Empathie und Gewalt. Zum Zusammenhang von empathischem Mitgefühl und aggressivem Verhalten


Hausarbeit, 2013
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Empathie
2.1 Begriff und Bedeutung
2.2 Klärung von Empathie aus affektiver Sicht
2.3 Klärung von Empathie aus kognitiver Sicht
2.4 Entstehung des Begriffs

3. Aggression und Gewalt
3.1 Begriff und Bedeutung der Aggression
3.2 Begriff und Bedeutung der Gewalt

4. Konflikt- und Gewaltentstehung
4.1 Konfliktentstehung
4.1.1 Ursachen von Konflikten
4.2 Gewaltentstehung
4.2.1 Soziologische und sozialpsychologische Theorien
4.2.2 Konflikttheoretische Überlegungen zur Gewalt

5. Zusammenhang zwischen Empathie und aggressivem Verhalten
5.1 Allgemeiner Zusammenhang
5.2 Zusammenhang durch Erziehung
5.3 Spezifizierung des Zusammenhangs
5.4 Erklärung des Zusammenhangs

6. Männer sind aggressiver als Frauen/ Geschlechtsspezifische Tendenzen

7. Empathisches Mitgefühl
7.1 Empathisches Mitgefühl als Hemmungsfaktor gegen Gewalt
7.2 Antizipation im Hinblick auf empathisches Mitgefühl gegen gewalttätiges
Verhalten

8. Stand der Forschungen in Bezug auf Gewalt und Empathie

9. Ergebnisse zur Bedeutung der Empathie im Hinblick auf Aggressionen

10. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einführung

„Kein anderes Wesen ist so widersprüchlich wie der Mensch: Er zeigt tiefes Mitgefühl, tröstet Trauernde, hilft Unbekannten; und er betrügt seine Mitmenschen, neidet seinem Gegenüber den Erfolg, sinnt auf blutige Vergeltung und zieht mordend gegen seinesgleichen in den Krieg. Im Inneren scheint Homo sapiens geradezu gespalten zu sein in eine gute und eine böse Seite.“ (Harf 2010, S. 7) Das Paradox besteht also darin, dass die angeborene Fähigkeit der Empathie sowohl in hilfsbereiter als auch in verletzender Absicht benutzt werden kann. Das Potenzial für Empathie ist in den meisten Menschen vorhanden. Bei keinem Lebewesen ist die Fähigkeit zur Empathie so ausgeprägt wie beim Menschen. Sie nimmt rund 80 Prozent des Hirnvolumens ein. Sie können die Gedanken und Gefühle ihres Gegenübers verstehen, ihn tolerieren, sich in ihn ein- und mitfühlen, doch die bewusste Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen schlägt oft um. Die Schattenseite der Empathie finden wir im aggressiven oder gar gewalttätigen Verhalten, denn es ist schwer Empathie aufzubringen, wenn ich einem Menschen (z.B. Feind) gegenüber Aggressionen habe. Im Gegensatz zu den Tieren hat der Mensch, als höchstentwickelster aller Organismen, eine völlig neue Dimension der Aggression erreicht. Niemand sonst setzt so viel Aggression und Gewalt ein, um einen Artgenossen bewusst unerträgliche Schmerzen hinzuzufügen. Jedes Mitglied einer Gesellschaft hat Erfahrungen mit Aggressivität und Gewalt gemacht; seien es aktive, passive, direkte oder indirekte Erfahrungen. Nur woher kommt dieses aggressive Verhalten? Ist der Mensch also ein besonders grausames Wesen, welches den Hang zur Aggression bis zur Spitze getrieben hat? Ist diese Eigenschaft schon ein aus der Urzeit stammender Trieb oder kommt er durch fehlendes Einfühlungsvermögen zu Stande? Die vorliegende Arbeit soll genau dieses Zusammenhang von empathischen Mitgefühl und gewalttätigem/ aggressivem Verhalten im Groben behandeln. Es wird nicht speziell auf bestimmt Bedingungsfaktoren (z.B. Medien, Sportaktivität) eingegangen, sondern greift die Grundgedanken auf. Im Laufe der Jahre kam es verstärkt zur Entwicklung von Programmen zur Prävention und Intervention gewalttätigen Verhaltens. So hat auch die Empathie als Persönlichkeitsmerkmal an Aufmerksamkeit gewonnen und findet nun immer wieder im Zusammenhang mit aggressivem und gewalttätigem Verhalten Resonanz. So stellt sich die Frage: Kann die Fähigkeit zur Empathie ein entscheidender Faktor bei der Ausübung oder Nicht-Ausübung von Gewalt unter Menschen sein? Neigen also Menschen, die eine geringere Empathiefähigkeit besitzen schneller zum Einsatz verbaler oder körperlicher Gewalt, weil sie sich nicht vorstellen können, dass dies salopp gesagt „weh tut“? Um diese Fragen zu beantworten, soll Empathie als Hemmungsfaktor gegen Gewaltentstehung untersucht werden. Kann Empathie wirklich Gewalt verhindern oder suchen wir nur Ausreden, wenn wir uns selbst nicht erklären können, wenn wir zu aggressivem Verhalten neigen?

2. Empathie

2.1 Begriff und Bedeutung

Empathie ist ein scheinbar selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags und doch ein wissenschaftlich schwer greifbares Phänomen. Meist ist es schon geschehen, bevor wir beginnen können, darüber nachzudenken. Empathie wird bezeichnet als „die Fähigkeit, Veränderungen des inneren Zustandes einer anderen Person wahrzunehmen, sie zu verstehen und auf sie zu reagieren.“ (Enz 2008, S. 11) Es ist die Voraussetzung, dass eine „echte“ bzw. authentische Beziehung zum Anderen aufgebaut und ebenfalls auch aufrechterhalten werden kann. „Die meisten dieser Voraussetzungen halten wir für selbstverständlich, wir verlassen uns fest auf sie. Dabei sind sie alles andere als selbstverständlich.“ (Bauer 2006, S. 27f) Man besitzt sie schon seit Geburt an, entwickelt sie im Laufe des Lebens und nutzt sie für viele affektive und kognitive Prozesse. Schon Neugeborene sind auf diese Körpersprache angewiesen. Denn sie vermögen sich noch nicht selbst zu versorgen und sind – im Gegensatz zu den meisten Tieren – gänzlich auf den Schutz und die Fürsorge ihrer Eltern angewiesen. Zwar können Säuglinge noch nicht zwischen ihren eigenen Gefühlen und denen anderer Menschen unterscheiden. Doch instinktiv drücken sie ihr Befinden aus, verziehen etwa ihren Mund zu einem Lächeln, rümpfen die Nase oder schauen ihre Eltern mit weinerlichem Blick an. So können die Bezugspersonen die Bedürfnisse ihres Kindes unmittelbar verstehen und darauf eingehen. Diese Fähigkeit kann bis ins hohe Alter hinein weiter entwickelt und gefördert werden. Mit der Entwicklung der Empathiefähigkeit entwickeln wir auch gleichsam unsere eigene Identität. Die Fähigkeit, sich in einen oder mehrere andere Menschen einzufühlen, ist jedoch nicht nur ein Charaktermerkmal, welches man von Natur aus besitzt, sondern kann auch erlernt werden. Aus diesem Grunde ist bewusst immer wieder die Rede von der Fähigkeit, aber auch der Breitschaft zur Einfühlung. Diese Bereitschaft setzt die persönliche und innere Entscheidung voraus, sich auf den anderen einzulassen und sich auf deren Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse zu konzentrieren. Ohne Empathie würden wie nur unsere eigenen Empfindungen spüren, und wären nicht in der Lage, emotionale Beziehungen zu jemand anders aufzubauen. „Das Einfühlungsvermögen bildet also gleichsam den Schlüssel zu fremden Gefühlswelten, es versetzt und in die Lage, die Bedürfnisse unserer Mitmenschen zu erkennen und auf sie einzugehen.“(Witte 2010, S.38) Jedoch entwickelt sich die Empathie nicht bei jedem Menschen gleich. „Zwar treiben Gene das Wachstum von Spiegelneuronen unweigerlich voran, doch die Vernetzung der Nervenzellen wird auch von elterlicher Fürsorge beeinflusst. Mangelnde Aufmerksamkeit, Vernachlässigung oder gar Misshandlungen führen mitunter dazu, dass Kinder – aus Schutz der seelischem Schmerz – emotional stark abstumpfen.“ (ebd.) Auch bei Erwachsenen führt sich dieser Prozess fort. Menschen, denen wir nicht besonders nahe stehen oder solche, die uns in der Vergangenheit verletzten, unsere Gefühle ignorierten oder unfair handelten, sind wir eher geneigt unsozial zu handeln. Demzufolge kann unser Mitgefühl auch Emotionen wie Schadenfreude oder Spott überlagert werden. „Manche Menschen erleben sogar Befriedigung, wenn sie fühlen, dass eine Person leidet.“ (ebd.) Deshalb heißt es auch, dass die böse Seite des Menschen aus der Kraft der Empathie gezogen wird. „Denn nur, wer in der Lage ist, sich in Menschen hineinzuversetzen, kann sein Gegenüber betrügen, belügen und manipulieren. Nur wer den seelischen Schmerz der anderen kennt, vermag quälende und beschämende Racheakte zu ersinnen. Und nur wer die Furcht seiner Mitmenschen fühlt, weiß ihre Ängste zu schüren, weiß mit Wut, Zorn und Gewalt seine Macht auszuspielen – und kann als Tyrann mitunter ganze Völker unterdrücken.“ (ebd.) In der Empathieforschung gibt es beim Verstehen von Empathie und derer Definition allerdings unterschiedliche Ansichten, da sich Empathie scheinbar aus zwei verschiedenen Aspekten zusammensetzt. Der eine richtet sich auf die kognitiven Fähigkeiten, der andere auf die affektiven Fähigkeiten.

2.2 Klärung von Empathie aus affektiver Sicht

In dieses Konzept finden sich viele Entdeckungsansätze von Freud (1971) wieder, wobei dieser das Affektverständnis von Darwin (1872) vertritt. Nach ihnen ist der Affekt eine Triebkraft oder Besatzungsenergie, die aus endogenen Reizquellen stammt. „Die Wechselwirkung zwischen Müttern und ihren Kindern zeigt, dass die Mütter ihr affektives Verhalten sehr deutlich zeigen und sich hierbei der Aufnahmebereitschaft des Kindes anpassen. Diese Identifikations- und Anpassungsfähigkeit des affektiven Bereichs sind Voraussetzungen für das Verständnis des Gegenübers.“ (Song 2002, S. 102) Lipps (1907) charakterisiert die Empathie dadurch, dass der aus der affektiven Sichtweise emotionale Zustand eine stellvertretende Affektreaktion auf die Notlage eines anderen ist. Rogers (1959) dagegen sieht die Empathie als Fähigkeit. „Während die Empathie nach Hoffmann (1975) als eine affektive Reaktion auf Gefühle anderer zu verstehen ist, legte Eisenberg (1986) zusammenfassend zwei Definitionsmerkmale von affektiver Empathie vor.“ (ebd.) Die eine Form ist eine sogenannte Affektreaktion. Hier ist der eigene affektive Zustand sehr auf den Affekt eines anderen bezogen. Bei der anderen Form nach Eisenberg wird Mitleid und Sorge um einen anderen als affektive Reaktion verstanden und bezieht sich somit nur auf die negativen Affekte. Friedlmeier (1993) zum Beispiel verallgemeinert jedoch wieder die vorhergehenden Behauptungen. Nach seiner Meinung ist Empathie eine affektive Reaktion, die von der Wahrnehmung des emotionalen Lage oder Zustandes eines anderen stammt. Die Aufmerksamkeit ist hiernach also für die Empathie entscheidend.

2.3 Klärung von Empathie aus kognitiver Sicht

Nach Borke (1971) wird die Empathie auch hier als eine Fähigkeit definiert. Mit dieser Fähigkeit kann man die Gedanken, Gefühle und Perspektiven eines anderen verstehen. „Die Betonung der kognitiven Fähigkeit von Empathie geht davon aus, dass die Fähigkeit zu einer empathischen Reaktion die Rollenübernahme bzw. Perspektivenübernahme voraussetzt.“ (Song 2002, S. 103) Auch Feshbach (1987) ist dieser Meinung. Für BischofKöhler (1991) jedoch, ist die Voraussetzung für empathische Reaktionen die Fähigkeit zum Selbsterkennen.

2.4 Entstehung des Begriffs

„Empathie ist ein Konzept, das in den letzten knapp einhundert Jahren, seit es von Titchener (1909) eingeführt wurde, eine Vielzahl von verschiedenen Bedeutungen und Definitionen erfahren hat.“ (Enz 2008, S. 15) Dieses Konzept der Empathie, oder auch „Einfühlung“ führte Titchener im englischen als „empathy“ ein und beschreibt damit den emotionalen Zustandes einer anderen Person. Der Begriff Empathie ist eine moderne Übersetzung in Anlehnung an das bedeutungsähnliche Wort Sympathie. Sympathie beschreibt heutzutage eine emotionale Reaktion auf Gefühle von anderen. Diese wird mit einer stärkeren oder erhöhten Sorge um das Wohlergehen der zielgerichteten Person beschrieben. „Betrachtet man die Überlegungen der Philosophie im Bereich der Ästhetik im 18. Jahrhundert, so lässt sich hier bereits, vornehmlich in Großbritannien, der Begriff „sympaty“ für das seelische Vermögen der Einfühlung in ästhetische Objekte ausmachen. „Sympathy“ bezeichnet dabei nicht die emotionale Reaktion auf die Betrachtung eines Kunstwerks, sondern vielmehr deren Voraussetzung.“ (Enz 2008, S. 16) Lipps dagegen (1903) versteht unter Einfühlung, einen emotionalen Zustand, welcher auf ein Objekt oder Organismus weitergeleitet wird. „Ein bei der Beobachtung entstandenes sogenanntes unwillkürliches Nachahmungsgefühl entspricht dem Gefühl des Beobachtens.“ (Song 2001, S. 100) Das empathische Gefühl ergibt sich nach Sicht von Lipps also als Ergebnis der Kombination des Triebs der Nachahmung, aber auch des Triebs der Äußerung. „Bei Burke (1757/1956) beispielsweise erhält „sympathy“ den Status eines für die Vermittlung von Gefühlen wesentlichen psychischen Prozesses“ (Allesch 1987 zitiert nach Enz 2008, S. 16) Die Quelle dieses Begriffes liegt also weit zurück und tritt immer wieder im Zusammenhang mit Sympathie, wie auch Antipathie auf. „Beständig schwingt das Pendel der Seele zwischen Sympathie und Antipathie. Erst wenn es zur Ruhe kommt, tritt eine dritte Seelenkraft hinzu: Empathie, die Fähigkeit, den anderen Menschen seelisch in sich auferstehen zu lassen.“ (Hattstein 2007, S. 1) Die Empathie stellt dabei also das wesentliche Element dar, welches die Grundlage für bestimmte Verhaltensweisen liefert. Ihm liegt das griechische Wort „empátheia“ zugrunde, welches Einfühlung, aber auch eine intensive Gefühlsregung zur Bedeutung hat. Daher kommt es auch, dass der Begriff Empathie alltagssprachlich oft als Mitfühlen oder Einfühlung verstanden wird. Einen weiteren bedeutenden Beitrag in der Empathieforschung leistete Rogers (1951), der den Begriff und die Funktion der Empathie aus klinisch-psychologischer Sicht erforschte. „In seiner Praxis ist Empathie ein wesentliches Element für die Kommunikation zwischen Therapeut und Patient, wobei das Verstehen des anderen im Mittelpunkt steht.“ (Song 2002, S. 100) Mit dem Ansatz von Roger erforschte man Empathie weiter unter dem klinischen Aspekt und fand heraus, dass Empathie die Voraussetzung für prosoziales Verhalten ist. „Doch wie viele menschliche Wesenszüge hat das Einfühlungsvermögen zwei Seiten, es bildet nicht nur das Fundament für gute Taten. Im Gegenteil: Es vermag auch die bösen Kräfte des Homo sapiens zu entfesseln. Denn auf Mitgefühl folgt nicht gleich ein selbstloser Akt.“ (Witte 2010, S. 41) Im Neugriechischen dagegen steht es jedoch mit negativer Konnotation für Feindseligkeit, Gehässigkeit und Voreingenommenheit. Das führt wahrscheinlich dahin, dass heutzutage Empathie und Gewalt in einer engeren Verbindung stehen, als wir im ersten Augenblich ahnen.

3. Aggression und Gewalt

3.1 Begriff und Bedeutung der Aggression

„Bei der Frage, wie man einem anderen Leid zufügen kann, scheint der Einfallsreichtum des Menschen keinerlei Grenzen zu kennen.“ (Engeln 2010, S. 27) Im Gefühle vermittelnden limbischen System entstehen Aggressionen, die vom präfrontalen Kortex kontrolliert werden und dann zur Ausführung gelangen. Das limbische System ist sozusagen eine Gefühlszentrale für elementare Zustände wie Lust, Furcht, Wut, Flucht und Verteidigung. Der besonders wichtige Bestandteil hierbei ist der Mandelkern Amygdala. Diese Region spielt die Schlüsselrolle bei Ärger und Aggression, denn hier werden die Erlebnisse mit negativ verbundenen Emotionen verbunden und aggressive Impulse erzeugt. Die Reaktion aggressiv zu handeln, ist jedoch von unserer individuellen und biologisch gesteuerten Ausprägung abhängig. „Die Neigung, aggressiv zu reagieren, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark; Hirnstrukturen, Neurotransmitter und Hormone, beeinflusst von Genen, machen manche Menschen aggressiver, leichter erregbar oder lassen sie impulsiver reagieren als andere.“ (ebd.) Diese Aggression ist trotzdem immer mit einer Schädigung von Gegenständen oder Organismen (in emotionaler, körperlicher oder verbaler Art) verbunden; eine Gewaltanwendung, die von einem Organismus ausgeht und einen anderen schadet. Verhaltensweisen werden demzufolge als aggressiv eingestuft, wenn sie sich gegen Menschen richten, die entweder die direkte oder indirekte Schädigung von Organismen beabsichtigen. Häufig jedoch wird zwischen Aggression und Aggressivität unterschieden. „Dabei bezeichnet man mit Aggressivität ein Persönlichkeitsmerkmal und meint damit die Neigung einer Person, aggressiv zu reagieren. Aggressivität bezeichnet also die von Person zu Person unterschiedliche Tendenz, aggressive zu reagieren.“ (Hobmair 2011, S. 110) Der Gegenspieler zum zuvor genannten limbischen System ist der präfrontale Kortex, der zum einen für die Selbstreflexion und moralische Bewertung zuständig ist. Zum anderen werden in dieser Region alle aggressiven Impulse kontrolliert, die aus den entwicklungsgeschichtlich älteren affekt- und emotionsbetonten Hirnregionen kommen. „Ist der präfrontale Kortex nun aber beschädigt, werden die betroffenen Individuen ungehemmter und aggressiver, zudem verantwortungs- und respektlos, unberechenbar und unfähig, zu planen.“ (Engeln 2010, S. 32)

3.2 Begriff und Bedeutung der Gewalt

Der Begriff „Gewalt“ stammt aus dem Althochdeutschen „waltan“, welches so viel wie „beherrschen“ oder „stark sein“ bedeutet. Damit ist wörtlich gemeint, dass durch Vorgänge oder Handlungen Gegenstände oder Menschen „beherrscht“ werden. „Die Komplikationen des Gewaltbegriffs beginnen mit seiner Vieldeutigkeit. Was man heutzutage als Gewalt bezeichnet, wurde früher anders bewertet. Historisch gesehen wurde der Gewaltbegriff im Zuge der Modernisierung verfeinert und weiter problematisiert.“ (Song 2002, S. 13f) Da der Gewaltbegriff also zu einer unüberschaubaren Vielfalt führt, variiert und er sich ebenfalls nicht leicht systematisieren lässt, bemühen sich Forscher das Phänomen Gewalt zu erklären. Die psychologische Definition von Gewalt jedoch „bezieht sich auf die gesamte Spannweite der inhaltlichen Bestimmungen von Gewalt, wobei der Begriff Gewalt oft durch den der Aggressionen ersetzt wird.“ (Song 2002, S. 19) Sowohl im öffentlichen Sprachgebrauch, als auch in wissenschaftlichen Diskussionen wird Gewalt häufig durch Aggressionen ersetzt, doch „Aggressionen“ können als Oberbegriff von „Gewalt“ eine positive, aber auch negative Seite haben, wobei sich „Gewalt“ ausschließlich auf negative Aspekte bezieht. Somit ist es zulässig, dass in den nachfolgenden Untersuchungen vereinfacht von „Aggressionen“ oder „Aggressivität“ gesprochen wird, da dieser Begriff nun beide Deutungsaspekte umschließt und entsprechend synonym verwandt wird. „Aus Sicht vieler Naturwissenschaftler ist Homo sapiens eine überaus gewalttätige Spezies – ja sogar das aggressivste Wesen, das je auf unserem Planeten gelebt hat. Kein Tier quält und foltert seine Artgenossen mit Absicht, kein anderes Geschöpf zieht gegen seinesgleichen in den Krieg. Der Hang zur Gewalt ist fest verankert in unserer Biologie – aber immer auch das Ergebnis unserer Erziehung.“ (Harf 2010, S. 14) Deswegen rätseln Forscher schon ewig, wo die Wurzeln der menschlichen Aggressivität liegen. Schon von Anfang an gab es Aggression. Sie existiert wahrscheinlich schon seit mindestens 700 Jahren; also so lange wie es schon Tiere auf der Erde gibt. Fraglich ist jedoch, ob sie tatsächlich von individuellen Erbfaktoren geprägt wird oder davon abhängt, wo und unter welchen Umständen wir aufgewachsen sind. Wichtig beim Definieren von Gewalt ist dennoch, dass es verschiedene Formen von Gewalt gibt. Sie stellt sich in unterschiedlichen Dimensionen dar, da besonders Jugendliche sehr verschiedene Verhaltensweisen und somit auch ein unterschiedliches Ausmaß der Aggressionen zeigen. „Man trennt von der physischen Gewalt die psychische Gewalt. Während man bei der physischen Gewalt auf den Körper der Zielperson einwirkt, wendet man bei der psychischen Gewalt seelischen Druck an, Mit der expressiven Gewalt drück man Wut, Zorn, Schrecken und verwandte bedrohliche Gefühle aus.“ (Song 2002, S. 37) Bei allen Gewaltformen will die Person, die eine Gewaltform ausführt, dennoch etwas bei einer anderen Person gewaltsam erreichen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Empathie und Gewalt. Zum Zusammenhang von empathischem Mitgefühl und aggressivem Verhalten
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Empirische Bildungsforschung - Emotionen
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V323994
ISBN (eBook)
9783668231252
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emotionen, Empathie, Gewalt, Konflikte, agressives Verhalten, Erziehung, Mitgefühl, Aggressionen, Kognition, Charakter, Einfühlungsvermögen
Arbeit zitieren
Kathi Klebe (Autor), 2013, Empathie und Gewalt. Zum Zusammenhang von empathischem Mitgefühl und aggressivem Verhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323994

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Empathie und Gewalt. Zum Zusammenhang von empathischem Mitgefühl und aggressivem Verhalten


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden