Hannibal Cunctator? Hannibals Strategie nach dem Sieg von Cannae


Essay, 2016

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Vincere scis, Hannibal, victoria uti nescis – lautet in einer römischen Überlieferung die Kritik, die der Kommandeur der karthagischen Reiterei, Marhabal, Hannibal nach dem Sieg von Cannae entgegnet haben soll.[1] Auch dieser weithin bekannten Aussage ist es geschuldet, dass in der antiken Geschichtsschreibung und bis in unsere Zeit der unterlassene Marsch auf Rom, nach dem vernichtenden Sieg über acht römische Legionen, von vielen als Ausgangspunkt für das Scheitern von Hannibals Strategie angesehen wird. Was dafür spricht, dass der unterlassene Versuch einer Belagerung Roms keine Fehlentscheidung, sondern vielmehr fester Bestandteil von Hannibals Strategie war, soll im folgenden aufgezeigt werden.

Unerlässlich für die folgenden Ausführungen ist zunächst ein Blick auf die Quellenlage und deren Qualität.[2] Von den primären Quellen, die sich mit dem Zweiten Punischen Krieg befassen, ist der größte Teil verlorengegangen, doch sind die Werke späterer Historiker ergiebig und lassen wichtige Schlüsse zu, manches ist gleichzeitig aber mit Vorsicht zu behandeln, da nur die römische Sichtweise überliefert ist. Karthagische Zeugnisse bilden lediglich wenige phönikische Inschriften und andere archäologische Funde. Von den sekundären Quellen zählen die historiographischen Werke des Polybios zu den wichtigsten und glaubwürdigsten Überlieferungen. Sein drittes Buch widmet sich ausführlich den Ereignissen vom Kriegsausbruch im Frühjahr 218 v.u.Z. bis zur Schlacht von Cannae im August 216 v.u.Z, danach sind seine Darstellungen nur noch in Fragmenten überliefert. Polybios bezieht sich unter anderem auf Fabius Pictor und einige griechische Historiker wie Sosylos von Lakedaimon und Silenos von Kaleakte, allesamt Zeitzeugen Hannibals. Zu beachten ist, dass auch Polybios der römischen Seite geneigter war und den Karthagern nicht immer gerecht wird. Des weiteren liefert Livius (Buch 21-30) die umfangreichste Darstellung, die unter anderem zwar gleiche Quellen aufweisen wie die des Polybios, jedoch ein sehr verzerrtes Bild zeichnen, welches die Römer glorifiziert und die Karthager dämonisiert. Außerdem entsteht bei Livius des öfteren der Eindruck, seine Werke sollten der Unterhaltung dienen, anstatt der objektiven Beschreibung der zugrunde liegenden Geschehnisse. Von Cornelius Nepos sind uns von seinen zahlreichen Biographien auch jene von Hamilkar und Hannibal erhalten geblieben. Plutarch verfasste unter anderem Biographien über Quintus Fabius Maximus und Marcus Claudius Marcellus.

Die moderne Literatur, die sich mit Hannibal und dem Zweiten Punischen Krieg beschäftigt, ist kaum überschaubar und reicht von bereits in der Antike umstrittenen Ansichten wie der leidigen Kriegsschuldfrage bis hin zur Debatte um die Verschonung Roms.[3] In einem Punkt sind sich jedoch die antiken als auch die modernen Historiker einig: Hannibal gilt als einer der erfolgreichsten und fähigsten Militärstrategen. Vor allem seine Taktik bei Cannae, die umfassende Vernichtungsschlacht trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit, wird heute noch beispielsweise an der amerikanischen Militärakademie West Point gelehrt und fand auch in den großen Kesselschlachten des Zweiten Weltkriegs Beachtung. Aber auch Hannibals Persönlichkeit ist in den Fokus der Geschichtswissenschaft gerückt.

Um zu untersuchen, ob Hannibal nach seinem Sieg von Cannae der folgenschwerste Fehler des Krieges unterlaufen ist oder nicht, bedarf es vor allem einer Perspektive, die den weiteren Kriegsverlauf zunächst unbeachtet lässt und sich nicht der Rückschau bedient. All die Überlegungen, was passiert wäre oder hätte sein können, vor allem aber die Annahme, das Hannibal Rom erfolgreich hätte belagern oder gar einnehmen können, vernachlässigen zwei Dinge: zum einen die Frage, ob und zu welchem Zweck Hannibal Rom überhaupt belagern oder angreifen wollte und zum anderen die Probleme einer retrospektiven Sichtweise.[4] Zimmermann schlägt an dieser Stelle die einzig vernünftige Herangehensweise vor, nämlich die Perspektive Hannibals selbst einzunehmen, und zwar unmittelbar nach seinem größten Sieg.[5]

Zunächst einmal kann man davon ausgehen, dass Hannibal tatsächlich ein Irrtum unterlaufen sein könnte, dieser jedoch nicht mit einer eventuellen Belagerung Roms zusammenhängt. Lag er nämlich in der Annahme, die Römer würden sich nach der bis dahin unbekannten Dimension der Niederlage zu Friedensgesprächen bereitwillig zeigen, so musste er die schmerzliche Erfahrung machen, dass die Römer die Niederlage nicht als kriegsentscheidend anerkannten, wie es vielleicht Gallier, Germanen, Griechen oder andere Völker nach einem derart hohen Blutzoll getan hätten. Militärisch war Rom nicht zu bezwingen. Der von Hannibals triumphalen Siegen beflügelten Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt wenn es darum geht, welche Maßnahmen zu ergreifen gewesen wären, um Rom erfolgreich zu belagern oder gar anzugreifen. Seibert argumentiert leichtfertig, dass eine Belagerung Roms ohne weiteres möglich gewesen sein soll und merkt an, dass eine karthagische Belagerungsflotte nicht nötig gewesen wäre, da es reichen würde, den Tiber abzuriegeln.[6] Es mag sein, dass eine Kontrolle des Tibers ausgereicht hätte um Roms Versorgung empfindlich zu stören, doch scheint Seibert hier die Versorgung der Truppen Hannibals selbst zu vergessen, für die man die karthagische Flotte dringend nötig gehabt hätte. Der Tatsache geschuldet, dass unmittelbar nach der Schlacht von Cannae kein nennenswertes römisches Heer mehr auf italischem Boden stand und Rom zunächst dürftig auf einen Angriff vorbereitet war, sehen bis heute nicht wenige die einmalige Gelegenheit für den Karthager, den Krieg zu beenden.

Doch gänzlich schutzlos war Rom nicht: Noch verfügte es über eine Flotte in Ostia, von denen Marcellus 1500 Mann Richtung Rom schickte, und weiterhin existierten in Rom selbst zwei aus Rekruten bestehende Stadtlegionen.[7] Ganz zu schweigen von den Truppenaushebungen, die in der stadtrömischen Bevölkerung als auch unter den Bundesgenossen möglich waren. Außerdem lagen auf Sizilien, Sardinien und in Hispanien weitere Verbände.[8] Man kann also davon ausgehen, dass binnen weniger Monate, und eine Belagerung Roms wäre ohne Zweifel eine extrem zeitaufwändige Angelegenheit gewesen, abermals eine römische Übermacht Hannibal zur Gefahr geworden wäre.

Eine weitere Rolle für Hannibals Entscheidung könnten seine schlechten Erfahrungen bei der Belagerung Sagunts gespielt haben, die immerhin 8 Monate von statten ging. Man kann sich also vorstellen, wie lange die gleiche Vorgehensweise vor den Toren Roms gedauert hätte: Nämlich lange genug, um die numerische Überzahl der römischen Truppen und deren der Bundesgenossen wieder herzustellen und die operative Fähigkeit Hannibals einzuschränken.[9]

Eine weitere Kritik, die aus römischen Überlieferungen hervorgeht, ist die Raffgier, der Hannibal unterlegen sein soll. Livius wirft ihm diesbezüglich vor, er würde sich lieber mit dem Feilschen um den Preis der Gefangenen befassen und der Beute Vorzug gewähren.[10] Christ jedoch stellt richtig, dass es zu den traditionellen Befehlen Hannibals gehörte, sich nach derartig massiven Schlachten zu erst um die Versorgung der Verletzten zu kümmern, die Toten und deren Waffen zu bergen, die hohe Zahl an Kriegsgefangenen zu bewachen und nicht zuletzt die beiden verbliebenen und verteidigten römischen Lager einzunehmen.[11]

Eine der bekanntesten Überlieferungen stellen die eingangs erwähnten karthagischen Diskussionen nach dem Sieg von Cannae dar, in denen Marhabal darauf drängt, mit seiner Reiterei nach Rom geschickt zu werden.[12] In fünf Tagen könne Hannibal sodann auf dem Kapitol speisen, lautet die bekannte Verlockung, die Marhabal ihm machte. Diese Zeitangabe und das Triumphmahl auf dem Kapitol (eine römische, keine karthagische Tradition) entlarven jedoch diese Erzählungen als römische Erfindungen, denn es wäre Hannibal nicht unter vier Wochen gelungen, die 400km lange Strecke nach Rom zu bewältigen.[13] Zeit genug, um die Stadt verteidigungsbereit zu machen. Selbst wenn die Reiterei am selben Abend aufgebrochen wäre, so hätten römische Eilboten den Überraschungsmoment vorweggenommen, und stünde die Reiterei machtlos vor den Stadtmauern Roms. Natürlich lässt sich retrospektiv nicht zweifellos klären, ob eine Belagerung oder ein Angriff Hannibals von Erfolg gekrönt gewesen wären. Doch die Umstände und das Risiko einer sich hinziehenden, von versorgungstechnischen Problemen begleiteten Belagerung dürften keinen militärischen Erfolg versprochen haben, wohingegen Hannibals strategische Ziele, auf die noch eingegangen werden muss, seine Entscheidung rechtfertigen.[14]

[...]


[1] Liv. XXII 51.

[2] Vgl. Bleicken 2004, S. 151-164.

[3] Zur Diskussion über die Verschonung Roms: Mommsen 1976, I 614 f. ; Seibert 1993, S. 198 ff. ; Hoyos 2003, 199 – 121; Zimmermann 2008, S. 49 – 60; Barceló 2004, S. 146 – 151; Lazenby 1978, S. 85 f. ; Huss 1985, S. 332 f. ; Christ 2003, S. 95 f.

[4] Vgl. dazu Zimmermann 2008, S. 49, 51.

[5] Zimmermann 2008, S. 52.

[6] Seibert 1993, S. 200; ähnlich Hoyos, der jedoch die Wichtigkeit der punischen Flotte für eine erfolgreichere Belagerung berücksichtigt: Hoyos 2003, S. 121.

[7] Über die verbleibenden militärischen Ressourcen Roms nach Cannae siehe Hoyos 2003, S. 120; Lazenby 1978, S. 86.

[8] Lazenby 1978, S. 85-86.

[9] Dass Hannibals Erfahrungen in Sagunt auf seine Entscheidung gewirkt haben könnten bei Barceló 2004, S. 146; Zimmermann 2008, S. 52.

[10] Liv. XXII 56.

[11] Christ 2003, S. 95 f.

[12] Liv. XXII 51.

[13] Diese Überlieferung wird einstimmig als Fiktion wahrgenommen, dazu Hoyos 2003, S. 119; Seibert 1993, S.199; Lazenby 1978, S. 85; Zimmermann 2008, S. 50.

[14] Vgl. dazu Lazenby 1978, S. 85 - 86.

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Details

Titel
Hannibal Cunctator? Hannibals Strategie nach dem Sieg von Cannae
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Alte Geschichte)
Veranstaltung
Hannibal und die Römer
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
9
Katalognummer
V324152
ISBN (eBook)
9783668232648
ISBN (Buch)
9783668232655
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hannibal, Rückschaufehler, Zweiter Punischer Krieg, Marsch auf Rom
Arbeit zitieren
Enrico Schierer (Autor:in), 2016, Hannibal Cunctator? Hannibals Strategie nach dem Sieg von Cannae, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324152

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