik 2 - Grundlagen und theoretische Perspektiven pädagogischen Handelns Bildungsinstitutionen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
30
Katalognummer
V323989
ISBN (eBook)
9783668231788
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, Pädagogikstudium, Praxis, Theorie, Pädagoge, Pädagogin, Allgemeine Pädagogik, Beruf, Erwartungen, Desaster, Universität
Arbeit zitieren
Kathi Klebe (Autor), 2012, Gibt es den „wissenschaftlich ausgebildeten Praktiker“? Zur Theorie-Praxis-Debatte in der Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323989

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