Die heutige Tanzgeschichte setzt den Beginn der Ballettentwicklung im italienischen Quattrocento an, da sich aus dieser Zeit die ersten Niederschriften finden lassen, die sich mit einer Art Bühnentanz befassen. Nach einer Einführung in die gesellschaftlichen Umstände dieser Zeit sollen die wichtigsten dieser schriftlichen Werke im Folgenden erläutert werden im Hinblick auf die verwendeten Tänze und die spezifischen Besonderheiten in den Theorien ihrer Verfasser. Tanz ist ein aus Bewegung entstehender Prozess, der sich nur schwer verschriftlichen lässt. Diese Prozesse aus der Zeit der Renaissance und des Barock sind notwendigerweise jedoch nur durch schriftliche Quellen und Sekundärliteratur nachvollziehbar, die geringes Bildmaterial enthalten. Aufgrund der Quellenlage berufe ich mich meist auf deutsche Übersetzungen, die der Sekundärliteratur entnommen sind, da viele der Tanztraktate nie übersetzt wurden und auch im Original nur schwer zugänglich sind. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Zeit des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts, da sich die entscheidenden Entwicklungen in Italien zu dieser Zeit abspielen. Die eigentliche Entstehung des Hofballetts, aus dem wiederum das klassische Ballett, wie wir es heute kennen, erwachsen ist, wird in Frankreich zur Zeit Ludwig XIV. angesiedelt. Auf diese Entwicklung einzugehen würde jedoch den Rahmen des Themas überschreiten und muss deshalb außen vor bleiben.
Gliederung
1. Einleitung
2. Leben in der Renaissance
3. Beginn der italienischen Tanzkunst in der Renaissance
3.1 Die Tanzmeister
3.1.1 Domenico da Piacenza
3.1.2 Guglielmo Ebreo
3.1.3 Fabritio Caroso und andere
3.2 Die Tänze
4. Weiterführung im Zeitalter des Barock
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ursprünge der Ballettentwicklung im italienischen Quattrocento sowie deren Fortführung in die Barockzeit unter Berücksichtigung zeitgenössischer Tanztraktate und gesellschaftlicher Umbrüche.
- Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Renaissance und deren Einfluss auf die Tanzkultur.
- Die Rolle der Tanzmeister als Theoretiker und Wegbereiter einer strukturierten Tanzkunst.
- Die Entwicklung und Systematisierung verschiedener Tanzformen und Choreographien.
- Der Übergang von Tanz als privatem Vergnügen zu einem repräsentativen Bühnenphänomen.
- Die Bedeutung von Geometrie und Etikette für die körperliche Inszenierung an den Fürstenhöfen.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Guglielmo Ebreo
Guglielmo Ebreo, der mehrere Tanztraktate verfasst hat, ist vermutlich einer der ersten, der von dem Beruf des Tanzlehrers leben kann. Er arbeitet am Hof des Fürsten von Pesaro, wo man von seinen besonderen Fähigkeiten als Tänzer und Tanzlehrer überzeugt ist. Zwar nimmt der gebürtige Jude 1460 – vermutlich aus Gründen der Karrierevorteile – den christlichen Glauben an und nennt sich fortan Joannis Ambrosio, im Folgenden wird er jedoch weiter bei seinem ursprünglichen Namen genannt. Ebreos Lehre baut auf seinem Meister Domenico da Piacenza auf, dessen „Trattato“ auch für seinen anderen Schüler Antonio Cornazano ein wichtiger Leitfaden war. Ebreos Werk, das die einzelnen Schritte ebenso erläutert, wie es eine theoretische Definition des Tanzes an sich liefert, ist nicht für Bühnendarsteller, sondern für Amateure geschrieben, die an den höfischen Tanzveranstaltungen teilnehmen wollen. Tanz, so sagt Ebreo,
„ist eine Handlung, die die geistige Bewegung nach außen kehrt, welche mit jenen Rhythmen und vollkommenen Harmonien übereinstimmen muß, die sich durch unser Zuhören und unsere irdische Freude in den Intellekt hineinversenken, um dort liebliche Bewegungen zu erzeugen, die, derart ihrer Natur zum Trotz gefangen, bestrebt sind, zu entkommen und sich durch Bewegung zu offenbaren.“
Hier zeigt sich, dass tanzen nach Ebreos Verständnis eine intellektuelle Handlung ist, und jegliche Unkontrolliertheit der Gefühle und der Bewegungen nicht mit den Regeln der Tanzkunst vereinbar ist. Reflexhaftes, affektgesteuertes Verhalten ist hier fehl am Platz. In diesen Gedanken „die Geburt des Tanzes als Kunstsprache“ zu sehen, liegt also nahe. Dem Tanz ein solch starres Regelwerk aufzuerlegen, hat allerdings auch noch einen anderen Grund sozialer Natur, wie Weickmann erklärt: „erotische und andere Mißbräuche“ sollen verhindert werden. Zeichnungen aus Ebreos Werk beispielsweise zeigen, dass die körperliche Berührung unter den Tanzpartnern auf ein Mindestmaß beschränkt wird; Calendoli druckt eines der Bilder ab, auf dem ein Dreiertanz zu sehen ist: von einer Harfe begleitet tanzt ein Mann mit zwei Frauen, wobei sie sich nur an den Fingerspitzen leicht berühren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung definiert den zeitlichen Fokus der Arbeit auf das 15. und 16. Jahrhundert und erläutert die methodische Herangehensweise über historische Tanztraktate.
2. Leben in der Renaissance: Das Kapitel beschreibt den gesellschaftlichen Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit und die damit verbundene Neugestaltung weltlicher Kultur an den italienischen Fürstenhöfen.
3. Beginn der italienischen Tanzkunst in der Renaissance: Hier wird der Aufstieg des Tanzes als Kunstform und die Etablierung des Tanzlehrerberufs sowie die Rolle der Festkultur analysiert.
3.1 Die Tanzmeister: Dieses Kapitel widmet sich den theoretischen Grundlagen, die von Tanzlehrern durch Lehrbücher und schriftliche Traktate für den Hof etabliert wurden.
3.1.1 Domenico da Piacenza: Die Analyse des Traktats von Domenico da Piacenza zeigt dessen Bedeutung als Begründer einer systematischen choreographischen Notation.
3.1.2 Guglielmo Ebreo: Dieses Kapitel beleuchtet das Verständnis von Ebreo, der Tanz als intellektuelle Handlung und Mittel zur Disziplinierung der höfischen Gesellschaft begriff.
3.1.3 Fabritio Caroso und andere: Hier werden die Beiträge von Caroso zur Symmetrie und Strukturierung des höfischen Tanzes im ausgehenden 16. Jahrhundert behandelt.
3.2 Die Tänze: Eine detaillierte Betrachtung verschiedener zeitgenössischer Tanzformen wie Bassadanza, Saltarello und Morisca hinsichtlich ihrer Ausführung und symbolischen Bedeutung.
4. Weiterführung im Zeitalter des Barock: Das Kapitel erläutert die zunehmende Geometrisierung und Technisierung des Tanzes sowie dessen Einfluss auf die Entwicklung des Bühnenballetts.
5. Schlussbemerkung: Ein Fazit, das die Rolle Oberitaliens als Wiege des klassischen Balletts zusammenfasst und den Übergang der Entwicklung nach Frankreich einordnet.
Schlüsselwörter
Renaissance, Barock, Ballett, Tanzgeschichte, Tanzmeister, Quattrocento, Hofgesellschaft, Choreographie, Tanztraktate, Bassadanza, Saltarello, Geometrie, Etikette, Intermezzi, Bühnentanz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historischen Anfänge des Balletts in Italien während der Renaissance und des Barock und untersucht die Entwicklung des Tanzes als strukturierte Kunstform.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Mittelpunkt stehen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Bedeutung der Tanzlehrer als Theoretiker, die Systematisierung von Bewegungsabläufen und der Wandel des Tanzes von höfischer Etikette zum Bühnenspektakel.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass die Grundlagen für das klassische Ballett und dessen choreographische Prinzipien bereits in den italienischen Höfen des 15. und 16. Jahrhunderts gelegt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Analyse historischer Quellen, insbesondere zeitgenössischer Tanztraktate und einschlägiger Sekundärliteratur zur Tanz- und Kulturgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt das Wirken bedeutender Tanzmeister, die theoretische Definition des Tanzes, die Analyse spezifischer Tänze sowie die ästhetischen Veränderungen in Richtung barocker Repräsentation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Renaissance, Ballett, Tanzmeister, Choreographie, Etikette und die kulturelle Bedeutung von Bewegung an den italienischen Höfen.
Wie unterschieden sich die Tanzanforderungen für Männer und Frauen laut den Traktaten?
Die Texte betonen, dass Frauen sich demütig, anmutig und kontrolliert zu bewegen hatten, während Männer ihre Stärke und kriegerische Männlichkeit in lebhafteren Schrittfolgen unter Beweis stellen sollten.
Welche Bedeutung hatte das Symmetrieprinzip für die Choreographien des 16. Jahrhunderts?
Das Symmetrieprinzip ermöglichte eine exakte geometrische Raumgestaltung und Standardisierung der Choreographien, wodurch ein harmonisches, aber auch stark reglementiertes Gesamtbild bei höfischen Aufführungen entstand.
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- Astrid Matron (Author), 2004, Die Anfänge des Balletts in Italien zur Zeit der Renaissance und des Barock, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32406