Sprache des Nationalsozialismus. Wie bekannt und verbreitet sind Vokabeln des Nationalsozialismus im heutigen Sprachgebrauch?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historie der deutsch-nationalistisch geprägten Sprache
2.1. Die Herkunft des antisemitischen Sprachgebrauchs
2.2. Unterscheidung des Sprache nach Polenz

3. Sprachsystem der Nationalsozialisten
3.1. Methoden der Sprachlenkung

4. Die Umfrage zum aktuellen Gebrauch einschlägigen NS-Vokabulars
4.1. Hypothesen
4.2. Aufbau der Umfrage
4.3. Auswertung der Umfrage

5. Fazit

1. Einleitung

"Das Dritte Reich spricht mit einer schrecklichen Einheitlichkeit aus allen seinen Lebensäußerungen und Hinterlassenschaften. "[1]

Politische Sprache prägt, lenkt und hat das Potenzial, viel Gutes zu bewirken. Im Falle des Dritten Reichs wurde Sprache jedoch gebraucht, um Wahrheiten zu vertuschen, Tatsachen zu verdrehen, Kriegspropaganda zu treiben und Hetze gegen alles Unerwünschte zu veranstalten. Die gesamte Sprache der Nationalsozialisten diente dem Zweck, Massen zu lenken und für die eigenen Ziele zu gebrauchen. Dabei war wohl das prägendste Merkmal die Verarmung der Sprache, welche von Victor Klemperer im obigen Zitat angesprochen wird.

Im Licht aktueller Ereignisse, wie der Flüchtlingskrise, der steigenden Einwanderung nach Deutschland und den damit verbundenen, verstärkt auftretenden, rechtsgerichteten Meinungsäußerungen, ist es höchst interessant, wie viel von dem belasteten Vokabular in den Köpfen der Deutschen noch vorhanden ist und in wie weit es immer noch aktiv verwendet wird, auch um das Fremde zu beschreiben.

Diese Hausarbeit stellt daher die Frage nach der Bekanntheit einschlägiger Vokabeln des Nationalsozialismus, der Assoziation ebendieser mit der Zeit des Dritten Reichs und der unbewussten oder bewussten Verwendung im alltäglichen Sprachgebrauch. Anhand einer Online Umfrage wurden Wörter verschiedener Kategorien zur Bewertung angegeben. Diese Umfrage soll hier vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung zur Sprache im Nationalsozialismus ausgewertet werden.

2. Historie der deutsch-nationalistisch geprägten Sprache

Um die Frage zu beantworten, ob es eine durch die Nationalsozialisten belastete Sprache gibt, muss zunächst die Geschichte der politischen Sprache behandelt werden. Es ist keineswegs der Fall, dass erst mit dem Wendepunkt 1933 eine nationalistisch geprägte Sprache in den deutschen Sprachgebrauch tritt. Ansätze eines solchen Sprachgebrauchs sind schon zu Napoleons Zeiten im frühen 19. Jahrhundert zu erkennen. Breite Schichten der Bevölkerung werden von Begriffen wie Nation, Volkstum, Volksgeist, Deutschheit beeinflusst und versuchen so, sich klar vom französischen Feind abzugrenzen. Dabei treten die obigen Begriffe in die Nachfolge von Vernunft, Humanität, Menschheit: An Stelle von aufklärerischen Werten treten - auch sprachlich - nationalistische.[2] Die Deutschen definieren sich und den Zusammenhalt des Volkes hauptsächlich über gemeinsame Feindbilder: Franzosen, preußische Polen und Dänen, Katholiken, Sozialisten und Juden. Diese werden als Reichsfeinde propagiert und als vaterlandsfeindlich/-los eingestuft. Da man sich möglichst wenigen fremden Einflüssen aussetzen will, wird im Zuge dessen ein gewisser Kulturpessimismus ausgelöst.[3]

Neben den politischen Umständen wird die Sprache von den Ansichten der Gelehrten und Denker der Zeit beeinflusst. Besonders sticht hier Hegel mit seiner antiaufklärerischen Parole des Staates als dem höchsten Prinzip der Sittlichkeit heraus.[4] Der Grundstein der antidemokratischen Radikalisierung wird jedoch in der wilhelminischen Zeit gelegt: Um 1927 startet die 'Konservative Revolution', die als Vorläufer der Sprache des Nationalsozialismus gilt. Sie hat vor allem die Abwertung liberaler Begriffe zum Inhalt.[5] Typische Formeln der Aufklärung wie Individuum oder Humanität werden als undeutsch erklärt und durch Schlagworte des Germanentums ersetzt. Somit wird die Haltung vertreten, aufklärerische Begriffe seien verantwortlich für die Zersetzung und Entartung der Volksgemeinschaft und seien schlichtweg undeutsch.[6]

Es folgt ein großflächiger Austausch von Vokabeln, um die deutsch­nationalistische Richtung auch sprachlich zum Ausdruck zu bringen. Beispiele hierfür sind: „Geist - Blut, Vernunft - Instinkt, Zivilisation - Kultur, Gesellschaft - Gemeinschaft.“[7] Eine weitere gängige Praxis beinhaltet die Umdeutung der Konnotation bestimmter Wörter. So erhält das Wort Intellektueller eine immer negativere Bedeutung, bis hin zur Diffamierung. Dieser schon bestehende Teil der deutschen Sprache erleichtert es den Nationalsozialisten, den erwünschten Sprachgebrauch zu verstärken und die nationalistische Ideologie den Massen einzuimpfen.

Neben Umdeutungen wird der schon bestehende Wortschatz der Gemeinschafts-Ideologie der Turner Bewegung und der spätwilhelminischen Zeit für den Feier- und Organisationswortschatz beansprucht. Worte wie Führer, Gefolgschaft, Stamm, Gau, Heil, Thing, Fahrt, Horde, Schar formen den Sprachgebrauch aller strukturgeprägten Organisationen. [8] Das führt dazu, dass der sehr heterogene Sprachgebrauch der Hitlerjugend eine Mischung aus „nationalistischen, militaristischen, jugendbewegten, sozialistischen [und] rassistischen“ Vokabeln ist.[9] Gerade im Gebrauch bei jungen Menschen ist die ideologische Gleichschaltung oberstes Ziel, um euphorisches Mitmachen bei Menschenverfolgung und Militarisierung zu gewährleisten.

Die antislawischen Ostsiedelpolitik-Parolen Hitlers und Himmlers haben ihre Wurzeln im „völkisch-sprachimperialistischen“.[10] Auch der Sprachgebrauch Preußens um 1880 wird als Quelle menschenverachtender Vokabeln wie Fremdvölkische, Entpolonisierung, Polenkrebs, slawische Flut, Bazillen, Parasiten, vernichten, ausrotten, ausmerzen, Lebensraum, Germanisierung des [11] Bodens" werden übernommen und zuhauf gebraucht.

2.1. Die Herkunft des antisemitischen Sprachgebrauchs

Gerade der judenfeindliche Sprachgebrauch scheint charakteristisch für die Zeit des Nationalsozialismus. Doch auch hier wird auf eine lange Tradition der Diffamierung zurückgegriffen; schon im Mittelalter sind entsprechende Äußerungen gebräuchlich. Oft müssen Juden als Sündenbock für Seuchen und sonstige Katastrophen herhalten. Die Geschichte judenfeindlichen

Sprachgebrauchs im Speziellen ist nicht Thema dieser Hausarbeit. Dennoch soll auf die Unterschiedlichkeit von Antijudaismus (religiös, ökonomisch, bis Mitte des 18. Jahrhunderts) und Antisemitismus (rassistisch) hingewiesen werden. [12]

Ebenso erwähnt werden soll die Herkunft des inflationär benutzen Rassebegriffs; er wird aus dem, seit dem Sklavenhandel für minderbewertete Völker verwendeten, polemisch gebrauchten Wort race/Rasse entwickelt. Paul de Lagarde verwendet den Begriff 1853 im Bezug auf Juden. Seither ist der radikal polemische Gebrauch Usus, wenn es um die Beschreibung von Juden als minderwertiges Volk geht. Zahlreiche rassebezogene Begriffe halten Einzug in den antisemitischen Sprachgebrauch: Rassenanlage, -bewusstsein, -ehre, - haß, -frage, - kampf, -mischung, -reinheit,[13]

Im Gegensatz zu allem Unreinen und Nicht-Deutschen steht exemplarisch in der Sprache der Nationalsozialisten der Arier. Etymologisch gesehen entstammt Arier/arisch dem indisch-iranischen Wort àrya (,edel‘, .gerecht'). Der Begriff wird von Joseph Arthur Comte de Gobineau, einem Begründer der Rassentheorien, rassistisch weiter übertragen, um .Weißen' eine besonders positive Hervorhebung zu verschaffen. Gegensätzlich dazu verwendet er rassistisch verschoben den Begriff semitisch. Trotz extremer Unwissenschaftlichkeit wird der Begriff schnell adaptiert und in judenfeindlichen

Kontexten gebraucht.[14] Im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten steigt der Begriff arisch neben seinem Gegenstück nichtarisch schnell zum alles klassifizierenden Standardbegriff auf und findet, trotz fehlendem wissenschaftlichen Boden, in der Juristen-, Beamten- und Gesetzgebersprache Einzug. So wird bald ein Ariernachweis bürokratisch erzwungen.

Generell kann gesagt werden, dass besonders der rassistisch und antisemitisch geprägte Wortschatz eine „irrationale Kombination aus vager, beliebiger Denotation (Wirklichkeitsbezug) und hochemotionaler Konnotation (Gefühlswert, Bewertung)“ ist.[15] Es wird klar auf ein „sprachlich fixiertes Vorurteilssystem“[16] abgezielt.

2.2. Unterscheidung der Sprache nach Polenz

Peter von Polenz unterscheidet verschiedene Arten der Sprache, welche mit dem Nationalsozialismus assoziiert werden. Er teilt die sprachlichen Phänomene in drei Kategorien ein: Sprache des Nationalsozialismus, welche den eigenständigen Sprachgebrauch der NSDAP seit 1920 beschreibt und Sprache im Nationalsozialismus, welche die NSDAP Sprache zusammen mit verschiedenen Traditionen politischer Sprache von 1933 bis 1945 des Deutschen Reichs beschreibt. Ebenso auch Sprache zum Nationalsozialismus hin, mit der die NS große Zustimmung im Volk findet und eine breite Unterstützerfront schafft.[17]

Wichtig ist es festzuhalten, dass es nicht die Sprache an sich, oder einzelne Schlagwörter sind, die die Massen verführen, sondern die Ideologie als solche. Die Sprache dient ihren Benutzern als Mittel zum Zweck.

3. Sprachsystem der Nationalsozialisten

Wie oben schon kurz erwähnt ist es eine irreführende Vorstellung, dass der nationalsozialistische Sprachgebrauch 1933 als etwas .Fremdes' über das Land kommt und 1945 wieder verschwindet. Dies gilt nur für die Vielzahl an institutionell gebundenen Begriffen des öffentlichen Lebens. Die schnelle Machtergreifung geht auf geschickte Propaganda zurück: der rasche Erfolg stellt sich ein, da Hitler, Goebbels und ihre Parteigenossen den verschiedenen unzufriedenen Berufsgruppen und Ständen nach dem Mund reden. Für den Großteil der Bevölkerung wird die NSDAP als wählbare Partei nicht durch ihren Radikalwortschatz attraktiv, sondern durch die geschickte Einsetzung von „bedeutungsverschobenen Traditionswörtern“[18], wie Art, Arbeit, Charakter, Ehre. Dabei sollen die Schlagworte Vertrauen wecken, werden gleichzeitig jedoch semantisch .besetzt'. Diese Wörter sind auch diejenigen, die nach Ende des Krieges zum größten Teil im Sprachgebrauch verbleiben, da sie vielerlei Funktion besitzen. Nichtdestotrotz gibt es vor allem in der Nachkriegszeit Bemühungen einiger Sprachkritiker auch solche Wörter auszumerzen, da nach der Semantikideologie die .Bedeutung' den Wörtern inhärent sei, „unabhängig von dem, was die [...] Benutzenden jeweils damit meinen“.[19] Vor allem Victor Klemperer ist hier als starker Verfechter dieser .Entnazifizierung von Sprache' zu nennen.

Viele der Schlagworte, Vorurteile und Denkbilder existieren im deutschsprachigen Raum also schon vor Hitlers Machtergreifung. Sie bieten den Nationalsozialisten einen idealen Nährboden, um sich ihrer zu bedienen und sie zu instrumentalisieren. Der große Unterschied, der jedoch gemacht werden muss, ist die erzwungene sprachliche Einseitigkeit, die von den Nationalsozialisten gebraucht wird. Herrscht vor der Machtergreifung - und sogar im Widerstand während des dritten Reichs - zwar oft ein ähnlicher Sprachgebrauch, so wird der freie Diskurs, Differenzierungen, sprachliche Zwischentöne und selbständiges Denken hier bekräftigt. Die Nationalsozialisten hingegen schwingen „stets nur ein und dieselbe sprachliche Keule“.[20]

Grundbedingung für den Sprachgebrauch des Regimes ist „die allmächtige Bedeutung der offiziellen Sprache des Regimes, die keine abweichenden Äußerungen [zulässt].“[21] Die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens ist für die Durchsetzung der Sprache wichtig. Der Übergang von offizieller Sprache zu Alltagssprache ist daher oft fließend. So wird die Alltagssprache stark von offiziellen Umständen wie der allgemeinen Wehrpflicht geprägt. Militärisches Vokabular findet so schnell Einzug in die alltäglich benutzte Sprache.

Ziel der Sprache der Nationalsozialisten ist stets die zentrale Lenkung des Volkes.[22] Dies wird mit mehreren sprachlichen Mitteln verfolgt. Bekannteste Beispiele dafür sind Wörter wie betreuen/Betreuung, einsetzen/Einsatz, erfassen/Erfassung. Die Gleichschaltung verfolgt das Ziel, dass sich Menschen nicht mehr als eigenverantwortliche Individuen erkennen, sondern als Objekte degradiert werden. Es ist schwer vorstellbar, dass die permanent gepredigten Grundsätze und Ideologien der Nationalsozialisten vollständig an der Bevölkerung vorbei gehen können. Als blutreiner Deutscher einer Herrenrasse anzugehören schafft „bei vielen eine bequeme Grundlage für die Übernahme [...] der Propaganda“[23].

Sich dem Sprachgebrauch selbst im Alltag zu entziehen ist ab 1933 schwer, ist doch der Einfluss des Regimes allumfassend. Es gibt kaum einen Lebensbereich, der nicht betroffen ist von der NS-Bürokratie, der Ideologie und dem Sprachgebrauch. Die Präsenz ist allgegenwärtig: im Erziehungswesen, der Organisation des beruflichen Lebens und der Freizeit sowie natürlich der Mitgliedschaft in militärischen Strukturen.

3.1. Methoden der Sprachlenkung

Bevor im Einzelnen auf den Sprachgebrauch im Nationalsozialismus eingegangen wird, soll darauf hingewiesen werden, dass der Fokus auf das Vokabular und weniger auf Argumentationsformen oder Prosodie gelegt wird.

Dies ist sowohl dem Umfang der Hausarbeit, als auch der Art der Umfrage geschuldet, welche explizit nach einzelnen Wörtern fragt. Besonders genau wird das Methodensystem[24] von Schlosser hier vorgestellt, da es sich als gute Grundlage für die nachfolgende Umfrageuntersuchung eignet. Die unterschiedlichen Wörter werden in neun verschiedene Kategorien aufgeteilt, die sich voneinander in ihrer Funktion oder dem semantischen Herkunftsfeld unterscheiden.

Die erste Kategorie beinhaltet Wörter, die für die Ideologie der Nazis ausschlaggebend sind und welche somit eine zentrale Rolle spielen. Sie werden inflationär verwendet, sind meist weniger extrem und können somit gut im Sprachgebrauch der Nation verankert werden. Zu den Hochwörtern zählen unter anderem: Deutschland/deutsch, Vaterland, die Partei, der Führer. Sowohl die Partei als auch der Führer treten oft an Stelle der Eigennamen NSDAP und Adolf Hitler.

Als zweite Wortgruppe beschreibt Schlosser pseudo-biologische Wörter, welche einen Großteil des rassenideologischen Sprachgebrauchs ausmachen. Schlagworte wie Blut und Rassereinheit werden aufgewertet und kombiniert mit der anthropologischen Konstante der Deutschen als Arier, Germanen oder nordische Menschen. Die Vermischung des Germanenmythos mit der Pseudo­Biologie mag zwar wissenschaftlich unhaltbar sein, verfehlt aber ihre Wirkung nicht. Generell bedienen sich die Nationalsozialisten gerne überall, wo alte Tradition und tiefe Werte verdreht und für die eigene Propaganda genutzt werden können. Christliche Traditionen bis hin zur Reliquienverehrung werden nachgeahmt und der christliche Sprachgebrauch ausgebeutet: Amen, göttliche Vorsehung, Blutfahne.

Die Militarisierung des Sprachgebrauchs ist wichtiger Faktor der Kriegspropaganda, weswegen sie als dritte Gruppe beschrieben wird. Selbst „zivile Sachverhalte, wie die Steigerung der Geburtenzahl, die Arbeitsbeschaffung [...] w[e]rden verbal militarisiert, als „Geburtenschlacht“, „Arbeitsschlacht“.“[25] Auf der anderen Seite wird während des Krieges versucht, bedrohliche Sachverhalte zu beschönigen, um die positive Kriegspropaganda nicht zu gefährden: Kriegsweihnachten, rückgeführte Volksgenossen, Frontgau. Eng mit der Verherrlichung des Krieges verbunden, ist der Heldenmythos. Die Überhöhung des Heldentums mündet in der hochgelobten Bereitschaft, für das Regime sein Leben zu lassen und es somit freiwillig zu opfern.

Dem oben angesprochenen biologischen Weltbild der Nazis entsprechen auch Neubildungen oder Umdeutungen von Wörtern, die in den meisten Fällen einengende Wirkung haben. Worte wie Gemeinschaft, Volk oder Volksgemeinschaft schließen nur noch blutreine Deutsche mit ein. Diese sprachliche Rückwärtsgewandtheit der vierten Gruppierung von Wörtern wird durch technisch angelehnte Begriffe ausgeglichen: ausschalten/Ausschaltung, Gleichschaltung, voll auslasten. Vielleicht das wichtigste Merkmal des Vokabulars des Nationalsozialismus sind die zahlreichen Wortzusammensetzungen. Sie sind durch stark persuasive und ideologischen Merkmale gekennzeichnet: Artbewusstsein, artecht, artfremd, entarten. Hier wird das positiv besetzte Lexem Art- gebraucht, um die eigene Ideologie in denjenigen Wörtern unterzubringen, die eine breite Akzeptanz im Volk haben.[26]

Generell sind Euphemismen im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten ein wichtiges Mittel, um das Volk ,bei Laune zu halten'. Dem Regime wichtige Themen werden mit positiv besetzten Wörtern kommuniziert: Machtergreifung, Führerwille, Großdeutsches Reich. Diese fünfte Kategorie ist eng verknüpft mit der sechsten Kategorie, welche die groben Verharmlosungen des Sprachgebrauchs einschließt. Euphemismen dienen nicht nurzurVerbesserung des Ansehens der NSDAP, sie beschönigen meist die negativen Auswirkungen des Kriegs. Niederlagen werden verharmlost und die Brutalität der Nationalsozialisten egalisiert. Sonderbehandlung und Selektion sind heute noch negativ besetzte Vokabeln, da sie in der Zeit des Nationalsozialismus als Euphemismen für Einzel- und Massenmord verwendet werden. Der traurige Höhepunkt dieser Sprachentwicklung ist wohl die Endlösung als Vernichtung aller Juden in Europa.

Im klaren Gegensatz zu dem durchgängig positiv und euphemistisch gewerteten Vokabular, welches die Ideologie der Nationalsozialisten wiederspiegelt, steht die Tabuisierung von nicht genehmen Begriffen. Worte wie Demokratie werden stets in einem negativen Kontext mit ebensolcher Konnotation verwendet. Meist stehen die Ideen hinter den Begriffen in klarem Gegensatz zu den von den Nationalsozialisten angestrebten Zielen. Andere Systeme werden diffamiert und neue, negative Bezeichnungen eingeführt. Aus der Weimarer Republik wird die Novemberrepublik oder das Weimarer System, der Versailler Friede wird zum Versailler Diktat und die westlichen Demokratien, wie die USA, zu Plutokratien. Zu den negativ konnotierten Begrifflichkeiten kommt die Tabuisierung ganzer Themenbereiche; für das Regime ungünstige oder unerwünschte Nachrichten werden unterdrückt oder stark relativiert.

Die achte Kategorie betrifft einen besonderen Tiefpunkt der Begrifflichkeiten: der sprachliche Umgang mit allem Jüdischen. Der Rassefeind wird auf das Gröbste hin diffamiert und entmenschlicht. Alles mit dem Attribut jüdisch versehene gilt automatisch als stigmatisiert. Begriffe wie der Jude, die Juden, Judentum sind nicht mehr nur die Bezeichnung einer religiösen Zugehörigkeit, sondern können synonym mit Begriffen wie Parasiten, Untermenschen, Gegenrasse verwendet werden. Die sprachliche Entwürdigung von Menschen gipfelt im Ausdruck Amt für Schädlingsbekämpfung. Neben den Juden geraten jedoch auch die gehassten Marxisten und Bolschewisten in das sprachliche Kreuzfeuer der Nationalsozialisten; in ihnen werden die asiatischen Horden gesehen.

Eine Umwertung erfahren Begriffe wie fanatisch, Fanatismus, rücksichtslos. Diese, schon vor der Zeit der Nationalsozialisten gebräuchlichen, Begriffe erhalten eine positive Aufwertung. Statt einer irrationalen Begeisterung ist der Fanatismus nun allergrößte Tugend und muss blind verfolgt werden.

Wichtig für die Sprache der Nationalsozialisten ist die ständige Indoktrination durch Wiederholung von Wörtern, Themen und Ideologien. Dieses ,Stilmittel‘ erweist sich als äußerst wirksam und schafft es, große Teile der deutschen Bevölkerung mit ihrem ,Gift‘ zu betäuben und das selbständige Denken einzuschränken.[27] Die ständige Wiederholung ist jedoch auch ein Grund, wieso die Sprache regelrecht verarmt. Die wenigen, aber schlagkräftigen Begriffe werden wieder und wieder hervorgeholt, ohne Raum für Sprachentwicklung zu lassen. Die Fixierung der Sprache durch Ausmerzung von Unerwünschtem, feststehenden organisatorischen Begriffen und Glorifizierung einzelner Schlagworte schränkt die Sprache ungemein ein und macht sie ,arm‘. Laut Schlosser lässt sich diese Spracharmut in den Jahren zwischen 1933 und 1945 auf vielen Feldern der Kommunikation empirisch belegen.[28] Durch den sprachlichen Eingriff in alle Bereiche sowohl des öffentlichen, als auch des privaten Lebens, gelingt es den Nationalsozialisten zahlreiche andere „Denkbilder und emotionale Orientierungen“[29] zu verdrängen. Bemerkenswert ist, dass die allgegenwärtige öffentliche Sprache unbewusst auf alles private Sprechen abfärbt. Sogar die Sprache der Opfer adaptiert laut Klemperer die Armut der „Lingua Tertii Imperii“[30].

Insgesamt soll gesagt werden, dass bei jeder Untersuchung zur Sprache des/über/im Nationalsozialismus der besondere Kontext des Gebrauchs keineswegs übergangen werden darf. Viele Wörter sind einem ganz bestimmten Gebrauch zugeordnet und werden ohne den Sinnzusammenhang bedeutungslos.[31] Interessant wird es zu sehen, ob diese, von Schlosser formulierte Voraussetzung sich in der Umfrage bestätigt und Teilnehmer bestimmte Wörter nicht mehr richtig einordnen können.

Die enorme Wirkung der besonderen Sprache des dritten Reichs ist auch nur durch ihre Kombination äußerer Zeichen, Symbole und Rituale zu verstehen. Die Selbstinszenierung der Nationalsozialisten kennt keine Schamgrenze der Übertreibung. Aufmärsche, untermalt mit fröhlicher Marschmusik, Fahnenschmuck, Bibel-Anleihen und Führerkult tragen zu der Effektivität der neuen politischen Sprache bei.

4. Die Umfrage zum aktuellen Gebrauch einschlägigen NS-Vokabulars

Die Umfrage zum aktuellen Umgang mit Schlagwörtern des Nationalsozialismus wurde mit dem Ziel erstellt festzustellen, in wie weit das Vokabular in den Köpfen der Teilnehmer noch vorhanden ist und mit dem Nationalsozialismus assoziiert wird. Desweiteren soll festgestellt werden, welches Vokabular immer noch im festen, persönlichen, gesprochenen Sprachgebrauch verwendet wird. Dabei wird besonders auf die spontane, alltägliche Sprache gezielt; Spezialgebiete wie das Reden über die Zeit des Nationalsozialismus sind nicht Gegenstand der Untersuchung. Hierbei werden die Ergebnisse anhand mehrerer außersprachlichen Variablen ausgewertet, um zu untersuchen, welchen Einfluss sie auf das Sprechverhalten der Teilnehmer haben.

4.1. Hypothesen

Um die Umfrage anhand von Fragestellungen auszuwerten und zielgerichtete Fragen zu entwickeln, wurden im Vorhinein fünf Hypothesen gestellt. Anhand dieser werden die Ergebnisse der Umfrage ausgewertet und die Hypothesen auf ihre Richtigkeit überprüft.

1. Der Großteil der Teilnehmer der Umfrage ist sich einer besonderen Sprache des Nationalsozialismus bewusst und ist in der Lage, Schlagworte zu identifizieren.
2. Älteren Teilnehmern sind gewisse Schlagworte, Konnotationen und Formulierungen geläufiger als jüngeren Teilnehmern.
3. Ältere Teilnehmer benutzen einschlägiges Vokabular des Nationalsozialismus eher, als jüngere Teilnehmer.
4. Die Bewertung der Konnotation einzelner Schlagworte des Nationalsozialismus korreliert mit der Einordung der Teilnehmer, in wie weit die Wörter im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus stehen.
5. Es gibt besonders bekannte Wörter, die dem Großteil der Teilnehmer als Vokabeln des Nationalsozialismus bekannt sind.

4.2. Aufbau der Umfrage

Die Ergebnisse der Umfrage werden anhand mehrerer außersprachlichen Variablen ausgewertet, um zu untersuchen, welchen Einfluss sie auf das Sprechverhalten der Teilnehmer haben. Die Testpersonen geben ihr ungefähres Alter, ihr Geschlecht sowie Bildungsstatus und ungefähre politische Gesinnung an. Letzteres wird über die Frage „Wenn morgen Bundestagswahl wäre, welche Partei würden Sie wahrscheinlich wählen?“ abgefragt. Die außersprachlichen Angaben sollen dazu dienen, die Teilnehmer in unterschiedliche soziale Gruppen aufzuteilen um gegebenenfalls Unterschiede feststellen zu können und die gestellten Hypothesen zu überprüfen.

Außerdem ist hier vor allem interessant, den Sprachgebrauch der unterschiedlichen Altersgruppen gegeneinander abzugleichen. Hierfür wurde verschiedenes einschlägiges Vokabular abgefragt; um alle Sprachbereiche abzudecken wurden Wörter ausgewählt, die den neun Kategorien Schlossers entsprechen. In der Umfrage selbst sind sie jedoch nicht als Kategorien gekennzeichnet, sodass es dem durchschnittlichen Teilnehmer nicht auffallen kann und somit die Spontanität der Antworten gefährdet wäre.

Es gilt der Frage nachzugehen, ob Teilnehmer, die ihre Schulzeit während des Nationalsozialismus verbracht haben, sensibler für das einschlägige Vokabular sind, es eher aus Gewohnheit verwenden, oder die Verwendung eher unterlassen, als die jüngeren Testpersonen. Ebenso interessant ist der generelle Vergleich des Sprachgebrauchs der verschiedenen Genrerationen:

Kriegsgeneration (1930-45), Babyboomer (1946-64), Generation X (1960-70), Y (1980-2000) und Z (ab 2000).[32]

Zusätzlich dazu ist zu untersuchen, ob der Bildungsgrad einen Einfluss darauf hat, in wie weit Teilnehmer bestimmte Wörter dem Nationalsozialismus zuordnen, bestimmte Wörter bekannt sind, oder wie Wörter heutzutage verwendet werden. Zu erwarten ist, dass Teilnehmer mit ausländischer Staatsangehörigkeit und anderer Muttersprache weniger Bewusstsein für eine besondere Sprache des Nationalsozialismus haben und wenigerWorte damit in Verbindung bringen.

Die Umfrage ist im Internet auszufüllen und nimmt ungefähr zehn Minuten Bearbeitungszeit in Anspruch. Eine relativ kurze Umfrage wurde gewählt, um möglichst spontane und impulsive Antworten zu generieren. Es soll vermieden werden, dass sich die Teilnehmer zu intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und die Antworten nicht mehr dem eigentlichen, alltäglichen und impulsiven Sprachgebrauch entsprechen. Gleichzeitig wird jedoch großen Wert darauf gelegt, die Fragen sehr prägnant und für jedermann verständlich zu formulieren. Ambivalente oder zu komplizierte Fragen würden die Ergebnisse verfälschen, da bei den Teilnehmern Unsicherheit über den Inhalt der Frage auftreten könnte. Die Laufzeit der Umfrage betrug vier Wochen; während dieser Zeit nahmen 72 Teilnehmer an der Umfrage teil, was für aussagekräftige Ergebnisse spricht.

4.3. Auswertung der Umfrage

Die Auswertung der Umfrage soll zunächst allgemein erfolgen, die Ergebnisse werden zusammenfassend vorgestellt. Danach werden die, vor der Umfrage erstellten, Hypothesen anhand der Detailergebnisse überprüft und bewertet.

An der Umfrage nahmen insgesamt 72 Personen teil, davon sind 40,3 % weiblich (29 Personen) und 59,7 % männlich (43 Personen). Der Link zur Umfrage wurde auf sozialen Netzwerken geteilt und an den E-Mail Verteiler eines gemischten Chores und einer Kirchengemeinde geschickt. Dies sollte eine breite Streuung sowie ein breites Spektrum an Personen und Altersklassen gewährleisten. Gleichzeitig konnten keineswegs alle Gesellschaftsschichten angesprochen werden. Die befragten Personen entstammen alle der sozialen wie politischen Mittelschicht; extreme Randgruppenansichten werden nicht berücksichtigt.

Unter den Teilnehmern sind mehrere Nationalitäten vertreten (nach Häufigkeit aufgezählt): Deutsch 67, USA 1, Britisch 1, Finnisch 1, Türkisch 1. Eine Person machte keine Angabe. Entsprechend dem Ergebnis der Frage nach der Nationalität ist Deutsch für 93,1 % der Teilnehmer die Muttersprache.

Um die Umfrage für die Teilnehmer anonym zu gestalten wurden keine genauen Geburtsdaten abgefragt, sondern das Geburtsjahrzehnt. So können die Teilnehmer bestimmten Altersklassen zugeteilt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Jahrgangsgruppen

In der Abbildung ist zu erkennen, dass der Großteil der Teilnehmer den jüngeren Generationen ab I960 angehört. Die Bewertung der zweiten und dritten Hypothese[33] wird somit schwer und aufgrund der wenigen Testpersonen der entsprechenden Generationen (1930-1960) wenig aussagekräftig. Nichtdestotrotz sollen die individuellen Ergebnisse später kurz vorgestellt werden. Der Grund für die geringe Teilnehmerzahl der Kriegs- und Nachkriegsgeneration ist wohl das gewählte Medium Internet. Trotz der breiten Streuung in unterschiedlichen Generationskreisen fühlten sich ältere Personen wohl weniger angesprochen an der der Umfrage teilzunehmen. Hinzu kommt, dass gerade Rentner über 60 das Internet weniger oder gar nicht nutzen. Insofern kann geschlussfolgert werden, dass die Ergebnisse der Umfrage ein Teilbild der Meinungen der Bevölkerung abgibt, die jüngeren Generationen jedoch wesentlich mehr Beachtung finden.

Interessant ist die Tatsache, dass trotz der vielen jungen Teilnehmer der Umfrage die große Mehrheit politisch eher konservativ wählen würde (CDU 42,3%), erwartet man doch von jungen Erwachsenen meist eine liberalere Einstellung. Der Großteil der Teilnehmer hat eine langjährige Schul- oder Hochschulbildung genossen, 81,9% haben entweder Abitur oder ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Dementsprechend befinden sich die meisten Teilnehmer auch noch in Ausbildung als Student oder haben eine Festanstellung inne. Eine Erklärung hierfür ist mein eigenes soziales Umfeld. Durch die Verbreitung über soziale Netzwerke sind besonders diejenigen Personen auf die Umfrage aufmerksam gemacht worden, die sich in einem ähnlichen sozialen Umfeld bewegen, wie ich auch. Daher ist Vorsicht geboten in Hinsicht auf einige Ergebnisse der Umfrage. Zwar wurden viele Menschen erreicht, jedoch ergibt sich daraus kein exakter Querschnitt aller Bevölkerungsschichten.

Auf die persönlichen folgen nun die themenbezogenen Fragen. Um die erste Hypothese[34] zu überprüfen wird zunächst gefragt, ob die Teilnehmer der

Meinung sind, dass es eine besondere Sprache des Nationalsozialismus gibt.[35] Hier ist sich der Großteil der Teilnehmer (79,2%) sicher, dass es eine besondere, klar identifizierbare Sprache des Nationalsozialismus gibt, nur 4,2 % geben an, dass sie nicht dieser Meinung sind; 16,7 % sind sich unsicher. Noch deutlicher fällt das Ergebnis der Frage „Gibt es Worte, die Ihrer Meinung nach negativ behaftet sind und wegen ihrer Verwendung im Nationalsozialismus heutzutage kaum oder keine Verwendung mehr im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch finden?“ aus. 88,9 % der Teilnehmer antworten hier mit ja, nur ein Teilnehmer ist nicht dieser Meinung. Auch hier herrscht bei einigen Teilnehmern (9,7%) Unsicherheit. Diejenigen Teilnehmer, die die vorangegangene Frage mit ,ja‘ beantwortet haben wurden gebeten Wörter anzugeben, die sie mit dem Nationalsozialismus assoziieren. Die nachfolgende Grafik stellt die Angaben dar und zeigt, dass vor allem die Vokabeln Führer, Rasse und Arier mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden. Die fünfte Hypothese[36] konnte daher als wahr bewiesen werden. Es existieren tatsächlich einige besonders bekannte Schlagworte des Nationalsozialismus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Interessant ist, dass auch Wörter, die heute verwendet werden, um die Zeit des Dritten Reichs zu beschreiben, bei der Aufzählung genannt werden, auch wenn diese im Nationalsozialismus selbst keine Verwendung finden. Beispiele hierfür sind rechts, Holocaust, vergasen, Gaskammer. Auch falsche Assoziationen, die per se nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun haben, werden hergestellt: Neger, Deutschlandflagge.

Es ist festzuhalten, dass Teilnehmer, die ihre Kindheit und Jugend während dem Nationalsozialismus verlebt haben vor allem Wörter des Organisationsapparates angeben. Dies zeigt auf, wie weit der sprachliche Determinismus in das alltägliche Leben eingreift. Beispiele hierfür sind: Gauleiter, Winterhilfswerk, Mutterkreuz, Sturmbandführer, Volkssturm. Hier wird die dritte Hypothese[37] teilweise unter Beweis gestellt, jedoch muss differenziert werden. Der Begriff .bestimmtes Vokabular' ist sehr weit gefasst. Tatsächlich sind den älteren Teilnehmern einige Wörter geläufiger, jedoch handelt es sich fast ausschließlich um Schlagworte des Organisationsapparates. Die Hypothese kann dennoch als wahr bezeichnet werden, da gerade dieser eher spezifische Teil des Sprachgebrauchs derjenige ist, der dem Großteil der jüngeren Teilnehmer nicht bekannt ist.

Der Schwerpunkt der Umfrage liegt auf der Bewertung unterschiedlicher Vokabeln. Hierbei werden immer wieder die gleichen Vokabeln[38] abgefragt, jedoch mit jeweils einer anderen Fragestellung: „In wie weit kennen Sie die folgenden Wörter/Formulierungen?“, „Wie bewerten Sie die Konnotation/Bedeutung der Wörter?“ und „In wie weit würden Sie heutzutage folgende Wörter/Formulierungen in einem alltäglichen Kontext verwenden?“. Wie oben bereits erwähnt entsprechen die gewählten Wörter den von Schlosser aufgestellten Sinn-Kategorien. So kann nachgeprüft werden, ob Vokabeln bestimmter Kategorien bekannter sind als die anderer Kategorien.

Zur Beantwortung der ersten Frage ist es wichtig zu differenzieren, ob die Teilnehmer nur das Lexem an sich kennen, oder auch dessen Bedeutung.[39] Daher haben sie die Möglichkeit zwischen drei Optionen zu wählen: „Ich weiß um die Existenz des Wortes kenne aber die Bedeutung nicht“, „Ich kenne das Wort und seine Bedeutung“ und „Ich kenne das Wort nicht“. Interessant zu sehen ist, dass die Vokabeln, die in Abbildung 2 zusammengefasst sind auch diejenigen sind, die den höchsten Bekanntheitsgrad innehaben. So geben alle Teilnehmer an die Wörter Führer, Vaterland, Propaganda, Arier, Rasse zu kennen und in ihrer Bedeutung zu verstehen.

Je ideologisch-spezifischer die Vokabeln werden, desto weniger bekannt sind Wörter und Bedeutung. Beispiele hierfür entstammen dem Organisations- und pseudobiologischen Wortschatz: Frontgau, Gegenrasse, Blutfahne,

Geburtenschlacht, Kriegsweihnachten. Dieses Ergebnis korreliert mit der Annahme, dass vor allem Neologismen des Nationalsozialismus direkt mit Ende des Dritten Reich ausgestorben sind. Durch das Wegfallen des Organisationsapparates werden auch die dazugehörigen Vokabeln obsolet. Interessant ist, dass die ideologiespezifischen Vokabeln, trotz ihres Wegfallens im heutigen deutschen Sprachgebrauch eine größere Bekanntheit innehaben. Dies kann dadurch erklärt werden, dass durch die gründliche Aufarbeitung des Geschehenen in Deutschland, nachfolgenden Generationen viel über die gefährliche Ideologie beigebracht wird, um eine Wiederholung der Geschichte zu vermeiden. Hierbei spielen Wörter der Ideologie eine größere Rolle, als die des Organisationsapparates.

Die ideologisch-spezifischen Vokabeln können in zwei Kategorien aufteilt werden: Wörter, die es vor dem Nationalsozialismus gab und deren Bedeutung umgewandelt wurde {Betreuung, Selektion, Schädlingsbekämpfung, Fanatismus) und Wörter mit pseudo-biologischem Hintergrund, die von den Nationalsozialisten neu gebildet wurden {Blutfahne, Geburtenschlacht, blutrein). Erstere sind den Teilnehmern in Wort und Bedeutung bekannt. Es bleibt jedoch zu hinterfragen, ob die heutige, oder die damalige Bedeutung bekannt ist. Hier könnte man bei weiterer Nachforschung ansetzen, um diese Lücke zu schließen.

[...]


[1] Klemperer, Victor: „LTI“. Die unbewältigte Sprache. München. 1969. S. 18.

[2] Vgl. von Polenz, Peter: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band III. Berlin. 1999. S. 538.

[3] Ebd. S. 539.

[4] Vgl. Schlemm, Anette: Hegels Konzept der Sittlichkeit. http://www.thur.de/philo/hegel/hegel37.htm. 2011.

[5] Vgl. Polenz: S. 539.

[6] Vgl. Ebd. S. 593.

[7] Ebd. S. 539.

[8] Vgl. ebd. S. 467.

[9] Ebd. S. 467.

[10] Ebd. S. 539.

[11] Polenz: S. 539.

[12] Vgl. Polenz: S. 542.

[13] Vgl. ebd. S. 542.

[14] Vgl. ebd. S. 543.

[15] Polenz: S. 544.

[16] Ebd. S. 544.

[17] Vgl. ebd. S. 547.

[18] Ebd. s. 550.

[19] Polenz: S. 550.

[20] Schlosser, Horst Dieter: Sprache unterm Hakenkreuz. Eine andere Geschichte des Nationalsozialismus. Wien. 2013. S. 398.

[21] Ebd. S. 391.

[22] Vgl. ebd. S. 391.

[23] Schlosser: S. 391.

[24] Vgl. ebd. S. 392-395.

[25] Schlosser: S. 393.

[26] Polenz: S. 550.

[27] Schlosser: S. 396.

[28] Ebd. S. 397.

[29] Ebd. S. 397.

[30] Klemperer: S. 27.

[31] Vgl. Schlosser: S. 399.

[32] Diese zeitlichen Eingrenzungen sind keinesfalls normativ zu verstehen, sondern als eine ungefähre Eingrenzung der Generationen.

[33] Hypothese2: Älteren Teilnehmern sind gewisse Schlagworte, Konnotationen und Formulierungen geläufiger als jüngeren Teilnehmern. Hypothese 3: Ältere Teilnehmer benutzen einschlägiges Vokabular des Nationalsozialismus eher, als jüngere Teilnehmer.

[34] Hypothese 1: Der Großteil der Teilnehmer der Umfrage ist sich einer besonderen Sprache des Nationalsozialismus bewusst und ist in der Lage, Schlagworte zu identifizieren.

[35] Aufgrund der Komplexität des Themas wird in den Fragestellungen auf eine Unterscheidung der Sprache nach Polenz (im/des/zum Nationalsozialismus hin) verzichtet, sondern generell der Begriff .Sprache des Nationalsozialismus1 verwendet.

[36] Hypothese 5: Es gibt besonders bekannte Wörter, die dem Großteil derTeilnehmer als Vokabeln des Nationalsozialismus bekannt sind.

[37] Hypothese 3: Älteren Teilnehmern sind bestimmte Schlagworte, Konnotationen und Formulierungen geläufiger, als jüngeren Teilnehmern.

[38] Liste der abgefragten Vokabeln findet sich im Anhang.

[39] Siehe Abbildung 3: Zusammenfassung Bekanntheitsgrad Begriffe

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Sprache des Nationalsozialismus. Wie bekannt und verbreitet sind Vokabeln des Nationalsozialismus im heutigen Sprachgebrauch?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Sprache im Nationalsozialismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
34
Katalognummer
V324083
ISBN (eBook)
9783668233522
ISBN (Buch)
9783668233539
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zitat des Dozenten: "Auf eine sehr gute Einführung in den Forschungsstand folgt die Auswertung einer selbstständigen Umfrage, deren Kriterien gut durchdacht und erläutert sind. Die Ergebnisse sind weiterführend, man würde sie gern durch eine größere und noch repräsentativere Umfrage erweitert sehen."
Schlagworte
Nationalsozialismus, Sprache, Vokabular, Linguistik, Umfrage, Sprachgebrauch
Arbeit zitieren
Janina Franke (Autor), 2015, Sprache des Nationalsozialismus. Wie bekannt und verbreitet sind Vokabeln des Nationalsozialismus im heutigen Sprachgebrauch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324083

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