Übersteigen die Kompetenzen der Raumzeit-Philosophie die der Physik?


Bachelorarbeit, 2016

31 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Aufgabenstellung
Relevanz des Themas
Zielsetzung dieser Arbeit
Aufbau der Thesis

Historischer Kontext der Raum-Debatte
Wie die Physik den Raum konstruiert (Newton)
Der Raum als Gedankenkonstrukt (Leibniz)

Die Philosophie der Physik

Schlussbetrachtung
Zusammenfassung
Fazit und Ausblick

Quellen
Internetquellen

Einleitung und Aufgabenstellung

Die Kenntnisse der Physik, über die ein normaler Mensch verfügen sollte, scheinen auf den ersten Blick marginal. Einen Basketball in den Korb zu werfen, bedarf keiner genauen Berechnung der Flugbahn unter Berücksichtigung des Luftdrucks, der Windgeschwindigkeit und des Rotationsimpulses beim Abwurf. Ebenso verhält es sich beim Kauf und Aufbau eines neuen Wohnzimmerregals. Das Ausmessen, ob das neue Stück auch in die angedachte Ecke passt, beschränkt sich auf banale Rechenoperatoren. In beiden Beispielen würde ein Physiker wohl keine besseren Ergebnisse hervorbringen, als ein Philosoph. Und doch gibt es seit dem 19. Jahrhundert eine Debatte, in der Vertreter dieser beiden Wissenschaften miteinander konkurrieren. Es handelt sich hierbei um die kontroversen Betrachtungsmöglichkeiten bezüglich des Raumes. Wie sich bereits erahnen lässt, verschiebt sich der angestrebte Fokus der Betrachtung vom direkt wahrnehmbaren Umfeld des Menschen in die unendlichen Weiten des Weltalls. Dieser Perspektivenwechsel macht es für die Physik zunehmend schwerer ihre Theorien nachweisen zu können. Mehr und mehr Erkenntnisse über den Raum selbst, über Bewegungen im Raum und die möglichen Grenzen des Raums sind eingebettet in Theoriesystemen, welche wiederrum nur durch Hypothesen gestützt sind. Die Aussagen, die sich aus den neuesten Befunden ergeben haben, sind zumeist nur Interpretationen von Formeln und alles andere als Letztbegründet. Das klassische Experiment, wie einst zu Zeiten Galileo Galileis, welcher über die Falldauer eines Objekts auf die Schwerkraft rückschloss, hat mit den heutigen Versuchen nichts mehr gemein. Heutzutage hat die Forschung extreme Züge angenommen. Der Large Hadron Collider ist ein Teilchenbeschleuniger in der Schweiz und wird von der European Organization for Nuclear Research betrieben. Zwar wird diesem Beschleuniger kein so großer Bedeutungswert wie zum Beispiel der kopernikanischen Wende zugeschrieben, da die Entdeckungen sich kaum auf die Alltagswelt auswirken wird. Und dennoch ist unter anderem die Frage nach dem Urknall so entscheidend, dass sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen dieser Forschung verschrieben haben. Auch Philosophen sind dort am Werk.

Wenn die moderne Forschung sich nicht mehr auf phänomenal wahrnehmbare Experimente stützen kann, sondern zumeist nur ein Deuten von Daten und Messwerten darstellt, ist ein Physiker hierzu nicht fehl am Platze oder zumindest überqualifiziert oder unterfordert? Wer wäre hierfür besser geeignet? Dem entsprechend äußert sich Samuel Clarke, welcher später eine zentrale Rolle spielen wird in einem Schreiben an die Prinzessin von Wales: „Auch ist es von einzigartigem Nutzen, die Folgerungen aus der experimentellen und mathematischen Philosophie richtig zu verstehen und von den Hypothesen und bloßen Anmerkungen sorgfältig zu unterscheiden.“[1]

Die Aufgabe dieser Thesis wird es sein diese Frage zu beantworten. Im Zuge des Wandels vom anschaulichen Versuch zu immer komplexeren und undurchsichtigeren Apparaturen blieb die Gruppe der Forscher dieselbe. Hat sich mit diesem Wandel nicht auch das Aufgabengebiet eines Physikers verändert und fallen nicht Teile seiner bisherigen Tätigkeitsarbeit in einen Bereich, den andere besser ausüben können?

Relevanz des Themas

Die Suche nach einer Antwort auf die Frage nach der Beschaffenheit des Raums ist widererwartend keine neue. Schon in der Antike wurde hierüber nachgedacht und diskutiert. So stellt Aristoteles in seiner Physik Überlegungen zum Konzept des Ortes, der Bewegung und der Unendlichkeit an.

Obwohl diese Frage also schon so lange auf der Agenda der Philosophen steht, haben wir keine zufriedenstellenden Antworten von den Weisen bekommen. Mit erstarken der Naturwissenschaften seit der Aufklärung fingen nun Physiker an Antworten zu geben. Obwohl immer wieder Theorien aufgestellt, modifiziert und zum Teil ganz verworfen werden mussten, festigte sich die scheinbare Expertise in genannter Wissenschaft, und scheinbar Keiner stellte dies Infrage. Die Philosophie schien sich nur noch am Rande mit der Raumdebatte zu beschäftigen. Descartes hat zwar in seinen Principia philosophiae 1644 über die Eigenschaften der räumlichen Ausdehnung nachgedacht, übernimmt dabei aber wesentliche Aspekte der aristotelischen, relationalen Auffassung.

Erst mit Gottfried Wilhelm Leibniz tritt eine Person in Erscheinung, die nachhaltig den Anspruch der Philosophie im Bereich der Raum-Zeit-Debatte festigt. In dem berühmt gewordenen Briefwechsel mit Clarke im frühen 18. Jahrhundert setzt Leibniz sich mit der newtonschen, substanzialistischen Position argumentativ auseinander und legt dabei den Grundstein für unter anderem Deutungen der Relativitätstheorie Einsteins, welche bis heute unser Verständnis von Raum und Zeit prägen. Um aktuelle Diskussionen bezüglich der Quantentheorie, der Quantengravitation oder des Super-Substanzialismus verstehen und verfolgen zu können, muss man die Anfänge der Ontologie des Raumes verstehen.

Zielsetzung dieser Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es die Ontologie des Raumes zu skizzieren, dabei insbesondere den Leibniz-Clark Briefwechsel zu analysieren, die Argumente der Kontrahenten auch aus heutiger Sicht zu überprüfen und schlussendlich aufzeigen, dass die Philosophie die Kompetenz besitzt um auf aktuellste Fragen den Raum betreffend Deutungen geben zu können. Das Deuten von Deutungen als reflexive Grundtätigkeit hat die Philosophie seit Jahrhunderten geprägt. Dieses Wissen wird sich bereits heute zu Recht und vermehrt, auch am CERN, zunutze gemacht.

Aufbau der Thesis

Nachdem nun bereits Aufgabenstellung, Relevanz und die Zielsetzung geklärt sind, geht es weiter mit einem kurzen Abriss über die Genese der philosophischen Raum-Debatte. Seit der Antike gibt es zahlreiche theoretische Auslegungen vom Raumbegriff. Ein erstes Gegeneinander der Ansichten, wie ich später bei Newton und Leibniz aufzeigen will, finden wir bei Aristoteles und Platon, welche als die ersten Vertreter der relationalen und substanzialistischen Auffassung über den Raum gelten mögen. Nachdem diese beiden Grundpositionen und ihre Umrisse skizziert sind, widme ich meine Aufmerksamkeit Descartes. Dieser lässt sich nicht fest zu einer der beiden Seiten zuordnen und nimmt interessanterweise Newtons Trägheitsgesetzt in Teilen vorweg. Hier knüpft die detaillierte Betrachtung der newtonschen Position an, gefolgt von der Leibniz’schen. Grundlage der zuletzt genannten Autoren wird der Leibniz-Clark-Briefwechsel sein, wobei deren Argumente auch aus heutiger Sicht betrachtet und kritisiert werden. Dies wird den Hauptteil dieser Arbeit ausmachen.

Im Anschluss begleitet wir unter anderem Ernst Mach dabei, wie er auf den gewonnenen Erkenntnissen seiner Vorgänger aufbaut. Zuletzt folgen eine sehr kurze Zusammenfassung und ein prägnantes Fazit bezugnehmend auf die Fragestellung im Titel dieser Arbeit.

Historischer Kontext der Raum-Debatte

Um eine systematische Ordnung der Textbearbeitung und Begriffsentwicklung zu ermöglichen, werde ich die folgenden Autoren in chronologischer Reihenfolge untersuchen. Bereits in diesem Kapitel soll auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufmerksam gemacht werden um damit mögliche Rückschlüsse auf eine Kontinuität im Prozess der Forschung nutzen zu können.

Eine erste systematische Abhandlung über die Begrifflichkeit und das Wesen des Raumes finden wir zuerst bei Platon, wobei ich mich auf den Dialog Timaios beschränke. In diesem stellt Sokrates den Astronomen Timaios vor die Aufgabe, die Entwicklung der Welt im Geiste zu rekonstruieren. Dieser behauptet, dass die damals gängigen Gattungen Sein und Werden nicht ausreichend sind. Es bedarf einer dritten Gattung, welche alles in sich aufzunehmen vermag, ohne dabei selbst Gestalt zu haben.[2] Dieses Dritte ist nicht zu verwechseln mit den Grundelementen, wie Feuer oder Wasser. Es ist frei von Äußerlichkeit und daher schwer zu fassen. Platon nennt es Raum und vergleicht diesen mit dem Mutterschoß[3]. Der Raum war bereits vor der Welt, also auch vor dem Werden und dem Sein.[4] Der Vergleich zum Mutterschoß greift jedoch nur soweit, indem er den Dingen vorauszugehen vermag. Die werdenden Dinge entstehen nicht aus ihm, sondern in ihm.[5] Der Raum bietet den Dingen der Welt den Boden zum Werden, ohne dabei selbst Teil der Erscheinungswelt zu sein.

Aristoteles liefert eine etwas andere Begriffsdefinition, welche unter anderem mehr den Ort und die Bewegung betrachtet. Diese finden sich hauptsächlich in dem vierten Buch der Physik. Habe der Ort / Raum, so problematisiert Aristoteles zu Beginn des Buches, Eigenschaften von Körpern, ist also ausgedehnt und dreidimensional, so wäre er körperlich. Ein Ortstausch wie er angestrebt wird, ist so nicht möglich.[6] Die andere Möglichkeit, dass ein Ort unkörperlich wäre, zöge ein Absprechen von Dreidimensionalität nach sich. Wäre der Ort etwas Seiendes, müsse er auch irgendwo sein. Und wenn alles Seiende an einem Ort ist, so müsste es auch einen Ort des Ortes und so fortgeben, schlussfolgert Aristoteles.[7] Dies führe jedoch in einen unendlichen Regress. Durch die Analyse der Bestimmtheit wie etwas in etwas sein kann gelangt er zur Lösung des Problems. Indem definiert wird, dass ein Akzidens in einer Substanz und Form in Materie sein kann, lässt sich auch ein Ort einem „In-Sein“ zuschreiben.[8] Letztendlich umfasst ein Ort ganz genau passend je einen Körper, ist aber selbst kein Teil von ihm. Es läuft darauf hinaus, dass einem Körper ein natürlicher Ruheort zugeschrieben wird.[9] Der natürliche Ort des Steins ist unten, die der Wolken oben. Aristoteles beschränkt sich bei dieser Zuschreibung auf Naturkörper und fährt fort mit der Betrachtung von Bewegungen. Da Körper ihre Orte wechseln können stellt sich die Frage was genau den Ort ausmache. Nachdem der Philosoph einige Möglichkeiten verworfen hat, behauptet er, dass die Ränder selbst den Ort ausmachen.[10] Diese Ausführung begründet ihre Legitimität jedoch nur in dem Ausschlussverfahren und der Verweigerung des Gedankens von der Existenz der Leere. Damit erweist sich die aristotelische Position als Gegenkonzept zu dem der Atomisten. Diese argumentierten für die Existenz der Leere mittels der Verdichtung und Verdünnung eines Körpers. Wasser könne nur verdunsten, wenn es einen Auffangplatz für dieses gäbe. Dieser Platz sei das Leere. Ohne diese könne das Wasser nirgendwo hin. Deshalb bedingt die Möglichkeit der Ortbewegung von Körpern die Leere.[11]

Um seine eigene Position zu stärken folgen im 4. Buch der Physik explizit Argumente gegen diese atomistische Deutung. Als Erstes wird angeführt, dass die Leere selbst keine Qualität besitzt. Ohne eine solche könne sie auch keinen Einfluss auf die Ortsbewegung ausüben. Als Zweites wird über die Dichteeigenschaften von Medien, in denen sich ein Körper bewegt, argumentiert. Ein und derselbe Körper bewegt in sich im Medium Luft schneller, als im Medium Wasser. Würde die Ortsbewegung nur vollzogen, indem sich der Körper durch die Leere bewege, so müsse seine Geschwindigkeit überall dieselbe sein. Als Drittes und letztes Argument bezüglich der Atomisten analysiert Aristotles deren selbst angebrachtes Beispiel des verdunstenden Wassers. Auch dieses Beispiel bedient sich eines Naturkörpers. Doch gerade bei dem Beispiel des Verdunstens sei die Annahme der Leere überflüssig, da sich hierbei der Köper, also das Wasser selbst wandle. Wasser hat selbst die Eigenschaften zur Verdichtung oder Verdünnung.[12] Die Annahme von der Existenz des Leeren ist für Aristoteles somit nicht tragbar.

Nun folgt eine Auseinandersetzung mit dem Raumbegriff aus der frühen Neuzeit von dem Philosophen René Descartes, welcher diesen in seiner Schrift „ Über die Prinzipien der materiellen Dinge “ festgehalten hat. Ähnlich wie bereits bei Aristoteles beginnt Descartes mit der Betrachtung von grundlegenden Eigenschaften von Materie und Körpern. Diese beiden Begriffe verwendet er synonym. Eigenschaften wie Gewicht, Dichte, Aggregatzustand oder Farbigkeit sollen außer Acht gelassen werden, weil solche Qualitäten keine festen Größen sind. Stattdessen zeichnet sich Materie vor allem durch ihre Ausgedehntheit aus.

„[…] die Materie ein hartes oder schweres oder farbiges oder auf irgendeine sonstige Weise unsere Sinne erregendes Ding ist, sondern allein darin, daß sie ein in Länge, Breite und Tiefe ausgedehntes Ding ist.“[13]

Bis jetzt laufen die Ansichten Descartes und Aristoteles weitgehend konform, doch die über die „Leere“ zeigt in eine entgegengesetzte Richtung. An dieser Stelle beginnt er mit der allgemeinen Meinung. Wo der Mensch keinerlei Ausdehnung eines Körpers wahrzunehmen vermag, spräche dieser zwar von einem leeren Raum, doch dieser sei für die meisten das pure Nichts. Diese offenbar allgegenwärtige Deutung widerlegend, wendet der französische Philosoph ein, dass es keinen Grund „ zu der Annahme, alle Körper, die existieren, müßten unsere Sinne erregen können[14] gebe. In diesem Argument zeigt sich das Substanzdenken Descartes deutlich. Aufgrund der begrenzten menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten gelangen wir zwangsläufig zu dem Urteil, dass ein leerer Raum frei von Körpern sei. Demnach ist ein leerer Raum gleichzusetzten mit einem Körper, der in uns keine sinnlichen Reize stimuliert. Doch der Raumbegriff ist nicht von dem der Substanz zu trennen. Alles Ausgedehnte ist für den Autoren Substanz. Wenn nun ein Körper in diesem Raum bewegt wird, um auch hier die für Aristoteles so wichtige Ortbewegung erneut aufzugreifen, so wird dieser selbst nicht verändert, sondern bleibt ein und derselbe, solange der Raum sich zu äußeren Bezugspunkten nicht wandelt.[15]

Die Ausdehnung des Raumes, beziehungsweise des Körpers ist die grundlegende Qualität. Wo nichts wahrnehmbar ist, sogar wo ein Vakuum herrscht, selbst dort ist der Raum nicht leer im üblichen Sinne, sondern dort ist ein Raum von Körpern erfüllt, denen keine absoluten Eigenschaften zugrunde liegen. Die übliche Verwendung des Begriffs Vakuum, also das substanzlose Nichts, lehnt Descartes ab, weswegen er sich im Verlauf der Schrift komplett gegen die Existenz des Vakuums wendet.[16] Körper in scheinbar leeren Raum besitzen lediglich Länge, Breite und Tiefe und erregen deswegen auch nicht unsere Sinne.

Bildhaft wird der Raum als Gefäß der Materie skizziert, wobei sich damit ein Widerspruch auftut. Die Ausdehnung, oder anders ausgedrückt die Begrenztheit gehört zur Natur der Körperlichkeit. An anderer Stelle jedoch heißt es, dass der Ausdehnung keine Grenzen gegeben sind.[17] Wie der Raum mit den Bestimmungen sowohl begrenzt als auch unbegrenzt zu denken ist, bleibt bei Descartes selbst offen.

Wie die Physik den Raum konstruiert (Newton)

Isaac Newton setzte Maßstäbe, sowohl als Begründer der klassischen Mechanik als auch in der Naturphilosophie. Die Mechanik und unter anderem auch seine absolute Position in Bezug auf den ontologischen Status des Raums, befinden sich in seinem wohl bekanntesten Werk „ Philosophiae Naturalis Principia Mathematica “ aus dem Jahr 1687, in dem die Schlagwörter „Raum“, „Zeit“, „Kraft“ und „Masse“ untersucht werden. Für ihn besteht ein deutlicher Unterschied zwischen dem alltäglichen Umgang mit Raum und dem wissenschaftlichen Kenntnisstand, analog zu Descartes. Im ersten Fall orientiert der Mensch sich an relativen Dingen, die ihm als Messwerte dienen. Der Raum erscheint relativ. Erklärend heißt es in Clarkes 4. Schreiben: „ Auch wenn der unendliche Raum von uns gewissermaßen partiell erkannt werden kann, das heißt, daß er in unserer Vorstellung als aus Teilen zusammengesetzt gedacht werden kann, so sind doch trotzdem diese Teile (die man ganz zu Unrecht so nennt) ihrem Wesen nach voneinander nicht trennbar, voneinander nicht fortbewegt bar und auch nicht teilbar ohne einen offensichtlichen Wiederspruch in sich.“[18] Der absolute, mathematische Raum hingegen sei unabhängig von den in ihm befindlichen Körpern zu betrachten.[19]

Werden relative Beziehungen, bewegliche Teile, kurz alles Wahrnehmbare ausgeblendet, offenbart sich der wahre Charakter des Raumes. Dieser ist gerade aufgrund seiner Eigenständigkeit, d.h. unabhängig von äußeren Gegenständen stets gleich, homogen und unbeweglich. „ Der Raum ist ebenso wie die Dauer unermeßlich, unveränderlich und ewig.“[20]

Ähnlich wie Aristoteles definiert Newton auch den Ort und die Bewegung. Dabei kann ein Ort sowohl relativ als auch absolut sein. Beiden Zuschreibungen gemein ist die Tatsache, dass es sich um einen Teil des Raumes handelt, den ein Körper einnimmt. Die ambivalente Beschreibung ruht auf dem Bezugssystem, welches gewählt wird. Analog hierzu wird die Bewegung definiert. Sie kann sowohl relativ sein, in Bezug auf einen relativen Ort, oder absolut, wenn die Bewegung eines Köpers in Bezug zu dem absoluten Raum stattfindet.[21]

Die zuvor angesprochene Unbeweglichkeit des Raumes wird durch einen Vergleich mit der Zeit weiter manifestiert. Die Reihenfolge der Zeit, bzw. der Zeitteile ist unveränderbar und unbeweglich. Ein Zeitteil hat seinen Ort in dieser Reihenfolge und ist gleichsam Ort aller Dinge. Raum und Zeit (-teile) teilen sich diese Eigenschaft. Wie die Zeit hat ein Raumteil innerhalb des Raums einen Ort und bietet zugleich den Ort in Bezug auf die Ordnung der Dinge. Das eigentliche Wesen des Raumes ist laut Newton aber nur auf der wirklichen und nicht wahrnehmbaren Seite zu finden. Daher ist der Raum Ort und kann somit nicht bewegt werden.[22]

Im Folgenden versucht Newton mithilfe der Auswirkungen der Gesetze der Mechanik seine Thesen zu belegen. Hierbei soll zusätzlich die Unterscheidung zwischen wahren Raum und scheinbar relativen Raum gekräftigt werden, gegen die er selbst Zweifel anmerkt. So besagt sein erster Leitsatz fürs philosophieren, dass nur wahre und zur Erklärung notwendige Ursachen zur Beweisklärung angebracht werden dürfen. Da nun aber der Raum in seiner wahren ontologischen Gestalt nicht von den Sinnen zu abstrahieren sei, stellt sich hier ein Begründungsproblem.[23] Dieses gilt es nun auszuräumen.

Solange die Bezugsysteme sinnlich wahrnehmbare sind, fällt die Unterscheidung zwischen relativer und geradlinig-gleichförmiger Bewegung nicht schwer. Diese Art der Bewegung ist gewählt worden, da somit das Beispiel in den Bereich der Kinematik fällt, also in die Lehre von Bewegungen ohne Einbeziehung von Kräften. Beim Abbremsen oder Beschleunigen wirken spürbare Kräfte. Dies entspricht dem ersten Bewegungsgesetz, nach dem der Zustand der Ruhe oder der der gleichförmig-geradlinigen Bewegung ohne ein Wirken von Kräften nicht verändert wird. Newton selbst führt hier das Schiff als Beispiel an, bzw. den Schiffsinnenraum. „ Ein in der Kabine eingeschlossener Mensch kann solange nicht feststellen, ob sich das Schiff bewegt oder nicht, wie es sich gleichförmig bewegt[24] und eine im Bug des Schiffes befindliche Kiste ändert seine Position nicht, solange das Schiff selbst als Referenz gilt. Ein Außenstehender hingegen würde die Kiste, bzw. das Schiff als sich bewegend klassifizieren, da er dessen Ortsänderung in Bezug zu anderen Schiffen / Bergen etc. sieht.[25] Da sich der Außenstehende jedoch selbst auf relative Bezüge bezieht, scheint seine Einschätzung willkürlich. Die Beurteilung einer geradlinig-gleichförmigen Bewegung erfolgt aufgrund eines Zeitintervalls und einer Wegstrecke. Könne diese frei gewählt werden, so ließe sich bei einem Minimieren des Zeitintervalls beinahe jede Bewegung demgemäß deklarieren. Newton weist darauf hin, dass ohne die Festlegung auf wirklich feste Bezugspunkte der auf einen Punkt zeigende Finger in Wahrheit eine Linie beschreiben könnte, eben wenn der Beobachter sich zu seiner Unkenntnis gleichförmig und geradlinig bewegt. Es bedarf daher eines standardisierten Referenzrahmes um korrekte und wahre Aussagen fällen zu können.[26] Newton selbst ist sich allerdings bewusst, dass ein Trägheitsgesetzt, sofern es auf ein System angewandt wird, nicht völlig determiniert ist. Sind Körper in einem Bezugssystem eingefasst, so wirkt es sich auf ebendiese in keiner Weise aus, ob das System selbst ein absolut Ruhendes ist oder sich wie oben beschrieben bewegt. So endet dieses Kapitel mit der Einsicht, dass alle Bewegungen auf dem Schiff unabhängig davon ablaufen, ob das Schiff nun stillsteht oder sich gleichförmig in irgendeine Richtung bewegt.[27]

Eine echte Bewegung zeichnet also aus, dass sie eine Verschiebung gegen den absoluten Raum darstellt. Des Weiteren wird eingeräumt, dass eine solche Bewegung nicht sinnlich wahrnehmbar ist. Daraus ergibt sich ein Erkenntnisproblem, und zwar wie überhaupt die Bewegung eines Körpers gegen den absoluten Raum erkennbar ist. Wäre dies nicht möglich, wäre die Annahme Newtons schlicht überflüssig. Das dem nicht so ist, will er mittels der physikalische Funktion des absoluten Raums veranschaulichen. Man könne einerseits Beweise der scheinbaren Bewegungen aufdecken, welche selbst nur Differenzen zwischen wirklichen Bewegungen darstellen und andererseits über die Kräfte, welche die Ursache und Wirkung echter Bewegung sind. Wenn dieses Vorhaben gelinge, würde Newton nicht nur wahre von scheinbarer Bewegung unterscheiden können. Er würde auch dazu in der Lage sein, sein Konzept vom absoluten, festen und unbeweglichen Raum zu beweisen, und genau dies möchte er in seiner Abhandlung zeigen.[28]

Auf der Suche nach Unterscheidungsmerkmalen wird zunächst die unmittelbare, also relative Umgebung von Körpern sowie die relative, nachbarschaftliche Ortsveränderung von Körpern analysiert. Beide Ansätze scheinen nicht genügen zu wollen, weshalb der Fokus sich auf die von außen einwirkenden Kräfte im Weiteren richtet. Einhergehend mit diesem Perspektivwechsel ändert sich auch der Bereich der zuständigen Physik, von der Kinematik zur Dynamik. Demnach lassen sich echte Bewegungen über ihre Ursache, nämlich die von außen auf den entsprechenden Körper einwirkende Kraft identifizieren. Wirkt eine Kraft auf einen Körper bewegt er sich relativ zu seinen ihn umgebenden Körpern und gleichzeitig absolut gegen den wirklichen Raum. Es kann auch sein, dass die relative Beziehung zwischen Körpern dieselbe bleibt, während diese sich absolut bewegen, also wirklich, gegen den Raum.[29]

[...]


[1] Leibniz, S. 14

[2] Vgl. Platon, 50 e

[3] Vgl. Platon, 50 c

[4] Vgl. Platon, 51 b

[5] Vgl. Platon, 49 e; 50 c-e; 52 a-b

[6] Vgl. Physik 4, Kapitel 1; 208b, S149

[7] Vgl. Physik 4; 209a; S.153

[8] Vgl. Craemer-Ruegenberg 1980, S.95f

[9] Vgl. Physik 4, Kapitel 4, 210b; S.163

[10] Vgl. Physik 4, Kapitel 4, 212a; S.169

[11] Vgl. Craemer-Ruegenberg 1980, S.100

[12] Vgl. Craemer-Ruegenberg 1980, S.102

[13] Dünne/ Günzel; 2006; S. 44

[14] Dünne/ Günzel; 2006; S. 46

[15] Vgl. Dünne/ Günzel; 2006; S. 48

[16] Vgl. Dünne/ Günzel; 2006; S. 52

[17] Vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie; S. 86

[18] Leibnitz, S. 66

[19] Vgl. Newton, Principia, S.88

[20] Leibnitz, S. 65

[21] Vgl. Newton, Principia, S.88f.

[22] Vgl. Newton, Principia, S.89

[23] Vgl. Newton, Principia, S.180

[24] Leibnitz, S. 66

[25] Vgl. Newton, Principia, S.88f.

[26] Vgl. Carrier, Raum-Zeit, S.171

[27] Vgl. Newton, Principia, S.102

[28] Vgl. Newton, Principia, S.94

[29] Vgl. Newton, Principia, S.94

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Übersteigen die Kompetenzen der Raumzeit-Philosophie die der Physik?
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Autor
Jahr
2016
Seiten
31
Katalognummer
V324089
ISBN (eBook)
9783668233546
ISBN (Buch)
9783668233553
Dateigröße
1044 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
übersteigen, kompetenzen, raumzeit-philosophie, physik
Arbeit zitieren
Christoph Höveler (Autor), 2016, Übersteigen die Kompetenzen der Raumzeit-Philosophie die der Physik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324089

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