Maskenwesen - Vom Wesen der Maske


Diplomarbeit, 2002

70 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Was ist eine Maske?
1.1 Einführende Definition des Maskenbegriffs
1.2 Maske ist nicht gleich Maske
1.3 Kleinste gemeinsame Nenner
1.4 Die Maske als Verweissystem
1.4.1 Das Phänomen der Verdrängung
1.4.2 Verweis auf den maskierten Bereich
1.4.3 Verweis auf den unmaskierten Bereich
1.4.4 Der Verweis der Maske auf sich selber als nicht-solche
1.5 Zwischenfrage
1.6 Das Gesicht als Maske
1.7 Noch mehr Masken
1.8 Zorro und Supermann
1.9 Zusammenfassung
2. Das Geheimnis des Gesichts
2.1 Von Anfang an
2.2 Der Sitz der Gefühle
2.3 Das Wunder der Mimik
2.4 Was verraten unsere Gesichter?
2.5 Die Kunst, Gesichter zu lesen
2.6 Die Augen als Spiegel der Seele
2.7 Zusammenfassung
3. Die Gleichung: Maske + Mensch = Figur
3.1 Was der Zuschauer erlebt
3.1.1 Die „Neutrale Maske“ und wie Geschichten entstehen
3.1.2 Zwischenfragen zur Natur der Dinge
3.1.3 Die Maske wird zur Figur
3.1.4 Zusammenfassung
3.2 nwechsel
3.3 Was der Maskenträger erlebt
3.3.1 Die Figurfindung von innen betrachtet
3.3.2 Was ist da passiert?
3.4 Wie wandelbar ist das Maskenwesen?
3.5 Tot oder lebendig?
3.6 Die Schritte zur Entstehung einer Maskenfigur

III. Fazit

IV. Anhang
1. Herstellungsverfahren verschiedener Maskentypen
1.1 Ganzmasken
1.2 Halbmasken
2. Maskenarbeit gegliedert nach den sieben Lebensprozessen
3. Das Höhlengleichnis

V. Literaturangaben

VI. Erklärung

I. Einleitung

Irgendwann als Kinder entdecken wir alle einmal die Magie der Verwandlung. Wir haben uns als Indianer, Artisten, Stars oder einfach nur als unsere Eltern ausprobiert, als Katzen, Helden und Clowns. Früher oder später machten wir dabei auch Erfahrungen mit Masken. Diese waren erdacht oder aufgemalt, gebastelt oder fertig gekauft und ich persönlich fand diese Form der Verwandlung immer besonders faszinierend, weil sie auch für andere die Verwandlung offensichtlich und konkret macht. Wenn ich mich als Kind maskierte, dann wollte ich nicht mehr hören. „Aah! Du bist ein Löwe.“, sondern: „Aah! Da ist ein Löwe.“ Ich wollte hinter der Maske verschwinden und auch in der Wahrnehmung anderer ganz zu dem werden was ich darstellte. Dazu gehörte auch, dass ich den Namen der Maskenfigur trug. Erst dieser neue Name machte die Verwandlung perfekt und bekräftigte die Tatsache, dass ich nicht „Geraldine als...“ war, sondern eben „wirklich“ eine Prinzessin, Robin Hood, Enidlareg... Manchmal ärgerte es mich regelrecht, wenn ich im Spiel eine andere Identität angenommen hatte und dann von meinen Eltern noch als Tochter erkannt und angesprochen wurde! Grundlage für die Verwandlung mit oder ohne Maske bildete für mich die Idee des veränderten Gesichtes und der daraus für mich logisch erwachsenden Konsequenz der Identitätsverschiebung. Mein Erleben von Persönlichkeit war stark mit dem Antlitz verknüpft und das wiederum mit meiner Vorstellungskraft. Irgendwie schien mir das Gesicht am nahesten zu meinem inneren Geschehen zu sein, als sitze mein inneres Ich tatsächlich wie in einer Kommandozentrale hinter meiner Stirn und projiziere sich auf die Fläche davor.

Als Kind erlebte ich die Verwandlung im Spiel immer als etwas von innen kommendes, und egal ob Prinzessin oder Löwe, der Charakter des erdachten Wesens oblag immer meiner freien Entscheidung. So hatte es für mich jedenfalls den Anschein. Ich stellte mir weder die Frage danach, wie frei ich im Maskenspiel sei noch machte ich mir Gedanken über ein mögliches „richtig“ oder „falsch“ im Spiel. Instinktiv richtete ich mich nach meinem Empfinden aus und gab mich dem angestoßenen Spiel hin.

Lange Zeit vergaß ich dann das Spiel mit der Maske, als Teenager probierte ich zwar durch Schminke meinen Typ zu verändern aber ich verstand die Abänderungen immer als Spielarten meiner Persönlichkeit, der Name des in Erscheinung tretenden Wesens blieb immer der meinige.

Als erwachsene Frau machte ich dann im Studium erstmals wieder Erfahrungen mit dem Maskenspiel, aber diesmal in einem streng vorgegebenen Rahmen. So etwas wie eine „Hygiene“ wurde eingeführt, bestimmte Regeln um einen vom Alltag differenzierten Maskenraum zu etablieren. Wir waren z.B. angehalten den Boden unseres Probenraumes vor dem Spielen zu wischen und den Masken mit Respekt zu begegnen. Kaugummi oder Sprechen hinter der Ganzmaske waren Tabu. Wer eine Maske aufsetzte drehte dem Publikum vorher den Rücken zu und wenn er sich wieder umdrehte war er „verwandelt“. Auch erfuhr ich erstmals etwas vom sogenannten „Maskenwesen“. Die Theorie besagt, dass die Maskenfigur die ich spiele eine Synthese aus meiner Persönlichkeit und dem Maskenwesen ist, wobei letzteres eine Art energetische Richtung vorgibt, die von ersterer kreativ gelenkt wird. In der Tat wurde erkennbar, dass ein und dieselbe Maske, von verschiedenen Personen gespielt, trotz aller Nuancierung einen Kerncharakter behält. Diese Erfahrung hat viele Fragen nach dem Wesen der Maske aufgeworfen - und nach eben jenem Maskenwesen, das sie birgt.

Kann es sein, dass ein unbelebter Gegenstand eine Wesenheit beherbergt, und wenn ja, wie? Welcher Art ist das Maskenwesen und wo kommt es her? Was ermöglicht das Maskenspiel und macht es so faszinierend für Menschen jeden Alters? Wie und weshalb verändert sich meine Darstellung wenn ich eine Maske trage? Diesen Fragen möchte ich nachgehen um das Wesen der Maske aufzuspüren.

Da meine Erfahrungen auf dem Umgang mit den für das darstellende Spiel selbstgestalteten Masken sowie mit einigen wenigen „fertigen“ bzw. tradierten Masken („Baseler Masken“, „Neutrale Maske“) beruhen, möchte ich mich hier auf diesen Anwendungsbereich beziehen und ihn als Grundlage für meine Überlegungen heranziehen. Meine Suche nach dem Maskenwesen ist nicht als völkerkundlicher Ausflug in die Entstehungszeit und historische Bedeutung der Maske als menschliches Instrumentarium gedacht. Der Ausgangspunkt für meine Untersuchung soll bewusst meine heutige, „modern-westliche“ Erfahrungswelt sein und auf die Überlieferungen werde ich nur zurückgreifen, wenn der eingeschlagenen Weg es mir vorgibt.

Um auf die richtige Spur des inneren Wesens der Maske - im spezifischen der Halb- und Ganzmaske für das darstellende Spiel - zu stoßen, halte ich es für sinnvoll, mit einer Eingrenzung der äußeren Gegebenheiten anzufangen. Ich werde hierzu untersuchen, welche Objekte oder Zustände gemeinhin als „Maske“ bezeichnet werden und versuchen ihre Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Als nächstes gilt meine Untersuchung dem menschlichen Gesicht als Protagonist der Maskenarbeit im darstellenden Spiel. Aus dem beschreibenden Einblick in die Entstehungsschritte und „Geburt“ der Maskenfigur versuche ich das Verhältnis zwischen Maske und Spieler zu erfassen und somit ein besseres Verständnis für das Gesamtwesen dieses Vorgangs. Ebenso wie die Grenze zwischen Person und Maske wird mich die Grenze zwischen Fiktion/Spiel und Realität beschäftigen. Abschließend hoffe ich, aus dem Erarbeiteten Hinweise darauf zu finden, wo und ob Antworten auf meine Fragen zu finden sind.

II. Hauptteil

1 Was ist eine Maske?

1.1 Einführende Definition des Maskenbegriffs

In meinem für den einfachen Gebrauch ausgelegten Multimedia-Lexikon suche ich nach der gängigen Definition von „Maske“ und entdecke folgendes:

„Maske

1) Verhüllung und Verkleidung des Kopfes.
2) Gesichtsschutz.
3) Vortäuschung.
4) pflegende Kosmetik, die auf das Gesicht aufgetragen wird.
5) Karton- oder Plastikstück, das Teile eines Bildes kaschiert; wird zur Ausschnittwahl verwendet.
6) Schauspielergesicht, das für eine Rolle geschminkt wurde.
7) Inhalationsgerät bei der Anästhesie.
8) Nachbildung von Gesicht oder Kopf von Mensch oder Tier durch Hohlform in Holz, Ton, Pappmaschee oder anderen Materialien. Masken haben ihre Funktion bei rituellen kultischen Tänzen und Prozessionen, in volkstümlichen Festen und Gebräuchen, im Theater, als Totenmaske. Sie sind seit der Ur- und Frühgeschichte bis heute hin verbreitet. Grundsätzlich werden zwei verschiedene Arten von Masken unterschieden: die Schminkmaske und die Hohlformmaske. Bei der Schminkmaske wird das Gesicht (...) verändert. Hohlformmasken überdecken das Gesicht ganz (Ganzmasken) oder partiell (Halbmasken) und können verschieden ausgestaltet sein. Häufige Materialien sind Holz, Stoff, Pappe etc. [...]“[1]

1.2 Maske ist nicht gleich Maske...

Beim Versuch, gemeinsame, verbindliche Nenner für die verschiedenen oben angeführten Masken zu finden, fiel mir zunehmend auf, dass ich zwischen Masken im engeren und solchen im weiteren Sinne unterscheiden muss. Letztere tragen aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit der Form und/oder Funktion von „echten“ Masken die Bezeichnung „Maske“, erfüllen aber nicht alle relevanten Bedingungen, wie ich sie für die Definition von „Maske“ im Sinne meiner Untersuchung voraussetze. Allmählich ging mir dann auf, dass ich nicht von eigentlichen und uneigentlichen Masken sprechen kann, sondern von Masken stufen ausgehen sollte, die in ihrer Intensität und Nähe zum „Objekt Gesicht“ variieren. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen liefert der Vergleich interessante Hinweise und Inspirationen für meine weiterführende Betrachtung.

1.3 Kleinste gemeinsame Nenner

Die aufgelisteten Maskenbegriffe haben im weitesten Sinne alle eine Gemeinsamkeit: sie beziehen sich in irgendeiner Form auf das menschliche Gesicht. Es gibt zwei Ausnahmen, die ich hier als „uneigentliche Masken“ bezeichnen will: (1) Die „Vortäuschung“ ist ein Vorgang, kein Objekt. Da sich der Vorgang der (Vor-)Täuschung auch in der Mimik abspielen kann ist dennoch ein Bezug zum Gesicht gegeben. (2) Die Bildmaske oder „Cache“ bezieht ihre Funktion der Ausschnittsbegrenzung zumindest auf den Gesichtssinn (optischen Sinn), deshalb schließe ich diese „uneigentliche“ Maske mit in meine Überlegungen ein. Im weiteren Verlauf werde ich auch noch nach weiteren Elementen der „Vortäuschung“ und des „Cache“ suchen, die wesenhafte Parallelen zur eigentlichen Maske darstellen.

Mir fällt weiterhin auf, dass vom technischen Standpunkt aus gesehen das Element der Abdeckung allen Masken zueigen ist, egal wo der Einsatzbereich liegt. Selbst der Begriff der Vor -Täuschung impliziert, dass es eine Ebene dahinter gibt, die abgedeckt ist. Nachbildungen, die Gesichter zu rein dekorativen Zwecken darstellen (also Masken, die funktionell keine sind, sondern nur Masken darstellen) tragen zumindest die Potenz der Abdeckung in sich.

1.4 Die Maske als Verweissystem

1.4.1 Das Phänomen der Verdrängung

Gleichzeitig mit der Verdrängung des Abgedeckten aus der (zumeist visuellen) Wahrnehmung findet eine paradoxe Betonung des verhüllten Bereiches statt. Dies resultiert daraus, dass der Vorgang des Abdeckens selber, bzw. seine zugrundeliegende Intention, die reell-materielle Ausformung der Abdeckung/Maske überlagert und sie mit Bedeutung füllt. Bei den Gesichtsmasken ist zur selben Zeit der abgedeckte Bereich – das Gesicht – an sich bedeutsam. Dieses Spannung erzeugende, wechselseitige Verhältnis von Abdeckung und Verdecktem, von intendierter Bedeutung und innewohnender Bedeutung zwingt den Betrachter auf kurz oder lang (meist unbewusst) zur Wahl seines Wahrnehmungsfokus. Je nach Maskentyp verweist die Maske in ihrer Funktion tendenziell mehr auf eine der beiden Ebenen.

Nehmen wir zum Beispiel die Figur des Zorro: er trägt eine kleine Maske, die den Augenbereich bedeckt und ihn so entfremdet, dass die Person hinter der Maske nicht mehr erkannt wird. Der Betrachter mutmaßt nun zu Recht, dass der Maskenträger seine wahre Identität verbergen will und sinnt nach den Gründen. Dadurch entsteht eine Erwartungshaltung beim Betrachter. Gleichzeitig bekommt die durch die Maskierung entstandene „Figur“ eine eigene Identität (Zorro). Sie wird nun mittels der für sie typischen Maskerade identifiziert und tritt in den Vordergrund, auch wenn das Rätsel um die verborgene Identität von Zorro immer wiederkehrt, ja sogar einen Teil dieser Identität ausmacht. In diesem Fall verweist die Maske eher auf die zu verbergende Identität des Trägers als auf die nach außen gestellte.

Generell unterscheiden wir in unserer modernen westlichen Welt bei Gesichtsmasken zwischen „Nutzmasken“, also Schutz- und Arbeitsmasken der „wirklichen“ oder Alltagswelt, und „Spielmasken“ zum Einsatz in der „fiktiven“ Spielrealität. Kultische Masken reihe ich in den letzteren Bereich ein, wobei sich „Fiktion“ hier auf den bewusst aus dem Alltagsrahmen herausgehobenen Gebrauch in der eigenen Wirklichkeit des Rituals bezieht. Masken für den kultischen Gebrauch als bewusste und gewollte Durchbruchstellen von der unsichtbaren in die sichtbare Welt beruhen auf einer von der heutigen allgemeinen westlichen Weltanschauung abweichenden Sicht von Realität und Fiktion.

1.4.2 Verweis auf den maskierten Bereich

Bei sogenannten Nutzmasken wie dem Gesichtsschutz oder z.B. auch der kosmetischen Maske wird das abgedeckte Gesicht zwar verdrängt, gleichzeitig verweist die Maske mit ihrer Funktion auf ein reales Merkmal des verdeckten Gesichtes (z.B. die Verletzbarkeit) und hält es durch diesen direkten Bezug präsent[2]. Die Funktion der Maske verweist also schwerpunktmäßig auf den abgedeckten Bereich und die funktionelle Notwendigkeit seines „abgedeckt seins“, nicht auf sich selber.

Im Falle der Nutzmasken kann jedoch auch ein Phänomen zutage treten, das auf der Überlagerung der eigentlichen Maske durch die zugrundeliegende Intention der Verhüllung beruht und die Funktion derselben je nach Intention verändert: Eine Skimütze, die lediglich die Augen frei lässt, kann als Nutzmaske das verdeckte Gesicht vor Kälte schützen. Wird sie benutzt um vor unerwünschten Blicken zu schützen, vor dem „erkannt werden“, kann sie z.B. bei einem Überfall den Träger zu einer „Rolle“, einem Verhaltensmuster verleiten, welche er mit unverdecktem Gesicht nicht auszuspielen wagt. Die Gesichtslosigkeit und die mit ihr einhergehende Annullierung der persönlichen Identität befreit gleichzeitig auch von der Möglichkeit, von anderen verantwortlich gemacht zu werden, sich eventuell für das in eigener Entscheidung getroffene Tun rechtfertigen zu müssen. Somit übt das Spiel mit der Gesichtslosigkeit innerhalb von Gesellschaftsverbänden immer wieder einen Reiz aus.

1.4.3 Verweis auf den unmaskierten Bereich

Teilweise geschieht die Abdeckung durch eine Maske zu Gunsten des unabgedeckten Bereiches und lenkt die Wahrnehmung des Betrachters hierhin, wie z.B. im Bildercache. Der abgedeckte Bereich – vielleicht ein unschöner Rand - soll sich, zugunsten der ästhetischen Wirkung, der Wahrnehmung des Betrachters möglichst ganz entziehen. Aber auch die Maske selber bleibt dezent im Hintergrund, soll den Fokus nicht übermäßig auf sich ziehen und höchstens den unabgedeckten Bereich unterstreichen.

Dies trifft z.B. im Gesichtsbereich auch auf die Erfordernisse eines guten Make-up (Maske) für einen Darsteller zu, welches dezent Unregelmäßigkeiten des Gesichtes kaschieren und gleichzeitig seine Stärken betonen soll. Der Blick wird also von den unvorteilhaften zu den vorteilhaften Gesichtszügen gelenkt.

1.4.4 Der Verweis der Maske auf sich selber als nicht- solche

Bei der Ganz- oder Halbmaske für das darstellende Spiel findet eine interessante Doppelung statt. Zum einen verdrängt die Maske den abgedeckten Bereich (das Gesicht) mit der Intention, diesen aus der Wahrnehmung auszublenden. Gleichzeitig zieht die Maske selber den Hauptfokus auf sich.

Die beabsichtigte Wirkung der Maske entsteht aber nur dann, wenn sie den verdrängten Bereich in seiner Bedeutung erfolgreich imitiert - somit letztendlich ihre Gestalt als Maske ebenfalls aus der Wahrnehmung verdrängt und zu dem zu werden kann, was sie verhüllt: Gesicht. Beschreiben würde ich diesen Vorgang als einen der Substitution. Diese geht für Maske und Träger immer mit Verwandlung einher und bedeutet im besten Falle Fusion: in unserer Wahrnehmung als Betrachter addieren wir die Maske zum Maskenträger hinzu und es entsteht ein Gesamtgebilde, das mehr, oder vielmehr etwas anderes ist, als die bloße Summe seiner Teile. Diesem Phänomen werde ich mich später noch eingehender widmen.

Auch die „Spielmaske“ verändert ihre Bedeutung mit der wechselnden Intention des Trägers: Solange eine Maske geheimnisvoll in der Wahrnehmung des Betrachters bleibt, in dem Sinne, dass der verborgene Teil (die Person) hinter der Maske als solcher präsent bleibt, ist die (Vor-) Täuschung nicht perfekt. In meinem Kategoriesystem würde ich eine solche (Spiel-) Maske eher in die erste Gruppe weiter oben einordnen, welche sie funktionell als Verweis auf den Träger einstuft (Beispiel: Zorro). Ein Geheimnis, ein Rätsel ruft nach seiner Auflösung, der endgültigen Demaskierung. Im wahren Spiel hingegen verlangt die Maske nach der Ernsthaftigkeit ihrer Existenz und diese wiederum verlangt die Zurückstellung der Eigenständigkeit des Maskenspielers.

Elias Canetti schreibt in seinem Werk „Masse und Macht“ über die Maske:

„Zu ihrer reinlichen Wirkung gehört es, dass sie alles hinter ihr Befindliche verbirgt. Ihre Vollkommenheit beruht darauf, dass sie ausschließlich da ist und alles, was hinter ihr ist, unerkennbar bleibt. Je deutlicher sie selber ist, um so dunkler ist alles dahinter.“[3]

1.5 Zwischenfrage

Bei einer Schminkmaske für eine Rolle die womöglich aus Versatzstücken wie Bart oder Nase zusammengesetzt ist, besteht die Maskengrundlage zu großen Teilen noch aus Elementen des realen Gesichtes, vor allem bedient sie sich seiner Beweglichkeit. Gesicht und Maske verschmelzen an ihren Grenzen miteinander. Spannend ist, dass der Vorgang der Substitution aber auch bei starren Masken funktioniert, die vor das eigentliche Gesicht gehalten oder befestigt werden. Wie aber kann das funktionieren? Ich vermute, dass die Erklärung wieder im Zusammenhang mit dem Gesicht zu finden ist, jenem Vorbild, welches die Maske zu ersetzen sucht.

1.6 Das Gesicht als Maske

Man spricht auch beim unverhüllten Antlitz von einer Maske oder von „maskenhaften Zügen“ und zwar immer dann, wenn die Beweglichkeit und/oder Lebendigkeit einzelner Partien oder aber die „Normalität“ eines Gesichtes in Frage gestellt sind: Schreck- und angstverzerrte Gesichter, entspannt-versunken oder konzentriert spähende Gesichter, Gesichter mit durch Schlaganfälle oder Unfälle paralysierten Partien, von Krankheiten missgestaltete Gesichter bis hin zu den Gesichtern von Toten. Es sind dies Gesichter und Gesichtszüge, die in ihrem Ausdruck (oder Nicht-Ausdruck) eingefroren scheinen, gleichsam konservierte Momentaufnahmen; oftmals entstehen sie durch Einwirkung gewaltsamer Einflüsse von Außen und wirken in unserer Wahrnehmung als Übergangsform zur Maske[4]. Dies weist auf ein weiteres verbindliches, gemeinsames Element/Merkmal der Maske hin: die Reglosigkeit oder Starre. In manchen Fällen wird diese Starre scheinbar aufgehoben, zum Beispiel bei modernen Latexmasken. Aber auch in diesen Fällen ist bei näherem Hinsehen der Unterschied zwischen eigenbelebten Zonen und solchen, durch Fremdeinfluss bestehenden Bewegungen, spürbar.

Geliftete Gesichter können etwas Maskenhaftes erlangen, wenn sie, wie auch zu stark geschminkte Gesichter, überzeichnete oder im Verhältnis zum restlichen Körper missklingende Züge annehmen, zu stilisiert oder gekünstelt wirken da sie gewisse Anzeichen einer Lebendigkeit (Falten etc.) entbehren.

Aus der philosophischen Perspektive lässt sich das Gesicht auch „per se“ als eine Maske betrachten:

„Ein Gesicht verlieren – die Sprache der Moral hat die mögliche Tragweite des Vorgangs in sich aufgenommen, wobei die Wendung dem wörtlichen Gehalt nach gerade einen Abtrennungsvorgang indiziert. [...] Die Abtrennung löst jedoch nicht nur auf, sie akzentuiert auch einen Zusammenhang. Das objektivierte Gesicht erscheint wie eine Maske als einheitliches, für sich bestehendes Gebilde, das ein Gesicht darstellen soll. Gleichzeitig verfremdet es die Maskenerfahrung selbst. Als Maske genommen hat das Gesicht kein Gesicht hinter sich, es stellt ein Gesicht dar, ohne eines zu verhüllen.“[5]

1.7 Noch mehr Masken

Nicht erwähnt wird in dem oben angegebenen Lexikonauszug der Begriff der Maske im Bereich der Informatik oder der Industrie (Suchmaske, Lochmaske). Auch wenn der Anwendungsbereich sich nicht auf das Antlitz des Menschen (oder eines anderen Lebewesens) bezieht, so wirkt er sich doch im Display-Bereich des Computers aus. In gewisser Weise wirkt dieser analog zum menschlichen Gesicht indem er die Kommunikationsfläche des Computers darstellt und dem menschlichen Gesichtsfeld ein Gegenüber mimt.

Im Brockhaus finde ich hierzu:

„2) Datenverarbeitung: 1) Hilfsmittel zum Auswählen bestimmter Stellen aus einem Datenfeld (...) M. können zum Auslösen oder Verhindern bestimmter Funktionen dienen, (...) - 2) Bildschirm-M., (...) Eine Bildschirm-M. enthält meist zwei versch. Arten von Datenfeldern, nämlich unveränderliche (...) als feste Bestandteile und veränderliche, deren Inhalt durch die Dateneingabe festgelegt wird [...]“[6]

Hier wird etwas als Maske bezeichnet, das aus unveränderlichen, festen Anteilen (deckend/starr) besteht und Lücken (unbedeckte Bereiche) aufweist, die variable Inhalte zeigen bzw. vermitteln können. Die bedeckten und die unbedeckten Partien bilden ein Gesamtbild. Ähnlich verhält es sich bei der oben angeführten Gesichtsmaske, die aus Versatzstücken auf der Gesichtsfläche oder als partielle feste Maske entsteht. Die Parallele z.B. zur festen Halbmaske im Stile der Commedia dell’arte besteht darin, dass diese relativ große Augenöffnungen hat und die untere Gesichtspartie unbedeckt bleibt, so dass man sagen kann, dass auch diese aus veränderlichen und unveränderlichen Anteilen besteht, die in der Wahrnehmung zu einem gemeinsamen Bild/Gesicht zusammengefügt werden.

Eine interessante Aussage zur Maske erscheint mir der Hinweis, sie könne ein Hilfsmittel sein um bestimmte Funktionen auszulösen oder zu verhindern. Sie sind im übertragenen Sinne so etwas wie benutzerdefinierte Tore mit Wächterfunktion, zum Beispiel um gewisse Informationen herauszufiltern oder unbefugten Benutzern solche vorzuenthalten etc. Hier bewegen wir uns schon aus dem konkret-gegenständlichen Maskenbereich weg, da Datenmasken als eine logische Aufstellung von Zahlen für den Laien kaum noch interpretierbar sind. Dennoch wird es interessant sein, Gesichtsmasken unter diesem Gesichtspunkt zu prüfen.

Im Bereich der Psychologie verlassen wir mit dem Maskenbegriff ganz die von außen gestaltete, materielle Dimension:

„Maske: [...]Bez. für die dem menschl. Rollenverhalten eigene Tendenz, durch einen willkürl. angenommenen Ausdruck die tatsächl. Neigungen und Einstellungen anderen Menschen gegenüber zu verbergen.“[7]

Hier begegnen wir, ausführlicher definiert, wieder der Vortäuschung aus dem anfänglichen Katalog von Maskenbegriffen. Ein anderes Wort hierfür ist die Verstellung. Die absichtsvolle Abdeckung von Gefühlsinhalten durch vorgetäuschte Reaktionen kann man auch mit dem Begriff der Starre in Zusammenhang bringen: die eigentliche Gefühlsbewegung wird eingefroren und, zumindest nach Außen hin, durch eine andere, mehr erwünschte oder einer Absicht dienende ersetzt. Auch ist die Funktion der Maske nur dann erfüllt, wenn die Ablenkung vom verborgenen „Dahinter“ gelingt. Das Verbergen einer Emotion gelingt nur vollständig, wenn von der Mimik über die Körperhaltung bis zum Klang der Stimme alle willentlich beeinflussbaren Signale unterdrückt oder überspielt werden. So manchem „Pokerface“ gelingt es mit der Zeit sogar unwillkürliche Gefühlsanzeichen wie leichtes Erröten der Haut, vermehrte Schweißabsonderung und erhöhten Herzschlag auf ein Minimum einzudämmen. Subjektiv mag dieses Verhalten sogar in einer Fusion mit der Maske münden: das Vorgegebene (die Lüge) wird auch in der eigenen Wahrnehmung als wahr empfunden. Aus der anfänglichen Verstellung, bei der sich der Handelnde noch des Unterschiedes zwischen Tatsächlichem und Vorgegebenem bewusst war, wird die Verwandlung, bei der das innere Empfinden sich dem veräußerten angleicht. Trotzdem verändert eine solche Verwandlung noch nicht die Tatsachen. Ein eingebildeter Napoleon ist selbst dann nicht der echte, wenn sein Umfeld der gleichen (Selbst-)Täuschung unterliegt. Manch Lebenslüge wird so aufgebaut und verdrängt.

Der menschlichen Fähigkeit, eine Verhaltensmaske aufzulegen, liegt auch folgende, unter anderem psychologische, Definition von Maskerade zugrunde:

„Maskerade [span. (zu ↑ Maske)], Verkleidung; Verkleidungs-, Maskenfest; übertragen für Heuchelei, Vortäuschung.“[8]

Unsere Kleidung ist in erster Linie eine Art zweite Haut. Sie dient dem Schutz unseres Körpers vor Umwelteinflüssen aber auch vor unerwünschten Blicken. Als zweite Haut erhält sie Maskencharakter, wenn sie über das bloße Abdecken hinaus auch noch etwas darstellt. In der Tat ist Kleidung zu einem erweiterten Ausdruck unserer Selbstdarstellung geworden. Auch Uniformen drücken neben ihrer Funktion ein Zugehörigkeitsempfinden aus. Die Ver kleidung fängt dort an, wo ihre Aussage vom Wesentlichen der Persönlichkeit oder Realität des Trägers abweicht. Sie bleibt jedoch meistens auf der Ebene des „so tun als ob“ stehen, bei näherem Hinsehen fliegt der Betrug schnell auf.

Es gibt aber auch Ganzkörpermasken. Diese sind zum Beispiel überdimensionale Gesichtsdarstellungen die vor den Körper gehalten werden oder übergroße, zum Teil hohe, mit Körperverkleidung versehene Maskenfiguren, die den Maskenträger umhüllen (z.B. im volkstümlichen Karneval oder im Bereich der Totemdarstellung). Im erotischen Bereich sind ausgefallene Latex-, Lack- und Lederkreationen im Ganzkörperbereich oft mit Maskenfunktionen verbunden.

Die psychologische Maske beinhaltet für mein Empfinden auch das Phänomen der energetischen Maske. Darunter verstehe ich jene Form des „Verstellens“ die eine eigene, logische Dynamik und damit ein zum Teil unabhängiges Eigenleben entwickeln kann. Je stabiler diese ist, desto mehr verdeckt sie unsere eigentliche, „reale“ Identität für die Wahrnehmung anderer. Klassisches Beispiel für die bewusste Anwendung der energetischen Maske ist das darstellende Spiel: wenn wir uns in eine Rollenfigur „verwandeln“, legen wir eine energetische Maske an.

„Ein Endzustand der Verwandlung ist die Figur. Es gehört zu ihr, dass sie eine weitere Verwandlung nicht mehr gestattet. Die Figur ist in allen ihren Zügen begrenzt und klar. Sie ist nicht natürlich, ein Geschöpf des Menschen. Sie ist eine Rettung aus der aus der unaufhörlichen Fluidität der Verwandlung.“[9]

Als Erstarrung eines Verwandlungsmomentes erhält die Figur Maskencharakter. Sie anzulegen ist weitaus mehr als nur „zu tun, als ob“, aber es ist auch keine wirkliche Verwandlung der Person im endgültigen Sinne. Elias Canetti unterscheidet in seinem Buch „Masse und Macht“ verschiedene Stufen: Während die Nachahmung rein oberflächlich/äußerlich z.B. eine Geste beschreibt, ohne deren Bedeutung kennen oder meinen zu müssen, verbindet die Verwandlung sich ganz auch mit der inneren Verfassung der Geste. Eine Unterscheidung zwischen authentisch-spontanen und zugelegten Zuständen ist subjektiv nicht mehr möglich.

„Nachahmung oder Imitation ist mit einem Wort nichts als ein allererster Ansatz zur Verwandlung [...]. Denn die Verwandlung selbst ist so etwas wie ein Leib im Verhältnis zum Zweidimensionalen der Nachahmung. Eine Übergangsform, von der Nachahmung zur Verwandlung, die bewusst auf halbem Wege stehen bleibt, ist die Verstellung.“[10]

Seiner Auffassung nach ist die Maskenfigur eine höchst effiziente Verstellung des Menschen, eine gänzliche Verwandlung jedoch ist nicht mehr möglich, man kann sich ihr nur annähern.

„Die Verstellung, dieser beschränkte Aspekt der Verwandlung, ist als einziger dem Machthaber bis zum heutigen Tage geläufig. Weiter kann sich der Machthaber gar nicht verwandeln. [...] Er ist auf Verwandlungen beschränkt, die diesen inneren Kern, seine eigentliche Gestalt, immer und vollkommen intakt halten. [...] Er wird sie [die Maske, Anm. der Verfasserin ] immer nur zeitweilig anlegen.“[11]

Der Grund hierfür liegt in der (Bewusstseins-)Entwicklung des Menschen. Heute wird mit dem Wort „Person“ der individuelle Mensch mit seinen zur Schau gestellten Eigenschaften bezeichnet. Ursprünglich bezeichnete „Person“ die Maske oder die Rolle: personare ist Lateinisch und heißt übersetzt „durchtönen“. Manfred Krüger schreibt in seinem Buch „Das ich und seine Masken“ hierzu:

„Die Persönlichkeit des Menschen ist also seine Maske, oder die Rolle, die er spielt, nicht sein wahres Wesen. Das Wesen ist verdeckt. Es tönt aber hindurch.“[12]

Anders als Canetti folgert Krüger jedoch, dass die Unterteilung in einen bleibenden Kern und ein veränderliches Äußeres des Menschen einen neuen Einwirkungsbereich der Maske markiert:

[...]


[1] Multimedia-Lexikon 2001: Ein Nachschlagewerk der Superlative. CD-Rom.

[2] Siehe hierzu: Olschanski, Reinhard: Maske und Person. Zur Wirklichkeit des Darstellens und Verhüllens. Kapitel „ Die Akzentuierung der ‚wirklichen’ Realität“ Seite 63ff

[3] Canetti, Elias: Masse und Macht, S. 421

[4] siehe hierzu Olschanski, Reinhard: Maske und Person. Zur Wirklichkeit des Darstellens und Verhüllens. Kapitel „Die Starre der Maske“ S. 37 ff.

[5] Olschanski, Reinhard: Maske und Person, S. 11

[6] Brockhaus: Die Enzyklopädie in 24 Bänden. 14. Band MAE-MOB, Seite 299

[7] Mayers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden. Band 15 Let-Meh S. 714

[8] Mayers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden. Band 15 Let-Meh S. 715

[9] Canetti, Elias: Masse und Macht, S. 418

[10] Canetti, Elias: Masse und Macht, S. 414

[11] Canetti, Elias: Masse und Macht, S. 417

[12] Krüger, Manfred: Das Ich und seine Masken, S. 30

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Maskenwesen - Vom Wesen der Maske
Hochschule
Fachhochschule Ottersberg  (Fachzweig Darstellende Kunst)
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
70
Katalognummer
V32423
ISBN (eBook)
9783638331470
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maskenwesen, Wesen, Maske
Arbeit zitieren
Geraldine Endrizzi (Autor), 2002, Maskenwesen - Vom Wesen der Maske, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32423

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