Die Darstellung des Fremden im Schulbuch im Kontext aktueller Forschung


Hausarbeit, 2015

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Schulbuch English G 21
2.1. Das Schulbuch auf dem Prüfstand

3. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Migration und ihre Auswirkungen sind in der aktuellen Flüchtlingsdebatte eine Thematik, die exzessiv in den Medien, der Schule und der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird. Gleichzeitig ist ein differenzierter Austausch kaum möglich, da persönliche Meinungen, Zukunftsängste und Überforderung oft Einfluss auf den Diskurs haben. Hinzu kommt, dass ein ‚schwarz-weiß‘ oder ‚falsch-richtig‘ Denken an der Realität der Debatte vorbei geht, da die Thematik zu facettenreich ist und die Herausforderungen, die die große Anzahl an Flüchtlingen mit sich bringen, zu groß sind. Besonders spannend wird sein, in welchem Umfang und in welcher Art und Weise die vielen schulpflichtigen Kinder von Geflüchteten integriert und im deutschen Bildungssystem gefördert werden.

Dieser Bezug macht die Debatte um die Darstellung von Migration in Schulbüchern umso aktueller. Anhand eines weitverbreiteten Schulbuchs sollen in dieser Hausarbeit Beispiele für den Umgang der Migrationsthematik erbracht und Problematiken mit der Darstellung von Ausländern untersucht werden. Hierfür wurde das English G 21 Band A 1 für die fünfte Klasse am Gymnasium1 von Cornelsen ausgewählt. Desweiteren soll die Hausarbeit im Rahmen der Schulbuchuntersuchung einen kurzen Überblick über den aktuellen Forschungsstand geben sowie Teile der Problematik beleuchten.

Besonderes Augenmerk gilt der Betrachtung einer Lektion im Schulbuch vor dem Hintergrund derjenigen Kritik, die in der aktuellen Fachliteratur an Schulbüchern geübt wird. Es soll anhand von klaren Beispielen reflektiert werden, wie Migration dargestellt wird, wie damit umgegangen wird und in welche fachliche Migrationspädagogik Theorie das Schulbuch eingeordnet werden kann. Das interkulturelle Lernen soll anhand eines Beispiel-Schulbuchs auf den Prüfstand gestellt und eine Bewertung abgegeben werden.

2. Das Schulbuch: English G 21

Das Schulbuch, welches für diese Hausarbeit ausgewählt wurde, eignet sich in besonderer Weise zur Untersuchung der Darstellung von Migration. Gerade im Fach Englisch beschäftigen sich die Schüler mit einer Vielzahl anderer Kulturen und Länder, da Englisch Weltsprache ist und mit über 330 Millionen Muttersprachlern zu den weitverbreitetsten Sprachen zählt. Besonders dem Commonwealth und dem daraus resultierenden ‚Cultural Melting Pot‘ wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Meist wird als Beispiel hierfür England mit seiner multiethnischen und -kulturellen Bevölkerung gewählt. Das Schulbuch English G 21 setzt genau an diesem Punkt an und versucht diese Gesellschaftsform dem Schüler zu vermitteln, ohne dabei gängige Stereotypen zu bedienen. Die meisten Lehrpläne der unterschiedlichen Bundesländer setzen das interkulturelle Lernen als Teilziel des Sprachunterrichts voraus. Meist wird die interkulturelle kommunikative Kompetenz durch gängige Begriffe wie ÄRollendistanz, Empathie, Toleranz, Perspektivwechsel, Flexibilität und Diskursfähigkeit“ definiert.2

English G 21 ist die überarbeitete Version des 1997 herausgegebenen Vorgängerbuches English G 20003. Schon im Lehrerhandbuch zu der früheren Ausgabe wird das interkulturelle Lernen neben dem Spracherwerb thematisiert. Es wird als wichtiger Bestandteil des ganzheitlichen Unterrichts gesehen (Abbildung 1). Alle Bestandteile des Unterrichts bilden so ein Netz, welches nicht nur das Erlernen einer Fremdsprache unterstützt, sondern gleichzeitig die Beschäftigung mit anderen Kulturen erleichtert. Das ganzheitliche Lernen wird angestrebt, damit die Schüler in ihrer kompletten Einheit von ÄKörper, Seele und Geist“4 angesprochen werden. Der interkulturelle Aspekt wird hier also nicht als alleingestellte Lernkomponente behandelt, sondern über Namen der Hauptfiguren oder thematische Settings mit dem zu behandelnden Stoff verwoben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Netzwerk Unterrichtskomponenten5

2.1. Das Schulbuch auf dem Prüfstand

In den Erläuterungen zum interkulturellen Lernen des Handbuchs für den Unterricht wird der Motivationsfaktor als treibende Kraft für die Beschäftigung mit anderen Kulturen gesehen. Jedoch wird darauf hingewiesen, dass Äsich der Fremdsprachenunterricht nicht im Erwerb von Kenntnissen über das Zielland erschöpfen darf.“6 Es wird zwar über eine andere Kultur geredet und bestimmte Merkmale werden erlernt, doch soll die ÄEigenkultur einbezogen und mit der fremden vergleichend in Beziehung gebracht werden.“7 Es wird also klar eine Grenze zwischen Fremd/Eigen und Wir/Sie gezogen. Trotzdem sollen beide Seiten in der Betrachtung zusammen behandelt und als etwas Zusammengehöriges gesehen werden. Die Grenzen des deutschen und englischen Sprachraums sollen im Rahmen des europäischen Gedankens gelockert und erweitert werden. Das Schulbuch stellt den Anspruch, ein wichtiges pädagogisches Ziel zu erfüllen: ÄDie Fähigkeit, Verschiedenheit zu akzeptieren, mithilfe von Sprache eine neue Kultur zu entdecken und die eigene neu zu sehen lernen.“8 So soll das Toleranzverhalten des einzelnen Schülers gefördert, Vorurteile abgebaut und eine eigene Identität in der vielfältigen Welt entwickelt werden.

Das Vokabular, welches in der Beschreibung des interkulturellen Unterrichts verwendet wird, entspringt den Konzepten der klassischen interkulturellen Pädagogik und der Pädagogik der Vielfalt. Es klingen jedoch auch viele Ansätze der Ausländerpädagogik durch. Begriffe wie Ausländer/ausländisch, Toleranz, bikulturell/multikulturell, Kultur, fremd, etc. verstärken diesen Eindruck und erklären ein Konzept, welches das Ziel hat Kulturen miteinander bekannt zu machen, sie aber gleichzeitig immer noch als etwas Gegensätzliches betrachtet. Die eurozentrische Sichtweise wird bestärkt, da ÄWir“ in Europa, speziell Deutschland, auf ÄAndere“ inner- und außerhalb von Europa (vor allem Amerika) schauen und Vergleiche ziehen. Das Fremdsein wird also mit dem geographischen Raum verknüpft und nicht, wie in der neueren Forschung gefordert, davon abgekoppelt. Exemplarisch steht hierfür Felicitas Macgilchrist, die für eine Verschiebung der Perspektive eintritt, weg vom Eurozentrismus und hin zur Ämultiperspektivischen Herangehensweise“.9 Es sollen nicht nur ÄWir“ in Schulbüchern zu Wort kommen und eine erzählende Rolle einnehmen, sondern auch ÄSie“. So sollen die Grenzen in den Köpfen überwunden und abgebaut und Fremdsein als Konzept dargestellt werden, welches nicht vom geographischen Raum abhängig ist, sondern welches in der persönlichen Erfahrung jedes Schülers zu finden ist.

Diesem Anspruch wird English G 21 für die fünfte Klasse teilweise gerecht, ohne jedoch die angestrebten Ideen komplett umzusetzen. Schon die ersten Seiten des Buches legen den Schwerpunkt auf die Herkunft des jeweiligen Schülers und den abgrenzenden Vergleich zu den anderen Schülern. Der sprechende Papagei Polly begrüßt die Lernenden und fragt sie aus: ÄI’m from Great Britain. What about you?“10 Um die Zugehörigkeitsproblematik zu umgehen, die Schüler betrifft, welche in Deutschland geboren sind, jedoch einen Migrationshintergrund haben, wird dezent weitergefragt: ÄMy mum and dad are from Australia. What about you?“11 So bekommt die Schülerin oder der Schüler zwar die Chance sich selbst unabhängig von der Herkunft der Eltern einzuordnen, jedoch bleibt zu fragen, wieso diese überhaupt abgefragt wird. Gleichzeitig wird nach Lieblingsfarbe, Hobby und Alter gefragt, was die Herkunftsfrage banalisiert.

Unter dem Titel ÄWelcome“ werden das Buch und die erste Lektion eingeleitet. Die Untersuchung der ersten Lektion eignet sich in besonderem Maße, da die Hauptcharaktere vorgestellt werden. Der Schüler erfährt so direkt und indirekt viel über die Lebensverhältnisse in England. Fünf Kinder führen durch das Buch: Sophie Carter-Brown, Jack Hanson, Dan und Jo Shaw und Ananda Kapoor. Mit Ausnahme von Ananda sind alle Kinder hellhäutig. Alle fünf kommen aus Bristol. Insgesamt soll ein realistisches Bild einer in England lebenden Kindergruppe gezeigt werden, was auch gelingt. Sophie lebt mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihren Geschwistern in einem großzügigen Haus und ist der oberen Mittelschicht zuzuordnen. Die Zwillinge Dan und Jo werden von ihrem alleinerziehenden Vater großgezogen. Ananda Kapoor lebt zusammen mit ihrem Bruder und ihren Eltern, welche aus Indien kommen, in einer Wohnung über dem eigenen Ladengeschäft. Jack Hansons Eltern betreiben ein Bed and Breakfast, in welchem Jack oft aushilft. Jacks Vater sitzt im Rollstuhl, der zu Anfang vorgestellte Papagei Polly gehört zur Pension.

[...]


1 Abbey, Susan, Barbara Derkow-Disselbeck; Laurence Harger, Allen J. Woppert: English G 21. Band A 1. Helmut Schwarz (Hrg.). Berlin: 2006.

2 Sächsisches Staatsministerium für Kultus: Lehrplan Gymnasium Englisch. Dresden: 2007. S.2.

3 Abbey, Susan, Barbara Derkow-Disselbeck; Laurence Harger, Allen J. Woppert: English G 2000. Band A 1. Helmut Schwarz (Hrg.). Berlin: 1997.

4 Kretschko, Martina: English G 2000. Handbuch für den Unterricht. Band A 1. Berlin: 1997. S. 6.

5 Angelehnt an: Kretschko, Martina: English G 2000. Handbuch für den Unterricht. Band A 1. Berlin: 1997. S. 5.

6 Ebd. S. 10.

7 Ebd. S. 10

8 Krumm, Hans-Jürgen: Handbuch Fremdsprachenunterricht. Tübingen: 1995. S. 158.

9 Macgilchrist, Felicitas. Postkolonialismus und Schulbuchentwicklung. Braunschweig: 2009. S. 10.

10 Abbey 2006: S. 6.

11 Ebd. S. 6.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Fremden im Schulbuch im Kontext aktueller Forschung
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Bildungswissenschaften)
Veranstaltung
Migrationspädagogik und Rassismuskritik
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V324092
ISBN (eBook)
9783668234277
ISBN (Buch)
9783668234284
Dateigröße
735 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, Migrationspädagogik, Schulbuch, Fremde
Arbeit zitieren
Janina Franke (Autor), 2015, Die Darstellung des Fremden im Schulbuch im Kontext aktueller Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324092

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Darstellung des Fremden im Schulbuch im Kontext aktueller Forschung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden