Ist Deutschland als Hegemon innerhalb der EU anzusehen? Diese Frage wird unter den Rückgriff auf den Hegemoniebegriff behandelt und dabei Deutschlands wirtschafts- und integrationspolitisches Handeln während der Eurokrise untersucht.
Nachdem der Hegemoniebegriff eingeführt worden ist, wird sich mit Hegemonie im Kontext der EU auseinandergesetzt, welche aufgrund des Fehlens einer relativ unabhängigen übergeordneten Zentralinstanz intergouvernemental (Stichwort deutsch-französisches Tandem) bzw., ausgehend von deutscher Hegemonie von einem Staat ausgeübt wird, welcher trotz formaler Gleichheit aller Mitgliedstaaten eine Präponderanz aufweist bzgl. Größe und ökonomischem Gewicht.
Im Anschluss daran wird auf das sogenannte Merkiavelli-Prinzip eingegangen, ein Begriff, der einem Essay Ulrich Becks aus dem „Spiegel“ entnommen ist.
Der Autor dieser Seminararbeit macht sich die Analogie des Merkiavellismus zu Eigen. Dieser personifiziert in der Person der Bundeskanzlerin Angela Merkel den Anspruch Deutschlands, durch eine „Zuckerbot-und Peitschenpolitik“, bzw. das Offenhalten mehrerer policy-Optionen von den Ländern insbesondere der Eurozone Gefolgschaft, bzw. etwas neutraler formuliert: das Eingehen auf deutsche Interessen, zu stimulieren.
Die deutsche Rolle in der Eurokrise wird hernach daraufhin beleuchtet, inwiefern Deutschland nationale politische und wirtschaftliche Interessen zum Ausdruck gebracht hat. Wie kann man die Wahrnehmung Deutschlands in der EU charakterisieren? Als ein emanzipiertes Deutschland, welches sich durch eigendefinierte Interessen auszeichnet und außerhalb eines Integrationszusammenhanges agiert, welcher unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg noch Staatsräson war?
Diese Seminararbeit erhebt keinen empirisch-detaillierten Analyseanspruch der europäischen Schulden- und Finanzkrise. Dies wäre aufgrund der Komplexität des Analysegegenstandes und der notwendigen Beschränkung der Seitenzahl nicht, bzw. nur unzureichend zu leisten.
Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden, immer unter der Leitannahme einer deutschen Hegemonie, in welchen Bereichen, Verhaltensweisen oder Charakteristika deutscher Europapolitik sich eine Hegemonialrolle offenbart.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Begriff des Hegemons
2.2 Theorie hegemonialer Stabilität
3. Hegemonie in der EU
4. Deutschland als Hegemon?
4.1. Das „Merkiavelli-Prinzip“
4.2 Deutschlands Rolle in der Eurokrise
4.3 Dauerkrisenmanagement und Exportüberschusspolitik
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle Deutschlands in der Europäischen Union unter der Leitannahme einer hegemonialen Stellung. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern Deutschland als Hegemon zu betrachten ist und wie sich das Beharren auf nationale politische und wirtschaftliche Interessen insbesondere im Kontext der Eurokrise manifestiert hat.
- Analyse des Hegemoniebegriffs und der Theorie hegemonialer Stabilität nach Kindleberger.
- Untersuchung der strukturellen Voraussetzungen für Hegemonie im intergouvernementalen Gefüge der EU.
- Anwendung des „Merkiavelli-Prinzips“ zur Charakterisierung des deutschen Krisenmanagements.
- Bewertung der deutschen Exportüberschusspolitik und deren Auswirkungen auf die Eurozone.
- Reflektion der deutschen "Stabilitätskultur" im europäischen Kontext.
Auszug aus dem Buch
4.1. Das „Merkiavelli-Prinzip“
Der Soziologe Beck thematisiert das Zögern Deutschlands bei der Eurorettung unter dem Stichwort „Merkiavellis Macht“ (Beck 2012).
„Viele sehen in Angela Merkel die ungekrönte Königin Europas. Wenn man fragt, woraus die deutsche Bundeskanzlerin ihre Macht schöpft, stößt man auf ein charakteristisches Merkmal ihres Handelns: Ihre geradezu machiavellistische Wendigkeit. Der Fürst, so Niccolò Machiavelli, der erste Denker der Macht, müsse sich nur dann an sein politisches Wort von gestern halten, wenn es ihm heute Vorteile bringe. Überträgt man das auf die Situation der Gegenwart, lautet die Maxime: Man kann heute das Gegenteil von dem tun, was man gestern verkündet hat, wenn es die eigenen Chancen bei der nächsten Wahl erhöht“ (Beck 2012)
Dies ist symptomatisch für das Handeln Deutschlands in der Eurokrise.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der deutschen Führungsrolle und Abgrenzung der zentralen Begrifflichkeiten.
2. Theoretischer Rahmen: Definition der Begriffe Führung und Hegemonie sowie Erläuterung der Theorie hegemonialer Stabilität nach Kindleberger.
3. Hegemonie in der EU: Analyse der strukturellen Möglichkeiten für Hegemonie innerhalb des intergouvernementalen Aufbaus der Europäischen Union.
4. Deutschland als Hegemon?: Untersuchung des deutschen Handelns durch das Modell des „Merkiavelli-Prinzips“ und Analyse der Rolle in der Eurokrise.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass Deutschland nicht als „wohlwollender Hegemon“ agiert, sondern primär nationale Wirtschaftsinteressen verfolgt.
Schlüsselwörter
Deutschland, Europäische Union, Hegemonie, Eurokrise, Merkiavelli-Prinzip, Stabilitätskultur, Führungsmacht, Exportüberschusspolitik, Austeritätspolitik, Kindleberger, Integration, Machtpolitik, Krisenmanagement, nationale Interessen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die veränderte Rolle Deutschlands in der EU und prüft, ob die Bundesrepublik eine hegemoniale Stellung einnimmt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Theorie hegemonialer Stabilität, die politische Dynamik der Eurokrise und die deutsche Wirtschaftspolitik innerhalb der EU.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, inwiefern Deutschland als Hegemon anzusehen ist und wie sich sein Beharren auf nationale Interessen im Kontext der Eurokrise geäußert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf theoretischen Konzepten der Internationalen Beziehungen und aktuellen Diskursen zur deutschen Europapolitik basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Verortung von Hegemonie, den strukturellen Bedingungen in der EU sowie dem Verhalten der Bundesregierung während der Eurokrise, insbesondere unter Anwendung des „Merkiavelli-Prinzips“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Hegemonie, Eurokrise, Merkiavelli-Prinzip, Exportüberschusspolitik und Stabilitätskultur.
Was genau ist das „Merkiavelli-Prinzip“ im Kontext dieser Arbeit?
Es bezeichnet die von Ulrich Beck analysierte „machiavellistische Wendigkeit“ der Bundeskanzlerin, bei der durch gezieltes Zögern und das Offenhalten verschiedener Optionen deutsche Interessen durchgesetzt werden.
Kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass Deutschland ein „guter“ Hegemon ist?
Nein, der Autor kommt zu dem Schluss, dass Deutschland nicht als Stabilisator im Sinne Kindlebergers agiert, da es primär nationale Interessen verfolgt und eine Austeritätspolitik auf Kosten der Peripheriestaaten exportiert.
- Quote paper
- Alexander Schmitt (Author), 2013, Deutschland als Hegemon in der EU. Wie hat sich sein Beharren auf politischen und wirtschaftlichen Interessen im Lichte der Eurokrise geäußert?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324018